Anmeldung:
Nachdem offenbar vor wenigen Stunden die thailändische Botschaft in Kambodscha abgebrannt ist - offenbar nicht ohne Fremdeinwirkung - stehe ich nun vor dem Scherbenhaufen meiner hochtrabenden Kambodscha-Pläne. Sicher scheint im Augenblick nur die Landung in Bangkok - die Frage nach dem "Wohin" wird sich dann wohl dort lösen.
Die Route unserer Motorradtour ist orange markiert.
Reisebericht-Extras:
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Zu dritt - denn ich habe 2 Schweden kennen gerlernt, die denselben Plan haben - wollen wir den Süden Kambodschas erkunden. Für 6 $ pro Tag lassen wir uns ein paar Schlaglochfresser andrehen, die sich wegen mir auch gerne in besserem Zustand befinden dürften. Nun ja, die Bremsen sind perfekt, an meinem Motorrad funktioniert sogar das Licht, da kann man nicht meckern ...
Eine der besser erhaltenen kambodschanischen Brücken.
Takeo & Angkor Borei:
Frühmorgens um 11 verlassen wir die Hauptstadt und fahren ins 80 Kilometer weiter südlich gelegene Kaff Takeo, wo es absolut nichts zu sehen gibt, das Essen mies ist und die Stadt praktisch ausgestorben. Internet? Fehlanzeige.
20 Kilometer weit im Osten befindet sich jedoch der nur sehr schwer erreichbare Tempel Angkor Borei, den wir uns ansehen wollen. In der Regenzeit ist der Tempel nur und ausschließlich per Boot zu erreichen, in der Trockenzeit (also jetzt) angeblich auch über Land.
Hoffnungsvoll brechen wir also einfach mal in Richtung Osten auf, finden jedoch nichts als Sackgassen, an deren Ende uns ein freundlicher Kapitän jedesmal eine 20-Dollar-Schiffahrt andrehen will. Nicht mit uns, wir wollen selber fahren, mieten uns also einfach - unglaublich, aber wahr - den erstbesten Passanten, der für 3 $ bereit ist, uns den Weg durch das Labyrinth der Reisfelder zu zeigen.
Roter Sand über 100 Kilometer.
Wie sich herausstellt, gibt es aber keinen direkten Weg, sondern nur einen, der in gigantischem Bogen um den Tempel herumführt, um ihn dann von Osten kommend zu erreichen. Der Weg ist ein "wenig" länger und nach 2 Stunden mit Höchstgeschwindigkeit über wüste, rote Sandpisten sind wir zwar immer noch nicht dort, sitzen dafür aber mit leeren Tanks und einem platten Vorderreifen in einem Bauerndorf fest, weitab von der nächsten asphaltierten Strasse.
Wir sind die Sensation schlechthin, von oben bis unten bedeckt mit rotem Staub, rote Gesichter, rote Motorräder, auch meine eigentlich schwarze Hose ist eher rötlich. Mit unserem seltsamen Benehmen, der fremden Sprache und all der Fotoausrüstung, die wir mit uns rumschleppen, sind wir von allgemeinem Interesse. Die Kommunikation verläuft per Zeichensprache und mit Hilfe des Sprachführers, in dem die wichtigsten Worte in Khmer-Schrift abgedruckt sind.
Mit plattem Reifen am Ende der Welt. So was hat dieses Dorf noch nicht gesehen.
Der platte Reifen wird fachgerecht geflickt; währenddessen hat der Mechaniker mehr Zuschauer als je zuvor. Alle Kinder des Dorfes sind anwesend und bestaunen uns wie Außerirdische, die wir ja wohl auch sind. Jedoch halten sie Distanz und rennen panisch davon, sobald man sich ihnen nähert. Was ein Fotoapparat ist, scheinen sie zu wissen, denn auch beim Versuch zu fotografieren rennen sie davon. Letztendlich siegt aber die Neugierde und wir sind doch noch in der Lage, ein paar Fotos zu machen.
Wir verbringen viel zu viel Zeit in diesem Dorf, es ist einfach krasser als jeder Tempel. Als wir wieder aufbrechen, ist es bereits dunkel, wir verzichten auf die Kultur und erleben dieselbe Schlaglochfahrt noch mal, diesmal bei Nacht. Spaß!
Unfall Nr.1:
Auf der Fahrt Richtung Süden haben wir unseren ersten Unfall. Die beiden Schweden, zusammen auf einer Maschine, wollen einen Rollerfahrer überholen, veranstalten noch ein Hupkonzert, um ihn zu warnen. Der jedoch lässt sich nicht beeindrucken und biegt ohne Blinker, Schulterblick und Vorsicht nach links ab. Der Unfall geht mehr als glimpflich aus, alle bleiben auf ihren Gefährten sitzen, der Vorderreifen der Schweden kracht dem Roller von hinten seitlich in den Kettenkasten und hinterlässt eine üble Beule. Nachdem wir uns überzeugt haben, dass keiner verletzt ist, entschließen wir uns - ob richtig oder nicht -, so schnell wie möglich weiterzufahren. Wir wollen keine Bekanntschaft mit korrupten Polizisten machen und wir wollen nicht für etwas zur Rechenschaft gezogen werden, was nicht unser Fehler war.
Mönche beim Ankleiden am Strand.
Kampot, Südküste:
In der Nähe der Stadt Kampot befindet sich eine alte Siedlung der Franzosen, die 1972 im Krieg mit den Khmer Rouge verlassen wurde. Die Geisterstadt selbst ist nicht gerade einfach zu erreichen, denn sie befindet sich auf fast 1100 Meter Höhe und die Straße dorthin ist in genauso gutem Zustand wie der Ort selbst: verrottet.
Auf dem Weg zur verlassenen Geisterstadt geht es über 1000 Höhenmeter durch dichten Dschungel und durch hunderttausend Schlaglöcher ...
... und durch eine Menge Matsch.
2 Stunden lang schlängeln wir uns zügig den Berg hoch und haben dabei Gelegenheit, die Motorräder und uns mal so richtig zu belasten. "So richtig" bedeutet, dass ich beim zügigen Umfahren eines Schlagloches Bekanntschaft mit einigen sehr großen Steinen und einem sehr großzügig ausbrechenden Vorderrad mache. Die unangenehmen Details des folgenden Sturzes seien hier verschwiegen, nur eins: Don't try this at home - und erst recht nicht 2 Stunden von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt.
Für mich geht das Ganze mehr oder weniger glimpflich aus, nicht zuletzt dank meiner Motorradmontur, die ich aus Deutschland mitgeschleppt habe. Für meine Maschine jedoch ist der harte Aufprall auf die Piste, die mehr einem Hinkelsteinbruch als einer Straße gleicht, fatal: Ich verliere Benzin, und zwar nicht zu knapp. Schnell leeren wir eine unserer Wasserflaschen aus und während sich die beiden Schweden damit beschäftigen, das Benzin aufzufangen und immer wieder in den Tank zurückzuschütten, schaue ich mir das Ganze mal näher an. Der Treibstoff läuft aus diversen Schläuchen, die alle zum Vergaser führen. Mit Vergasern kenne ich mich ja eigentlich ganz gut aus, nachdem ich mit diesem Teil schon öfter Ärger gehabt habe. Aber ohne Werkzeug kann man da wenig machen, höchstens an den Symptomen rumpfuschen: Mit einem Stück Schnur binden wir also alle Schläuche ab, in der Hoffnung, dass genug Benzin den Motor erreicht, um zumindest irgendwie fahren zu können. Fehlanzeige, jetzt läuft es überall raus, und zwar in alle Richtungen, da hilft uns die Wasserflasche auch nicht mehr weiter.
Genervt greift einer meiner Reisegefährten zum effektivsten Mittel, das die Menschheit je kannte: Mit einem Stein haut er auf den sensiblen Vergaser ein. Und unglaublicherweise hört die Brühe auf zu fließen und irgendein Teil, vermutlich der Schwimmer, rutscht in seine eigentliche Position zurück. Meine Batterie hat zwar keinen Saft mehr zum Starten, aber wozu habe ich zwei fleißige Schweden, die mich freundlicherweise anschieben?
Dieser schwedische Elektro-Ingenieur kennt sich aus, nicht mit Vergasern zwar, was ihn aber nicht daran hindert, meinen defekten Vergaser mit einem Stein (!!!) zu reparieren.
Die Geisterstadt, Bokor National Park, Südkueste:
Die vollkommen verfallene Geisterstadt, die auf einer Ebene hoch über dem Meer steht, gibt einen schönen Einblick ins Leben der Franzosen, die hier früher mal gewohnt haben. Zwar sind die Häuser alle leer und haben kaum mehr Glas in den toten Fenstern, doch kann man sich lebhaft vorstellen, wie hier gebetet, gearbeitet, gefeiert und gesoffen wurde. Das riesige Casino mit Gästezimmern, Bädern, Dachterrasse und diversen Salons erinnert dabei durchaus ans spukende "Overlook Hotel" aus dem Film The Shining. Die Wände sind kahl, die schönen Bodenfliesen zerbrochen. Die Fenster im Erdgeschoss wurden 1979 von den hier verschanzten Khmer Rouge zugemauert, die sich vom Casino aus die letzten verzweifelten Gefechte mit den vietnamesischen Befreiern lieferten. Der Eingangsbereich ist heute noch mit einem Wall von verrotteten Sandsäcken bewehrt, der vermutlich demselben Zweck gedient hat.
Nein, nicht das "Overlook Hotel" aus The Shining. Schlimmer. Real.
Bei der Besichtigung des Kellers versetzt ein hinterhältiger Steinwurf meinerseits einen meiner mitreisenden Schweden erfolgreich in Panik: Rennend verlässt er die dunklen Räume, vergisst aber dabei, seine Videokamera auszuschalten - das Resultat erinnert an einen anderen Film, Blair Witch Project.
Gruselige, verfallene Kirche in der Geisterstadt, seit 30 Jahren verlassen von den Franzosen, die sie gebaut haben.
Wir verbringen die Nacht in einem der Geisterhäuser, diesmal verzichte ich auf Steinwürfe, die nächtlichen Geräusche sind so schon unheimlich genug.
Das Haus ist umgeben von Kröten, die einen Höllenlärm veranstalten, aber wenigstens leicht zu identifizieren sind. Unangenehmer sind da schon diese seltsamen Kreaturen, die sich direkt neben unserem Haus die ganze Zeit räuspern und dabei klingen wie Menschen. Die nächtlichen Blitze (Wetterleuchten?) und der dichte Nebel um uns herum tun ein Übriges, um die Nacht kurzweilig zu gestalten.
Wir entfachen ein kleines Feuer im Haus, das uns die Moskitos vom Hals hält und uns wärmt, denn auf 1000 Metern wird es auch in Kambodscha nachts erstaunlich kühl. Steak und Bier haben wir leider im Tal vergessen ...
Richtig gemütlich ist's zwar nicht im Haus, dafür aber warm.
Ziemlich fertig und durchgefroren starten wir in den Tag und sehen dank des dichten Nebels leider nichts vom Sonnenaufgang.

Nachtrag, ein Jahr später: heute habe ich erfahren, dass wir da unwissentlich im "Schwarzen Palast" König Sihanouks übernachtet haben, der dank der Roten Khmer seit 1975 verlassen ist.

Frühmorgens machen wir uns auf den Weg zurück ins Tal und weiter nach Sihanoukville, dem einzigen Hochseehafen Kambodschas. Nachdem Kambodscha Mitte des Jahrhunderts den Zugang zum Meer (über den Mekong) an die Vietnamesen verloren hatte, ließ König Sihanouk diese Stadt samt Hafen aus dem Boden stampfen.
Kleiner Fischerhafen in Süd-Kambodscha.
Das Schild im Vordergrund besagt "Gefahr! Minen!", doch rechts im Hintergrund geht das Leben weiter.
Sihanoukville hat allerdings kein Glück mit uns, wir sind vollkommen erschöpft von den letzten Tagen und entschließen uns, nichts von der Stadt zu sehen, sondern stattdessen ein paar Tage lang nichts zu tun - was das Reiseberichte-Schreiben mit einschließt.
Ganz faul sind wir allerdings nicht. Mit der Videokamera meiner Reisegefährten drehen wir einen Film, den es hier am Ende meiner Reise zu sehen geben wird: "Cambodian Baywatch" mit gefährlichen Motorradstunts am Strand, Rettungsaktionen und der Reanimation von Ertrunkenen.
Mit den 3 tollen Bademeistern!!!
Cambodian Baywatch.
Jede Hafenstadt hat ein Rotlichtviertel. Hamburg hat die Herbertstraße, Bangkok hat Pat Pong und Sihanoukville hat eine 1 km lange Schlaglochpiste, die gesäumt ist von normalen kambodschanischen Wohnhäusern inklusive den dort wohnenden Familien und ihren sich prostituierenden Töchtern.
Dieses Land ist in jeder Hinsicht etwas krasser und extremer als andere Länder. Befährt man diese Strasse mit dem Motorrad (ja, das haben wir getan) und hält an (auch das haben wir getan), so ist man sofort umgeben von schönen, aber bitterarmen Töchtern, die uns erst auf die Bremse treten, dann die Maschine ausschalten und uns ins Ohr säuseln: "Bumm-Bumm, five Dollar". Ich glaube, extremere Eindrücke von Armut und Hoffnungslosigkeit werde ich so bald nicht erleben.
Und Prostitution ist in Kambodscha natürlich illegal.
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