Altes Land – neue Staaten: Slowenien – Kroatien – Bosnien-Herzegowina

Bosnien und Herzegowina-Reisebericht  |  Reisezeit: Mai / Juni 2018  |  von Angelika Gutsche

Bosnien-Herzegowina: Sarajevo

Es ist zwar nicht weit nach Sarajevo, etwa 25 Kilometer, doch wir irren dort ewig in den Vororten herum, weil wir den Campingplatz nicht finden! Wir fragen Einheimische und endlich hilft uns eine junge Frau weiter. Sie findet im Internet einen Campingplatz namens aza. Wir füttern das Navi mit der Adresse und tatsächlich, nahe eines Vergnügungsparks, findet sich ein neuer, hübsch angelegter Campingplatz (21 Euro/Nacht). Eine grüne Oase mit schattigen Plätzen, WLAN-Zugang, modernen Toiletten- und Duschanlagen.

Sarajevo Campingplatz aza

Sarajevo Campingplatz aza

Rund um Sarajevo erheben sich hohe, dicht bewaldete Berge, ohne jegliche Bebauung und ohne Straßen. Nachts leuchtet nirgends ein Lichtlein. Unberührte Natur, in nächster Nähe zur Hauptstadt.
Bei unserer Campingplatzsuche fiel immer wieder das Wort „Obi“ und wir fragten uns, was „Obi“ wohl auf Deutsch bedeuten möge. Jetzt wissen wir es: Obi, der große Heimwerkermarkt, befindet sich beim Campingplatz um die Ecke.
Das edle Restaurant des Campingplatzes probieren wir gleich aus. Der Kalbsbraten schmeckt Hellmut sehr, nur leider, mein Ceasar Salad bekommt mir nicht. Am nächsten Tag liege ich flach und besuche immer wieder die gepflegte Toilettenanlage. Ein Ruhetag ist angesagt. Wenigstens schaffe ich mittags einen Spaziergang zum Vergnügungspark, wo wir in einem Café unter schattigen Platanen ein Cola trinken und die Menschen beobachten, die mit Pferdekutschen unterwegs sind oder mit dem Karussell fahren.
Zufällig stoße ich auf einen Zeitungsartikel, der erklärt, wie auch Sprache zur politischen Abgrenzung missbraucht wird. Während im früheren Jugoslawien nur das Serbokroatische existierte, legt heute jeder der neuen Staaten Wert auf eine eigene Sprache. Es gibt nun Kroatisch, Serbisch, Bosnisch, alles Varianten des Serbokroatischen. Kleine Unterschiede werden aufgebauscht. Sprache wird hier zur Spaltung missbraucht, anstatt zur Verständigung genutzt. Übrigens sind die Beschilderungen hier meist sowohl in kyrillischer als auch in lateinischer Schrift.
Am nächsten Tag lassen wir die Hunde im Camper und fahren mit dem Taxi in die Innenstadt von Sarajevo. Der Taxifahrer ist Michael-Schumacher-Fan und dementsprechend ist sein Fahrstil. Er schwärmt von der Zeit, als 1984 in Sarajevo olympische Spiele stattfanden. Seine Träume von einer besseren Zukunft sind der Desillusionierung gewichen. Wir steigen im Zentrum am Fluss Miljacka aus. Die Fahrt kostet 5 KM.

Sarajevo hat seit Kriegsende fast die Hälfte seiner Einwohner verloren. Wo früher 500.000 Menschen wohnten, sind es heute nur noch 300.000. Vor dem Krieg lebten in der Stadt Moslems, Orthodoxe Christen, Katholiken und Juden in Eintracht, heute zeugen davon nur noch die Gebetshäuser der verschiedenen Konfessionen. Sarajevo wird jetzt fast ausschließlich von Moslems bewohnt.
Sarajevo – was für eine geschichtsträchtige Stadt. Nach Illyrern und Römern kamen im 7. Jahrhundert die Slawen. Im 15. Jahrhundert eroberten die Osmanen Bosnien, der osmanische Heerführer Isa Beg Isaković gilt als eigentlicher Gründer der Stadt, in der Moscheen, Bäder, Karawansereien, Schulen, Armenküchen und Bibliotheken entstanden. Sarajevo mit seinem Basarviertel, das auch Handwerkerviertel war, wurde zu einem wichtigen Handelsplatz des Osmanischen Reiches.
1697 überfielen die Truppen von Prinz Eugen von Savoyen die Stadt und brannten sie nieder. Erst nach 200 Jahren konnte sich Sarajevo von dieser Brandschatzung erholen. Nach den Osmanen beherrschte zum großen Missfallen der einheimischen Bevölkerung nun Österreich-Ungarn die Stadt, in der langsam die Moderne mit Elektrifizierung und Industrialisierung Einzug hielt.
Am 28. Juni 1914 war Sarajevo Schauplatz des Attentats auf den österreichischen Kronprinzen Franz-Ferdinand und seiner Frau Sophie, deren Ermordung zum Auslöser für den Ersten Weltkrieg wurde. Mit dem Ende des Krieges 1918 kam es zur Gründung eines neuen Königreichs, bestehend aus Serbien, Kroatien und Slowenien, aus dem das Königreich Jugoslawien mit einem serbischen König hervorging. Nach Kriegsende spielte Sarajevo eine untergeordnete Rolle, da im neuen Königreich Jugoslawien Belgrad die Hauptstadtrolle einnahm. Die Spannungen zwischen Serben und Kroaten verschärften sich, bis 1939 Kroatien größere Souveränität eingeräumt wurde. Nur zehn Tage nach dieser Einigung begann der Zweite Weltkrieg.
1941 trat Jugoslawien dem Kriegsbündnis von Deutschland, Japan und Italien bei, was serbische Offiziere zu einem Putsch veranlasste. Ein neuer König wurde eingesetzt, der Russland die Neutralität Jugoslawiens versicherte. Belgrad untersagte den Deutschen den Durchmarsch in Richtung Griechenland, woraufhin 1941 die deutsche Wehrmacht Belgrad und Sarajevo bombardierte und Jugoslawien besetzte. Serben, Juden und Roma wurden in Konzentrationslager gebracht, der König musste fliehen. Die faschistische Ustascha rief den unabhängigen Staat Kroatien (USK) aus, der auch Bosnien-Herzegowina und Teile Serbiens umfasste. Innerhalb Jugoslawiens kämpften die Ustascha, die ein Großserbien wollten, und Partisanen unter Tito, der eine sozialistische Volksrepublik anstrebte, gegeneinander. Die Partisanen, die in den Bergen Bosnien-Herzegowinas einen Guerilla-Krieg führten und die Einheit und Gleichheit der Völker Jugoslawiens beschworen, bekamen immer mehr Zulauf. Am 6. April 1945 gelang es Tito, zunächst Sarajevo und dann ganz Bosnien-Herzegowina zu befreien.

© Angelika Gutsche, 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Reise durch drei ehemalige jugoslawische Republiken, in denen sich noch viele Spuren des Bürgerkriegs finden, dessen Wunden noch nicht verheilt sind.
Details:
Aufbruch: 26.05.2018
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 15.06.2018
Reiseziele: Slowenien
Kroatien
Bosnien und Herzegowina
Österreich
Deutschland
Der Autor
 
Angelika Gutsche berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
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