Altes Land – neue Staaten: Slowenien – Kroatien – Bosnien-Herzegowina

Bosnien und Herzegowina-Reisebericht  |  Reisezeit: Mai / Juni 2018  |  von Angelika Gutsche

Bosnien-Herzegowina: Visoko und die bosnischen Pyramiden

Bereits mittags erreichen wir Visoko. Das Navy führt uns ins Zentrum des osmanisch geprägten, quirligen Städtchens mit einer Moschee aus dem 15. Jahrhundert. Auch in dieser Stadt fallen die Einschusslöcher in den Hauswänden ins Auge. Ein Alptraum, den Camper durch die engen Gässchen mit dem vielen Verkehr zu lenken. Endlich sehen wir die Ausschilderung zur Sonnenpyramide. Am Ortsende halten wir auf einem kleinen Parkplatz linker Hand, wo wir auf ein junges Pärchen aus Italien treffen, das ebenfalls im Camper unterwegs ist. Der junge Mann gibt uns den Tipp, unten am Fluss die Nacht zu verbringen.

Blick von der Sonnenpyrimade auf Visoko

Blick von der Sonnenpyrimade auf Visoko

Gleich neben dem Parkplatz führt links eine kleine Straße hinunter zum Fluss Bosna. Tatsächlich ist es dort sehr schön. Hohes Gras und mächtige, schattenspendende Bäume. Unser Camper ist der einzige und wir genießen in Ruhe den Blick auf die Sonnenpyramide. Sie wirkt sehr hoch und sehr bewaldet und sieht eigentlich wie ein ganz normaler Berg aus. In dieser Bergformation eine Pyramide zu erkennen – na ja, mit etwas Fantasie geht alles. Besichtigung folgt morgen.
Wir genießen den Abend am Fluss. Über dem Tal kreisen große Raubvögel, Schmetterlinge flattern, ein Storchenpaar fliegt über uns hinweg und am Fluss tümpeln Enten. Idyllischer geht es kaum. Später gesellt sich noch das italienische Paar mit ihrem Camper zu uns. Sie erklären, tagsüber seien sie auf Radtour. Visoko ist auch Ausgangspunkt für Rad- und Wandertouren.

Visoko - campen am Flussufer

Visoko - campen am Flussufer

Mein Internet funktioniert nicht mehr. Bin immer ganz gut mit meinem Stick und einen Vertrag ins Internet gekommen. Jetzt geht nichts mehr! Ich rufe eine Telefonnummer in Deutschland bei meinem Provider an. Mir wird gesagt, ich hätte mein Limit überschritten und deshalb wäre die Verbindung gekappt worden. Mein Vertrag ermögliche nur günstiges Serven in EU-Ländern, Bosnien-Herzegowina sei kein EU-Land und der Zugang ins Internet deshalb sehr teuer. Ah, Mist! Ich vereinbare mit der freundlichen Dame, dass das Limit aufgehoben wird. Ich werde mich bei diesen hohen Kosten natürlich auf das Nötigste beschränken.
Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück sitzen, kommen vier SUVs mit Schweizer Nummer angefahren, aus denen sich eine Gruppe Touristen ergießt. Die Menschen aller Altersklassen stellen sich auf der Wiese im Kreis auf und, nun das wissen wir auch nicht, was sie genau tun, jedenfalls blicken sie alle zur Sonnenpyramide. Es scheinen Esoterik-Touristen zu sein.

Visoko - Wolfi am Fluss

Visoko - Wolfi am Fluss

Jetzt wollen wir aber hinauf zur Pyramide und so machen wir uns an die Auffahrt. Vom Parkplatz bei einem kleinen Restaurant geht es noch ein gutes Stück steil zu Fuß bergauf, bis man das Kassenhäuschen am Fuße der „Pyramide“ erreicht. Nach Lösung des Eintrittspreises (5 €) geht es zusammen mit einem jungen, englisch- und deutschsprechenden Führer noch weiter hoch.

Visoko - Sonnenpyramide

Visoko - Sonnenpyramide

Hier sieht alles genauso aus, wie wir es bereits von den Fotos aus dem Buch von Sam Osmanagich „Die Pyramiden von Bosnien“ kennen. Das Buch ist aus dem Jahre 2014 und überraschender Weise hat sich hier seitdem nichts verändert. Osmanagich reiht in seinem Buch sehr geschickt die von ihm betriebene Ausgrabung in Visoko in eine Reihe von weltweit ausgegrabenen und definitiv als Pyramiden einzuordnende menschliche Bauwerke. Tatsächlich ist es aber höchst umstritten, ob es sich bei dem von ihm ausgemachten Pyramiden tatsächlich um von Menschen geschaffene Werke oder nur um natürliche Bergformationen in Pyramidenform handelt. Osmanagich vermittelt in seinem Buch den Eindruck, dass er unwiderlegbare Beweise gesammelt habe, dass es sich bei dem 220 Meter hohen Berg Visocica um eine Pyramide handelt, die 25.000 Jahre alt ist. Grundsätzlich stehe ich solchen spekulativen Theorien, die über die Schulwissenschaften hinausgehen, aufgeschlossen gegenüber. Nur weil sich etwas nicht beweisen lässt, muss es ja nicht falsch sein. Doch steigt wirklich ein Energiestrahl aus der Spitze dieser Pyramide auf? Und nimmt Osmanagich den Mund nicht ein bisschen voll, wenn er meint, aufgrund der Bosnischen Pyramiden müsse die Geschichte der Menschheit neu geschrieben werden? Ist es wirklich so, dass hier nicht nur die erste europäische, sondern auch noch die älteste Pyramide der Welt steht, die dazu noch zu den größten zählt? Wir sind neugierig!

Die Sonnenpyramide von Visoko

Die Sonnenpyramide von Visoko

Wir begucken uns die in einem Hang freigelegten Steinplatten, von denen angeblich bewiesen ist, dass sie aus einem künstlichen Material hergestellt sind, das in der Natur nicht existiert, ein qualitativ hochwertiger Beton. Ich kann die angeblich wissenschaftlichen Befunde nicht einordnen, dafür verstehe ich viel zu wenig von der Materie. Komisch finden wir, dass es mit den Ausgrabungen nicht weitergeht. Fest steht nur, dass es sehr heiß ist und steil und anstrengend und das Ganze enttäuschend. Deshalb müssen wir uns nach der Besichtigung erst mal in dem kleinen Restaurant mit den obligatorischen Cevapcici stärken. Davon haben auch die Hunde was.

Cevapcici - immer und überall

Cevapcici - immer und überall

So gestärkt geht es zum Ravne-Tunnel, der sich außerhalb des Ortes befindet und zu einem weit verzweigten Tunnelnetz gehört. Hellmut bleibt mit den Hunden draußen, denn es ist so heiß geworden, dass man die Hunde nicht im Auto lassen kann.
Die nächste Enttäuschung. Von den im Buch so eindrucksvoll abgebildeten Artefakten bekommen wir nichts zu sehen. Das kleine Museum, das sich hier am Eingang des Ravne-Tunnel befindet, ist geschlossen.
Trotzdem löse ich ein Ticket für die Tunnelführung, bekomme einen Helm verpasst und mache mich in einer kleinen Gruppe auf in die kühle Unterwelt. Das Tunnelsystem mutet an wie ein Bergwerk. In dem Buch von Osmanagich heißt es, es sei ein Stück Holz gefunden worden, dass auf ein Alter von 34.000 Jahren geschätzt wird. Laut Osmanagich sollen die Tunnels von neolithischen Kulturkreisen vor 3.000 bis 4.600 benutzt worden sein. Eisenerz wäre hier abgebaut worden. Im Tunnel finden sich Stalagmiten und auch ein kleiner unterirdischer See.

Visoko - Ravne-Tunnel

Visoko - Ravne-Tunnel

Einer der Tunnel soll zur Pyramide führen. Er ist mit Holzbalken abgestützt und öffnet sich immer wieder zu kleinen Kammern. Im Halbkreis sind um Megalithen Sitzbänke zum Meditieren angebracht. Den ovalen Megalithen wird heilende Wirkung zugesprochen. Sie verfügen über einen Deckel, der aber noch nie geöffnet wurde, und sollen von Menschen, die einer 30.000 alten Kultur angehörten, hierher gebracht worden sein. Wir werden aufgefordert, die Hände etwa fünf Zentimeter über den Stein zu halten, in dieser Haltung sollen sie sich von alleine schwebend in der Luft halten. Sehr esoterisch. Kein Wunder, dass der schillernde Osmanagich von der universitären Wissenschaft belächelt wird.

Visoko - Ravne-Tunnel

Visoko - Ravne-Tunnel

Der Tunnel ist auf jeden Fall interessanter und ergiebiger als die Sonnenpyramide, auch wenn hier alles nur ein riesiger PR-Gag sein sollte.
Zurück in der Oberwelt finde ich vor unserem Auto einen Daumennagel großen, wunderbar geschliffenen, weißen 'Diamanten'. Ein Zeichen? Nein, Zufall natürlich. Von meinen Erzählungen beeindruckt, will sich Hellmut den Tunnel doch noch anschauen. Vielleicht ist ja etwas dran an den Kräften, die dort „verjüngend und heilend“ wirken. Einen Versuch findet Hellmut das jetzt auch wert. Bei mir hat's nicht ganz so gut geklappt. In dem kühlen Tunnel habe ich mich erkältet und es kratzt im Hals.
Nach einer Stunde kommt Hellmut genervt zurück. Mit seinen fast zwei Metern Größe musste er die meiste Zeit gebückt gehen, hat sich ein paar Mal fest den Kopf gestoßen und fand das alles albern. Esoterik ist seine Sache nicht.
Also dann zurück an den Fluss. Noch einen Abend am Fluss und am nächsten Morgen verlassen wir Visoko in Richtung Sarajevo. Vorher versorgen wir uns am Stadtausgang in einem Supermarkt mit allem Nötigen, auch mit Bargeld. Und wir entdecken, dass es hier sogar einen richtigen Campingplatz gibt, das Autocamp Visoko.
www.hostelnihad.com

© Angelika Gutsche, 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Reise durch drei ehemalige jugoslawische Republiken, in denen sich noch viele Spuren des Bürgerkriegs finden, dessen Wunden noch nicht verheilt sind.
Details:
Aufbruch: 26.05.2018
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 15.06.2018
Reiseziele: Slowenien
Kroatien
Bosnien und Herzegowina
Österreich
Deutschland
Der Autor
 
Angelika Gutsche berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
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