Tunesien 2017: Wie Hitler mir half

Reisezeit: Dezember 2016 - Januar 2017  |  von Alfred Fuchs

Route nach Süden

Fährenluxus

Fährenluxus

Zollkontrolle

Zollkontrolle

Vom Hafen in die Stadt

Vom Hafen in die Stadt

Stationen des Kennenlernens

Mein Ziel ist die Sahara mit richtigen Sanddünen.
Die Lage ist auch hier unsicher, das Land ist offiziell im Ausnahmezustand, aber bis zur Oase Douz kann man fahren, weiter südlich und westlich soll man nicht.

Ziemlich viel abwechslungsreiche Geschichte auch:
Karthago mit dem Heerführer Hannibal,
Kornkammer des römischen Reiches, später die Vandalen und Osmanen.
Piraten, Kolonialgeschichte und zweiter Weltkrieg.
Zuletzt der Auslöser für den arabischen Frühling.

Um 10 Uhr vormittags Einfahrt in den Hafen, es ist nicht kalt, aber auch nicht warm.
Dann kommen die Grenzformalitäten.
Obwohl ich genau nichts importiere, muss ich durch die aufwändige Zollkontrolle. In einer weiträumigen Halle stehen viele Leute mit Kleinlastern und laden die Waren aus.
Man glaubt nicht, wie viel in so einen Kleinbus hineinpasst.
Die Zöllner machen gemächlich ihre Listen und viele lebhafte Verhandlungen beschleunigen den Ablauf auch nicht gerade.
Genau 6 Stunden vergehen, bis ich die Abfertigung endlich hinter mir habe.

Das erste Ziel ist Hammamet, kleine Touristenperle südöstlich der Hauptstadt.
Rundgang durch die nette kleine Altstadt.
Ein paar Marktstände, aber nicht viel los.

Weiter nach Sousse.
Die Straßen der Medina gesäumt mit endlose Reihen von Verkaufsständen, dazwischen Kebab und ähnliche, unbekannte Gerichte, die auszuprobieren sich lohnt.
Dann die große Mauer der Kasbah, die richtig mittelalterliche Stimmung aufkommen lässt.

Ich muss mal wieder zum Barbier.
In einem kleinem, einfachen Geschäft am Platz kann man sich herrichten lassen.

Dass die Haare gewaschen, gedünnt und präzisionsgeschnitten werden, ist klar, aber der Service geht weit darüber hinaus.
Die Brauen müssen zurechtgestutzt werden, die Ohren freigeräumt, der Schnurrbart getrimmt, dann werden sogar die Haare in den Nasenlöchern kurzgezwickt.
Und zum Schluß müssen ein paar Barthaare auf einem Wärzchen dran glauben. Sie werden mit der Pinzette einzeln ausgerupft.
Das hat richtig weh getan.
Jedenfall sehe ich nun zehn Jahre jünger aus und reise weiter.

Sonnenuntergang mit Meeresrauschen in Monastir.
Auch hier nicht viel los.

An viele Kreuzungen bzw. Kreisverkehren stehen schwer bewaffnete Polizisten.
Meistens langweilen sie sich, manchmal steckt ihnen jemand etwas zu und manchmal kontrollieren sie auch.
Die meisten Polizisten stehen mit umgehängtem Gewehr an der Straßensperre und der Typ kam mir irgendwie bekannt vor.
Aber eine AK-47 war es nicht und eine AR-15 auch nicht.
Irgendwann nahm ich meinen ganzen Mut oder Fürwitz und meine Französisch-Kenntnisse zusammen und fragte:
"Excuse moi, quelle type c'est ca?"
Bevor ich eine Antwort bekam, stand ich so nahe, dass ich es selber am Schaft lesen konnte: AUG Steyr. Ah, made in Austria!
Da fühlt man sich doch gleich viel heimeliger.

Eine schnelle Internet-Recherche brachte ans Licht: Tatsächlich, zehntausende Sturmgewehre wurden nach Tunesien geliefert und die Polizei damit ausgestattet.
Bei den nächsten Polizeikontrollen benutzte ich dieses Wissen für ein wenig charmanten Smalltalk:
Wenn er einen Blick in den Reisepass warf, sagte ich: "Ich Nemza", zeigte auf sein Gewehr und sagte "Nemza".

Manche schlossen scharfsinnig, ich sei wohl Steyrer, vielleicht sogar Waffenhändler.
So baut man doch viel leichter eine Beziehung auf.

Kairouan
Ich habe von dieser Stadt noch nie gehört.
Aber es soll da eine berühmte Moschee geben, UNESCO-Weltkulturerbe, das sollte ich mir doch ansehen.
Als ich so um die Moschee schlendere und einen Blick in den Innenhof werfe, spricht mich ein Händler an. Teppich - ich brauche aber keinen.
Dann erklärt er mir, dass er auf dem Dach eine Aussichtsterrasse habe, von wo man einen guten Blick auf die Stadt und die Moschee habe.
Ich folge ihm und tatsächlich bekommt man einen Eindruck von der Größe der Anlage, wo freitags sich Tausende zum Gebet versammeln
Er erklärt mir, dass Kairouan neben Mekka, Medina und Jerusalem das vierte große Zentrum des Islam gewesen sei.
Abgesehen davon gäbe es in der Stadt noch hunderte andere Gebetshäuser.
Nun habe ich also eine Bildungslücke weniger, was mit ein paar Dinar Trinkgeld honoriert wird.

Mit Aktuellerem ist der Name Sidi Bouzid verbunden, einer Kleinstadt im Landesinneren.
Hier also verzweifelte ein Gemüsehändler und zündete sich selber an.
Die folgenden Unruhen waren nicht mehr einzudämmen und breiteten sich im ganzen arabischen Raum aus.
In memoriam Mohamed Bouazizi.
Die Jugend der Stadt trifft sich im Supermarkt, hat man den Eindruck.
Immer wieder sehe ich auch Leute, die am Straßenrand ein kleines Feuer machen und davor den Abend verbringen.

Sfax
Die nächste größere Stadt an der Küste ist Sfax, dort will ich den Silvesterabend verbringen.

Aber ich stelle fest: Nicht viel los.
Kein Menschenauflauf, sehr wenige Feuerwerksraketen.
Als ich auf der Suche nach einem Schlafplatz umherkurve, kümmert sich plötzlich die Polizei mit Blaulicht um mich.
Verblüfft sehe ich mich von von einem halben Dutzend Polizeiautos eingekeilt und sehr viele schwarze Gestalten umringen mich.
Es amüsiert mich fast, aber ich muss auf die Wache mitkommen.
Ich nehme es gelassen, hatte ja ohnehin nichts vor.
Das kann dann dauern, aber schließlich wurde ich ausführlich einvernommen.
Was ich hier mache, welche Route ich genommen habe, wohin ich wolle usw.
Dann fragte der Beamte mich überraschend, wozu denn die Kamera an meiner Windschutzscheibe sei.
Ich erklärte ihm, das sei eine Dashcam und sei für die Aufzeichnung bei Unfällen gedacht.
Nach ein paar bösen Vorfällen in Österreich hatte ich mir ein paar Wochen vorher das gekauft und mein Sohn hatte mit zu Weihnachten noch eine Speicherkarte geschenkt.
Er akzeptierte das so.
Dann fragte er, ob ich Aufnahmen von Polizisten gemacht hätte.
Nun dämmerte mir, woher der Wind weht.
Das Fotografieren von militärischen Einrichtungen ist nämlich strikt verboten und im Ausnahmezustand sind die Leute eben zusätzlich nervös.
Ich zeigte ihm auch noch die Fotos auf meinem iPhone: Keine Polizisten.
Schließlich durfte ich wieder gehen, überzeugte als unerwarteter, harmloser Tourist.

Umgehend montierte ich die Dashcam hinten im Auto, wie ich es eigentlich ohnehin vorgehabt hatte.
Ich ahnte nicht, wie sehr sich das lohnen sollte.

Weiter Richtung Süden.
Auf dem Weg nach Gabes nehme ich zwei junge Anhalter mit.

Der eine spricht kein Wort, der andere erzählt mir sein ganzes Leben, voller Stolz von seiner Ausbildung zum Schiffsbautechniker, zeigt mir Fotos von der Familie usw.
In der Stadt lädt er mich noch auf einen Kaffee ein und macht mich mit seinen Freunden bekannt.
Als wir mit unserem Französisch nicht mehr recht weiterkommen, versuchen wir es mit Google Translate.
Arabisch-Deutsch - funktioniert prächtig diese neue Art der Völkerverständigung.
Da sei übrigens demnächst ein Festival in Douz, erklären sie mir.
Und ich müsse übrigens unbedingt auch nach Djerba und Zarzis fahren.

Djerba
Ein langer Damm führt auf die Insel.
Ich übernachte allein am Strand im Rauschen der Meeresbrandung.
Angst? Keine Spur.

Das mobile Internet funktioniert und so recherchiere ich ein wenig über Terrorismus.
Ein Soziologe hat gefunden, dass sie überproportional häufig Ingenieure sind.
(http://www.sociology.ox.ac.uk/materials/papers/2007-10.pdf)
Warum das wohl so ist?
Auf den ersten Blick ist mir das unbegreiflich.
Die Avant-garde der Modernisierung soll eben diese moderne Welt mit roher Gewalt bekämpfen, wie passt denn das zusammen?
Aber die Recherchen gründlicher Journalisten wie im New Yorker
(https://www.newyorker.com/magazine/2016/03/28/tunisia-and-the-fall-after-the-arab-spring)
bieten Indizien, dass da tatsächlich etwas dran sein dürfte.
Es geht gar nicht um Ideologien oder Religionskriege.
Menschen, die eine fachliche Ausbildung bekommen haben und sich dann trotzdem chancenlos finden, reimen sich radikale Erklärungen zusammen und ziehen gegen den vermeintlichen Unterdrücker.
Ingenieure aller Länder, besorgt einander Jobs!

Am nächsten Tag werfe ich einen Blick auf die Club-Anlagen, Robinson, Club Med etc., aber das ist für andere Touristen als mich.

Nun zieht es mich nach Tatouine, das in Star Wars verewigt wurde.
Manche Filmkulisse kann man heute noch in der Wüste besichtigen.
In der Umgebung erkenne ich nur Steine. Wovon leben die Menschen hier?
Die Kontur des Horizonts mit einer Art Tafelberg macht wirklich eine ungewohnte Landschaft.
Dann reibe ich mir die Augen: Da steht tatsächlich ein Saurier auf einem Hügel.
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.

Dann treffe ich auf ein seltsam großes Gebäude neben der Straße.
Passanten, die gerade aus einer kleinen Moschee nebenan kommen, reden sehr freundlich auf mich ein, aber ich kann mit dem wiederholten "islamist" nichts Rechtes anfangen.
Anscheinend sind das die alten Getreidespeicher, von denen aus die Karawanen durch die Sahara loszogen.
Zwei alte Männer sitzen und reden an einem Tischchen.
Sonst nichts los.

Dann auf nach Douz.
Wieder wird es Abend, bis ich ankomme.
Auf einem zu dunklen Platz nehmen sich gleich zwei Bürger meiner an:
"Here not good place."
Ich stelle mich mehr in der Innenstadt, neben dem Spital hin, mache noch einen Rundgang, kann mich aber trotz guten Zuredens nicht entschließen, ein Souvenir-Kamel zu erwerben.
Es heißt ja: "Der Ingenieur ist das Kamel, auf dem die Kaufleute und Politiker reiten", da drängt mich mein selbstironischer Humor zu einem Maskottchen.
Aber vorerst muss die Zigarettenmarke genügen.

Hammamet Medina

Hammamet Medina

Hammamet

Hammamet

Fischhändler

Fischhändler

Sousse Kasbah

Sousse Kasbah

Monastir hinter mir

Monastir hinter mir

Kairouan Stadttor

Kairouan Stadttor

Tor zur Moschee

Tor zur Moschee

Große Moschee von Kairouan

Große Moschee von Kairouan

Nachts in Sidi Bouzid

Nachts in Sidi Bouzid

Sfax Stadtmauer

Sfax Stadtmauer

Holzwaren-Händler

Holzwaren-Händler

Gewürzmarkt

Gewürzmarkt

Markthalle

Markthalle

Olivenhain bei Gabes

Olivenhain bei Gabes

Innenhofcafe in Gabes

Innenhofcafe in Gabes

Clubanlage in Djerba

Clubanlage in Djerba

Moschee

Moschee

Tataouine

Tataouine

Tafelberg-Landschaft

Tafelberg-Landschaft

Tafelberg

Tafelberg

?

?

Alte Getreidespeicher

Alte Getreidespeicher

Douz

Douz

Souvenirladen

Souvenirladen

© Alfred Fuchs, 2017
Du bist hier : Startseite Afrika Tunesien Route nach Süden
Die Reise
 
Worum geht's?:
Mit dem Wohnmobil in die Sahara. Dann ein Zwischenfall. Erst dadurch lerne ich das Land wirklich kennen.
Details:
Aufbruch: 29.12.2016
Dauer: 11 Tage
Heimkehr: 08.01.2017
Reiseziele: Tunesien
Der Autor
 
Alfred Fuchs berichtet seit 5 Jahren auf umdiewelt.