Fahrradtour nach Istanbul

Rumänien-Reisebericht  |  Reisezeit: August 2004  |  von Carmen und Uwe Garz

Durch die rumänischen Karpaten

noch 4. Urlaubstag

Über Fenerqyarmat erreichen wir Jankmojtis, wo wir vor Angst vor "Hungersnöten" in Rumänien noch eine Salami kaufen und Postkarten schreiben.

Nach 30 km ist die rumänische Grenze erreicht. Wir passieren sie rasch. Die Großstadt Satu Mare kommt 12 km weiter in Sicht. Wir tauschen das übrige ungarische Geld in Lei um und trinken Kaffee in einem modernen Straßencafe. Da treffen wir auch die nette Ungarin wieder, die uns tags zuvor die Fähre bezahlen wollte.
In Satu Mare ist alles sehr sauber, modern und geschäftig. Aber im Vorort sahen wir verwahrloste Häuser mit verwahrlosten Menschen, da will man nicht mit einer Panne stehen bleiben.

Auf der B 19 radeln wir vierspurig auf einer topp asphaltieren Straße aus der Stadt. Wir sind jetzt Millionäre, denn 1 € = 400 000 Lei. Schlechter wird die Straße ab Ortsausgang, sie hat viele Schlaglöcher. Anstengend für Uwe, der konzentriert lenken muss. Sein Lenker ist niedriger als sein Sattel, ihm tun die Ellbogen weh und in den Fingern kribbelt es.

Es geht leicht bergan, doch die Pferdefuhrwerke überholen wir noch. Eichenwälder spenden Schatten, darin sind viele Steinpilzsucher unterwegs. Zigeuner verkaufen Pilze am Straßenrand.

In Orasu Nou sitzen wir im schattigen Biergarten und beobachten das Ausheben eines Grabens mittels Hacke, Schaufel und Brechstange. Wir fotografieren ein Ochsenfuhrwerk. Es ist so langsam, dass wir es später schnell einholen.

Nun wird die Straße noch schlechter, die größten Buckel hat man abgetragen und in die Schlaglöcher geworfen. Leider unterschätzen die rumänischen Autofahrer oft unsere Reisegeschwindigkeit, nehmen uns noch schnell die Vorfahrt oder überholen gefährlich. Es sind zwar auch viele Rumänen mit dem Rad unterwegs, aber nicht zu Freizeitzwecken. Meist fahren sie mit Hacke oder Sense zum Feld. Ihre Räder sind alt und klapprig, und die Rumänen fahren immer ganz langsam und ohne sich anzustrengen. Die Räder geben stets quietschende und klappernde Geräusche von sich, durch unser Rad jedoch sind die Fußgänger nicht gewarnt. Oft wollen uns die Autofahrer durch ihr Hupen warnen und an den Rand zwingen, wo die Straße am allerschlechtesten ist.

Wegen der schlechten Straße, des leichten Anstiegs und der stechenden Sonne radeln wir nur langsam voran. 12 km weiter in Negesti - Oas ist wieder ein Cafebesuch fällig. Ein Espresso ist zwar klein, kostet aber auch nur 1000 Lei (= 25 Cent). In jedem Dorf, die sich hier fast nahtlos aneinanderreihen, gibt es aller 300 m ein "Cafe" (=Kneipe, meist mit Laden), so dass sich die Mitnahme jeglicher Verpflegung erübrigt.

Am Ortsausgang überrascht uns ein Gewitterguss. Wir stellen uns bei einer Mineralquelle unter, deren Umkreis leider vermüllt ist. Das Wasser ist wohlschmeckend.

Nun geht es hinauf in das Gebirge, dass wir schon lange von weitem sahen. In Certeze sind sämtliche Häuser neu gebaut, haben aber oft alte Dachschindeln. Überall wird gerade verputzt oder schon gestrichen, andere sind noch bei den letzten Mauerarbeiten. Wir rätseln rum, wie das sein kann. Wir können uns nur erklären, dass hier ein Erdbeben war und alles neu aufgebaut werden musste, denn Zäune und Gärten sind alt, so dass es sich nicht um ein neues Baugebiet handeln kann. Bauschutt ist nicht zu sehen, das hat vielleicht die Armee weggeschafft.

Auf Serpentinen fahren wir bergauf. Bald haben wir einen herrlichen Ausblick hinab in die Ebene aus der wir kommen und auf die Waldkarpaten vor uns. Es gibt Steinbrüche, aus denen (wie Findlinge aussehende) Steine vulkanischen Ursprungs geborgen werden. Aufgeschnitten glänzen sie schwarz. Wir rasten an einem kleinen Steinwerk, wo ein riesiger Marmorbrocken zersägt wird.
Langsam geht die Sonne unter, wir halten nach einem Übernachtungsplätzchen Ausschau. Mit 580 m ist der Pass "Huta" erreicht und eine bewirtschaftete Hütte zu sehen. Dort stehen bereits zwei Zelte. Es sind drei Radfahrer aus Deutschland. Markus, Philipp und Timo haben sich übers Internetforum kennen gelernt. Sie wollen drei Wochen durch Rumänien radeln und sind am gleichen Tag wie wir gestartet. Die drei Radler sind schon mitten im Abendbrotkochen, doch wir setzen uns auf die Terrasse der Hütte an den Tisch eines Deutschen aus Ulm und bestellen uns ein Steak. Der nette Schwabe erkundet mit dem Auto das Land, er ist begeistert von Rumänien und erzählt uns von seinen Erlebnissen.

Später plaudern wir noch lange mit den drei "Forumfahrern". Sie haben in drei Töpfen ein aufwendiges Spaghettimahl gekocht. Unter anderem nahmen sie gefriergetrocknetes Fleisch (€ 1,95) dafür. Dieses Essen war garantiert teuerer als unser Steak einschließlich Pommes und Tomatensalat! Markus, den "Wort- und Anführer" der Dreien, hat Uwe heimlich "Quasselstrippenmarkus" getauft. Selbst im Zelt quatscht er noch stundenlang auf seinen Partner ein. Bin gespannt, wie lange Timo und Philipp es mit ihm aushalten. Nach 109 km schlafen wir während des Monologes im Nebenzelt ein.
5. Urlaubstag
Mittwoch, den 11.08.2004
Heute holen wir erstmals unsere riesige Verpflegungsbox hervor. Im Radhänger thront sie auf der wasserdichten Tasche, in der sich Zelt, Matten und Schlafsäcke befinden. Die Box ist 36 x 45 x 26 cm groß. Drin sind neben Lebensmittel der Kartuschengaskocher und ein Alutopfsatz. Wir besaßen schon mal 10 Tage lang einen wirklich guten Kocher und einen superleichten Edelstahltopf, aber unser lieber Sohn hat bei der letzten Sommerradtour während der Fahrt eine ganze Radtasche mit eben diesem Inhalt verloren und es nicht mal gemerkt. Er sagt, dass werden wir ihm noch in 20 Jahren vorhalten, und damit hat er recht.

Uwe hat das Zelt abgebaut, während ich einen Liter kräftigen Kaffee und Schnittchen vorbereitet habe. Wir frühstücken. Da stehen auch die "Forumfahrer" auf. Ich bin verblüfft, dass der zuerst aufgestandene Markus kein Kaffee- oder Teewasser aufsetzt. Ich habe vielleicht schon 800-mal in einem Zelt übernachtet, aber wirklich noch nie erlebt, dass nicht zuerst das Kaffeewasser aufgesetzt wurde sofern man einen Kocher hatte. (Als Kind habe ich mich freilich manchmal schlafend gestellt und bin erst aufgestanden, wenn der Barthelkocher geräuschvoll blubberte.) Wie wir uns von den drei Radfahrern verabschieden, ist das Wasser aufgesetzt, kocht aber noch nicht. Mal sehen, ob uns die drei jungen Männer noch einholen.

Zunächst rollen wir auf einer Straße voller Schlaglöcher weit bergab. Der Ulmer überholt uns mit dem Auto, wir ihn wenig später auch, in der Hand hält er strahlend einen großen Steinpilz. Er überholt uns nochmals, um ein Foto von uns zu machen. Dann sehen wir ihn nie wieder.

Wir fahren entlang der rumänisch-ukrainischen Grenze. Die Tisza bildet die Grenze, links und rechts des Flusses verlaufen parallel zueinander die rumänische und die ukrainische Bahnstrecke. Welch eine Verschwendung! Wir radeln flussaufwärts und blicken zu den ukrainischen Dörfern, die mit ihren Flachdachhäusern ganz anders aussehen. Leider können wir nicht hin, weil wir uns keine Visa besorgt haben.

Philipp hat uns eine rumänische Radkarte geschenkt, in der auch einige Sehenswürdigkeiten eingetragen sind. So radeln wir nach Sapinta, wo es den Lustigen Friedhof geben soll. Im Dorf sitzt am Zaun eine alte Frau, die mit der Hand aus gekämmter Schafwolle einen Faden dreht.
Das interessiert mich, weil ich mit den Kindern im Waldorfkindergarten auch Schafwolle verarbeite. Wir halten zum Fotografieren an. Sie zeigt uns auch den hölzernen Webstuhl im Haus, mit dem sie grobe Teppiche webt. Sie will uns einen Teppich verkaufen, doch wir haben ein Transportproblem, was die Frau aber nicht versteht. Über ein kleines Trinkgeld, freut sie sich sehr, will uns noch Kaffee machen, aber wir wollen weiter.

Am Lustigen Friedhof sind viele Touristen. Er ist auch eine Attraktion! Auf geschnitzten und farbenfroh bemalten Holzlatten ist der Verblichene mit seinen Schwächen, Vorlieben und Charakterzügen dargestellt. Die Sprüche dazu können wir leider nicht verstehen. Da ist zum Beispiel ein Bauer auf einem Traktor sitzend gemalt, doch im Hintergrund ist eine Kartenspielrunde zu sehen, zu der er blickt. Eine Frau ist mit ihrer Vorliebe für Männer verewigt, eine andere sieht man beim Wollespinnen. Wir fanden den Friedhof lustig, vielleicht sollte man das überall einführen.

Nach einem Eis radeln wir weiter. Uwes Tacho ist kaputt, aber die gemauerten Kilometersteine am Straßenrand geben uns Auskunft. Die etwa 70 cm hohen Steine sind weiß - rot angestrichen. Auf den Seiten ist der Name der jeweilig nächsten Stadt beider Richtungen geschrieben und wie weit es bis dahin ist. An de Vorderseite steht die fortlaufende Kilometerzahl ab Straßenbeginn.

Wir durchqueren unzählige ärmlich wirkende Dörfer. Überall sind die Menschen mit Arbeiten beschäftigt. Keiner geht einer Freizeitbeschäftigung oder dem Müßiggang nach. Man ist fleißig, um irgendwie über die Runden zu kommen. Im Garten wächst dicht an dicht das Gemüse, zwischen Mais sind noch Kürbisse gepflanzt. Stangenbohnen ranken sich an 1 m auseinander stehenden senkrechten Stangen rot und weiß blühend empor, dazwischen wird noch Gras zum Füttern gemacht. Bis zum Bergwald hinauf sind die Wiesen und Felder intensiv bewirtschaftet, stehen noch Obstbäume. Im Hof werden Haustiere gehalten, so dass dort kaum ein Halm wächst. Blumen gibt es keine. Selbst am Straßenrand picken ein paar Hühner oder eine Pute mit ihren Kücken. Pilze werden getrocknet, Besen gebunden, Flusssand gesiebt, Holz klein gemacht. Alle sind beschäftigt, selbst die älteste zahnlose Oma liest noch Bohnen aus oder wäscht Gummistiefel im Bach ab. Ein Alter hütet ein paar Enten.

Angesicht der Armut fällt es uns schwer, ein halbes Brot wegzuwerfen. Das Maisbrot schmeckt zwar gut, ist aber nach 2 Tagen hart und pappig. Für uns ist ein Brot auch billig (25 Cent), deshalb essen wir lieber frisches. Das alte Brot lassen wir dann verstohlen auf einer Bank liegen, sicher wird es noch verfüttert.

Nach 43 km erreichen wir am frühen Mittag die Kleinstadt Sighetu Marmatei, hier sieht alles etwas wohlhabender aus. Im Zentrum sitzen wir schön inmitten der Rumänen im Garten eines Cafes. Dazu essen wir vom Bäcker nebenan warme Hörnchen, die mit Käse und Dill gefüllt sind. Uwe will lieber etwas Süßes, beim Bäcker auf der anderen Seite hole ich ihm viele leckre Törtchen. So lässt sich die Mittagshitze aushalten!

Entlang des Flusses Iza geht es auf fast autoleeren Straßen leicht bergauf. Überall wird Heu gemacht und zu gewaltigen Haufen zusammengeführt. Als Halt dienen 3 m lange eingegrabene Baumstämme, deren starke Verzweigungen angespitzt sind.

Eine Kleeart hängen die Bauern schon ungetrocknet grün an die Stangen, von der Ferne sehen die Stämme wie eine Pappelallee aus.

In Barsar und Umgebung haben die Hofeinfahrten 3 m hohe, z. T. kunstvoll geschnitzte Holztore. Bei einem besonders schönen Tor halten wir zum Fotografieren an. Da entdecken wir im Hof einen an einem Tor arbeitenden Holzbildhauer. Wir dürfen in seinen Hof kommen.

Sein erwachsener Sohn, der englisch spricht, zeigt uns das neue ökologische Holzhäuschen. Uwe gefallen die schönen Kastenfenster, aber als Energieberater hätte er noch manches zu verbessern. Es sind im Haus käuflich zu erwerbende Holzkunstwerke ausgestellt, die der Vater und die Söhne hergestellt haben. Es sind schöne und hochwertige Sachen dabei, aber auch hier haben wir wieder ein Transportproblem. Es hängen Urkunden dort von internationalen Kunstpreisen. Die Familie kann sich trotzdem nicht von dem Kunsthandwerk ernähren, denn sie betreibt nebenbei noch ein kleines Lebensmittelgeschäft. Es passt gar nicht zusammen, wie der Künstler in seinem kleinen Tante - Emma - Laden steht, einen kleinen Zettel aus einer Verpackung ausschneidet, um die Preise eines kleinen Einkaufes eines Dorfbewohners aufzuschreiben. Die Männer betrachten interessiert unser Tandem und sind sehr erstaunt, dass man 100 km am Tag damit fahren kann.

Der Künstlervater fragt uns, ob wir die "Prozession" fotografieren wollen, die gerade anfängt. Wir lassen das Tandem im Hof und gehen in Richtung der schönen Holzkirche. Die "Prozession" ist ein Leichenzug hinauf zum Friedhof, mit Fahnen, Kerzen, Sarg und heulenden Weibern in schwarzer Tracht. Wir fotografieren nicht.

Die Holzkünstler sagen, wir sollen 4 km weiter links "das Haus" ansehen, dass sie gebaut haben. Sie geben uns noch ihre Adresse mit (Barsan Ion, 4933 Barsana, No. 451, Maramures). Das "Haus" nach 4 km finden wir leicht, es ist aber ein Holzkloster, das Kloster Barsana. Es ist schon vor 600 Jahren gegründet worden, wurde aber in den letzten 10 Jahren völlig neu aufgebaut. Das klösterliche Ensemble ist der örtlichen Tradition gemäß ganz aus Holz errichtet. Im Prospekt lesen wir, dass es nur von Meistern aus dem Ort gebaut wurde. Das wir die Künstler kennen gelernt haben, war Zufall. Das Kloster ist riesengroß und wunderschön, man kann sich nicht denken, dass die Erbauer einen Lebensmittelladen betreiben (müssen). Das Kloster umfasst ein Torhaus, einen Glockenturm, die Kirche (12 x 12 m und 57 m hoch), den Sommeraltar, ein mehrstöckiges blumenbeschmücktes Haus mit Zellen für die 15 Nonnen, Kapelle, Museum... Alles wirkt durch das helle Holz und die weitläufige Anlage auf der Anhöhe sehr hell und freundlich. Die Rasenflächen, Wasseranlagen und die wunderschönen Blumenrabatten sind gut gepflegt. Eine hübsche junge Nonne frage ich nach Toiletten und sie gibt mit im besten Englisch Auskunft. Nach der (kostenlosen) Besichtigung radeln wir beeindruckt weiter.

Zweimal rasten wir wegen der Hitze vor einer Laden-Kneipe, um etwas zu trinken. Wir fahren noch an mehreren Holzkirchen vorbei, deren schlanke Türme spitz in den Himmel ragen. Oft sind die Holzschindeln ihrer Dächer silbern angestrichen. Alle Kirchen sind topp in Schuss und neu renoviert. In eine schöne Holzkirche mit Museum will Uwe gar nicht mehr hinein, er ist von den 4 besichtigten Kirchen gesättigt.

Wir sehen noch viele schöne Holztore vor den Anwesen. Oft hängen aus einem Stück geschnitzte Holzketten an den Toren, das hat wohl irgendeine symbolische Bedeutung. Die Höfe sind hier weniger ärmlich als die, die wir am Morgen sahen.

Am Fluss waschen wir uns. Ich wasche auch meine Anziehsachen. Wir haben heute schon viele Frauen Wäsche am Fluss waschen sehen. Die Wäsche wird immer über den Holzgartenzaun zum Trocknen gehängt. Oft wurden auch die Schafwollteppiche gewaschen, die wohl jeder in der Stube hat. Vielleicht hingen auch so viele Teppiche über den Zäunen, weil sie tagelang trocknen müssen? Die Teppiche zieren Muster aus dunkler Wolle. Und wenn wir eine Schafherde sahen, war auch immer ein schwarzes oder braunes Schaf mit dabei. Meine Anziehsachen jedoch, die ich nach Rumänenart über das Geländer der Brücke gehängt habe, werden nicht mehr trocken, denn es wird Abend.

Ein Schlafplätzchen wäre jetzt recht, aber es findet sich nichts Schönes. Die Gegend ist zugesiedelt, links und rechts der Straße sind steile Berghänge. Rasten wir, kommen rasch Neugierige. Hat schon mal jemand Wiese im Grundstück, so stehen da Bienenstöcke. Oder es bewachen kläffende Hunde das Grundstück des "Bessergestellten", der sich da nicht nur eine Wiese leistet sondern vielleicht auch einen Fernseher hat oder gar ein Auto (selten). Bei einem Mann fragt Uwe, ob wir das Zelt aufbauen dürfen. Der sagt "Ja", aber dann fahren wir wegen seiner Säufernase und seines "Heil Hitlers" doch schnell weiter. Auf der Straße sind viele Fußgänger. Kaum dämmert es, ziehen alle mit Sensen und Harken geschultert nach Hause.

Nach 109 km zelten wir in Sacel mit Erlaubnis des Besitzers ungestört und ruhig im Gras neben einem Rohbau mit Blick aufs Gebirge. Bedenken wegen dem niedergetretenen Gras hat zwar die Frau des Besitzers angemeldet, doch er hat abgewinkt. Im letzten Tageslicht baue ich das Zelt auf, Uwe holt Wasser und ein Bier aus der Kneipe. Dazu essen wir eine unserer viel zuviel mitgenommenen Instantnudelsuppen.
6. Urlaubstag
Donnerstag, den 12.08.2004
Der Bauer mäht schon seit Morgengrauen mit der Sense. Ich habe das Geräusch so im Schlafsack liegend gar nicht einordnen können.

Schön geht die Sonne auf, vor uns erheben sich die Gipfel des Rodneigebirges, die bis 2300 m hoch sind. So hoch wollen wir nicht, aber der 1416 m hohe Prislop - Sattel ist heute unser Ziel. Dem Bauern stecken wir als Dankeschön eine kleine Salami in die (handgewebte) Mähtasche, denn er macht gerade Pause. Dann starten wir.

Ich denke, dass der Anstieg nicht so schlimm wird, denn wir sind gestern Abend schon ein ganzes Stück hier hinauf nach Sacel gestrampelt. Und wir sind zirka 800 m hoch. Weit gefehlt! Nach 200 m Anstieg folgt eine 5 km lange Abfahrt bis ganz hinunter ins Tal der Viseu (ich schätze 200 m über NN). Bin selten so ungern bergab gefahren. In Moisei ist ein Kloster, doch die Berge sind unser Ziel. Eine einzelne sportlich fahrende Radfahrerin taucht vor uns auf, wir nehmen die Verfolgung auf und hängen uns an ihr Hinterrad. Sie heißt Michaela, ist eine Deutsche aus dem Schwabenländle, etwa 22 Jahre alt, hat ein MB und den gleichen Hänger wie wir. Michaela reist mit Minimalgepäck, hat sich aber am "Lustigen Friedhof" einen Schafwollteppich "aufschwätze lasse".

In Moisei ist Markt, da halten wir. Wir haben gemerkt, dass es in jeder größeren Ortschaft einen Platz mit Marktständen gibt. Meist sind die Stände leer, da der Markt nur an bestimmten Tagen und scheinbar nur am Morgen stattfindet. Es darf jedermann verkaufen, was er an landwirtschaftlichen Erzeugnissen übrig hat. Es sind oft nur sehr geringe Mengen Tomaten, Bohnen oder Gurken. Beleibte Bäuerinnen bieten riesige Käseleibe an. Sie lassen uns lachend davon kosten. Der Käse schmeckt ungesalzen sehr mild und hat wenig Geschmack, er wird wohl zum Kochen und Backen genommen. Es gibt auch "Großhändler", die Mais, Weizen, Hafer und sogar Steine direkt vom LKW herunter verkaufen. Die Bauern dagegen sind mit Pferdewagen "angereist". Wir kaufen nur etwas Obst und Gemüse, was uns hier in Rumänien immer sehr gut schmeckt, weil es vielleicht keinen Kunstdünger kennt.

Ab jetzt geht es gnadenlos bergauf. Die 10 km bis Borsa ist viel Verkehr. Die Straße besteht aus alten geflickten Betonplatten. An einer Cafebar gehobener Niveaus machen wir Halt. Michaela überholt uns. In der "gehobenen Cafebar schmeckt der Kaffee zwar auch nicht anders, denn selbst die kleinste Kneipe besitzt eine Espressomaschine, aber wir erhoffen eine saubere Toilettenanlage. Das Klo ohne Becken, das heißt mit dem Loch im Boden, ist eigentlich nicht das Problem. Nur einigermaßen sauber sollte es sein! Heute haben wir Glück damit. Die Saubermachfrau war gerade drinnen und trinkt gerade ein Bier in der Gaststätte. Und ein Waschbecken gibt es auch. Schnell hat da Michaela eine halbe Stunde Vorsprung. Wir füllen noch unsere Trinkflaschen auf. Die 4 Trinkflaschen benutzen wir fast nie. Meist kaufen wir Mineralwasser und schnallen die Zweiliterplastflaschen auf den Hänger.

Im letzten Ort vor dem Pass Statiunea Borsa (sieht von weitem wie ein hübscher Erholungsort in den Alpen aus) gibt es zwar einen Sessellift, aber kein Restaurant. Wir quälen uns schweißgebadet durch die Mittagshitze bergauf. Nicht mal zum Fluss, der 200 m Luftlinie entfernt parallel zu uns verläuft, gibt es einen Weg. Der Verkehr ist seit dem letzten Ort völlig erlahmt, jetzt kommt nur noch aller 5 Minuten ein Holztransporter. Die Sonne scheint erbarmungslos. Neben uns duftet es nach Thymian, die Aussicht auf die hohen Gipfel ist phantastisch. Als ein Seitental hereinkommt, rasten wir endlich an einem sauberen steil herunterstürzenden Gebirgsbach. Es gibt auch eine kleine Trinkquelle hier. Oberhalb des Wasserfalls können wir uns baden und Wäsche waschen. Da oben ist durch die großen Steine ein Strudel im Bach, und man sitzt darin wie in einem Whirlpool. Unten im Tal haben die Frauen ihre Teppiche in so einer "natürlichen Waschmaschine" gewaschen. Aber ich traue mich doch nicht, meine wenigen Anziehsachen dem Strudel anzuvertrauen. Zu schnell könnten die Sachen den Wasserfall hinuntergespült und verschwunden sein. Wir kochen uns Instandnudeln und Kaffee, waschen die Verpflegungsbox (wo eine Tütensuppe ausgelaufen ist) und meinen Kulturbeutel (wo das Spülmittel ausgelaufen ist). So erhält Michaela nochmals 2 Stunden Vorsprung. Die Wäsche wird so trocken, dass wir sie wieder anziehen können.

Auf sanften Serpentinen mit vielen Spitzkehren schrauben wir uns bei herrlichen Ausblicken hinauf zum Prislopsattel. Es gibt viele gefasste Quellen am Straßenrand, wo wir unseren Durst stillen. 15 Uhr erreichen wir nach 33 km Bergauffahrt die Hütte am Pass. Michaela war tatsächlich schon vor zwei Stunden hier, wie uns drei Dresdner Radfreunde erzählen. Die Dresdner sind auf ähnlicher Stecke wie wir unterwegs und wollen in der Hütte übernachten. Die Hütte ist sehr schön, die Übernachtung kostet 5 €. Der Ausblick bei der Hütte ist überwältigend schön, die Wirtin ist freundlich. Wir schlürfen Kaffee und essen Kuchen draußen vor der Hütte und erzählen über zwei Stunden mit den Dresdnern. Die haben heute nach dem Anstieg zum Sattel noch eine Radtour zu einem Bergsee auf 1600 m unternommen, von der sie gerade zurückkamen, als wir eintrafen.

17 Uhr machen wir uns an die Abfahrt, und auch ich setze mal den Helm auf. Es geht steil bergab. Uwe fährt rasant getreu des Rates von Herrn Wirth, hinabzurasen und nur vor den Kurven zu bremsen. Für mich hinten auf dem Tandem bedeutet das: Angstschweiß. Machen kann ich ja nichts. Instinktiv versuche ich mit dem Rücktritt zu bremsen, obwohl mit Ende der DDR auch mein letztes Rad mit Rücktritt auf dem Schrott landete. Endlich hält Uwe ein paar Kilometer weiter an einer Quelle an, und ich steige zitternd ab. Wir kühlen die heißen Felgen mit Quellwasser und bewundern die Aussicht. Ein malerisch aussehender Hirte mit Pelzkappe hütet auf einem Steilhang seine Schafherde und zottelige Ziegen.

Nach dem ersten steilen Stück geht es nun wunderbar sanft am Fluss entlang durch sonnige Wälder bergab, so dass es auch ohne Bremsen nicht zu schnell wird.

Am Fluss lagern viele Zigeuner (schätzungsweise 150) in mit Folie bespannten 1,20 m hohen Hüttchen. Es sind schöne schwarzhaarige Frauen mit langen Zöpfen und Männer mit schwarzen Schurrbärten. Ein paar mit Plane versehene Pferdewagen sehen wir auch. Die Frauen sind kunterbunt und mit langen Röcken bekleidet. Alles wirkt unwirklich, wie aus einem Film entsprungen. Manche Zigeuner verkaufen Pilze am Straßenrand, manche liegen schlafend am Fluss. Als wir vorbeifahren, wird gelacht und gejohlt. Wir treten kräftig in die Pedalen, aber wahrscheinlich würde man uns nichts tun.

Die Straße wird nun ganz schlecht, sie ist in einem erbärmlichen Zustand. Es gibt so viele tiefe Schlaglöcher, das Uwe nicht allen ausweichen kann. Wenigstens folgt unser Hänger immer so brav nach, dass man ihn fast vergisst.

Einmal müssen wir durch eine große Kuhherde, die uns auf der Straße entgegen kommt. Alle Kühe haben mächtige schön gebogene Hörner. Es gibt auf dieser Seite des Passes viele Kühe. Sie weiden auf den hohen Hängen. Abends werden sie vom Hirt ins Dorf gebracht, dort finden sie allein den richtigen Hof. Der Besitzer steht schon wartend am Zaun.

Die Dörfer, die wir jetzt durchfahren (laut Landkarte gibt es hier gar keine Dörfer), haben schöne kleine Holzhäuser. Etwa die Hälfte der Häuser haben Holzschindeln auf dem Dach. Das sieht sehr schön aus. Die Höfe scheinen hier wohlhabender zu sein. Die Frauen sehen nicht so abgearbeitet aus, in den Gärten blühen neben dem Gemüse auch ein paar Blumen.

Wir folgen nun dem Fluss Bistri abwärts. Links von uns liegt das Gebirge Obcina Mestecanis (bis 1590 m). Rechts erhebt sich der Kamm des Muntii Suhars (bis 1932 m, der höchste Gipfel liegt 6 km Luftlinie von uns entfernt).

In Carubaba essen wir sehr gut Abendbrot: Hühnersuppe mit Knoblauch und Saure Sahne, Schnitzel und Krautsalat. Am Nachbartisch setzen sich vier junge, trainierte, tschechische Radfahrer, die aus der Gegenrichtung kommen. Erst denken wir: "Die fahren heute noch die 20 km zum Prislopsattel hinauf". Doch ehe die Suppe kommt, hat schon jeder der Vier sein zweites Bier geschafft. So wird das heut nix mehr!

Wir rollen am Fluss bergab bei Abendsonne noch etwas durch die Bergdörfer, wo sich jetzt alles für den Feierabend rüstet. Als ein Schild mit "PENSIUNE" erblicken, fragen wir, was die Übernachtung kostet. Bei 3000 Lei (= 7,50 €) sagen wir nicht Nein. Wir können das Tandem in den abgeschlossenen Hof stellen. Freundlich werden wir über mit Schafwollteppichen ausgelegten Stufen in das Zimmer gebracht, dass so etwas wie die kaum benutzte "Gute Stube" darstellt. Da steht ein dunkler gewienerter alter Wohnzimmerschrank mit Häkelspitzen und Sonntagsgeschirr, ein Hirschgeweih hängt an der Wand und ein billiger Druck von einem Stillleben im dicken Gipsrahmen. Die Decken auf dem Schlafsofa bilden unter der glänzenden Tagesdecke einen hohen rundlichen Turm. Das Zimmer ist sauber. Ein Bad ist dabei. Der Holzbadekessel wird gleich für uns angeschürt. Wir schauen noch ein wenig aus dem Fenster. Die Sonne geht gerade unter und taucht das Bergdorf mit den hübschen Holzhäusern und die dahinter aufragenden Berge in rötliches Licht, die Leute sind mit ihren Sensen und Rechen auf dem Heimweg. Uwe lässt sich befriedigt auf das hohe Bett nieder und kommt mit dem Hintern fast auf dem Fußboden auf. Das Bett ist halt von besonderer Qualität! Ich gehe in die Badewanne, habe fast vergessen, wie langsam das Wasser aus so einem Badeofen einläuft, obwohl ich bis zu meinem 25. Lebensjahr nichts anderes kannte. Als ich zurück ins Zimmer komme, liegt Uwe schnarchend im Schlafsack auf dem Fußboden.

Wir sind heute 80 km gefahren, 568 km insgesamt in 6 Tagen geradelt.

7. Urlaubstag,
Freitag, den 13.08.2004
Unsere Fahrt führt am Fluss Bistrita auf der B 176 entlang abwärts. Der Fluss ist breit und rauscht über viele Felsen abwärts. Leider schwimmt viel Abfall darin, und am Ufer lagern sich die Plastflaschen ab. Wir haben gesehen, wie Mülleimer in den Fluss entleert wurden. Seit Generationen und von Kindheit an sind die Menschen hier gewöhnt, ihren Müll in den Fluss zu entsorgen. Nur hat der Müll sich gewandelt. Sind es früher vielleicht mal paar Leinenlumpen gewesen, so fallen heute viele Plastflaschen an. Selbst das Bier wird in 2 Liter Plastflaschen verkauft.

An beiden Seiten des Flusses erheben sich hohe Berge mit steilen Hängen, von denen die Kuhglocken bimmeln. Im Osten erhebt sich das Gebirge Bistritai und westlich von uns das Stanisaare. Beide Gebirge mit Gipfel über 1500 m! Die Landschaft ist bezaubernd schön.
Über den sich kurvenreich schlängelnden Fluss führen viele waghalsige Fußgängerbrücken.

Ein Motel und ein Zeltplatz zeugen von Tourismusansätzen. Es herrscht wenig Autoverkehr. Die Straße hat viele, viele Schlaglöcher. Teilweise zieht sich ein Riss über die ganze Betonplatte. Kein Ausweichen ist möglich.

Die Dorfbewohner, an denen wir vorbeifahren, lachen oft herzlich über so etwas Lustiges wie unser Tandem. Der Mann vorn mit Helm und in gebückter Haltung, so denken sie wohl, fährt seine Frau hinten mit dem Sonnenhut spazieren. Sie lachen und winken mir fast augenzwinkernd zu.

In einer Cafebar wollen wir einen Kaffee mit Milch trinken. Milch versteht man nicht, wir probieren es in mit Moloko, Mleko, Latte, Milk. Da rührt die freundliche Frau auf dem Gaskocher in einer großen Zinktasse Kaffeepulver und Wasser zusammen, bringt unter Rühren alles zum Kochen, was schwierig ist, weil die Zinktasse viel kleiner als der Gasflammenkranz ist. Dann füllt sie alles umständlich mit einem Esslöffel in kleine Tassen, wobei sie den Satz gerecht verteilt. Statt Milch bringt sie zwei doppelt so große Tassen randvoll mit Sahne. "Natur" sagt sie dazu immer wieder: "Natur!" Ich rühre mir etwas davon in den Kaffee. Zu spät merke ich, dass es sich um Saure Sahne handelt.

Nach dieser Episode geht es weiter. Im Sprint überholen wir die Pferdewagen, am Fluss geht es schnell voran. Bis zum Mittagessen sind schon 70 km geschafft. Was der Dresdner gestern sagte, stimmt: Auf 100 Cafebars kommt nur ein Restaurant. Heute haben wir Glück und finden eins zur rechten, d. h. hungrigen Zeit. Ein Gast übersetzt uns die Speisekarte ins Englische: Schnitzel, Hühnchen, Fisch... Aber wir wollen eine rumänische Speise probieren. Der Mann zeigt auf das teuerste Gericht (70 00 Lei = 1,75 €), kann es uns aber nicht übersetzen. Wir nehmen es. Die Rindfleischsuppe davor (20 000 Lei) ist sehr lecker. Zur Suppe serviert man uns wie gestern je eine Peperoni, Saure Sahne und Brot. Was wird es dann erst zum Hauptgang geben? Unsere Erwartungen und unser Hunger sind groß. Der Tomatensalat kommt. Es handelt sich um je zwei geschnittene Tomaten. Überhaupt muss man sich in Rumänien den Salat immer selbst anmachen. Essig, Öl, Salz und Pfeffer werden gebracht.
Dann bringt man uns die "Rumänische Spezialität", wir hofften auf Schafspieß oder was Gegrillten, doch auf dem Teller ist Brei: Polenta. Uns fällt die Kinnlade runter. Wir verdrücken den Babberschmatz mit leichtem Groll.

Von Tulghes aus fahren wir am Fluss Bistrici Oar auf der B 15 weiter. In Galv besuchen wir die schöne Kirche, deren Holztürme mit prächtigen Schnitzereien verziert sind. Die Kirche war offen, wir gehen hinein. Eine Frau läuft gerade zum Pastor und kniet ganz eng vor ihm nieder. Der legte ihr sein Tuch, das er als eine Art verlängerten Schlips trägt, auf den Kopf und sagt mit gelangweiltem Blick und Ton seine Verse her...

In Ginties fahren wir an einer Bank vorbei und wollen die seltene Gelegenheit zum Geldtauschen wahrnehmen. Ein Geldautomat ist uns immer das liebste, denn mit den vielen Nullen auf den Geldscheinen fällt uns das Nachzählen schwer. Ich versuche stets, die Geldscheine der Wertigkeit nach zu ordnen. Aber meist gebe ich doch nur irgendeinen Schein hin und hoffe, dass man mir ehrlich herausgibt. Einzig die grünen 1000er Scheine kann ich mir merken (= 25 Cent), denn so viel kostet ein Kaffee. Um Verluste in Grenzen zu halten, stecke ich immer nur den Gegenwert von 20 € (= 160 000 Lei) in die "Tagesgeldbörse". Das reicht fast für zwei Tage. In die Bank geht Uwe allein hinein, ich bleibe beim Rad. Es dauert lange. Die Bank wird nämlich gerade renoviert, und Uwe findet den Bankdirektor im Keller. Weil die Bank offiziell zu ist, tauscht der Uwe aus seiner privaten Tasche sein sämtliches Bargeld zum korrekten Kurs.

Nun erreichen wir in Poiana Teiulai den 35 km langen Stausee Lucal Izorul Munt. Der liegt malerisch von hohen Bergen umrahmt im lieblichen Tal. Die Straße führt auf der Ostseite entlang. Im Westen liegt ein Nationalpark. In Poiana Teiulai sitzen wir an der belebten Kreuzung vor der Brücke in einer besseren Cafebar und essen warme Hefeteigquarktaschen, die sehr köstlich schmecken. Die Straße entlang des Stausees führt in 0 bis 250 Höhenmeter auf und ab. Uwe meint, dass der See von oben wie eine Banane aussieht, im Hintergrund grüßen felsengeschmückte Zweitausender. Aber Uwes Banane ist nicht glatt, sondern hat viele "Pickel". Wir müssen allen Pickeln, also den vielen Windungen des Gewässers, folgen.

An einem Brunnen rasten wir, lassen den Eimer hinunter und kurbeln ihn hinauf. Das hier alltägliche Wasserholen ist eine schwere Arbeit!

Wir sehen immer wieder Autos mit italienischen Nummerschildern vor den Häusern stehen. Jemand hat uns erzählt, dass die rumänischen Besitzer Gastarbeiter in Italien sind und so bescheidenen Wohlstand in ihr Heim bringen.

Nach 129 km ist heute endgültig Schluss. Wir fragen an einem Haus drei Frauen um Zelterlaubnis und dürfen nach einigen Verständnisschwierigkeiten aufbauen. Kaum sind wir fertig, fängt es an zu gewittern, doch dass stört uns beim Schlafen nicht. Die Männer der drei Frauen werden Augen machen, wenn sie von der Cafebar heimkommen und unser Zelt sehen!
8. Urlaubstag
Samstag, den 14.08.2004
Die Ehemänner haben uns keine Probleme gemacht. Aber der quietschende Brunnen neben uns wurde noch zigmal betätigt. Ein altes Mütterchen vom Haus von der anderen Straßenseite kommt schon am Morgen zum Brunnen, lässt kontrolliert langsam den Eimer hinab und kurbelt ihn mühsam rhythmisch quietschend hinauf. Dann geht sie mit ihrem Eimer weg und kommt 5 Minuten später erneut. Sie muss wohl paar Tiere tränken. Als wir später losfahren, sehen wir, dass sie den Eimer nur knapp voll hat. Mehr bewältigt sie halt nicht...

Wir haben gut geschlafen, über Nacht ist sogar das Zelt getrocknet. 7.45 Uhr sitzen wir im Sonnenschein auf der Terrasse eines Motels mit herrlichem Blick auf den Stausee.

Hinter dem See strahlt das felsendurchzogene Gebirge in der Morgensonne. Der Stausee, wie er so malerisch blau im Tale liegt, sieht ein bisschen wie der Bodensee aus. Auf ihm schwimmen viele weiße Tupfer. Man könnte die Tupfer für Möwen halten und sich auf ein kühles Bad zur Mittagszeit freuen. Die "Möwen" sind aber tausende leere Plastflaschen, der Stausee ist über und über damit besäht, es bilden sich richtige Müllinseln.

Wir essen das angebotene "klassische Frühstück" mit Würstchen, Ei, Brot, Butter und Marmelade. Dann radeln wir weiter am See entlang.

Nach 42 km Fahrt entlang des Sees erreichen wir die Staumauer. Dahinter liegt das völlig leere Flussbett. An der Staumauer hat sich "seeseitig" ein Plastflaschenteppich gebildet. Andenkenverkäufer wollen uns kleine Holzbrunnen und Holzlöffel aufschwatzen.

In Bicaz, einer kleinen Industriestadt, legen wir eine Pause ein. Bettler und heruntergekommene Typen sind wie hier nur in den Städten zu sehen. Mit bettelnder Stimme bieten Kinder ihre Zeitungen an. Der Kinderzeitungsausträger/Kinderbettlerring hat wohl gerade in der Gaststätte, auf deren Terrasse wir sitzen, seinen Sitz, bzw. der entscheidende Mann sitzt als Gast hier. Die Gesichter der Kinder sind verschlagen und tief gezeichnet, diese Kinder werden nie mehr ein normales Leben führen können. Wir geben jungen Bettlern aus Prinzip nichts, denn Betteln hat nie Zukunft und wir wollen nicht dazu ermuntern.

Nun radeln wir an einer Werksbahnlinie bergauf. Eine große Zementfabrik (Heidelberg - Zement) dominiert die Landschaft. Die Bahnstrecke führt vom Betrieb zum Steinbruch (22 km). Entlang der Straße sind vor den Häusern große Steinhäufen, die scheinbar zum Verkauf angeboten werden. Vielleicht fallen die Steine von den Zügen, und die Leute holen sie. Oder sie bekommen die Steine als Deputat vom Steinbruch. Wir finden es nicht heraus.

Gleich hinter dem Steinbruch beginnt der Nationalpark Bicazklamm im Hasmasgebirge (bis 1544 m hoch). Gestern erzählte uns ein niederländischer Radfahrer, der seit dem 2. Mai auf dem Rad unterwegs ist, dass der Klamm so schön sei. Deshalb fahren wir jetzt auch hier lang. Eine riesige Souvenirbudenreihe kündigt die Touristenattraktion an, und wir gehen erst mal bummeln. Es gibt sogar Ansichtskarten, wir sahen in Rumänien noch keine. Wir kaufen 10 Stück ohne zu ahnen, dass wir dafür nie Briefmarken kriegen werden. Ich kaufe mir eine handgearbeitete Lederweste, die noch ins Fahrradgepäck aber garantiert nicht zum derzeitigen Outfit passt.

4 km vor Lacul Rosu führt die Straße durch einen etwa 200 m hohen und 3 km langen wasserdurchsprudelten Felsenklamm. Es ist wie der Steinachklamm in hundertfacher Ausführung. Die Wände ragen fast senkrecht in nur 20 m Abstand hinauf, so dass man kaum noch was vom Himmel sieht. Viele Touristen sind hier im Bicazklamm unterwegs. Weil es keine Parkplätze gibt, ist die Verkehrssituation chaotisch. Viele Autos mit ungarischen Nummerschildern sind unterwegs, denn hier lebt eine große ungarische Minderheit im Gebiet.

Am Lacul Rosu = Mördersee wollen wir Mittagessen. Mit Mühe finden wir einen freien Platz in einem der zahlreichen Restaurants. Das Wetter ist schon seit 10 Uhr trüb und es regnet, während wir essen.

In Gheorgeheni (= Niklasmarkt) gibt es einen richtigen Marktplatz. Dafür haben die Sachsenabkömmlinge gesorgt. Eben sind wir nämlich in Siebenbürgen eingerollt. Die Stadt ähnelt in ihrem leicht heruntergekommenen Zustand ein bisschen einer sächsischen Kleinstadt vor der Wende. Auf dem Markt bewegt sich eine große (ungarische) Hochzeitsgesellschaft. Wir kaufen uns ein Brot, das wie eine Riesensemmel aussieht, und essen Abendbrot auf einer Bank in der Grünanlage des Marktes.

Jetzt zeigt sich doch noch einmal die Sonne, und wir radeln noch 18 km. Wir fahren durch ein weites Becken, wo Weizen und Mais gedeiht. Der Boden ist hier fruchtbarer, die Dörfer sind wohlhabender.

In Izvoru Muresului fragen wir nach 129 km Fahrt bei einer Pension nach Übernachtung. Die Pension ist zwar belegt, doch wir dürfen kostenlos auf der gepflegten Wiese zelten.

In der Dämmerung spazieren wir zum nahen Kloster, wo der Gottesdienst-Singsang durch einen defekten Lautsprecher stotternd übertragen wird. Das Kloster ist ein schöner 6 Jahre alter Bau, mit Grünanlagen, Blumen, Blumen und bunten Fresken an den Außenmauern. Es ist gut besucht, die Besucher sitzen sogar noch vor der Kirche.

Unsere Pensionsinhaber sind Ungarn. Sie sagen: "Das ist ungarisches Gebiet." Der Klosterbau, erzählen sie, wäre ein Politikum gewesen. Es gibt ungarische Schulen und einen ungarischen Radiosender. Auf den Straßenschildern steht unter der rumänischen auch die ungarische Bezeichnung. Am Eingangsschild von Gheorgeheni sahen wir am Abend neben der rumänischen und ungarischen Bezeichnung auch noch die deutsche Bezeichnung "Niklasmarkt". Siebenbürgen hat eine wechselvolle Geschichte. Es war mal bulgarisch und mal ungarisch, Deutsche lebten seit dem 16. Jahrhundert hier, also ein Schmelztiegel verschiedener Nationen. Zumindest die Deutschen haben in den letzten 14 Jahren das Feld geräumt.

Wir dürfen in der Pension im Privatbad der Gasteltern duschen, man lässt uns Birnenschnaps trinken, gibt uns noch Mineralwasser für die Nacht und einen Kanister Wasser für die "Morgenhygiene" mit.

Nachts regnet es mehrmals, aber unser altes Zelt hält dicht.

9. Urlaubstag
Sonntag, den 15.08.2004

Wir frühstücken vor dem Zelt schön in der warmen Morgensonne mit Blick auf Wald und Berge.

Nur einen Kilometer müssen wir noch bergauf, dann geht es nach dem "Pass" (891 m) flott bergab voran. Uns begegnen viele Pferdefuhrwerke mit feiertäglich gekleideten Familien auf der Ladefläche, die zum Gottesdienst ins Kloster fahren. Viele winken uns fröhlich zu.

36 km später, in Miercurea - Ciuc (= Szeklerburg) machen wir 90 Minuten Rast. Hier im freundlichen Kleinstädtchen gibt es sogar eine Fußgängerzone mit vielen Cafes und Restaurants. Aber Uwe mag hier nichts essen, er hat keinen Hunger. Den Hunger hat er genau 6 km später. Wir müssen an einer Kneipe rasten. Dort gibt es nur Schokolade, Uwe vertilgt sie umständlich, setzt sich hin und bestellt auch noch was zu trinken. Ich bin ein bisschen sauer, will weiter. Uwe lenkt ein und sagt, er wird sich ab jetzt nicht nur meinem Essrhythmus anpassen sondern auch meinem "Pullerrhythmus", um die Pausenzahl zu reduzieren. Nachdem wir nun zweimal pausiert haben, zieht eine Regenfront auf. Bei der schlechten Straße werden wir mehr von unten durch die wassergefüllten Schlaglöcher als von oben nass. Wir suchen deshalb das nächste Lokal auf. Heute kommen wir ja gar nicht voran! In den "Restaurant", das schon einmal bessere Zeiten gesehen hat, essen wir aus Langeweile das einzige Gericht (Micky = Gehacktesröllchen) und trinken das einzige Warmgetränk (Kaffee). Durch eine undichte Fensterscheibe hat es ins Restaurant geregnet. Auf dem Boden hat sich eine 5 Liter - Pfütze gebildet. Aber niemand kümmert das. Die 5 Männer trinken weiter stumm ihr Bier aus der Flasche. Die Bedienung schaut hinter der Theke fern. Auf den Tischen steht je ein Plastbecher mit einer total kümmerlichen Pflanze, das passt zu dem trostlosen kalten Lokal.

Die Regenwolken haben sich verzogen, doch unser Rad, die Hosen und Radtaschen sind völlig verdreckt. Nun sehen wir aus, wie wir uns fühlen: Schon wochenlang auf Tour.

In Baile Tusnad, einem heruntergekommenen Kurbad, besichtigen wir die neu renoviert Kirche. Wir fragen uns, woher das viele Geld für die vielen neuen und renovierten Kirchenanlagen kommt.

Einige Kilometer weiter treffen wir drei rumänische Radler mit Gepäck. Es sind Ungarstämmige aus Brasov (Kronstadt) auf Wochenendausflug. Sie sind seit gestern schon 255 km geradelt und haben noch 45 km vor sich. Es sind nicht gerade sportliche Typen und haben keine gute Ausrüstung. Sie freuen sich, uns zu sehen und wollen unbedingt ein Foto von uns machen.

In einem feinen Hotel in Sfantu Gheorghe (St. Georgen) kehren wir nach 101 km zum Abendbrot ein und speisen gut. Die Übernachtung kostet in diesem Hotel 35 € pro Nase, wir fahren weiter. Die Landschaft wird nun flach und eintöniger. An der Schnellstraße, links und rechts verdorrte Weiden, finden sich weder Pension noch Zeltgelegenheit. Es dunkelt schon, wir setzen die Stirnlampen auf. Dann kommt nach 18 km (insgesamt 119 km) doch noch ein Hotel. Das Zimmer ist gut und sogar mit Fernseher ausgestattet (500 000 Lei = 12,50 €), die Bedienung ist aber faul und unfreundlich. Wir haben das Zimmer 102 und sind die einzigen Gäste.
10. Urlaubstag
Montag, den 16.08.2004
Ich habe mir nicht ganz umsonst um das Tandem Sorgen gemacht. Es stand im offenen Rohbau hinterm Hotel. Inzwischen sind Arbeiter gekommen und haben das Rad zur Seite gezerrt. Hoffentlich ist noch alles ganz!

Wir wollen erst mal frühstücken. Doch außer Kaffee gibt's nichts im Hotel, höchstens Micky und Pommes. Wir lassen es und gehen ins Zimmer zurück. Da lassen wir den Schlüssel von außen stecken, das Schloss schnappt zu, und wir sitzen in der Falle. Die Tür ist fest zu. Klopfen hilft nichts, auch mit dem Telefon wissen wir nichts anzufangen. Wir packen erst mal. Aus dem Fenster rufe ich einen vorbeigehenden Bauarbeiter, der kommt auch herbei und geht für uns in die Rezeption. Doch die helfen ihm nicht, vielleicht weil wir keine Pommes zum Frühstück gegessen haben. Endlich steigt er selbst über die Hintertreppe zu uns hinauf, sucht die Tür und befreit uns.

Das Tandem ist unversehrt, nur das Schloss ist ins Hinterrad hineingedreht. Weiter geht die Reise!

18 km später sitzen wir auf dem schönen Marktplatz von Brasov (Kronstadt). Es ist hier wie in jeder europäischen Großstadt: Fußgängerzone, Straßencafes, MC Donnels und Praktiker, Handy haltende junge Männer und Topp tragende Mädchen mit gefärbten Haaren. Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist in Rumänien riesig.

Wir lassen das Tandem am Cafe auf dem Marktplatz stehen und unternehmen eine Einkaufsbummel und besichtigen die berühmte Schwarze Kirche. Im Sportladen gibt es viele Schnäppchen (z. B. Markenzelte zu einem Drittel der Katalogpreise wie bei "Globetrotter"). Wir können nicht glauben, dass es Originalware ist. Uwe kauft sich nur eine Windstopperjacke für umgerechnet 25 €. Selbst wenn sie nicht wie angegeben von "Big Pack" sein sollte, ist sie sehr schön.

Wir radeln auf der viel befahrenen vierspurigen Straße in Richtung Bukarest aus Brasov heraus. Statt Morgennebel haben wir jetzt Mittagshitze. Bei dröhnendem Auto- und Zugverkehr geht es bergauf. (Hier verkehren schon moderne Züge mit Fahrradabteil.) Nach einer Stunde haben wir die Plackerei satt. Wir rasten auf einem der beliebten Picknickplätze der Rumänen am Fluss. Wir kochen Suppe und Kaffee, trocknen unsere Wäsche auf der von Uwe zwischen Bäumen gespannten Leine. 4 oder 5 Familien haben sich auch häuslich zum längeren Picknick niedergelassen. Eine Kuh kommt daher, leert gemächlich die Abfalltonne aus und schmatzt lange. Dann trottet sie weiter. Ein Hund erscheint, sichtet den nun ausgebreiteten Abfall und findet auch noch was zum Fressen. Ein Zigeunerpaar naht, bietet Himbeeren an und sichtet den Abfall nochmals. Endlich kommt ein junges Pärchen mit PKW und lädt den Abfall auf ihren Hänger.

Ein Pärchen, das uns gegenüber vom Fluss so richtig Picknick mit Grill macht, schenkt uns eine halbe Melone, die wir bei der Hitze genüsslich verdrücken. Die Wäsche ist getrocknet. Auch das Tandem und die Radtaschen sind vom gestrigen 10 Minuten - Regen wieder sauber, denn Uwe war in Brasov in der Autowaschanlage. Dort haben die freundlichen Arbeiter alles abgespritzt und nicht mal ein Trinkgeld dafür genommen.

Nach über zwei Stunden Faulenzen fahren wir weiter. Es geht weit hinauf ins Postavarul - Gebirge. Gut, dass wir das vorher nicht wussten. Wir fahren nach der Rumänienkarte 1:800000. Das Verkehrsaufkommen ist noch immer gewaltig, die Straße aber wenigstens gut geteert. Endlich folgen noch 3 km Serpentinen, da trifft der Verkehr nur noch schubweise auf uns. Auf fast 1000 m essen wir kurz vor dem Pass in einer Hütte Suppe und einen guten Salat. Wir sitzen in der Abendsonne und genießen den Blick auf die Berge. Der freundlichen Bedienung will Uwe klar machen, dass er Brot möchte. Gelächter gibt es, als Uwe auf dem Platzdeckchen ein gemaltes Brot entdeckt und so seine Wünsche vermitteln kann.

Wir durchfahren den Urlaubsort Predal ohne Anzuhalten. Auch der Zug muss hier her auf 1000 m und hat zwei Loks vorgespannt. Predal ist der Ausgangspunkt für drei verschiedene Gebirge. Im Norden befindet sich das Postavarlu, im Südwesten das Bucegi (bis 2500 m) und im Südosten das Baiului (bis 1900 m). Die beiden südlichen Gebirge verlaufen etwa 40 km parallel zueinander und sind nur durch das Flusstal der Prahova getrennt. Diesem Tal wollen wir folgen.

In der kühlen Abendsonne, sogar Uwe hat erstmals etwas Langärmliches herausgekramt, sausen wir unter Schonung der Bremen hinunter nach Busteni, einem lebhaften Ferienort, der im Schatten einer gigantischen Felswand liegt.

Im nächsten Ort, Sinaia, wollen wir übernachten. Es dunkelt bereits. Glücklicherweise finden wir auf Anhieb am Ortseingang eine freundliche und preiswerte Pension. Das Haus ist sehr fadenscheinig und so eigenartig und gebaut, dass wir das Tandem mit ins Haus vor unser Fenster stellen können. Das Zimmer ist klein und karg, aber wir sind zufrieden. Statt 15000 Lei (= 3,75 €) zahlen wir 17500 Lei (= 4,37 €) pro Person, um ein Zimmer mit Bad zu bekommen. Das Bad ist ein Witz. In der fensterlosen kleinen Toilette mit Waschbecken und Abfluss hat man einfach einen Duschschlauch an den Wasserhahn gemacht. Uwe tut so, als würde er immer in solchen Zimmern schlafen und gibt mir noch den Hinweis, vor dem Duschen das Toilettenpapier raus zu legen. Als ich nach dem Duschen den Wasserdampf ins Zimmer entlasse, liegt Uwe schon friedlich schnarchend auf der Pritsche, hat sich einfach mit dem Bettbezug zugedeckt, so braucht er nicht das Bett beziehen, Es ist erst 20.30 Uhr. Heute sind wir nur 70 km geradelt.
11. Urlaubstag
Dienstag, den 17.08.2004
Rasch ist das Rad gepackt. Im Urlauberzentrum Siana kostet der Kaffee zum Frühstück freilich das Vierfache wie üblich (1 €). Wir genießen die Morgensonne bei acht Grad Celsius.

Am Zaun einer Gaststätte schließen wir das Tandem mit Gepäck einfach an und fahren mit der Kabinenbahn hinauf auf die Gipfelkette des Bucegi - Gebirges. Steil fährt die Bahn, unter uns sind hunderte Meter Abgrund - nicht für schwache Nerven. 20 Minuten später stehen wir auf dem 2000 m hohen "Kora".

Wir laufen ein Stück. Gut geht das nicht mit wegen Uwes Fahrrad - Kick - Schuhen, dann legen wir uns ins duftende Gras. Herrlich ist der Blick ins Tal! Unten liegt Siana, Busteni (wo auch ein Lift ist und ein gutes Wanderziel wäre) und etwas oberhalb Predal (das wir gestern durchfahren haben). Auf der anderen Seite des Tals erhebt sich der prächtige mit grünen Matten bewachsene fast ebenmäßige Kamm des M. Baiului, das wäre eine schöne Zweitagestour. Das Bucegigebirge liegt vor uns ausgebreitet: relativ bequeme Wanderwege, Blumenwiesen, Schaf- und Rinderherden, deren Glockenklänge zu uns heraufklingen. Da möchte man am liebsten gleich den Rucksack packen! Es duftet herrlich nach Thymian und Gebirge. Das Gras ist glatt und dicht wie ein Fell, die stengellosen Glockenblumen strahlen tiefenblau aus dem Blumenmeer. Am Horizont grüßen die Zweitausender des Fagarashgebirges, dessen Kamm wir vor 18 Jahren gemeinsam erwandern wollten. Der "Verhinderungsgrund" spielt jetzt täglich bei uns zu Hause Schlagzeug. Wir genießen den Ausblick und den Duft und halten ein Schläfchen. Nach einem Spaziergang fahren wir zur Mittelstation ab. Bis hierhin (1400 m) führt eine öffentliche Teerstraße. Also picknicken hier viele Familien. Wir kaufen uns auch ein paar Mickys vom Grill. Später finden wir unser Tandem unversehrt. Auf der blumengeschmückten Terrasse des Lokals, wo unser Tandem steht, essen wir zwei riesige Schüsseln köstlichen Salat. Alle Leute, die vorbeigehen, bestaunen unser Rad. Und die Frau vom Kiosk nebenan fragt uns gar, ob wir Globetrotter seien.

14.30 Uhr herrscht immer noch Hitze, aber wir fahren los. Erst kommt ja auch eine Abfahrt, das haben wir vom Berg aus gesehen. Das Verkehrsaufkommen ist hoch, doch die Straße ist im guten Zustand.

Ein kleiner ausgesetzter Hund will mit, doch wir lassen ihm bei seinen 7 Geschwistern.

Schon bald führt die Straße vierspurig (E 60) entlang eines Flusses schnurgerade durch die Ebene, wir können auf dem Seitenstreifen fahren. Zweimal wird uns bei einem Motel die Vorfahrt genommen, so dass wir fast stürzen.

Wir fahren an einen Stau am Bahnübergang. Da stehen ein paar Kioske, die machen nur ein Geschäft, wenn ein Zug kommt. Ich kaufe dort die Spezialität. Das sind knochenharte Teigkringel, die kann man gut während der Fahrt essen. Der Zug fährt durch, obwohl die Schranken offen sind. Weiter geht die Fahrt. Wir kaufen uns noch ein paar Trauben, die in diesem Ort überall vor den Gärten angeboten werden, und essen sie während der Fahrt.

So kommen wir heute doch noch auf 83 km. Wir zelten im Maisfeld. Die Lücke für unser Zelt entstand, weil hier jemand Mais gemaust hat.
12. Urlaubstag
Mittwoch, den 18.08.2004
Es war eine sternklare Nacht, ein Stern schien so groß, wie ich noch nie einen sah. Es war sehr warm in der Nacht, und wir wälzten uns hin und her.

7.00 Uhr ging herrlich die Sonne auf, wir frühstückten im Sonnenschein bei mindestens 20 Grad

Am Feldweg, den wir abends hinein gefahren waren, lag jetzt ein toter Hund. Schon öfters sahen wir tote Hunde und rochen den entsetzlichen Gestank. Selbst mitten in Ortschaften lagen sie unbeachtet.

Sie Straße (1 d) ist wenig befahren. Wir rollen in angenehmen Morgentemperaturen an großen Mais- uns Sonnenblumenfeldern vorbei zügig voran. Die Straße führt schnurgerade durch die Ebene.

In der Kleinstadt Urziceni halten wir am Brezelbäcker und legen an einem Cafe eine Pause ein. Da wird gerade am Fußgängerüberweg ein Fußgänger angefahren. Weiter geht die Fahrt bei Hitze. Heute tut mir der Hintern vom Sattel weh, ich muss öfter mal absteigen und ein paar Schritte laufen.

Nun ist die Straße wieder dicht befahren, aber auf dem Randstreifen kann man radeln. Der Verkehrslärm nervt. Deshalb biegen wir auf eine Nebenstrecke über Poiani aus. Vor Nebenstrecken hat man uns gewarnt, oft sind sie nicht asphaltiert. Wir nehmen eventuelles Umkehren in Kauf.

Nun haben wir die Straße für uns, sie ist auch gut befahrbar. Wir scheuchen die Gänse von der Straße. Jedes Haus hat eine eigene Gänseschar. Jede Schar sieht anders aus. Am Laden, wo wir was trinken, sind wir die Attraktion. Uns fällt auf, dass die Leute im Laden immer nur eine Kleinigkeit kaufen, nie mehr als einen halben Beutel voll, meist aber nur einen Artikel. Es geht halt jeder Mensch mehrmals täglich einkaufen, selbst wenn er mit dem Pferdewagen vorfährt. Der Laden ist Mittelpunkt für Treffen und Gespräche. Paar alte Weiber am Laden essen Sonnenblumenkerne und bestaunen unsere Fahrradtaschen. Die denken bestimmt, so gehen wir immer zu hause einkaufen.

Dann machen wir noch ein Rennen gegen eine Pferdekutsche. Die drei jungen Männer darauf lachen fröhlich. Erst lassen wir uns zum Schein überholen. Der Schimmel läuft zur Höchstleistung auf. Aber dann ziehen wir vorbei!

Zurück auf der B 21 ist wieder viel Verkehr und die Straße im schlechten Zustand, besonders die rechte Seite. Wütend hupen die Autos, wenn wir nicht ganz am Rand fahren. Oft wird gefährlich knapp an uns überholt. Es stehen schon viele Kreuze am Straßenrand.

Nach 15 km kreuzt sich unsere Straße mit der aus Bukarest - Constanta. An der stinkenden Kreuzung gegenüber einer Vulkanisierwerkstatt und Zuglinie, mit Blick zum Chemiebetrieb und bei lauter Radiobeschallung essen wir Abendbrot, weil es kein anderes Restaurant gibt.

5 km weiter errichten wir das Zelt bei Sonnenuntergang etwas abseits an einem Maisfeld. Nach 126 km Fahrt schlafen wir schnell ein. Vorher haben wir uns noch geduscht. Mit dem Inhalt einer Zweiliter - Wasserflasche.

13. Urlaubstag
Donnerstag, den 19.08.2004
Ich hatte die glorreiche Idee, das Zelt auf einem Strohrest, der da lag, aufzubauen. Das war schön weich, aber unter uns hausten die Mäuse, die kletterten nachts am Zeltstoff hoch und rutschten wieder runter. Außerdem haben wir den Verdacht, dass das Loch in den Zeltboden von ihnen stammt.

5.05 Uhr weckt uns ein angetrunkener Rumäne, der unser Fahrrad mit Hänger, welches gut zwischen den Maispflanzen stand, umschmeißt. Es ist der (korrupte) Wächter des Feldes. Er will "Entschädigung" von uns, weil unser Rad im Mais stand. Uwe tritt forsch auf und vertreibt ihn.

Nach dem Frühstück in der Sonne radeln wir los. Das restliche Brot lassen wir den Mäusen als Entschädigung da.

Uwe ist so lieb und hat mit mir den Sattel gewechselt, denn mir tut der Hintern weh. Später meint er, ich solle nicht nur "auf meinem Thron sitzen", sondern auch strampeln.

In Calarasi essen wir zwischen streunenden Hunden neben der Markthalle backwarme Kuchenstücke. In der Markthalle verkaufen Privatleute ihre Sachen. Herausragend fand ich das Angebot an Fischköpfen und in Zeitungspapier gewickeltes Baumharz.

Obwohl es kaum ausgeschildert ist, finden wir die Straße zur Donau und zur Fähre. Für 50000 Lei (1,25 €) fährt man uns hinüber. Die Landschaft ist interessant, in der Donau sind reich bewachsene Inseln.

An der rumänischen - bulgarischen Grenze wird man langsam abgefertigt. 3 Autos sind vor uns, nach einer halben Stunde sind wir dran. Uwe lobt bei den Rumänen das schöne Rumänien und schwärmt beim bulgarischen Grenzer von seinen zahlreichen Bulgarienurlauben, so werden wir ohne Auspacken durchgewunken. Wir müssen auch keine Straßengebühr bezahlen, die bei den Autofahrern fällig ist.

In Silistria, der ersten bulgarischen Stadt unmittelbar an der Donau, ziehen wir Leva aus dem Geldautomaten. Uwe wäre fast verhaftet worden, weil er versehentlich in der Hinterstube einer Bank herumlief. Für einen Euro gibt es 2 Leva.

Von der Hitze ist mir schon ganz übel. Wir machen Pause und gehen schön essen. Schnell gewöhnen wir uns wieder an die kyrillischen Buchstaben und bestellen Leckereien.

Bei senkender Hitze radeln wir dann die B 21 den Berg hinauf. Zum Glück kommt nach 5 km ein Brunnen zum Abkühlen.

7 km weiter rasten wir etwas abseits bei einem alten defekten Brunnen unterm Nussbaum und verdösen die Mittagshitze. Uwe macht FKK. Da kommt ein Jeep durchs Gestrüpp gerast, bleibt aber unweit von uns stecken. Mir ist schon mulmig, aber die Männer untersuchen nur die schwarzen verdörrt aussehende Sonnenblumen des Feldes, machen Körner in einer Mühle klein und besprechen die Ernte.

Da radeln wir weiter. 16 Uhr ist es noch immer heiß. Aber trotzdem freuen wir uns, dass wir die Ebene hinter uns lassen und ins Hügelland kommen. Sonnenblumenfelder, so weit das Auge blickt!

Nach ein paar Kilometern machen wir in einem Dorf bei einem Miniladen unter einem Weinlaubendach Abendbrot. Dann radeln wir noch bis Sonnenuntergang und bauen das Zelt im Wald auf.

In der Dunkelheit höre ich immer wieder (neben Uwes Schnarchgeräuschen) Musik und Männer, die ihre Pferde antreiben.

In der Nacht muss ich mich übergeben. Ich gebe der Salami die Schuld. Wir werden sie jedenfalls weg, bzw. hängen sie an einen Baum.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
15 Stunden Ausruhen im Nachtzug - Einfahren durchs flache Ungarland - abenteuerliche Herausforderung durch die rumänischen Berge - gemütlich von Badepausen unterbrochen entlang des Schwarzen Meeres - Ziel: Weltmetropole Istanbul
Details:
Aufbruch: 07.08.2004
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 28.08.2004
Reiseziele: Tschechische Republik
Ungarn
Rumänien
Bulgarien
Türkei
Der Autor
 
Carmen und Uwe Garz berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
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