Le tour de Bénin

Reisezeit: Juli - Oktober 2007  |  von Julian Schwartzkopff

20. - 26. August: Fünfte Woche

Eine ereignisreiche Woche liegt hinter mir. Ich habe Malaria bekommen und es wurde mir prophezeit, dass in nächster Zeit jemand sterben wird. Doch das sind nur die Highlights.

Montag bis Mittwoch im Büro des CAO verlief relativ ereignislos. Donnerstag und Freitag war ich dann wieder im Terrain. Darüber schreibe ich jetzt aber nichts mehr. Eine Sache vielleicht doch: Wir waren in Possotome, dem Ort wo Benin sein Mineralwasser herbekommt. Als ich die kleine Pumpe gesehen habe, war ich ein bisschen enttäuscht.

Dafür stand mir die Möglichkeit einer interessanten Nebenaktivität offen. Die (tolle) Friedrich Ebert Stiftung (die mir großzügigerweise ein Stipendium gewährt), veranstaltet gerade in Benin in Kooperation mit der Deutsche Welle-Medienakademie ein dreiwöchiges Seminar für Radiojournalisten mit Spezialisierung auf ökonomische Themen. Die Förderung der freien (aber nicht immer so kompetenten) Presse ist eine der Kernaufgaben der FES hier.

Jedenfalls werden die ausschließlich einheimischen Teilnehmer hier journalistisch und technisch geschult. Am Ende des Seminars steht eine eigene Reportage, die mit der Unterstützung der Fachleute der DW erstellt wird. Das ist für mich nicht ganz so interessant, weil ich kein Radiojournalist werden möchte. Sehr viel interessanter ist der Teil über die beninische Ökonomie. Im Rahmen des Programms halten nämlich einheimische Spezialisten Vorträge zu Themen wie Außenhandel, Staatshaushalt und Armutsindikatoren. Besonders interessant für mich: La filière de coton au benin (der Baumwollring), weil ich nebenbei an einer Hausarbeit über die Effekte der US-Baumwollsubventionen auf den Anbau dieses "weißen Goldes" in Benin schreibe.

Ich versuche also momentan, den beninischen Baumwollanbau zu verstehen. Es ist ein Albtraum, lasst euch das sagen. Nachdem ich mich jetzt über eine Woche damit befasst habe, habe ich das Gefühl mir platzt der Kopf. Die ganze Struktur ist nach Worten des ehemaligen beninischen Landwirtschaftsministers "von Grund auf mafiös". Die hier typische exzessive Verwendung von unhandlichen Abkürzungen macht es nicht besser. Ein Paar Beispiele : SONAPRA, CAGIA, CSIE-GIE, FUPRO. Die Liste ließe sich beliebig lange fortführen. Vielleicht schriebe ich später nochmal etwas dazu, wenn ich besser durchgestiegen bin.

Nachdem jetzt die kompletten Werktage der Woche brutal zusammengekürzt wurden, widme ich mich umso ausführlicher dem Wochenende. Am Samstag waren Armel und ich nämlich in Ouidah, Wiege des Voodoo und Hauptstadt der Sklaverei. Wir hatten einen lokalen Guide, der mir von einem Entwicklungshelfer des DED vermittelt wurde.

Zuerst haben wir die Route des Esclaves verfolgt, was einem ein gutes Bild davon gibt, was die Sklaven vom Zeitpunkt ihrer Gefangennahme bis zum Verkauf erleiden mussten. Eine wirkliche "Route" ist es jedoch erst heutzutage. Früher handelte es sich um ein langgezogenes Sumpfgebiet, durch das sich die Sklaven aneinandergekettet schleppen mussten. Einige Highlights der Route: Wochenlanges Einsperren in engen dunklen Kammern, Brandmarken (wie soll man die ganzen Schwarzen sonst auch auseinanderhalten) sowie tagelanges Zusammenpferchen in den Höfen der Sklavenforts, ungeschützt vor Sonne und Regen. Besonders perfide der Baum des Vergessens: Männer mussten ihn neun Mal umrunden, Frauen und Kinder sieben Mal. Der Legende nach vergaßen sie so ihr gesamtes vorheriges Leben. Um dem Baum diese magische Kraft zu verleihen hat der damalige König Anfang des 18. Jhdt. vier Menschen lebend darunter begraben lassen. Etwas netter ist der Baum der Wiederkehr. Drei Umrundungen und die Seele des Sklaven kehrt zumindest wieder nach Afrika zurück. Wie nett. Um diesen Zauber zu sprechen wurde auch nur ein Mensch lebend begraben.

Ich mit Phyton am Phytontempel

Ich mit Phyton am Phytontempel

Während des 18 Jhdt. verließen 20 000 Sklaven jährlich die Küste. Die Stadt erlebte 1807 einen wirtschaftlichen Einbruch: Die Briten fiel auf, dass es vielleicht ein oder zwei moralische Einwände gegen den Sklavenhandel geben könnte, worauf sie ihn 1807 verboten. Es dauerte jedoch noch knapp vierzig Jahre, bis der Handel komplett eingestellt wurde. Auch der Besitz von Sklaven (und damit deren Ausbeutung und Misshandlung) war noch Jahrzehnte länger in England erlaubt.

Der Sklavenhandel wurde jedoch nicht nur von den Europäern betrieben, sondern fand in freundlicher Zusammenarbeit mit den Königen von Dahomey statt. Als Herrscher eines Kriegervolkes, ohnehin geübt im Unterwerfen und Versklaven anderer Völker, verkauften sie gerne ihre Brüder für Alkohol, Kanonen, etc. Eine Kanone war z.B. 21 Sklaven wert.

Ein besonderer Freund des Königs von Dahomey im 18. Jahrhundert war Don Francisco de Souza. Ein so guter Freund sogar, dass er zum Vizekönig gekrönt wurde. Er war der erfolgreichste Sklavenhändler seiner Zeit, der Sklavenmarkt lag direkt vor der Tür seiner Residenz. Ich hatte mich die ganze Zeit schon gewundert, warum der Name "de Souza" so oft in der Region vorkommt. Marino heißt zum Beispiel "de Souza", genauso wie ein anderer Angestellter des CAO. Jetzt kenne ich die Antwort: Der Gute Don Francisco hatte 99 Frauen! Mit denen hatte er gut über hundert Kinder! Wenn diese jetzt ihrerseits wieder Kinder bekommen, und diese wieder Kinder... Und das über Generationen...

Es gibt übrigens bis auf das alte portugiesische Fort praktisch keine Originalmonumente mehr zu sehen. Nach dem Verbot der Sklaverei gab es Aufstände und fast die gesamte Infrastruktur des Sklavenhandels wurde zertrümmert. Irgendwie verständlich. Die Statuen, die die Route des Esclaves säumen sowie die Porte du Non Retour wurden anlässlich des Festes der Versöhnung 1992 unter der Präsidentschaft von Soglo von der UNESCO finanziert.

Nun zum Voodoo. Vorweg: mit Puppen und Nadeln hat das rein gar nichts zu tun. Voodoo kann nämlich gar nichts Böses anrichten. Voodoo beschützt, Voodoo heilt, Voodoo sieht Zukunft und Vergangenheit. Wer etwas Böses anrichten will, muss auf Zauberei (Sorcellerie) zurückgreifen.

Jeden 10. Januar wird in Ouidah das Internationale Fest des Voodoo veranstaltet. Da ist der ganze Ort Wochen vorher ausgebucht, weil Massen von Exil-Voodooianern kommen (nein, sie heißen nicht wirklich so). Wenn heutzutage z.B. in Haiti Voodoo praktiziert wird, dann weil es die Sklaven aus ihren Heimatländern exportiert haben. Anlässlich des Festes wird ein ganz besonderes Ritual durchgeführt, erklärt uns der Guide, und zwar auf dem Grund des Meeres. Dafür wird das Meer einfach geteilt und der oberste Voodoo-Priester geht mit seinem Gefolge hinein. Ob man sich das anschauen könne, frage ich. Wie sich herausstellt, funktioniert das Ritual leider nur um halb vier Uhr morgens, wo nicht so viele Zuschauer zu erwarten sind. Ohnehin sind nur Initiierte überhaupt im Stande, es zu sehen.

Außerdem haben wir noch König Kpassé gesehen. Mittlerweile ist er gut 600 Jahre alt. Er hat sich gut gehalten, denn er ist ein Baum. Als Dahomey im 14. Jhdt. in das Reich Xweda einfiel, floh der König in den Wald. Weil er ein schlauer König war, verwandelte er sich sogleich in einen Baum, um dem König von Dahomey zu entgehen. Der steht heute noch im Fôret Sacre Kpassé von Ouidah, welcher regelmäßig für Voodoo-Zeremonien benutzt wird. Im Foret stehen auch einige Statuen verteilt, unter anderem ein Mann mit riesigem Penis. Alle haben eine bestimmte kultische Bedeutung. Es gibt dort auch einen anderen Baum, der sich, vom Blitz gefällt, ganz von selbst wieder aufgerichtet hat. Keine 20 Jahre ist das her. Wunder passieren also auch heute noch.

Orginalton des Führers: "Il était très fort"

Orginalton des Führers: "Il était très fort"

Am Strand mit nigerianischen Srachstudentinnen

Am Strand mit nigerianischen Srachstudentinnen

Am Strand mit Boot

Am Strand mit Boot

Eine Statue dort hat mir besonders gefallen. Nein, nicht die mit dem riesigen Penis. Vielmehr ein rostiger Stahlmann. In der einen Hand hält er ein Weihrauchfass, welches das Christentum symbolisiert. In der anderen hält er eine Art Anker, Symbol für das Voodoo. Tags ist er Christ, aber nachts wird er zum Voodoo-Anbeter. Das Ausüben von zwei Religionen ist hier völlig normal. Synkretismus heißt das schön wissenschaftlich. Die große Mehrheit der Beniner praktiziert beide Religionen parallel, oder glaubt zumindest daran, ohne darin ein Problem zu sehen. Wie groß der Glaube an übernatürliche Kräfte ist, hat sich mir in einigen Unterhaltungen gezeigt.

Es ging um typische Bühnenmagier à la David Copperfield, die man hier manchmal im Fernsehen sieht. Armel und einige Freunde haben ernsthaft die Position vertreten, es sei schwarze Magie, zum Beispiel eine Taube in seinen Händen erscheinen zu lassen. Es handele sich um ausgeklügelte Tricks und Täuschungen, halte ich dagegen. Na gut, einige vielleicht, wird eingestanden - aber es bleibe ein Rest, der nur mit Magie erklärbar sei. Seufz. Andere Situation: ich bin mit Marino im Terrain, wir unterhalten uns über Voodoo. Er erzählt mir, dass früher auch in Europa übernatürliche Kräfte am Wirken gewesen seien, wie ja die Hexenverbrennungen beweisen würden. Die Frauen wurden grundlos umgebracht, argumentiere ich, einige kannten sich vielleicht mit Kräutern aus... Ja, die große Mehrheit wurde grundlos umgebracht, kommt die Antwort, aber einige seien echte Hexen gewesen...

Ich erzähle dies nicht, um mich über die Leute hier lustig zu machen. Marino beispielsweise ist hochintelligent und hat jahrelang in Europa studiert. Ich erzähle dies, um zu verdeutlichen wie die Leute hier ticken. Voodoo, übernatürliche Kräfte, Magie... all dies ist hier kein Gruselmärchen, sondern Realität.

Dementsprechend war natürlich auch ein Besuch beim FaPflicht, einem Voodoo-Seher. Unser Guide hat uns dahingeführt, unter der Versicherung dass es kein Scharlatan oder Touristenfänger sei. Authentisch wirkte es jedenfalls, denn der Fa war gerade noch damit beschäftigt, einem Einheimischen die Zukunft weiszusagen. Nachdem wir scheinbar endlos im Wohnzimmer mit unerträglichen afrikanischen Musikvideos gefoltert worden waren, kamen wir endlich an die Reihe.

Ein Mann mit Bierbauch und Lendenschurz führt uns in einen kleinen Verschlag, der prall mit Flaschen mit vielfältigem und vermutlich teils gefährlichem Inhalt, diversen Tierteilen, einer Schale mit Muscheln und Steinen und allerlei anderer Gerätschaften gefüllt war. Der Fa breitet seine Bastmatte aus und lässt sich schwer darauf plumsen. Ich muss jetzt einen Wunsch oder eine Frage auf eine Steinmurmel sprechen. Natürlich leise, sonst wäre das mit der Prophezeiung ja keine Kunst. Ich spreche. Danach hantiert er kurz mit einigen Ketten, Muscheln und Steinen auf seiner Bastmatte umher und murmelt dabei unverständliches Zeug. Zwischendurch sagt er immer, was er gerade sieht. Kurzum: Mir hat er prophezeit, dass jemand sterben würde und dass ich mich vorsehen solle, weil zu einem bestimmten Zeitpunkt alle gegen mich sein werden. Er hat noch andere Sachen gesagt, aber das waren die Highlights. Armel hat er prophezeit, dass ihm etwas Schlimmes widerfahren wird, sollte er ins Ausland gehen. Außerdem soll er schwer krank werden. Hatte wohl einen schlechten Tag, der Seher. Ich konnte mir nicht helfen, mir war trotzdem etwas mulmig zumute...

Am Sonntag war es dann jedoch nicht Armel, der krank wurde, sondern ich. Ich habe mich morgens schon nicht gut gefühlt, aber den Abend lag ich dann komplett flach. Bauchschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Schwäche, Fieber, Erbrechen - Malaria. Das hat jedenfalls die Krankenschwester, zu der mich Pierre noch spät nachts gefahren, so Pi-mal-Daumen diagnostiziert. Diese hat mir dann eine Spritze in den Hintern gegeben und die entsprechenden Malariamedikamente verschrieben. Zumindest bin ich jetzt offiziel "getauft", wie mir gesagt wurde, und habe eine gute Ausrede um die ganze Zeit im Bett zu liegen und zu lesen.

Ich greife ausnahmsweise mal ein bisschen auf die nächste Woche vor: Die Medikamente scheinen gut anzuschlagen, es geht mir schon viel besser. So viel besser, dass ich ein bisschen misstrauisch geworden bin, ob ich überhaupt Malaria hatte und nicht einfach einen Migräneanfall, verdorbenen Magen, oder was weiß ich. Jedenfalls bin ich noch einmal in eine andere Klinik gegangen, um einen Malariatest machen zu lassen. Es stellt sich heraus: Ich habe kein Malaria. Jedenfalls nicht mehr. Es könne durchaus sein, dass ich nur leicht erkrankt war und die Erreger schon getötet wurden. In jedem Falle solle ich die Behandlung weiterführen. Toll, jetzt werde ich es wohl nie genau wissen. Ich bin jetzt also ein bisschen wie Schrödingers Katze, nur eben mit Malaria.

Ohne Worte

Ohne Worte

© Julian Schwartzkopff, 2007
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Von Juli bis Oktober 2007 mache ich ein Praktikum bei der afrikanischen NGO Centre Afrika Obota (CAO). Das ist das erste Mal Afrika für mich, abgesehen von einer einwöchigen Clubreise nach Tunesien... Hier werde ich von meinen Erfahrungen berichten.
Details:
Aufbruch: 23.07.2007
Dauer: 3 Monate
Heimkehr: 22.10.2007
Reiseziele: Benin
Togo
Der Autor
 
Julian Schwartzkopff berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.