Durch Südböhmen per Fahrrad

Tschechien-Reisebericht  |  Reisezeit: Mai 2009  |  von Manfred Sürig

Mitten in Europa gab es eine Ecke, die ich noch nicht kenne: Ein Streifen abseits des Verkehrs, zu dessen Erkundung man Zeit braucht. Ein Trip von Bayerisch Eisenstein bis Breclav, Slalom über die Grenze, die Europa einmal teilte, war da genau das Richtige.

Erste Konditionsübungen

Mitten durch den Bahnhof ging der Eiserne Vorhang. Ich erinnere mich noch, als ich als Schüler mit meinen Eltern 1951 vom Großen Arber heruntergekommen war nach Bayerisch Eisenstein. Da war ein Maschendrahtzaum im Bahnhofsgebäude, hinter dem der Staub zentimeterhoch lag und mittendrin eine grüne Zigarettenschachtel Marke Texas, die damals schon out war - mein Gott, wie lange mußte die hier schon liegen.
Im Sommer 2009 liegt sie nicht mehr da, der Zaun ist auch weg und alles ist blitzsauber - auf beiden Seiten eines roten Strichs, der zwischen zwei Grenzsteinen sauber gezogen ist.

Dort stelle ich mein Rad auf den genauen Startpunkt unserer Tour auf 704 m über Meereshöhe. Das erste Mal seit 58 Jahren will ich nun die andere Seite hinter der Grenze kennenlernen.
Zunächst brauchen wir eine möglichst genaue Karte, denn wir wollen verkehrsreiche Straßen meiden, aber auch nicht auf Abwege geraten. In Zelezna Ruda (Markt Eisenstein) finden wir alles, was wir brauchen. Da lohnt es sich, trotz des fortgeschrittenen Tages noch einen ersten Tourabschnitt anzutreten.

Die Fahrradkarte enthält auch alle Wanderwege, das macht sie etwas unübersichtlich, aber besser als gar nichts

Die Fahrradkarte enthält auch alle Wanderwege, das macht sie etwas unübersichtlich, aber besser als gar nichts

Ein Trabbi mit Trabbianhänger. Bei uns vielleicht ein gesuchtes Liebhaberstück. Hier dient es als täglicher Transporter

Ein Trabbi mit Trabbianhänger. Bei uns vielleicht ein gesuchtes Liebhaberstück. Hier dient es als täglicher Transporter

Schon nach wenigen hundert Metern merken wir, was die Höhenlinien auf der Karte in natura bedeuten: Kräftig treten, herunterschalten und absteigen, um zu schieben. Trotz Sonnenscheins spüren wir auch, dass es je 100 Meter mehr Meereshöhe ein Grad kälter werden soll.
Und irgendwann kommen wir an die Baumgrenze.

Nicht, weil's zu kalt ist, sondern weil Umweltschäden oder Borkenkäfer den Wald kahlgefressen haben. Die Baumleichen ragen in den Himmel und am Wegesrand sind überall Duftfallen für die Borkenkäfer aufgestellt

Und ganz oben - ein Schild zeigt 1122 m Meereshöhe - radeln wir auf ebenen Wegen mit leichtem Rückenwind durch Wiesen, deren erstes Frühlingsgrün erst wenige Tage alt sein kann. Die Berge um uns herum sind schon fast auf Augenhöhe: der Polom 1295 m, Plesna 1337 m, Zdanidla 1308 m, etwas weiter südöstlich der Polednik mit 1315 Metern, dort rauf soll sogar ein Radweg führen. Doch von der Paßhöhe führen alle Wege nun bergab. Jetzt wissen wir die fabelhaft asphaltierten Radwege zu schätzen, auf denen wir uns flugs herabrollen lassen können, bei Tempo 50 und mehr müssen wir Energie verschwenden und leicht bremsen.

Unterwegs sehen wir einen Hinweis auf ein eingefriedetes Stück Wiese mit einer Toilette am Rand und einer Übersichtskarte in großem Maßstab. Ein Notübernachtungsplatz ! Wir ziehen doch eine Übernachtung in einem Gasthaus vor und müssen uns etwas suchen. Wie weit mag es bis dahin sein ?

Geplant haben wir nichts und angemeldet sind wir auch nirgends, wir wollen doch die grenzenlose Freiheit genießen. Also suchen wir auf unserer Karte, - aber aus der ziehen wir nur weitere Wandervorschläge oder Mountainbikerouten. So rollen wir weit abwärts erst einmal bis zu einer Straße mit Autoverkehr, der Sumava Magistrala, die wir in Nova Hurka

erreichen. Dort wird rechts und links ständig "ubitovany" angeboten.
Wir radeln uns noch 14 km weiter etwas warm, bis wir nach einer Steigung Prasily erreichen, ein kleines Bergdorf auf etwa 850 m ü.M mit einem properen Gasthof und einer Pension Karolina dahinter. Für 480 Kronen pro Person bekommen wir ein uriges Appartement und im Restaurace genießen wir für 350 Kronen ein saftiges Steak mit grünem Spargel und 1 Liter Gambrinus Bier, umgerechnet 13 € fürs Essen und Trinken, 18 € für die Übernachtung mit Frühstück. Hier könnte man seßhaft werden !

© Manfred Sürig, 2009
Du bist hier : Startseite Europa Tschechien Tschechien-Reisebericht
Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 20.05.2009
Dauer: 11 Tage
Heimkehr: 30.05.2009
Reiseziele: Tschechische Republik
Österreich
Der Autor
 
Manfred Sürig berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.