Moon, Malheur & Minidoka

USA-Reisebericht  |  Reisezeit: Mai / Juni 2016  |  von Ulrich Mattheus

Internierung!

Alle Amerikaner japanischer Abstammung im amerikanischen Westen wurden 1942 in Konzentrationslager deportiert. Man fürchtete einen Massenangriff durch die eigenen Landsleute...

Alle Amerikaner japanischer Abstammung im amerikanischen Westen wurden 1942 in Konzentrationslager deportiert. Man fürchtete einen Massenangriff durch die eigenen Landsleute...

Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 gingen die Emotionen hoch, denn dadurch traten die Amerikaner in den 2. Weltkrieg ein. Entlang der Pazifikküste entstanden anhaltende Voruteile wie eine dunkel drohende Wolke, die sich über jede einzelne Person japanischer Abstammung legte. Am 19. Februar 1942 unterzeichnete Präsident Franklin D. Roosevelt einen Befehl, der in Angst und Rassenvorurteilen entstand und der die Rechte und Freiheiten von Amerikanern japanischer Abstammung („Nisei“) und legal im Land lebende Japaner („Issei“) für nichtig erklärte. Ermächtigt von der Verfügung 9066, zwang die Armee die Japaner, von denen zwei Drittel die amerikanische Staatsbügerschaft besassen, ihre Heime und Arbeitsplätze aufzugeben und sperrte sie in Konzentrationslagern ein, wo sie ein unbekanntes Schicksal erwarteten. Nach Bekanntgabe der gewaltsamen Evakuierung hatten die meisten Familien nur 6 Tage Zeit, um ihr Hab und Gut, ihre Häuser, Geschäfte und Arbeitsverhältnisse aufzugeben. Sie konnten nur mitnehmen, was sie am Leib tragen konnten. Die meisten Familien vekauften ihren gesamten Besitz für lächerlich niedrige Preise und nur wenige fanden Freunde oder Nachbarn, die den Besitz verwalten würden. Säuglinge, kleine Kinder, Ältere, Kranke, Behinderte – alle mussten gehen. Die meisten Familien wurden zunächst in das Harmony Assembly Center in Puyallup, Washington, gebracht. Von dort wurden sie weiter verteilt auf 11 Konzentrationslager.

Ich werde mich immer an die Worte meines Vaters am Vorabend der Abreise in die Internierungslager erinnern: „ Ich weiss nicht, was mit uns passieren wird. Ich weiss nicht, wo sie uns hinbringen werden. Ich weiss nicht, ob wir jemals wieder zurückkommen können. Aber erinnere Dich immer daran: dies ist Dein Land und Du musst Dich dementsprechend verhalten“. (Bob Saito)

Der North Side Canal war die Lebensader inmitten der Trostlosigkeit des Internierungslagers Minidoka. Er brachte den Internierten Trost, die Heimweh nach dem feuchten pazifischen Nordwesten hatten. Hier in der trockenen Wüste in Idaho erinnerte der Kanal sie an ihre Heimat in Oregon, Washington, oder Alaska, wo fliessendes Wasser ganz selbstverständlich war. Der Kanal war das Band nach Hause.

Der North Side Canal war die Lebensader inmitten der Trostlosigkeit des Internierungslagers Minidoka. Er brachte den Internierten Trost, die Heimweh nach dem feuchten pazifischen Nordwesten hatten. Hier in der trockenen Wüste in Idaho erinnerte der Kanal sie an ihre Heimat in Oregon, Washington, oder Alaska, wo fliessendes Wasser ganz selbstverständlich war. Der Kanal war das Band nach Hause.

Bainbridge Island Unit

Im Frühjahr 1942 war Bainbridge Island eine kleine Insel von 168 Quadratkilometern am Puget Sound, direkt gegenüber von Seattle. Unter den 3500 Einwohnern gab es 276 Nikkei, Leute japanischer Abstammung. Ungefähr 30% von ihnen waren Issei (Auswanderer der ersten Generation, die 20-50 Jahre auf der Insel gelebt hatten). Letztere konnten kein eigenes Land besitzen. Die anderen 70% waren Nissei, japanische Amerikaner der zweiten Generation und damit volle Staatsbürger. Sie durften wählen und Land besitzen wie jeder andere Amerikaner.
Am 30. März 1942 wurden 227 Nikkei von Bainbridge Island als erste Gruppe gewaltsam aus ihren Häusern geholt und zunächst in Sammellager, später in die einzelnen Konzentrationslager transportiert. Dies wurde möglich aufgrund der Verfügung 9066, die Franklin D. Roosevelt am 19. Februar desselben Jahres unterzeichnet hatte. Die schockierten Menschen wurden am Eagledale Ferry Dock versammelt. Sie durften nur mitnehmen, was sie anziehen und tragen konnten. Mit der Fähre „Kehloken“ wurden sie nach Seattle gebracht, von dort mit dem Zug nach Kalifornien gefahren. Sie fuhren drei Tage in einem Zug mit verdunkelten Fenstern und wussten selbst nicht, wohin sie gebracht werden sollten. Im Sammellager von Manzanar in Kalifornien waren sie die einzige nicht-kalifornische Gruppe unter den Insassen. Dies war der Anfang von 3 Jahren verfassungswidriger Inhaftierung. Auf ihren Antrag hin durften sie als Gruppe zusammenbleiben und wurden – ein Jahr später! - ins Konzentrationslager Minidoka gebracht. Am Ende des Krieges kehrten 150 Personen zurück nach Bainbridge Island, um ihr dort verlorenes Leben wieder aufzubauen.
Am 6. August 2011 wurde die Nidoto Nai Yoni Memorial Wall eingeweiht zur Erinnerung an die Menschen, die ihr Zuhause im Jahr 1942 verlassen mussten und zur Erinnerung an die Bainbridge Island Gemeinde, die die Menschen unterstützte. Die leicht geschwungene, aus Steinen und Zedernholz gebaute Mauer enthält 5 Friese aus Terrakotta, die die Geschichte der Nikkei auf der Insel erzählen. Es gibt Nischen und Haken, wo Erinnerungsstücke plaziert werden können. Besucher der Wand hinterlassen oft bunte Origami-Kraniche. Auf Paneelen entlang der gesamten Mauer sind die Namen aller 276 damaligen japanischstämmigen Einwohner aufgelistet. In der Mitte der Mauer ist eine Lücke. Sie repräsentiert die drei Jahre, in denen die Nikkei nicht zuhause sein konnten.
2008 wurde die Geschichte der Menschen auf Bainbridge Island und die Gedenkmauer Teil der Minidoka National Historic Site. Beide Gedenkstätten auf Bainbridge Island und in Minidoka stehen als Mahnung: NIDOTO NAI YONI – LET IT NOT HAPPEN AGAIN !

Wohnquartiere in Minidoka
“Mein erster Eindruck war: ein weites, verlassenes Ödland mit Barracken. Bewaffnete Soldaten wurden im Camp stationiert. Wir mussten im Sommer Staub und Hitze, im Winter den eiskalten Wind und Matsch ertragen, aber wir versuchten, uns ein neues Zuhause zu schaffen“ 
(Mariagnes Aya Uenishi Medrud, Minidoka Insassin, 1942-1945).

Wohnquartiere in Minidoka
“Mein erster Eindruck war: ein weites, verlassenes Ödland mit Barracken. Bewaffnete Soldaten wurden im Camp stationiert. Wir mussten im Sommer Staub und Hitze, im Winter den eiskalten Wind und Matsch ertragen, aber wir versuchten, uns ein neues Zuhause zu schaffen“
(Mariagnes Aya Uenishi Medrud, Minidoka Insassin, 1942-1945).

Die War Relocation Authority (WRA) war eine Regierungsbehörde der Vereinigten Staaten, die die Internierung von amerikanischen Staatsbürgern japanischer Herkunft während des 2. Weltkriegs organisierte und durchführte. Es gab insgesamt 10 Konzentrationslager, die aus 300 potentiellen Orten, meist auf dem Gebiet von Reservaten der First Nations, ausgewählt wurden. Die Auswahl der Orte wurde nach bestimmten Kriterien durchgeführt. So musste z.B. sichergestellt sein, dass die Insassen Arbeit im öffentlichen Bereich, in der Landwirtschaft oder in der Industrie bekommen konnten. Jedes Lager musste mindestens 5000 Menschen aufnehmen können und Anschluss an Transportmöglichkeiten und Energieversorgung haben. Die Lager wurden in kurzer Zeit aus der Erde gestampft und als sie erst teilweise errichtet waren, wurden bereits die ersten Insassen hingebracht, die dann am weiteren Auf- und Ausbau der Lager mitarbeiten mussten.
Die WRA hatte noch eine weitere Aufgabe. Sie war zuständig für den Betrieb des Fort Ontario Emergency Refugee Shelter in Oswego, New York, das während des Krieges das EINZIGE Flüchtlingslager auf amerikanischem Boden für Flüchtlinge aus Europa war.

In den 11 Konzentrationslagern wurden insgesamt 110000 Amerikaner japanischer Abstammung aus den Küstenregionen der pazifischen Staaten Kalifornien, Oregon, Washington und Alaska interniert, davon 13000 in Minidoka, die auf 3,8 Quadratkilometern ein freudloses, erniedrigendes Leben in Barracken aus Dachpappe, hinter Stacheldrahtzaun und unter bewaffneter Aufsicht lebten.

Mögen diese Lager uns daran erinnern, was passieren kann, wenn andere Faktoren die verfassungsmässigen Rechte verdrängen, die (eigentlich) allen Menschen in diesem Land garantiert werden.

Minidoka
Der Eingang des Lagers war ein ständiges Zeichen für die Insassen des Internierunslagers Minidoka, dass sie Gefangene in ihrem eigenen Land waren. Obwohl die meisten in den U.S.A. geboren und loyal zu den Prinzipien und Werten des Landes waren, wurde ihnen das Bürgerrecht, Verfassungsrecht und Menschenrecht entzogen. Sie waren nicht mehr frei. Allein in Minidoka wurden von 1942 bis 1945 insgesamt etwa 13000 japanischstämmige Amerikaner interniert.

Minidoka
Der Eingang des Lagers war ein ständiges Zeichen für die Insassen des Internierunslagers Minidoka, dass sie Gefangene in ihrem eigenen Land waren. Obwohl die meisten in den U.S.A. geboren und loyal zu den Prinzipien und Werten des Landes waren, wurde ihnen das Bürgerrecht, Verfassungsrecht und Menschenrecht entzogen. Sie waren nicht mehr frei. Allein in Minidoka wurden von 1942 bis 1945 insgesamt etwa 13000 japanischstämmige Amerikaner interniert.

© Ulrich Mattheus, 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Diese Reise führte uns von den Grand Tetons in Wyoming durch Idaho und Oregon. Wir besuchten Mesa Falls, Craters of the Moon National Monument, die Sawtooth Mountains, das wenig bekannte Konzentrationslager Minidoka, Shoshone Falls und Boise. Das Malheur National Wildlife Refuge erkundeten wir wie die John Day Fossil Beds und wanderten gegen Ende der Reise durch den grössten Vulkankrater der Cascades.
Details:
Aufbruch: 23.05.2016
Dauer: 13 Tage
Heimkehr: 04.06.2016
Reiseziele: Vereinigte Staaten
Der Autor
 
Ulrich Mattheus berichtet seit 5 Monaten auf umdiewelt.
Bild des Autors
Aus dem Gästebuch (1/1):
Blula 1556971208000
Lieber U­LI,­
Du hast recht, schon allein der Titel zu diesem Rei­se­bericht macht neu­gier­ig. Mir ging es je­den­falls so. Moon, Malheur & Mi­ni­do­ka ? Was er­war­tet mich hier, wofür stehen diese Worte, diese Namen ? Also habe ich mich doch gleich drüber­ge­macht. Das wollte ich alles wissen, von Dir aus erster Hand. Da ich ja in­zwischen einige Berich­te von Dir kenne, wusste ich von vor­nhe­rein, dass ich auch hier wieder voll auf meine Kosten kommen würde, aus­ser­dem handelt es sich ja um die For­tset­zung zu den zwei vorigen Berich­ten, die Du hier in diesem Forum bereits verö­ffent­licht has­t.
Sicher ist die Lektüre nicht immer ganz ein­fach, aber muss sie das denn sein? Ich will ja was erleben auf solch einer vir­tuel­len Reise, z.B. noch un­be­kan­nte Lan­dschaften und be­ein­drucken­de Na­tur­schauspi­e­le sehen und.... einfach auch was da­zu­ler­nen, ja, und genau da ist man bei Dir immer rich­tig. Ich gehöre nicht zu den kom­plett a­ben­teu­er­lichen Na­tu­ren, aber Dir bin ich hier lesen­der­wei­se wie­der­mal mit wach­sen­der Be­geis­te­rung ge­folgt, so un­weg­sam das Gelände auch oft war
Kur­zer Rede langer Sinn... ich habe auch von diesem Bericht wieder viel pro­fi­tiert. Die aus­sa­gek­räfti­gen Fo­tog­ra­fien, die Du ihm bei­gefügt hast, taten noch ein Übri­ges.
"Dan­ke für's Mit­neh­men" kann ich auch diesmal nur wieder sagen.
Du hättest ein Ka­mera­team dabei haben sollen, denn dieser Bericht ist in allen Teilen fil­mreif. Viel­leicht tust Du's ja beim nächsten Mal, träume nicht nur davon, sondern "mach's noch einmal" und ... viel­leicht sogar tats­ächlich noch ein wenig länger. Ja, warte nicht zu lang da­mit.
LG Ursula