Rumänien-Reisebericht :...lului - transsilvanische Verwirrungen

Die Obereidischer

Auf Resten einer ehemaligen Asphaltstraße fahren wir wenige Minuten nach 19 Uhr am neu aufgestellten Ortsschild Obereidisch vorbei in ein Dorf, dass mich an meine Kindheit in den 50er-Jahren erinnert.

Wir müssen nicht suchen, wohin wir gehören, ein großer deutscher Reisebus steht vor einem verfallenen Gebäude.
Aus aller Welt sind heute die Vertriebenen und deren Nachkommen hier zusammengekommen.
Im Herbst 1944 wurde die Deutsche Wehrmacht von den Sowjets in den Karpaten überrascht und überrannt. Nord-Siebenbürgen wurde binnen 48 Stunden im letzten Augenblick evakuiert, der Süden mit Kronstadt und Hermannstadt wurde völlig überrascht. Am 11. September 1944 verlassen 900 Obereidischer ihre Heimat, die meisten für immer. Auf Lastwägen wurden die Obereidischer Sachsen nach Sächsisch-Regen verfrachtet, und von dort in einer zweiwöchigen Odyssee in Viehwaggons in ein Auffanglager nach Seewalchen in Öberösterreich geschickt. Viele Obereidischer sind in Seewalchen geblieben, die meisten aber weiter nach Hemhofen bei Erlangen. Einige emigrieren später nach USA und Kanada. Diejenigen, die nicht weit genug westwärts geflüchtet waren, wurden von den Sowjets gezwungen zurückzukehren, falls sie nicht im Archipel Gulag verschwanden. Ihre Häuser allerdings waren von Rumänien requiriert, sodass sie in Hinterhöfen oder Scheunen ihr Dasein fristen mussten, bis sie nach dem Krieg wieder in den Westen emigrieren durften/mussten.
Nach dem Umschwung kamen vor einigen Jahren einige Obereidischer hierher, um nach ihren jahrhundertealten Wurzeln zu forschen.
Und sie sahen, was zu tun war. Sie setzten sich mit dem Bürgermeister in Verbindung und organisierten eine Spendenaktion unter allen ehemaligen Obereidischern. Vor zwei Jahren kamen drei Obereidischer aus Hemhofen mit 2.700 Euro im Sack und vergaben gleich zum Start Aufträge über 9.000 Euro auf eigenes Risiko. Binnen kürzester Zeit hatten sie weltweit 20.000 Euro gesammelt und heute erstrahlt die Kirche in altem Glanz. Für nächstes Jahr hat sich der Verein der Obereidischer die Renovierung des baufälligen Kirchturms vorgenommen.

Heute jedenfalls gibt die Gemeinde Ideciu de Sus als Dankeschön ein Fest. Ungefähr 50 Obereidischer aus aller Welt sind dieser Einladung gefolgt, und Pfarrer Kezdi hat uns vier dazu eingeladen. Fünf wunderbare Musikanten gestalten den Abend künstlerisch. Meist spielen sie dasselbe Musikstück, und sie bemühen sich redlich, möglichst gleichzeitig und gleich schnell zu spielen.

Einige schaffen später sogar das eine oder andere Tänzchen dazu. Zwischen Ansprachen und Essen erkunde ich ein wenig das Dorf und freunde mich mit einigen Bewohnern an, die wie zufällig in der Nähe des Gemeindehauses stehen. Würde Neugier die Hälse wachsen lassen, würden die Giraffen auf die Kollegen neidisch werden. Die Kühe, die am Straßenrand weiden, geben sich etwas gleichgültiger.

Es wäre noch gemütlich und interessant hier, aber morgen steht uns wieder ein anstrengender Tag bevor, vor allem aber möchte ich diese Straße nicht bei völliger Dunkelheit fahren müssen, sodass wir im wiederum beginnenden Regen relativ zeitig aufbrechen.

© Norbert Wallner, 2008
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine zehntägige Reise durch Siebenbürgen. Ahnenforschung und Besuche von Kinderheimen wurden mit einem touristischen Programm verknüpft, das nicht nur die Highlights umfasste. Städte, Burgen, Menschen: Abenteuer am Rande Europas.
Details:
Aufbruch: 02.07.2008
Dauer: 10 Tage
Heimkehr: 11.07.2008
Reiseziele: Rumänien
Der Autor
 
Norbert Wallner berichtet seit 8 Jahren auf umdiewelt.
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