60 Tage Jerewan

Reisezeit: Oktober - Dezember 2003  |  von Stefanie Schulte

Nationalgericht Chasch: Triumph im Teller

Vor mir steht ein tiefer weißer Teller, gefüllt mit einer fahlgelben Fluessigkeit mit Fettaugen. In der Tischmitte aufgereiht sind Töpfe mit Knoblauchsauce, Peperoni, kleingeschnittener Rettich und Stapel von pappkartonduennem, trockenem armenischem Fladenbrot. Auf Touristen wirkt Chasch eher abschreckend. Doch für Armenier ist dieses Sonntagsessen ein Highlight.

Mein Tischnachbar reicht mir eine der Lawasch-Brotscheiben, gross wie eine Tageszeitung. "Das musst Du in kleine Stuecke brechen und in den Teller broeseln, so schnell wie moeglich - sonst wird die Suppe kalt." Meine Kollegen rechts und links feuern mich zur Eile an. Eine Viertelstunde spaeter sind fuenf trockene Brotfladen in meinem Teller versunken. Aus der duennen Fluessigkeit ist eine dicke Pampe geworden.

Diese Suppe kann ohne Loeffel gegessen werden. Ein frisches, weiches Stueck Lawasch, mit dem man das Gemisch aus dem Teller angelt, ist als Besteck voellig ausreichend.

Doch zunaechst einmal eine Kostprobe armenischer Legenden: "Chasch besteht aus Rinderfuessen. Man sagt, dass vor Urzeiten ein reicher Mann alle Rinder besessen hat und den Armen nur deren Fuesse ueberlassen hat. Die armen Leute haben Chasch daraus gekocht und wurden gluecklich - und der reiche Mann hat sich sehr gewundert".

Vielleicht ist es das Gefuehl des stillen Triumphs, das die Armenier bei Chasch so beherzt zugreifen laesst. Das, was ich zwischen einer Lawasch-Scheibe in meinem Mund schaufle, schmeckt hauptsaechlich nach Brot und Knoblauch und ganz leicht nach Rindfleisch und nach Fett.

"Wichtig ist, dass man Chasch frueh am Morgen isst. Nur dann hat man genug Zeit zum Verdauen", sagt Hrant, waehrend er Lawasch in seine zweite Portion kruemelt. "Und der Wodka gehoert unbedingt dazu."

Nach Abschluss des Mahls wiegt der Bauch so viel wie die Felsbrocken, die ueberall in der armenischen Landschaft verstreut liegen. Im Kopf macht sich angenehm warm der Wodka breit. Der lange Tisch ist voll von Lawasch-Kruemeln und zusammengeknuellten Servietten.

Wer einmal einen Raclette-Abend oder ein Kaesefondue mitgemacht hat, kennt dieses Gefuehl.

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© Stefanie Schulte, 2004
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Die Reise
 
Worum geht's?:
In ihrer BWL-Diplomarbeit konzipierte Stefanie Schulte, 26, ein Intranetportal fuer Lycos Europe. Im Herbst 2003 reiste sie als Praktikantin fuer drei Monate nach Jerewan und begleitete die Umsetzung des Intranets in der armenischen Entwicklungsabteilung.
Details:
Aufbruch: 09.10.2003
Dauer: 12 Wochen
Heimkehr: 29.12.2003
Reiseziele: Armenien
Der Autor
 
Stefanie Schulte berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
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