Fahrradtour nach Istanbul

Tschechien-Reisebericht  |  Reisezeit: August 2004  |  von Carmen und Uwe Garz

15 Stunden Ausruhen im Nachtzug - Einfahren durchs flache Ungarland - abenteuerliche Herausforderung durch die rumänischen Berge - gemütlich von Badepausen unterbrochen entlang des Schwarzen Meeres - Ziel: Weltmetropole Istanbul

erste Tage

1. Urlaubstag

Samstag, den 07.08.2004
Wir starten unsere diesjährige Radtour bei herrlichem Sommerwetter direkt von zuhause aus in Wirsberg. Erstmals sind unsere Kinder (16 und 17 Jahre) nicht mehr dabei. So kehren wir nach 17 Jahren zum Ausgangspunkt zurück und radeln wieder zu zweit. Und das macht auch wieder Spaß! Das Tandem steht bereits zwei Tage fertig bepackt in unserer Garage, so gut vorbereitet waren wir ja noch nie. Wir haben sogar schon eine Probetour zum "Fahrrad Wirth" nach Stammbach gemacht, wo noch ein paar Feineinstellungen vorgenommen wurden.

Seit Mai sind wir Tandembesitzer und sind bisher 760 Kilometer (Wochenendtouren in der benachbarten Fränkischen Schweiz und Tagestouren hier im Frankenwald) damit geradelt. Einmal waren nach einer Abfahrt die Bremsen so heiß, dass ein Mantel geplatzt ist.
Wir sorgen uns: Wird das Tandem den Belastungen standhalten? 164 kg Körpergewicht + 18 kg Tandem + 8 kg Hänger (BOB) + 30 kg Gepäck summieren immerhin sich auf 218 kg. Wir haben das Rad gebraucht gekauft mit angeblicher 1500 km gefahrenen Kilometern. Die Mängel stellten wir erst später fest. Neue Tretlager, neue Mäntel, ein neuer Werfer und neue Gewindehülsen mussten eingebaut und die Schaltung repariert werden. Ein neues Tandem wäre billiger gewesen als das gebrauchte Rad nach den Reparaturen. Außerdem wurde das Rad auch erst in der dritten Werkstatt (Fahrrad - Wirth) wirklich zufrieden stellend repariert.

9 Uhr fahren wir los. In Stammbach gibt uns Herr Wirth noch einen Satz Bremsschuhe und ein paar Müsliriegel mit und machte ein Foto von uns. Als wir losfahren fragt ein vorübergehender Mann den Herrn Wirth, wer wir sind. Und ich höre noch wie er sagte: "Die fahren jetzt nach Istanbul."

Istanbul - das klingt wirklich fern. So richtig glauben wir nicht, dass wir es bis dahin in zweieinhalb Wochen schaffen, vor allem weil wir den Weg über die rumänischen Gebirge nehmen wollen.

Von Stammbach aus radeln wir mit herrlichen Rundblicken den Frankenwald - Höhenweg nach Zell und weiter nach Sparneck. Wir sind gleich in der richtigen Urlaubsstimmung und treten freudig in die Pedalen. Unsere Kinder haben wir leichten Herzens zurückgelassen. Sie werden schon allein zu Recht kommen. Wir haben nicht einmal ein Handy mitgenommen. Ich glaube, ein Handy gefährdet jede Urlaubsstimmung und das Gefühl von Freiheit. Keiner weiß, wo wir sind, und auch wir wissen nicht, ob wir wirklich nach Istanbul fahren oder ob wir unterwegs die Planung völlig ändern. Ins Schwitzen kommen wir hinauf ins Waldsteingebirge (780 m ü. NN). Nach rasanter Abfahrt (Bremsen wollen wir ja vermeiden) rasten wir am Weißenstädter See, gehen baden und essen den mitgenommenen Kartoffelsalat.

Auf leicht bergiger Strecke radeln wir gemütlich nach Schirnding und werden an der Grenze nach Tschechien gleich durch gewunken. Wir essen wenige Minuten später in Pomezni am Stausee auf der schattigen Terrasse Mittag.

Dann fahren wir zügig über die Schnellstraße Richtung Cheb weiter, wegen dem breiten Randstreifen ist das aber recht angenehm.

In Franzensbad (90 km) kehren wir im "Zameck" (zu deutsch "Denkwarte") ein. Hier am ehemaligen Aussichtsturm sitzen wir in der schattigen Laube und essen Eisbecher, denn unser Zug nach Kosice soll erst viereinhalb Stunden später fahren. Wir trödeln also rum.

Zwei Stunden vor Zugabfahrt sind wir am Franzensbader Bahnhof, ich will nch die 20 - Kronen - Tickets für die Räder kaufen, bevor wir Geld tauschen und Verpflegung für die Fahrt einkaufen. Am Schalter gibt mir die ältere Frau unfreundlich Auskunft: "Fahrrad - nein!". 3 Minuten später gehe ich noch mal hin und bohre weiter. Wir haben ja schon die Fahrkarten und Liegewagenkarten für den Zug um 19.30 Uhr. Endlich bequemt sich die Frau zu der Auskunft: "Fahrrad - nein! Schienenersatzverkehr Plana - Marinanske Lazne."

Nun kommt bei uns Hektik auf: 5 Minuten später schieben wir das knapp 4 m lange Tandemhängergefährt in die Vogtlandbahn und fahren bis Cheb. Dort renne ich zur Auskunft, 20 Minuten später soll ein Zug vom Bahnsteig 1 über Usti nad Labem nach Kosice fahren. Die Unterführungen haben steile Treppen. Deshalb trägt Uwe das Rad und dann den Hänger über die Gleise. Noch 12 Minuten bis zur Abfahrt. Die Schaffner am Zug sagen, wir dürfen einsteigen. Wir machen die Radtaschen ab und wollen sie in den Zug tragen. Da frage ich nochmals nach Liegewagen, denn es schien mir keiner zu sein. Wir werden auf den nächsten Wagon verwiesen. Rad, Hänger, alle Taschen und zuletzt die Fahne werden hingeschleppt. Als die Taschen im Zug sind, merken wir, dass es ein Kurswagen nach Bratislava ist. Also alles wieder raus! Gleich fährt der Zug, alle Leute sind schon eingestiegen. Wir rennen zweimal: Tandem, abgekuppelter Hänger und die Taschen und die Fahne müssen ans andere Ende des Zuges gebracht werden. Hänger und Taschen wuchten wir eilig ins Abteil. Aber es gibt neue Probleme: Das Tandem passt nicht rein, d. h. es geht nicht um die Kurve vom Eingang zum Gang. Wir sind schweißnass vor Aufregung und Anstrengung. Außerdem weiß ich, dass die 140 Kronen, die wir nur noch besitzen, nicht für das neue Liegewagenticket reichen werden. Nun sagt der Schaffner, wir sollen wegen dem Rad wieder einen Wagon weiter nach vorn. Inzwischen helfen uns 4 Schaffner. In einem Liegewagenabteil wird das obere Fenster runtergeschoben und die 4 Schaffner, Uwe und ich fädeln das Tandem durch das Oberlicht. Halb ist das Rad drin, halb noch draußen. Da geht es nicht weiter. Der hintere, starre Lenker passt nicht durchs Fenster. Uwe sucht den Inbusschlüssel zum Lösen natürlich erst in der falschen Tasche. Inzwischen halten wir das Rad in der Schwebe. Die Lautsprecher sagen schon die Zugabfahrt an. Als der Lenker gelöst ist, wird das Tandem in Millimeterarbeit reingebracht und mit einem Riemen mitten ins Abteil gehängt.

Geschafft - das Tandem ist durch Fenster herreingekommen und festgezurrt.

Geschafft - das Tandem ist durch Fenster herreingekommen und festgezurrt.

Alle Helfer haben sich beschmutzt, Uwes Radshirt ziert eine Kettenölspur über den ganzen Rücken. Der Hänger kommt nun auch noch ins Abteil zum Rad, wir sollen mit unseren Taschen ins Nachbarabteil. Uns ist schleierhaft, wie das funktionieren soll, aber jetzt sind wir erst mal im fahrenden Zug, der uns hoffentlich in 17 Stunden nach Kosice bringen wird. Das Liegewagenabteil mit unserem Rad schließt der Schaffner mit einem Vorhängeschloss ab und gibt uns den Schlüssel. Im Nachbarabteil können wir schlafen und bekommen Bettwäsche. Der Schaffner erhält ein Trinkgeld und alles ist paletti. Für weitere 5 Euro kriegt Uwe vom Schaffner fünf eisgekühlte Bier. Noch vor Karlsbad sind wir wieder vergnügt und in bester Urlaubslaune!

2. Urlaubstag
Sonntag, den 08.09.2004
Wir schlafen gut beim Rattern der Räder. Am Morgen bringt uns der Liegewagenschaffner Kaffee und Waffeln. Die Grenzer sind freundlich, wir müssen nicht mal das Abteil mit dem Tandem aufsperren. Wir fahren vorbei an den slowakischen Gebirgen Mala Fatra, Niedre Tatra und Hohe Tatra, an die wir schöne Wandererinnerungen haben.

Die netten Schaffner heben das Tandem wieder mit aus dem Zug. Das Rad ist schnell bepackt. Dann radeln wir den einen Kilometer zum wunderschönen Stadtzentrum von Kosice. Das neu gestaltete Zentrum lädt mit seinen gepflegten Blumen- und Grünanlagen, Springbrunnen und hellen Fassaden zum Bummeln ein. In den vielen Straßencafes herrscht reges Feiertagsleben. Wir essen in einer Pizzeria gut Mittag und verlassen gegen 14 Uhr Kosice bei warmen Sommerwetter Richtung Süden.

Nach 20 km haben wir eine Steigung von 400 Höhenmetern nach Slanec zu bewältigen. Oben grüßt eine malerische Burg. Wir haben zwar Zeit aber keine Lust zur Burgbesichtigung, wir schwitzen nämlich mächtig.

Die Felgen sind nach einer kurzen Abfahrt vom Bremsen so heiß, dass wir Luft aus den Reifen ablassen müssen.

Im Tal verlassen wir die B 552. Nun rollen wir rasch entlang eines Baches leicht bergab zum ungarischen Grenzübergang Nova Ves. Wir verlassen die Slowakei, ohne uns ausweisen zu müssen.
In Ungarn sind die Straßenschilder grün. Weil die Straße noch dazu so breit ist, fürchteten wir schon, auf die Autobahn gelangt zu sein. Die erste Stadt hat den unaussprechbaren Namen Satoraljaujhely. Überhaupt fällt es uns schwer, einen ungarischen Ortsnamen zu merken. Wir lassen 5000.00 Forint aus dem Geldautomaten (kleinste vorgegebene Einheit), ohne zu wissen, welchen Wert die Scheine haben, denn wir kennen den Kurs nicht einmal annähernd. Eine Kugel Eis kostet 70 Forint, lesen wir kurz danach.

Gegen 19 Uhr (nach 80 km Fahrt) halten wir Ausschau nach einem Schlafplätzchen. "Schlafplätzchen" bedeutet einen Platz für unser kleines Zelt in möglichst lärm-, geruchs-, menschen- und hundeloser Gegend. Der ideale Schlafplatz hat noch ein sauberes Bächlein, Aussicht und Bäume mit reifen Früchten und eine Schutzhütte, die Vögle zwitschern und es dufter lieblich nach Thymian, Lavendel oder Pfefferminze. Wir biegen auf Schlafplätzchensuche (die in der Regel nicht mehr als 15 Minuten dauert) rechts von der B 37 ab zum Dorf Karolyfalva. Bei der ersten Querstraße rechts, am ersten Haus links, fragen wir erst nach Wasser für unsere Wasserflaschen und dann nach einer Zeltmöglichkeit. Die kleine agile Frau Mitte 50 lädt uns gleich ein, in ihrem Garten zu campieren. Sie bietet uns sogar ein Zimmer an, was wir aber ausschlagen, um ihr nicht noch mehr Arbeit zu machen. "Schwester Agnes" ist verwitwet und kann deutsch, weil sie in Deutschland im Turnus von 5 Wochen Pflegedienst leistet. Für 200 Euro wöchentlich pflegt und betreut sie eine alte Frau in Deggendorf rund um die Uhr.
Wir werden von Agnes noch zum Kaffee und zum Erzählen ins Haus gebeten und schlafen dann gut im Zelt. Ich ruhe besonders weich, denn Uwe hat mir zum heutigen 17. Hochzeitstag eine selbstaufblasende Matte geschenkt.

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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 07.08.2004
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 28.08.2004
Reiseziele: Tschechische Republik
Ungarn
Rumänien
Bulgarien
Türkei
Der Autor
 
Carmen und Uwe Garz berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
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