Moldau-Reisebericht :Nach Odessa durch Transnistrien

Abenteuer Moldawien

Wir wollen keine Zeit verlieren und starten sofort durch. Ziel: möglichst nahe zum nächsten Grenzübergang nach Moldawien. Entfernung: gut 250 km. Zu unserer Freude wird der Zustand der Straßen wieder besser, wir kommen in dichter besiedelte Gegenden mit dem Industiezentrum Iasi. Unsere Picknickpause unterhalb des Bahndamms einer vielbefahrenen Eisenbahnstrecke können wir noch in Ruhe genießen - soweit der Müll um uns herum den Genuß zuläßt, dann schaffen wir es gerade noch vor den ersten Böen eines Gewitters ins Auto zu kommen. Kurz darauf bricht es richtig los. Nicht nur, dass es eimerweise schüttet und stürmt, es wird auch so kalt, dass wir die Heizung einschalten. Solange wir nur fahren, läßt sich das ja aushalten, aber in Iasi fahren wir in eine überschwemmte Stadt. Die Tiefe der Schlaglöcher können wir entweder am Absacken vorausfahrender Autos messen oder die Schlaglöcher zu umgehen versuchen - durch Balancieren auf den Straßenbahnschienen, zumindest mit einem Reifen. Das aber erfordert alle unsere Aufmerksamkeit, so dass wir die Abzweigung zum Grenzübergang in Sculeni verfehlen. Wir irren durch Industriegebiete, an einem völlig verdreckten Fluß oder Kanal entlang bis wir uns weit außerhalb der Stadt auf einer schmalen Straße wiederfinden, die nach der Karte die Europastraße 58 nach Südosten zum Grenzübergang Albita sein müßte. Der Verkehr wird immer spärlicher, die Gegend so ärmlich, wie wir sie nicht einmal in den abgelegenen Tälern bei den Moldauklöstern gesehen hatten. Dazu wird es nicht heller, da braut sich offenbar noch mehr Regen zusammen. Nur an Hand der Karte kann ich uns ab und zu bestätigen, dass wir auf dem richtigen Wege sind: Comara, Costuleni, Cozia, Raducaneni. Aber hier eine Unterkunft finden ? 65 km Strecke haben wir zur Verfügung, aber ein dürftiger Kiosk am Straßenrand in einem "Dorfzentrum" ist das einzige, wo man mal fragen könnte. Nichts als Ackselzucken bekomme ich zur Antwort. Hier jedenfalls kein Hotel, soviel kann ich verstehen. In einer gut aussehenden Weinkellerei frage ich noch einmal. Nein, ein Hotel erst in 39 km Entfernung und 18 km am Grenzübergang vorbei soll in Husi ein Hotel sein. Das würden wir aber bestenfallls erst im Dunklen erreichen. Da plötzlich sehe ich links ein Cafe und das deutsche Wort "Zimer frei". Tatsächlich, hier können wir bleiben, das Doppelzimmer ohne Verpflegung für 400 000 Lei - 10 Euro. Sogar die Heizung dreht man für uns auf und in dem größten Badezimmer, das wir je hatten, können wir genüßlich duschen. Nur die Verpflegung wird zum Problem. Außer Kaffee hat man hier nichts zu bieten, und im Laden gegenüber können wir zwar einkaufen, auf dem Weg dorthin regnen wir aber erneut völlig durch. Immerhin ist die Wirtin froh, dass unsere Einkäufe erfolgreich sind und schneidet uns unaufgefordert das mitgebrachte Brot und deckt den Tisch zum Ausbreiten unserer Futterkiste. So kann es auch zum Frühstück morgen früh gehen.

Donnerstag, 9.September 2004

Das Wetter ist nicht besser, nur noch kälter. Freu Dich auf Odessa, tröstet mich Horst, da wird es warm sein wie am Mittelmeer. Links von uns sehen wir einen Vorgeschmack auf russische Steppe. Soweit das Auge reicht, kahle Ebenen mit vereinzelten Schaf- oder Rinderherden, am Horizont wieder Berge, davor Bruchwald des Grenzflusses Prut zu Moldawien. Wir sind uns einig, hier nicht einmal begraben sein zu wollen. Plötzlich sehen wir ein großes neues Gewerbegebiet vor uns - nein, das sind die Grenzabfertigungsanlagen in Albita. Mehrere Fabriken ließen sich hier unterbringen, aber Lastzüge sieht man nur vereinzelt, dazu pompöse Zufahrtstraßen und ein Stück echte Autobahn, vielleicht 400 Meter lang und gähnend leer. Das wird also einmal die künftige EG-Außengrenze. Würde man nicht so schleppend abgefertigt, dann wäre hier auch keine Schlange von 2 Autos, immerhin sind wir auf der rumänischen Seite nach wenigen Minuten fertig.
Dann geht's durch Niemandsland und über die Prut-Brücke, und auf der moldawischen Seite sind die Abfertigungsanlagen dürftiger, aber dafür ist hier mehr los, weil hier noch schleppender abgeferigt wird. Man will von uns zunächst 10 Euro für die Durchreise des Autos, für die Straßenbenutzung, ferner eine Gebühr für 2 Personen Transit. Das Visum hatte doch schon gekostet, wozu nun noch einmal ? Danach darf man nicht fragen, erstmal zahlen. Nach dem Bezahlen interessiert man sich nicht mehr für uns, wir können fahren. Und wir rollen in ein menschenleeres Land. Die Betonpiste ist tadellos und diente wohl mal militärischen Zwecken, aber mehr als 70 ist nicht erlaubt und überall sind Polizeikontrollen, fairerweise sichtbar an jeder Straßenabzweigung. Die Landwirtschaft scheint aus Gänsezucht zu bestehen, die Siedlungen bestehen aus lauter gleichen grauen Häusern. Nur Menschen begegnen und nirgends. Die Europastraße 583 Richtung Hauptstadt Chisinau führt zunächst nach Norden, steigt bewaldete Höhen mit Buschwerk hinauf und macht im Gebirge einen weiten Bogen Richtung Südosten.
Im Dorf Cristesti wollen wir versuchen einzukaufen, vergeblich. Hier wohnen zwar Leute, aber einen Laden gibt es weit und breit nicht und der Weg ins Dorf endet in einer Mondlandschaft schon nach wenigen Metern. Erst nach über 40 Kilometern zweigt einmal eine asphaltierte Straße zu einem Kloster Hancu ab. Dort entlang versuchen wir es einmal. Es ist eine Sackgasse, die auf einem Parkplatz vor einer großen Klosteranlage endet. Die Anlage ist gepflegt, es werden Appartmentwohnungen gebaut, vielleicht soll es ein Hotel werden ? Wir besichtigen die dürftige Kapelle, aber als wir die Mineralwasserabfüllung besichtigen wollen, werden wir recht unfreundlich weggejagt. Das Wetter ist auch alles andere als einladend, so rollen wir weiter.

Und in diesem Land soll die Hauptstadt 30 km entfernt 700 000 Einwohner haben ? Unterwegs ein Lichtblick: Ein Rastplatz mit zünftigem Restaurant und Grillplätzen im Freien. Nur überall pfeift ein eisiger Wind hindurch. Wir betreten die Restauranthalle, zu der auch ein Hotel zu gehören scheint und können hier sogar etwas zu essen bestellen. Die Zubereitung dauert fast eine Stunde, aber zum Aufwärmen ist das Warten nicht das übelste, im übrigen schmeckt das Schaschlik sogar und ist nicht teuer. Von nun an geht es nur noch bergab in Windungen, die wir kaum nachvollziehen können und nach der Einfädelung auf eine größere Straße sehen wir sie, die Hauptstadt Chisinau: Plattenbauten an der Allee aufgereiht, so weit das Auge reicht, dazwischen pompöse Denkmäler aus der sozialistischen Zeit oder repräsentative Prachtbauten. Eine Altstadt scheint es nicht zu geben, der Verkehr wird dichter, immer wieder passieren wir Kreisverkehre gigantischen Ausmaßes. Wir lassen uns Richtung Flughafen treiben und kommen dabei offenbar durchs Diplomatenviertel, streng bewachte Botschaftsgebäude und überall Parkverbot, an das sich aber niemand hält. Unfreiwillig machen wir eine Stadtrundfahrt, entdecken aber gerade einmal zwei Hotels. Privatpensionen oder Gasthäuser: Fehlanzeige. So nehmen wir dann ein Doppelzimmer im Plattenbauhotel Cosmos für 624 moldauische Lei - das sind 42 Euro. Großstadtpreise. Der Blick aus dem Hotelfenster zeigt erneut eine großzügig angelegte Stadt, in der es offenbar nur Plattenbauten gibt, aber aus dem siebten Stock sieht man auch in die Hinterhöfe zwischen den Häusern, dort laufen Gänse umher und weiden Ziegen und Schafe. Wir machen noch einen Spaziergang auf der Flaniermeile. Die Platanenallee macht einen südländischen Eindruck, das Leben pulsiert auf der Straße, Menschen sind unterwegs, aber die Geschäfte sind durchweg leer. Ab 19 Uhr scheint hier die Nacht zu beginnen.
Schon kontrolliert uns eine Polizeistreife in zivil. Sie wollen nicht nur unsere Reisepässe sehen, nein, auch unsere Zimmerkarten des Hotels Cosmos. Als wir das alles vorgezeigt haben, wollen sie von uns zu einem Bier eingeladen werden. Das kann ich mit der Begründung zurückweisen, dass ich noch Auto fahren müsse, erst dann lassen sie uns laufen. Die Beschriftungen hier sind meist zweisprachig. Rumänisch und Russisch. Manche Läden scheinen rein rumänisch, andere wieder rein russisch zu sein. In einem Feinkostladen, der sich "die Nr.1" nennt, studieren wir die Preise und kaufen ein. Großstadtniveau wie bei uns, jedoch etwas bescheideneres Angebot. Moldawien schein ein Weinland zu sein, überall wird Wein angepriesen und für Touristen die Besichtigung historischer Weinkellereien. Können wir uns bei der Kälte gar nicht so recht vorstellen. Der Imbiß in einem Cafe und einem Kiosk fällt nicht gerade üppig aus und bevor es wieder regnet, kehren wir zurück in unser Hotel.

Freitag, 10.September 2004

das Hotelfrühstück, im Preis inbegriffen, heitert unsere Stimmung auf, zumal außerdem der Regen aufgehört hat. Unser Versuch, den hochmodernen Bahnhof zu besichtigen, mißlingt im Gewirr der vielen Einbahnstraßen, also vertanken wir unsere letzten Moldaulei und fahren weiter nach Südosten. Die Europastraße 581/58 verdient ihren Namen, eine gute Betonpiste, alle Ortschaften im weiten Bogen umgehend. Nur der Verkehr ist so spärlich, dass wir uns schon fragen, ob wir auf dem richtigenWeg nach Odessa sind. Nicht ein einziger Lastwagen begegnet uns, obwohl dies die einzige Transitroute ist. Nach 58 Kilometern endet unsere Fahrt an einer Straßensperre. Paßkontrolle, Zollkontrolle, und das mitten im Land ? Die Beamten sind freundlich und zu einem langen Plausch auf englisch aufgelegt, wollen über die Preise alter Autos in Deutschland informiert sein, einer überläßt uns sogar eine Mailadresse in Russland, an die wir Angebote mailen sollen, wenn wir zu Hause sind. Dann kommt er zur Sache: Hier könnt ihr nicht weiter fahren, hier fängt das militärische Sperrgebiet an. Sie wissen, Transnistrien, da war ein Referendum vor Jahren, und da hat sich die russischsprachige Bevölkerung jenseits des Flusses Dnistr von Moldawien losgesagt. Ihr müßt also hier nach Süden in die Stadt Tighina fahren, dort kommt man über den Dnistr nach Tiraspol und weiter nach Odessa.

Steppenlandschaft am Prut, dem Grenzfluß zwischen Rumänien und Moldawien

Steppenlandschaft am Prut, dem Grenzfluß zwischen Rumänien und Moldawien

Nonnenkloster in Moldawien

Nonnenkloster in Moldawien

Kloster oder Fremdenpension ?

Kloster oder Fremdenpension ?

Blick aus dem Hotelzimmer in Chisinau

Blick aus dem Hotelzimmer in Chisinau

Sind wir hier noch in Moldawien ?

Sind wir hier noch in Moldawien ?

© Manfred Sürig, 2006
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eigentlich sollte das Auto hauptsächlich das Fahrradgepäck aufnehmen, damit wir uns fürs Radeln noch mehr vornehmen konnten. Doch so große Entfernungen verführen zum Autofahren, was dem Abenteuer aber nicht den geringsten Abbruch tat...
Details:
Aufbruch: 20.08.2004
Dauer: 5 Wochen
Heimkehr: 20.09.2004
Reiseziele: Polen
Slowakei
Ukraine
Rumänien
Moldau
Der Autor
 
Manfred Sürig berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt. Manfred über sich:
pensionierter Zentralbanker, der zwischen 65 und 80 noch Europa hautnah erleben will, besonders die nun zugänglichen Länder im östlichen Europa. Fahrradreisen 2000 in die Slowakei, 2001 Tschechien/Slowakei,2002 Slowakei und Ungarn, 2003 Rumänien, Bulgarien und Ukraine, 2004 Ukraine Rumänien und Moldawien und 2005 durch den ganzen Balkan, 2006 wieder in die Slowakei und 2007 mal in die Schweiz und nach Frankreich, 2009 und 2010 wieder nach Tschechien und in die Slowakei, ab 2011 mit Enkel Dominik jedes Mal auf einen anderen hohen Berg zu Fuß in der Tatra, den Waldkarpaten und in der Mala Fatra.
Zweites Hobby: Segeln, nach dem Eintritt in den Ruhestand wird auch mal im Winter Urlaub gemacht, da bietet sich die Karibik an. Seit 2007 nun immer mit demselben Vercharterer aus Trinidad