Mit dem Rad bis nach Marseille - Frankreichs herrlicher Südosten

Frankreich-Reisebericht  |  Reisezeit: Juli 2019  |  von Julian H.

Chalon-sur-Saône bis Marseille

Mit Li. bin ich eineinhalb Tage unterwegs. Wir beide genießen die Gesellschaft. Sie fährt die 100 Cols durch Frankreich. Auf über 4.000 Kilometern insgesamt durch 100 Täler werden die 100 Cols vom Veranstalter als eine der härtesten und zugleich schönsten Touren der Welt bezeichnet. Ich bin von ihrer Zielstrebigkeit und Konsequenz dieses Vorhaben auf eigene Faust zu bestreiten und diese Neuerfahrung zu machen überrascht.
Ein großer Vorteil mit ihr zu fahren ist, dass sie uns mithilfe ihres GPS-Gerätes über kleine französische Landstraßen durch das Burgund lotst. Es ist schon etwas komplett anderes, auf gut ausgeschilderten Radwegen entlang der Gewässer zu fahren oder etwas abseits das Hinterland auf eigene Faust zu erkunden. Und sie fährt überlegt und konstant ihr Tempo und hilft mir somit auch, die Pausen, die Blicke und die Atmosphäre zu genießen. Wir passieren kleine idyllische Ortschaften wie Laives oder Chalot. In Prayes einer hübschen Ansiedelung pausieren wir unter einem riesigen Baum.
Was er wohl alles schon erlebt hat in seinen Dekaden, die er dort steht?
Wie vielen erschöpften Radlern er wohl schon seinen Schatten spenden durfte?
Was seine Vorahnung für die Zukunft unseres Planeten ist?

Darüber sinniere ich in meinem Dämmerzustand, währen wir uns an der kulinarischen Vielfalt der französischen Küche laben. Ein Nachbar begrüßt uns und bietet uns Unterstützung an, falls wir etwas benötigen.
In Cluny halten wir vor einem Straßenschild Richtung Taizé. Erst im Nachhinein erfahre ich, dass wir nur wenige Minuten von diesem ökumenischen Ort vorbeigefahren sind. Dann wird es also nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich in dieser Gegend war.
Immer wieder geht es bergauf und bergab. Auf einem in der prallen Sonne anstrengenden Anstieg recken uns zwei vorbeifahrende Autofahrer die Daumen nach oben. Ich bin erstaunt und dankbar, was so eine kleine Geste doch bewirken kann. Ein regelrechter Motivationsschub.
Bei Saint-Point nächtigen wir auf einem der schönsten Campingplätze, auf denen ich bislang war. Ein umfassendes Bad im nahegelegenen See ist nach den Tagen im Sattel in der Hitze eine äußerst willkommene Abwechslung.

In Tramayes trennen sich unsere Wege. Sie fährt weiter die Berge hinauf, für mich geht es talabwärts Richtung Saône. Der Abschied fällt mir nicht leicht, doch so ist das eben auf Reisen und man sieht sich ja bekanntlich immer zweimal im Leben. Nun bin ich wieder mit meinen Gedanken und Eindrücken beschäftigt. Von der Höhe beobachte ich das zerklüftete Muster der Landschaft aus Grün- und Ockertönen. Um Chénas ziehen sich die weitläufigen Weinanbaugebiete als Teil der Beaujolais durch die Natur. Danach erstrecken sich auch schon die Vororte Lyons und ziehen mich in den Sog der drittgrößten Stadt Frankreichs. Überall entlang des Flusses sitzen Angler und scheinen die Ruhe sichtlich zu genießen. Doch ich bin lieber auf dem Rad und sammle die Eindrücke von Land und Leuten.
Das Ziel Marseille rückt nun in greifbare Nähe. Schon komisch, wie schnell sich die eigene Wahrnehmung über das was möglich ist innerhalb von wenigen Tagen wesentlich verändern kann und wie sehr wir doch von unserer Umgebung geprägt werden.
Zwischen Fußgängern und elegant anmutenden E-Rollerfahrern schlängle ich mich weitestgehend auf Radwegen bis zu meinem Hostel im zentral gelegenen Stadtteil La Guillotière. Erst vor einer Nacht war ich noch inmitten der Natur und die einzigen Geräusche kamen vom Blätterrauschen und vom Zwitschern der Vögel. Jetzt befinde ich mich in einer Großstadt in einer mir als Kakophonie erscheinenden Geräuschkulisse.
Die lange Helligkeit der Abendstunden nutze ich noch um mir die Stadt anzuschauen und ein wenig die Füße zu vertreten.

Direkt in Lyon gibt es viele gut beschilderte Radwege, die jedoch am Stadtrand rasch weniger werden. Weniger schön sind die Abschnitte zwischen Lastern und Autos durch Kreisverkehre und vorbei an Autobahnausfahrten. Doch auch diese Situationen gehören zu einer Radreise vorbei denke ich mir. Und es gibt weitaus unangenehmere Autofahrer als die Franzosen.
Bei Vernaison finde ich einen ruhigen Platz direkt am Ufer der Saône und stärke mich mit Eclaires und Baguette für den anstehenden Tag auf dem Rhône-Radweg. Danach wird es etwas ruhiger auf den Landstraßen, bis bei Givors endlich die ersten Beschilderungen für den Radweg nach Avignon, die Via Rhône und den EV 17, auftauchen.
An einer Ampel werde ich von hinten mit einem "Hey there, where are you going" angehauen. Das war der einzige englische Satz der fällt, denn sofort erkennen wir uns beide als Deutsche. Also fahre ich auch schon mit W., der vom Chiemsee aus bis nach Santiago de Compostela unterwegs ist. Nach Übernahme seiner Firma und seiner Kündigung nutzt er die Zwangspause nun um auf dieser Pilgerreise neue Eindrücke zu sammeln und ein anderes Kapitel zu beginnen.
Der Weg ist auf weiten Abschnitten sehr gut befahrbar und an jeder Kreuzung stehen Wegweiser mit ViaRhône und Jakobsmuschel. Es wird wärmer und wärmer, die Temperaturen liegen nun bei Mitte 30 Grad. Mein Kopf hängt nach unten über dem Lenker. Ich muss an die Sonnenblumen denken, die in der Hitze auch ihre Kraft einbüßen und nicht mehr in voller Größe stehen.
Immer wieder treffen wir auf andere Radreisende, machen kleine Späße, und tauschen uns während dem Fahren kurz über die Tagesetappen und die Reiseziele aus.
Auf einem hübschen kleinen Campingplatz bei Charmes-sur-Rhône lassen wir den Freitagabend unter Begleitung von Livemusik und Bier gemütlich ausklingen. Ein Teilnehmer der Sun-Trip-Challenge fällt dort direkt mit seinem modifizierten e-Reiserad auf. Nachdem er die 1.200 km der diesjährigen Tour zurückgelegt hat, möchte er bis nach China weiter mit Unterstützung seiner Solarmodule fahren. Ich hoffe, dass er möglichst viele Sonnentage erwischt.
Mit der Holländerin im hippen VW-Bus tausche ich mich kurz aus und werde darin ermuntert, meine Reise auf eigenen Wegen fortzusetzen. Die Sonnenblumen auf ihrem Tisch bleiben mir lange im Gedächtnis. Sie stehen für mich sinnbildlich dafür, dass sich bestimmte Themen und Dinge in unserem Leben wiederholen, wir aber dabei die Möglichkeit haben, wie wir damit umgehen. Man muss eben nur den Mut haben aufmerksam seinen eigenen Weg zu gehen und Herausforderungen als Chancen sehen.

Wieder fahre ich einen Tag mit W. bis nach Avignon. Vom Rückenwind getragen stacheln wir zwei Männer uns an und radeln die Strecke bis in die Provence fast in Windeseile. Die Landschaft ist reizvoll, immer mehr Anbaugebiete von Aprikosen, Feigen, Kirschen, Pfirsichen und Birnen durchqueren wir. Eine Wohltat ist es, wenn man ein paar Tropfen der Sprühanlagen der Felder beim Fahren erwischt, die einen für ein paar Minuten etwas abkühlen. Im Gegenzug gibt es immer wieder längere Passagen ohne Schatten. Dann geht es nur darum auf staubtrockenen Radwegen die abzustrampeln. Die Hitze flimmert über dem Asphalt und ich muss mich auf den Weg konzentrieren. In diesem Moment kann ich die mich umgebende Schönheit nicht wirklich wahrnehmen. Doch das kontinuierliche Zirpen der Zikaden holt mich immer wieder in die Gegenwart zurück und verleiht der ganzen Atmosphäre etwas weitaus südländischeres. Unterwegs queren wir die Passerelle Himalayenne bei Rochemaure, eine beeindruckende modernisierte Hängebrücke.
Nun fahren wir teils kilometerweit durch Sonnenblumenfelder. Diese wechseln sich mit den Lavendelfeldern ab, die einen zutiefst angenehmen Duft verströmen.
Bei Caderousse verlassen wir das Wasser und fahren wieder langsam bergauf. Die Hügel bei Montredon und Roquemaure offenbaren uns einen herrlichen Blick auf die Weite und die Rhône von oben. Neben uns reiht sich Weinrebe an Weinrebe, die in ein Feld aus faustgroßen, kartoffelähnlichen Steinbrocken eingebettet sind.
Die letzten Kilometer nach Avignon entlang einer mehrspurigen Hauptstraße sind wieder weniger schön. Dafür ist es die schnellste Möglichkeit, um bis nach Avignon vorzudringen. Manchmal muss man wohl zwischen Schönheit und Schnelligkeit abwägen.
Dann führt der EV direkt durch das Zentrum von Avignon, doch schon nach wenigen Metern wird uns klar, dass das ein unmögliches Unterfangen ist. Einen Tag vor dem französischen Nationalfeiertag und mitten während des Theaterfestivals ist die Stadt proppenvoll und überall feiern die Franzosen ausgelassen, getreu dem Motto Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Auf der Rue de la République tummeln sich Jongleure, Akrobaten, Sänger, Maler und allerlei künstlerisch ambitionierte Personen in teils illustre gekleideten Kostümen. Eine zutiefst fröhliche Atmosphäre, bei der ich die Franzosen für ihre in diesem Moment vorhandene Zufriedenheit und Freude des Seins bewundere. Am Place de l’Horloge tanken wir in diesem Tumult kräftig die verbrannten Kalorien des Tages auf.

Nach nur wenigen Stunden Schlaf mache ich mich wieder auf den Weg. Die letzte Etappe steht nun bevor. Marseille, die ersehnte Stadt, erwartet mich und lässt mich die Müdigkeit und schweren Beine vergessen. Um 8 Uhr an diesem Sonntag bin ich einer der Wenigen, der schon auf den Beinen bzw. auf dem Rad ist. Vermutlich wurde bis spät in die Nacht gefeiert.
Ich genieße die Ruhe und die ersten Kilometer auf leeren Landstraßen abseits des Eurovelo. Nun muss ich mich auf meine Navigationsapp verlassen. Die Strecke ist zunächst nur wenig spektakulär, doch genau dann fahre ich hinter Cavaillon in die wohltuenden, schattenspendenden Pinienwälder. Ich denke an eine vergangene Fahrt am Atlantik. Zwischen Royan und Arcachon führten die traumhaften Wege teils kilometerlang durch Pinienwald.
Zurück in der Gegenwart strample ich in der Sonne und halte verzweifelt Ausschau nach einer schattigen Picknickbank. Kilometer um Kilometer vergehen und keine Erlösung in Sicht. Da sehe ich aus dem Augenwinkel eine in der flimmernden Hitze scheinende Oase wahr. Eine Trinkwasserstelle mit Sitzbank im Schatten. Das Beste, das mir in diesem Moment passieren kann. Es sind genau diese Momente, die mir in Erinnerung bleiben und die mir lehren, wie einfach doch das Leben sein kann. In diesem Moment ist es das Schönste, ein paar Schlücke kaltes Wasser zu trinken und mich für ein paar Minuten in den Schatten zu setzen.
Nun sind es nur noch 27 Kilometer nach Marseille. Bisher habe ich über 1.150 km hinter mir, da sollten doch die letzten Kilometer wie im Flug vergehen.
Aber da werde ich noch einmal auf die Probe gestellt…

Das Fahrradtermometer zeigt mir über 40 Grad an, die Strecke wird wieder hügliger und mir bläst der Mittelmeerwind entgegen. Die Götter haben sich gegen mich verschworen, so als wollten sie nicht, dass ich Marseille erreiche.
Wieder suche ich Zuflucht bei einer schattigen Bank. Dort döse ich direkt ein und spüre nun schlagartig die Erschöpfung und die Strapazen der letzten Tage. Als ich wieder aufwache komme ich mir total fremd an diesem Ort vor. Am liebsten würde ich jetzt die Tour beenden. Ich denke über die Alternativen nach, bis nach Marseille zu kommen. Meine Lust weiterzufahren liegt bei unter zehn Prozent. Doch es sind genau diese kleinen Situationen, in denen die Willenskraft und die Bereitschaft weiterzumachen gefragt sind. Also sammle ich mich und setze die Fahrt fort.
Die Straßen sind nun voller. Wahrscheinlich haben sich die Franzosen nun nach einer ausgiebigen Siesta gesammelt auf die Straßen begeben. Ein riesiges Einkaufsareal ist das Eintrittstor nach Marseille. Gerade heute ist verkaufsoffener Sonntag. Neben den Blechlawinen muss ich mich als Radfahrer auf der Straße behaupten und die richtige Ausfahrt auf die Landstraße finden, um nicht auf die Autobahn zu gelangen. Bislang waren die Autofahrer äußerst umsichtig und zuvorkommend. Jetzt fühle ich mich etwas unwohler und es fällt schwierig bei all der Erschöpfung noch die volle Konzentration zu behalten.
Plötzlich spüre eine Wut in mir hochkommen. Auf die Autofahrer, auf die fehlenden Radwege, auf mich, auf die Sonne, auf alles. Ich sammle meine Konzentration und versuche die Wut in meine Beine und das Pedalieren zu katalysieren. Es wirkt Wunder! Ich rolle den Berg nach Marseille hinunter, hindurch durch die Vororte, die als Ankunfts- und Zufluchtsorte, als Ausgangspunkt für Träume der Migranten dienen. Marseille ist eine Herausforderung für mich als Radreisenden. Enge Straßen, viele Einbahnstraßen, rücksichtslose Autofahrer und die Topografie erschweren mir die letzten Kilometer. Immer wieder muss ich anhalten, um den richtigen Weg zu finden und zu viele Umwege zu vermeiden. Schließlich bin ich dann doch am Ziel angelangt.

Ich habe es geschafft!
Müde bin ich und überaus glücklich zugleich.
Marseille ist ein bisschen wie Neapel.
Eine Freundin meint zu mir, hier sieht man das echte, ungeschönte Frankreich. Hier wird der Kontrast zwischen den Stärken und Herausforderungen der Nation deutlich. Hier ist der Ort, an dem die Flüchtlinge ankommen und ein neues Leben beginnen wollen. Ein Zufluchtsort und Heimathafen zugleich. Hier vermischen sich die Kulturen, hier treffen Kontraste aufeinander.
Das Meer und der alte Hafen verstrahlen einen Charme der ehemaligen Seefahrerstatt. Ich muss an die früheren Segler und Entdecker denken. Damals haben sie sich aufgemacht zu neuen Ufern, in der Ferne und der Weite haben sie das Abenteuer gesucht. Sie sind losgezogen um etwas zu finden, von dem sie womöglich gar nicht wussten, was sie suchen. Doch der Drang des Neuen war größer als die Sicherheit alles beim Alten zu belassen.
In die Künstlerviertel Vieille Charité und Noailles verliebe ich mich direkt. Hier genieße ich das Savoir Vivre der Franzosen und tanke Kraft und neue Energie für das was kommt.
Beim Blick auf das Meer denke ich an all die Eindrücke der letzten Tage, an die Begegnungen, an die Gastfreundschaft, an die Gerüche, an die Vielfalt und Schönheit des Lebens und an die Besonderheit der Natur.
À la prochaine douce France!

© Julian H., 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
1.200 km von Stuttgart bis Marseille über Freiburg, Besancon, Lyon, Avignon. Entlang der EV 6 und 17, Via Rhôna, durch die Bourgogne-Franche-Comté, Auvergne-Rhônes-Alpes, Provence-Alpes Côte d'Azur
Details:
Aufbruch: 04.07.2019
Dauer: 12 Tage
Heimkehr: 15.07.2019
Reiseziele: Frankreich
Der Autor
 
Julian H. berichtet seit 24 Monaten auf umdiewelt.
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