Rund um den Passo dello Stelvio

Reisezeit: Juli 2017  |  von Ralf Beelitz

Gavia, Mortirolo und Apricia

Der wolkenfreie Himmel verspricht erneut einen schönen Tourentag. Das Stilfser Joch ist zügig überwunden. Diesmal geht es mitten durch Bormio und natürlich verfahren wir uns! Ziel ist heute der Gavia Pass (2.618), eine weitere Herausforderung für meine Sozia. Zu Unrecht fristet der Gavia ein recht unscheinbares Dasein im Schatten des Stilfser Jochs, denn landschaftlich ist er wesentlich eindrucksvoller. Sozusagen zum Einfahren folgen wir der Nordrampe, welche weniger Kehren als die fahrerisch schwierigere Südrampe hat. Meist zweispurig windet sich die Straße steil den Berghang hinauf. Vom üppigen Bewuchs im Tal bis zur kargen Flora hochalpiner Regionen wird uns alles geboten. Es lohnt sich, auf der Plaghera-Hochfläche (2.140) einen Stopp einzulegen. Nur eine spärliche Grasnarbe bedeckt den blanken Fels. Über allem thront im Osten der gewaltige Punta San Matteo (3.678) und der Ausblick auf den 3.778m hohen Monte Cevedale und hinab ins Forni-Tal ist einfach unbeschreiblich. Mit Blick auf ein italienisches Kriegerdenkmal genießen wir in der Sonne am Rifugio Arnaldo Berni einen Espresso doppio. Fahren ist nicht alles!
2 km später erreichen wir die Passhöhe. Erste Serpentinen führen hinab zum Lago Nero. Der kleine Bergsee liegt unterhalb der Straße inmitten grüner Almwiesen. Weiße Wolken spiegeln sich in glasklarem Wasser. Hier sollte man sich unbedingt die Muße nehmen anzuhalten und auf den Talkessel hinabblicken. Eine lange Gerade am linken Hang führt uns durch einen 800m langen, unbeleuchteten Tunnel. Der Straßenbelag ist miserabel, Wasser tropft von der Decke. Mit Sonnenbrille bin ich für einen Moment fast blind. Rennradfahrer quälen sich aufwärts - natürlich unbeleuchtet. Eine nicht ganz ungefährliche Situation. Die Fahrbahn wechselt von breit auf schmal; 1,90 m und neben uns der Steilhang. Spätestens jetzt wird die Passfahrt bei einem Gefälle bis zu 16% zu einer der schöPasso Mortirolonsten der Alpen, was die beste Sozia der Welt gelegentlich anders sieht. Kurve folgt auf Kurve. Die heiklen Kehren lassen uns kaum Zeit, die Gletscher der Adamellokette zu bewundern. Noch einmal folgen 10 Serpentinen, dann ist die Abfahrt geschafft.

Doch es bleibt keine Zeit zum Luftholen. Wir wenden uns auf der SS 42 über Ponte di Legno dem Passo del Mortirolo (1.842) zu. Umgeben wird der Pass von den Gipfeln Monte Serottini (2.967), Cima Cadi (2.449) und Monte Pagano (2.348). Schmal aber in exzellentem Zustand zieht sich die Straße aufwärts. Unterhalb des Passes liegt das Hotel Belvedere. Der Ausblick von der Terrasse ins Tal ist berauschend und der Käse- und Speckteller mehr als eine Empfehlung.
In Sichtweite des Mortirolo, zweigt südlich die Panoramastrecke nach Montemezzo ab. Das Strässchen führt uns auf 1.900m Höhe an der Nordflanke des Cima Cadi entlang. Gelegentlich versperren Farn und Bäume die Aussicht ins Tal. Der Asphalt ist nur ein schmales, kurvenreiches Band, welches höchste Konzentration erfordert. Die Sonne lässt durch die Bäume Schatten auf der Straße tanzen, sodass die Silver Wing manches Schlagloch küsst und meine Sozia auf den Fußrasten steht. Nur mit Glück entgehen wir einem entgegenkommenden Italiener, der mit seinem Fiat eine Kurve schneidet.
Die Abfahrt endet in Aprica, einer unansehnlichen Stadt auf der gleichnamigen Passhöhe. Der Ort lebt hauptsächlich vom Wintertourismus; zahlreiche Geschäfte sind geschlossen. Schön sieht anders aus. Der Passo dell'Aprica (1.176) verbindet das untere Veltlin (Tal der Adda) mit dem Val Camonica. Die Passhöhe liegt mitten im Ort und ist kaum wahrnehmbar; es herrscht relativ viel Verkehr. Wir sind froh, als wir den Ort wieder Richtung Tresenda und Tirano verlassen. Im italienischen Alpenstädtchen Tirano erwarten uns 35 Grad. Zielstrebig führt uns daher die SS38 wieder den kühlen Höhen des Stilfser Jochs entgegen.

© Ralf Beelitz, 2017
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Von den weiten Ebenen des Niederrheins zu den mächtigen Felsformationen des Nationalparks „Stilfser Joch“ mit seinen Hochgebirgen, ewigen Gletschern, Almwiesen, Wäldern und Tälern. Er ist einer der größten und interessantesten Nationalparks Europas und erstreckt sich über das gesamte Ortler- und Cevedale-Massiv.
Details:
Aufbruch: 02.07.2017
Dauer: 7 Tage
Heimkehr: 08.07.2017
Reiseziele: Italien
Schweiz
Der Autor
 
Ralf Beelitz berichtet seit 9 Jahren auf umdiewelt.
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