Mekong

Reisezeit: Juni - September 2017  |  von Beatrice Feldbauer

Ankunft in Bangkok

Nacht über dem Iran, oder ist das bereits Afghanistan? Dunkel liegt die Welt unter mir, es scheint Wüste zu sein. Nur dort leuchten zwei Lichter umgeben, von einem helleren Umriss. Wie ein Käfer, denke ich, wie ein riesiger Käfer, der da im Niemandsland mit glühenden Augen in den Himmel schaut. Ob er mich sieht? Ich sitze hinter der runden Scheibe und starre hinaus in die Dunkelheit. Das Buch habe ich vor einer halben Stunde zur Seite gelegt. Ausgelesen. Hatte gar nicht bemerkt, dass ich noch die einzige bin, die die Storen nicht geschlossen hat, das Licht noch an.

Morgenland, Land der aufgehenden Sonne. Im Moment lassen wir die Sonne hinter uns, die letzten Strahlen sind noch farbig am Horizont zu erkennen, vor uns liegt die Nacht.

Auf der Fahrt nach Kloten hatte ich bereits ein schönes Erlebnis. Gerade hatte ich das Gespräch mit meinem Cousin beendet, ich hatte ihm erklärt, wie mein Hotel in Bangkok heisst, als mich die junge Frau ansprach, die mir gegenüber im Zugsabteil sass. Das Bang WangLang Riverside sei ein schönes Hotel, sie kenne es. Uns so habe ich schon die erste Thailänderin kennen gelernt noch bevor ich am Flugplatz angekommen bin.

Dort kam ich beim Kaffee ins Gespräch mit einem jungen Mann. Cedric kommt aus Neuenburg. Mit seinem bisschen Deutsch und meinem noch spärlicheren Französisch radebrechten wir eine Zeitlang, bis wir uns auf englisch verständigten, was etwas besser funktionierte.

Er fliegt nach Thailand zu seiner jungen Frau und hat auch bereits die ersten Tipps für mich parat. Ich werde vielleicht gegen Ende meiner Reise darauf zurück kommen. Jedenfalls eine sehr nette Begegnung.

Letzter Kaffee in Kloten

Letzter Kaffee in Kloten

Die Thai steht bereit

Die Thai steht bereit

Am frühen Nachmittag sind wir in Kloten gestartet. Schon die Begrüssung bei Thai war etwas ganz besonders. Mit gefalteten Händen und einer leichten Verbeugung, in einem seidenen Kleid mit Goldfäden und einem untertänigen Lächeln. Thai Air. Sie wird mich in ein unbekanntes Land bringen. Ich bin schon sehr gespannt, weiss nicht recht, ob ich mich vorbehaltlos freuen kann. Bis jetzt war das Ganze ein Plan. Eine Vision. Allein durch Südostasien, ganz ohne Vorgaben und Pläne. Einfach nur mit der vagen Idee, den Mekong zu sehen. Jetzt sitze ich im Flugzeug und denke, dass ich vielleicht doch noch ein wenig im Reiseführer hätte schmökern sollen. Wenigstens ein kleines Bisschen. Aber jetzt ist es zu spät. Vor zwei Tagen habe ich ihn gekauft und jetzt liegt er in meinem Koffer, im Bauch des Flugzeugs.

Darum habe ich mich an Meyerhoff* gehalten. An seine Erlebnisse zwischen Grosselternhaus und Schauspielschule. Die Geschichte hat mich gepackt und auch wenn ich zwischendurch einen Blick aus dem Fenster geworfen und zwischen Wolkenfeldern gesehen habe, dass wir zuerst über das Schwarze, dann über das Kaspische Meer geflogen sind, so bin ich doch beim Buch geblieben. Und jetzt ist es aus. Grosseltern gestorben und die Karriere als Schauspieler fängt harzend an. Und ich fliege über Afghanistan. Noch 6 Stunden bis Bangkok.

Ich versuche da unten Lichter zu erkennen, werde jetzt die Store nicht schliessen, auch wenn das Kabinenlicht inzwischen komplett gelöscht wurde. Die meisten Passagiere schlafen, hinter mir schnarcht einer. Ganze Wälder sägt er um. Aber im allgemeinen Lärm des Flugzeugmotors kann ich das Sägegeräusch wegdenken. Wenn ich mich ganz nah zum Fenster lehne, höre ich das Vibrieren der Scheiben. So stelle ich mir einen Tinitus vor. Also besser auch wegdenken. Noch 5 Stunden bis Bangkok.

Da unten gibt es jetzt immer mehr Lichter. Kleine Orte, ein paar Lichter, keine Strassen dazwischen, jedenfalls keine, die nachts sichtbar sind. Und jetzt muss da unten wohl ein grosses Tal sein. Die Lichter und Orte ziehen sich entlang einer geschwungenen Linie. Interessant, was man alles bemerkt, wenn man in die Dunkelheit schaut und versucht, sich die Gegend bei Tag vorzustellen. Die Orte werden immer mehr, jetzt gibt es auch beleuchtete Strassen, Hauptverbindungen und dann liegt da unten Delhi, Indien. Eine riesige Stadt, die fast das ganze Blickfeld einnimmt. Auf dem Bildschirm verfolge ich, wo wir inzwischen sind. Noch 4 Stunden bis Bangkok.

Ich muss eingedöst sein. Als ich wieder aufschaue, hat jemand draussen das Licht angezündet. Hell wie eine grosse Laterne steht der Mond über dem linken Flügel. Einem reifen Zitronenschnitz gleich liegt er da, bereit, dass sich jemand hineinsetzt und nach hinten schaukelt, wie in einem grossen Schaukelstuhl. Die Nebelschwaden verzaubert er in elfengleiche Seidenschleier, der Fluss dort unten glänzt im Silberschein. Nur kurz hat es gedauert, dann verschwindet der Mond aus meinem Blickfeld. Seinen Schein hat er aber da gelassen. Noch eine Weile überstrahlt er die ganze Landschaft. Noch 3 Stunden bis Bangkok.

* Joachim Meyerhoff - Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Sehr empfehlenswert

Das nächste Mal, als ich hinaus schaue ist da draussen stockdunkle Nacht. Eine dicke Wolkenschicht hat sich auf halber Höhe breit gemacht. Nur an einigen Stellen leuchten schwach ein paar Lichter. Sie sehen aus, als ob sie aus dem Keller kämen, als ob sich ein Zwischenboden eingeschoben hätte.

Und dann gibt es Frühstück. Die Kabine wird beleuchtet, das Personal verteilt Tabletts mit Omelette, Würstchen und Schinken. Grossartig hat das auf der Menübeschreibung ausgesehen, was dann auf dem Tablett präsentiert wird, hält sich eher in kulinarischen Grenzen. So wie auch das Abendessen. Chickencurry mit Reis. Hab beides stehen gelassen und mich über den Salat und das Dessert hergemacht. Jetzt bin ich froh um das Essen, denn langsam hat sich ein leises Knurren in meinem Magen breitgemacht. Noch 2 Stunden bis Bangkok.

Das  Frühstück ist serviert

Das Frühstück ist serviert

Anflug Bangkok. Das Licht in der Mitte ist nicht der Mond, sondern das Positionslicht am linken Flügel.

Anflug Bangkok. Das Licht in der Mitte ist nicht der Mond, sondern das Positionslicht am linken Flügel.

Noch ist es dunkel, doch die Lichter von Bangkok kommen in Sicht. Es ist fünf Uhr morgens und wir sind im Landeanflug. Anschnallen, Tische hochklappen, Sitze gerade stellen.

Passkontrolle und Gepäckabholung funktionieren und auch den Taxistand finde ich. Fast komme ich mir vor wie in Südamerika. Reisen sie allein Madame? Ja. Er nennt mich Madame, dass ist anders als in Südamerika, dort wurde ich direkt geduzt. Kinder? Mann? Die Antwort auf mein Nein ist anders als bei den Latinos. Diese haben mich jeweils mitleidig angesehen, dieser hier strahlt: Da sind sie ja völlig frei und können machen was sie wollen. Wie lange haben sie Urlaub, erstes Mal in Thailand? Die Fragen gehen weiter. Zwar versteht er eher schlecht englisch und spricht es noch schlechter, aber irgendwie verstehen wir uns. Erst beim Namen muss er kapitulieren. Beatrice hat er wohl noch nie gehört, kann es nicht aussprechen. Ich würde sie Busaba nennen. Busaba? Was heisst das? – White Flower, weisse Blume – oh, ich bin gerührt, warum dieser Name. Weil sie so weisse Haut haben, sehen sie sich die Thailänder an. Man kann die Fremden sofort auf der Strasse erkennen. Europäer haben weisse Haut.

Ja, hat er gesagt, das Hotel, das ich ihm genannt habe, kenne er. Und ja, er sei schon viermal dorthin gefahren. Und dann muss er doch noch einmal nachfragen, um es zu finden. Wir kommen an einem grossen Gebäudekomplex vorbei. Das ist das Spital, hier ist unser König gestorben. Er wird ganz ernsthaft, fast habe ich das Gefühl, er würde ein paar Tränen verdrücken. Als er gestorben ist, habe ich geweint, ja, richtig geweint. Das ganze Land hat geweint um ihn.

Jetzt ist der Sohn König, liebt ihr ihn auch so wie der Vater? Pssst, sagt er, ich sage da gar nichts dazu, er flüstert. Die Mafia, die hört alles. Irgendwo habe ich gelesen, dass es in Thailand bei Strafe verboten ist, etwas Negatives über den König zu sagen. Und wo lebt die Königin, Sirikit? Will ich wissen. Hier, sie ist jetzt in diesem Spital.

Um ein paar Ecken, durch eine schmale Gasse erreichen wir das Hotel. Bevor er losfährt empfiehlt er sich für den Transport zum Flughafen, vor meiner Abreise. Ruf mich an und sag, dass du Busaba bist.

Hotelrezeption. Peter heisst er, der junge Mann, der mir lang und breit in sehr schlechtem Englisch alles über das Hotel erklärt. Wann die verschiedenen Restaurants offen sind, wie ich das Hotel wieder finde, wie ich ins Internet komme. Ich verstehe ihn kaum, versichere ihm, dass ich das schaffen werde und dass ich jetzt endlich in ein Bett kommen möchte. Das Zimmer? Oh, das ist erst ab Mittag zu beziehen? Mittag? Es ist morgens um sieben, und ich habe nicht geschlafen. Oh.

Ich lasse mein Gepäck da, behalte etwas Geld, die Beschreibung des Hotels, Mobil und Kreditkarte und mache mich auf zur Bootsstation, die mir der Taxifahrer gezeigt hat. Hier kaufe ich für 15 Bath ein Ticket und fahre flussaufwärts. Es ist viel los, auf dem Wasser. Die verschiedensten Boote befahren ihn. Wir fahren unter vielen Brücken, an den Ufern stehen hohe moderne Gebäude neben zierlichen goldgeschmückten Häusern. Ob es Restaurants, Pagoden oder Schiffsstationen sind, erschliesst sich mir nicht auf den ersten Blick.

An der Endstation steige ich aus und bummle durch die Strassen. Ein kleiner Markt wird eröffnet, die meisten Stände sind noch geschlossen. Einige fangen an, ihr Angebot auszulegen. Ich sehe Früchte, die ich noch nie gesehen habe, klebrig und süss aussehende Naschereien in allen Farben, Kleider, Schuhe. Alles wild durcheinander. Schwieriger wird es, ein Restaurant zu finden. Wie ist das angeschrieben? Dann sehe ich ein „Caffe und Bubble Tea“. Was auch immer Bubble Tea ist, ich will ein Wasser. Und eine Toilette. Danach überlege ich, wie ich weiter fahren könnte.

Ein (fast) zahnloses Lächeln

Ein (fast) zahnloses Lächeln

Motor mit Schwingbesen - aber riesig.

Motor mit Schwingbesen - aber riesig.

Leider finde ich keinen Ritschkafahrer, der mich versteht und der mich eine Stunde herumfahren möchte. Auch bei den TucTucs herrscht Ratlosigkeit, als ich zeige, wie mein Hotel heisst. Ich bin wohl mit dem Schiff tatsächlich viel zu weit gefahren, um mit Ritschka oder TucTuc zurück zu kommen.

Also zurück zum Fluss. Da fällt mir ein Boot mit einem riesigen Motor auf. PequePeque nennen wir diese Motoren am Amazonas, aber sie sind viel kleiner als hier. Der Bootsführer würde mich gerne herumfahren, aber er kann mir nicht sagen, was er für die Stunde will. Er streckt mir die ganze Hand entgegen. Fünf. Fünf was? Fünfzig? Fünfhundert? Sein zahnloses Lächeln hilft uns beiden nicht weiter. Ich bin mit den Preisen und der Umrechnung noch nicht so weit, dass ich auch nur eine Ahnung hätte, was er möchte, darum lasse ich die private Bootsfahrt sausen, gehe zurück zum Bus-Boot.

Dieses bringt mich für 15 Baht zurück zum ersten Einstiegsort. Das heisst, den verpasse ich doch tatsächlich. Das gibt mir die Gelegenheit, mein fantastisches Viersternehotel vom Fluss aus zu sehen. Auf der Internetseite sah es bedeutend vornehmer aus.

ein bisschen Sightseeing muss schon sein... aber die Kamera hat mehr gesehen, als ich.

ein bisschen Sightseeing muss schon sein... aber die Kamera hat mehr gesehen, als ich.

Bei einer grossen Pagode steige ich aus, schlendere auch da ein wenig durch den Souvenirmarkt und merke, dass ich eigentlich gar nicht in der Lage bin, noch etwas aufzunehmen. Also zurück zum Hotel.

Peter ist noch immer da, versucht mir klar zu machen, dass das Zimmer noch immer nicht bezugsbereit sei. Ist es wenigstens mit Blick direkt auf den Fluss will ich wissen. Nein, es geht zur Seite. Ich möchte aber auf den Fluss sehen. Zimmer mit Flusssicht kosten etwas mehr. Zum Glück hat Peter jetzt eine Kollegin, die besser zu verstehen ist. Ich stimme zu einem Upgrade ein und kann plötzlich entscheiden zwischen zwei Zimmern. Flusssicht und halbe Flusssicht.

Fünf Minuten später bin ich im Zimmer. Heiss ist es, mit den grossen Fenstern der direkten Sonne ausgesetzt und die Klimaanlage muss zuerst mit voller Kraft übernehmen, während ich mich unter die Dusche stelle, und ein kühles Bier aus dem Kühlschrank hole.

Und dann muss ich innert kürzester Zeit eingeschlafen sein. Bangkok, ich bin da.

Mein Zimmer mit Sicht auf den Fluss ist sofort bezugsbereit.

Mein Zimmer mit Sicht auf den Fluss ist sofort bezugsbereit.

Mein Hotel vom Fluss her gesehen

Mein Hotel vom Fluss her gesehen

Da kann man sich schon mal um eine oder zwei Stationen vertun - werde mich ganz neu orientieren müssen.

Da kann man sich schon mal um eine oder zwei Stationen vertun - werde mich ganz neu orientieren müssen.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Es ist Zeit für etwas Neues. Für eine neue, mir völlig unbekannte Weltgegend. Spontan, ohne Planung, nur mit einer Idee: den Mekong sehen. Abflug am 16. Juni nach Bangkok. Ab dann wird es spannend. Freue mich, wenn auch diesmal wieder Freunde, Kunden und Bekannte virtuell mitreisen. Man kann den Reisebericht übrigens auch abonnieren, dann erhält man immer ein Mail, wenn ich etwas neues geschrieben habe.
Details:
Aufbruch: 16.06.2017
Dauer: 3 Monate
Heimkehr: 21.09.2017
Reiseziele: Thailand
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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