Bretagne - Sanfte Hügel, wildes Meer, Austern und Beinhäuser

Frankreich-Reisebericht  |  Reisezeit: Mai 1998  |  von Ilse Brandt

Il était une fois,
einst im Mai im Jahre 1998...

... als Ilsefrau und Fritzimann beschlossen, sich auf den Weg zu machen, um das Reich des Zauberers Merlin und seiner Geliebten Viviane in der Bretagne aufzusuchen...
Folgen Sie den beiden auf ihrer märchenhaften Reise in die Bretagne.
Leider, leider hatten sie damals noch keinen
Fotoapparat!

Vom Schwarzwald ans Meer

Am Samstag, 16.5.1998, 8.30 Uhr,
starteten die beiden erwartungsvoll und gut gelaunt im Schwarzwald mit ihrem schnuckeligen kleinen Cabrio, das gerade genug Kofferraum hatte für 2 Reisetaschen, 1 Kühltasche und eine Fahrradtasche für die Reiseliteratur:
Fürs leibliche Wohl den "Michelin" und "Gault Millau",
für das Zuhause unterwegs den Hotelführer "Auberges de Charme en France",
fürs Kulturelle den Super-Reiseführer "Velbinger",
und als Reisebibel das Französisch-Lexikon.

Eigentlich wollten sie nur 4-5 Stunden am ersten Anreisetag fahren, aber die Autobahnen in Frankreich waren fast leer, und so schwebten sie 800 km durch die unendlich weite französische Landschaft über Mulhouse-Besancon-Beaune-Auxerre-Orléans bis Le Mans und stellten fest, dass sie immer noch topfit waren.
Trotzdem wollten sie nun ihr Nest für die erste Übernachtung bauen: Fritzimann hatte aus einem Autobahn-Prospekt eine kleine Anzeige ausgesucht und so beschlossen sie, das Hotel "Le Bretagne" in Sillé-le-Buillaume aufzusuchen: Zimmer sehr einfach, sauber, Badewanne ohne Duschvorhang, sonst o.k Dafür war das Essen im großen Saal umso haubenverdächtiger! Ilsefrau und Fritzimann fühlten sich schon wie die Götter in Frankreich und sprachen dem jungen Koch ein entsprechendes Lob aus.
Nebenan durch Paravent abgeschirmt eine riesige Geburtstagsfamilie, deren junge und jüngste Mitglieder bis spät in die Nacht im Hof Fußball spielten, in verdächtiger Nhe zum geliebten Cabrio...! Bevor Ilsefrau sich ins Bett begab, sorgte sie dafür dass auch das Cabrio an geschützterer Ecke seine Nachtruhe antreten konnte.

Sonntag, 17.5.1998
Anstatt des typisch kargen Hotelfrühstücks suchten sich die beiden eine Boulangerie, wo sie ihren Milchkaffee schlürften und dazu noch Apfeltaschen und Brioches und etliches zuckersüßes Gebäck zum Sattwerden.
Auch am Sonntag waren alle Läden auf und überall sah man Hausfrauen mit meterlangen Baguettes unterm Arm. Ilsefrau und Fritzimann beschlossen, zu Mittag für ein Picknick einzukaufen, doch oh weh, je weiter sie nach Norden kamen, um so "zu-er" waren die Läden und plötzlich gab es gar nichts mehr!
Ihre Mägen meldeten ein Vakuum und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als im nächstmöglichen größeren Ort einzukehren.
Leider war das ein kulinarischer Zentralfriedhof:
Die Fischsuppe war dicker roter Kleister und wollte nicht enden.
Die Tripes, die man ja unbedingt in dieser Gegend einmal probieren muss, waren ebenso roter Kleister, aber mit dicken Tapetenresten darin, abgeschmeckt mit...nichts!
Resümmée en francais: Wenn die Läden geöffnet sind, soll man auch kaufen!
Weiter ging es gen Norden über die Austernstadt Cacale zum Pointe de Grouin.
Im Natursteinhotel "Pointe du Grouin" in Superlage direkt am Cap nisteten sich Ilsefrau und Fritzimann für die nächsten drei Nächte ein. Die Madame ist auch die Besitzerin, das Zimmerchen klein aber fein und durchs winzige Fensterchen schauen sie direkt aufs Meer und auf ihr kleines Cabrio am Parkplatz.
Sie zogen die Bergschuhe an, einen warmen Pullover und die Lederjacken und liefen gegen die heftigen Wind ca. 2 Stunden um Kap herum und durch die Wiesen auf die Klippen. Ilsefrau fand es herrlich, wieder einmal Seeluft zu atmen und wäre am liebsten noch viel weiter gelaufen auf dem gut markierten Fußpfad der Grande Randonnée, dem französischen Weitwanderweg, der um die ganze bretonische Küste herumführt.

Aber der Magen knurrt bereits wieder und so schreiten sie hübsch gekleidet in den Speiseraum, der durch die lange Fensterfront einen tollen Blick bis zur "Ile de Landes" bietet.
Das Menü beginnt mit 12 Austern Größe 3! Danach feiner Fisch mit Supersößchen, Käse, Nachspeise, - alles echt klasse!

Montag, 18.5.98
Die Beiden haben herrlich geschlafen, werden morgens von den kreischenden Möwen geweckt und sind bereit für einen neuen sonnigen Urlaubstag!
Das Frühstück ist agréable, es gibt immerhin Orangensaft und 3 kleine Gläschen mit Marmelade, frisches Baguette, krachend knusprig trotz Meeresluft.
Die hatten gerade das Verdeck des Cabrios heruntergeklappt, genossen dabei die neidvollen Blicke der Mercedes- und Peugeot-Besitzer neben ihnen, als plötzlich das neu erworbene und überhaupt erste(!)Handy (ihres Lebens) klingelte.- "Oh Fritzimann, es klingelt, - wo ist das Telefon??"
Große Suche überall, es klingelt, es klingelt! Endlich: Der Sohn ist dran, in Graz ist alles in Ordnung und das Wetter nicht besonders. - Wie schön, das Wetter ist in Graz nicht besonders! Ist das nicht ein herrlicher Urlaub?!
Sie fuhren durch die wunderschöne Gegend hinunter in Rancetal, machten nach Velbinges Reisevorschlag Rast in Taden, einem putzigen kleinen Miniörtchen, sauber und niedlich wie aus einem Film geholt. Ilsefrau sagte immerzu begeistert: Dass es so etwas Hübsches gibt!!
Aber das war ja erst der Anfang. Die Städtchen wurden von nun an immer schöner und putziger, aber davon später.
Sie gingen hinter zu Rance und spazierten den ehemaligen Trendelpfad entlang, keine einzige Mücke belästigte sie, nur die Vögel zwitscherten ihre Chansons und die Blüten ringsherum dufteten nach Frühling und Urlaub.

Danach fuhren sie in die malerische, mittelalterliche Stadt Dinan, die sehr schön auf einem 70m hohen Felsplateau über dem Rancefluss liegt. Sie spazierten auf der Stadtmauer entlang, durch die verwinkelten Gassen mit den windschiefen Fachwerkhäusern und den vorragenden Obergeschossen der alten Patrizierhäuser und wieder schwärmte Ilsefrau ständig vor sich hin: Dass es so etwas Schönes gibt!
Natürlich mussten sie jetzt in eine Crêperie gehen, denn diese hauchdünnen Pfannkuchen, manchmal aus Buchweizenmehl, sind eine Spezialität der Bretagne. Es gibt regelrechte Crêpes-Menues, zu denen dann der Apfelwein Cidre in Tassen(!) serviert wird.
Am Abend, kurz vor dem Diner bekam Frtzimann plötzlich eine regelrechte Begierde nach Austern. Ilsefrau hatte in Anbetracht des gebuchten und ihnen zustehenden Essens eigentlich eher den Willen, durchzuhalten, bis es im Hotel etwas gäbe. Aber gut, sie fuhren in die Austernstadt Cancale, um noch schnell eine Douzaine Austern zu gustieren. Doch die Preise waren erschreckend, nimmt man doch an, dass die Dinger direkt an der Quelle preisgünstiger seien. Sie rannten an der Hafenstraße auf und ab, waren aber nicht bereit, für 6 Stück 15 Mark auszugeben, zumal dann noch ein Getränk und das Trinkgeld dazukämen...
Ilsefrau war beruhigt und Fritzimann enttäuscht, als sie beschlossen, den Rückweg anzutreten und dann, ja dann sahen sie eine Menschenmenge direkt am Strand rumwieseln und... direkt aus der Hand Austern schlürfen. Nix wie hin!
Eine fleißige Fischersfrau war dabei, hunderte von Austern mit blossen Händen im Blitztempo zu öffnen, die dann weggingen wie warme Semmel. Zitronen gab es schon keine mehr. 12 Riesen-Austern kosteten 28,- Fr, also weniger als 10 Mark.
Nun ja, Fritzimann triumphierte und schlürfte seine 6 Austern mit großer Genugtuung. Bei Ilsefrau sah es ein wenig anders aus: Es fehlte ihr das Ambiente einer gepflegten Umgebung, die Zwiebelchen in Essig und die weiße Serviette, um sich die Kleckereien von der Haut zu wischen. Seit diesem "vrai regal" hat sie nie wieder Appetit auf Austern gehabt.
Als sie danach zum Essenstisch kamen und beim Gedeck kleine Austerngabeln sahen, ahnten sie Schlimmes... aber zum Glück waren dieselben für die Lachsvorspeise gedacht!

© Ilse Brandt, 2006
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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 18.05.1998
Dauer: 12 Tage
Heimkehr: 29.05.1998
Reiseziele: Frankreich
Der Autor
 
Ilse Brandt berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
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