Griechenland-Reisebericht :Entlang der antiken Via Egnatia durch den südlichen Balkan

Entlang der Via Egnatia durch Griechenland

So schnell die Ausreise aus Mazedonien sich gestaltet, so langwierig wird die Einreise nach Griechenland. Endlich ist es geschafft. Die Uhr wird um eine Stunde vorgestellt - wir kommen schließlich immer mehr nach Osten - und die Euros wieder herausgekramt. Ab jetzt spricht und schreibt man Griechisch. Wie bedauerlich, dass sich "Esperanto" immer noch nicht durchgesetzt hat. Welche Erleichterung wäre es auf dieser Reise, mit nur einer Sprache durchzukommen. Für alle, die sich dafür interessieren, sei hier auf die sehr informative Site www.esperanto.de verwiesen. Vielleicht kann sich Esperanto doch noch zur gemeinsamen Sprache Europas aufschwingen? Ich jedenfalls fände das toll!

Geografisch gesehen befinden wir uns jetzt in Zentralmakedonien, in der griechischen Provinz Makedonia. Die Route führt durch die Ebene von Edessa. Der erste Ort, den wir erreichen, ist Florina. Hier mieten wir uns im kleinen "Hotel Filareti" mit äußerst liebenswürdigen Gastgebern ein. Als wir nach dem Bahnhof fragen, in dessen Nähe ein kleines archäologisches Museum untergebracht ist, hält uns gleich der erste Passant einen langen Vortrag auf Griechisch-Englisch über die politischen Unverfrorenheiten Mazedoniens, das sich gefälligst nicht so nennen soll, sondern bestenfalls "Former Yugoslav Republic of Macedonia", kurz "FYROM". Na, da sind wir ja gleich mitten hinein geraten in den mazedonischen Namensstreit.

Wegen schwerer Unwetter in den letzten Wochen ist die Straße nach Kasteria gesperrt. Deshalb nehmen wir die Straße nach Edessa und zwar die kleine Landstraße, die über Vevi und Kelli führt. So halten wir uns ziemlich genau an den Verlauf der antiken Via Egnatia. In der leicht hügeligen Landschaft finden sich immer wieder Überreste antiker Gemäuer, ehemalige Militärposten. Den Vegoritis-See säumen große Obstplantagen.

Wasserfälle von Edessa Wasserfälle von Edessa

Wir erreichen das auf einem Felsplateau liegende Städtchen Edessa . Zuerst besuchen wir die Metropolitenkirche Kimisis tis Theotokou in der Oberstadt, spazieren dann durch den Ort zu den tief hinab stürzenden, begehbaren Wasserfällen mit uralten Platanen, umgeben von Ausflugslokalen, die heute gut besucht sind, denn es ist der 1. Mai. Dann geht's zum Freiluftfahrstuhl, der uns hinunter bringt zum Wassermuseum, das in einer ehemaligen Mühle untergebracht ist. Ein Weg führt von hier ganz hinunter in die Ebene zu den Ausgrabungen des antiken Loggos, einst Hauptstadt des antiken Makedoniens und wichtige Station an der Via Egnatia.

Die antike Via Egnatia führte durch das antike Loggos Die antike Via Egnatia führte durch das antike Loggos

Und dann gönnen wir uns etwas Besonderes: eine Nacht in dem wunderbaren "Traditional Hotel Varasi" - offener Kamin, geschmackvolle Einrichtung, romantische Zimmer, ein himmlisches Frühstück.

Im "Traditional Hotel Varasi" in Edessa Im "Traditional Hotel Varasi" in Edessa

Am nächsten Tag geht es durch die makedonische Ebene in Richtung Veria. Wir machen einen Abstecher zu den berühmten makedonischen Königsgräbern, zunächst zum Großen Grab und zum Palmetten-Grab von Lefkadia. Beide Gräber sind gut erhalten und vermitteln einen Eindruck von antiker makedonischer Architektur.

Weiter führt die Route entlang der Weinstraße, vorbei an der Nauoussa-Kellerei, berühmt für ihre Tsantali-Weine.

Über Veria und vorbei an einem großen Staudamm erreichen wir Vergina. Verkaufsbuden, Hotels, Restaurants, große Parkplätze. Wir sind in einem Wallfahrtsort angekommen, beim Grabmal Philipps II., Vater Alexanders des Großen, der von den Griechen - obwohl als makedonischer König den Griechen alles andere als wohl gesonnen - als einer der ihren verehrt wird. Neben dem Grab Philipps, fand man noch zwei weitere Gräber und alle drei Grabhügel sind auf geniale Weise museal präsentiert: Durch eine Schleuse betritt man das Innere eines künstlichen Erdhügels, der halb als Museum mit den hier gefundenen kostbaren Grabbeigaben, halb als Mausoleum mit den zugänglichen Grabmälern gestaltet ist. Natürlich lassen wir uns in den Bann dieser außergewöhnlichen antiken Stätte ziehen und verlassen beeindruckt den Tumulus.

Etwas höher gelegen findet sich die antike Stadt mit Palast, Tempeln, Theater und weiteren Kammergräbern.

Makedonische Königsgräber Makedonische Königsgräber

Nachdem wir für einen kalten Nescafé, einem frapé, in Vergina etwa den doppelten Preis als anderswo bezahlt haben, verlassen wir Vergina und fahren weiter nach Giannitsa. Dort mieten wir uns im kleinen, aber netten "Hotel Alessandro" ein. Das Städtchen hat eine quirlige Fußgängerzone mit Restaurants, Geschäften, Banken, Internet-Cafés. Kommt man aus dem armen Mazedonien, fällt der Wohlstand in Nordgriechenland besonders ins Auge.

Auf dem weiteren Weg nach Thessaloniki durchschneidet die Landstraße die Ausgrabungen von Pella. Pella war die Geburtsstadt Alexanders des Großen, der hier von Aristoteles unterrichtet wurde. Zur Rechten der Landstraße ist ein Parkplatz und das kleine, sehr sehenswerte Archäologische Museum gebaut, auf der linken Seite finden sich unter anderem Reste der Agora und wunderschöne Mosaikfußböden aus naturfarbenen Kieseln.

Terracottastatuen im Archäologischen Museum von Pella Terracottastatuen im Archäologischen Museum von Pella

Weiter geht es Richtung Thessaloniki, das wir schon bald erreichen. Endlich sind wir wieder am Mittelmeer angelangt, von der Adria kommend haben wir die ägäische Küste erreicht, deren Verlauf wir nun durch ganz Nordgriechenland in west-östlicher Richtung folgen werden.

Archäologisches Museum von Pella: goldener Lorbeerkranz Archäologisches Museum von Pella: goldener Lorbeerkranz

Die Hauptverkehrsstraße, die durch ganz Thessaloniki führt, heißt auch heute noch Egnatia Odos, wobei "odos" das griechische Wort für "Straße" ist. Zur Rechten erstreckt sich die Meeresbucht mit Hafenanlagen, zur Linken breitet sich die Stadt über die Hügel aus. Wir halten uns nicht lange in der Stadt auf, sondern fahren gleich weiter zur Halbinsel Chalkidiki, die durch eine Autobahn mit Thessaloniki verbunden ist. In dem touristischen Städtchen Kalikratia mieten wir uns in einer kleinen Pension an der Meerespromenade für ein paar Tage ein. Von hier aus wollen wir Thessaloniki und die Chalkidiki erkunden.

Thessaloniki: Egnatia Odos - orthodoxes Kirchlein, vom Verkehr umbraust Thessaloniki: Egnatia Odos - orthodoxes Kirchlein, vom Verkehr umbraust

Nachdem am nächsten Tag regnerisches Wetter herrscht, machen wir uns zunächst auf nach Thessaloniki. Wir parken das Auto im Süden der Stadt, in dem vollautomatisierten Parkhaus nahe dem Weißen Turm und steuern zuerst das Archäologische Museum an. Innerhalb der Ausstellung "Das Gold der Makedonen" beeindruckt besonders die berühmte goldene Totenmaske. Nach einer kurzen Pause im Café geht es weiter zum modernen Byzantinischen Museum, in dem Kunstschätze aus früh-, mittel- und spätbyzantinischer Zeit ausgestellt werden. Da zwischenzeitlich die Sonne durch die Wolken gebrochen ist und sich der Himmel aufgehellt hat, machen wir einen Spaziergang zum Galerius-Bogen, der einst die antike Via Egnatia überspannte. Der römische Kaiser Galerius hatte im 4. Jahrhundert Thessaloniki zu seinem Regierungssitz erkoren und die Stadt damit zur Weltstadt gemacht. Reste seines riesigen Palastes finden sich nicht weit vom Galerius-Bogen in Richtung Meer. Gleich hinter dem Galerius-Bogen erhebt sich das Mausoleum des Galerius, auch Georgs-Rotunde genannt, das zwischenzeitlich sowohl als Kirche als auch als Moschee diente.

Mausoleum des Galerius oder Georgs-Rotunde in Thessaloniki Mausoleum des Galerius oder Georgs-Rotunde in Thessaloniki

Wir beschließen den Tag bei einem wunderbaren Abendessen in der Oberstadt, im Altstadtviertel Tumba, in der "Taverna Kaliteriki". Unser Ober spricht perfekt deutsch und erzählt, er hätte lange in einem griechischen Restaurant in Deutschland gearbeitet. Dort hätte er seine Frau kennengelernt, eine Italienerin, die in der Eisdiele gegenüber einen Job hatte. Jetzt lebten sie mit ihren Kindern in Thessaloniki. Eine Musikgruppe mit Sängerin tritt auf. Sie geben den schwermütigen Rembetiko zum Besten, ein Musikstil, den einst die Flüchtigen aus Kleinasien mit hierher brachten.

Tauben in Thessaloniki Tauben in Thessaloniki

Zurück in Kalikratia sehen wir vor dem Schlafgehen die vielen Lichter der Schifferboote, die weit draußen am Meer aufgereiht wie auf einer Perlenschnur am Ende der Bucht Aufstellung genommen haben.

Auch den nächsten Tag widmen wir Thessaloniki. Wir schlendern entlang der byzantinischen Stadtmauer, besuchen freskengeschmückte Basiliken und Bauwerke aus osmanischer Zeit wie Badehäuser und Basare. Die Anlage der Stadt ist großzügig gestaltet: vornehme Straßen, schöne Plätze, viel Luft und Licht. Mit einem Rundgang durch den Hafen mit seinen schicken Restaurants schließen wir den Stadtausflug ab.

Im Hafen von Thessaloniki Im Hafen von Thessaloniki

Die nächsten Tage gehen wir daran, die Halbinsel Chalkidiki zu erkunden. Vorbei am Hafen von Nea Moudania, wo es ein kleines Fischerei-Museum gibt, fahren wir zunächst nach Kassandra, den westlichen der drei Finger, in welche die Halbinsel ausläuft. Hier ist es sehr touristisch, antike Reste gibt es nur wenige. Auf dem Weg zum mittleren Finger kommen wir an dem antiken Olynthos vorbei. Da diese griechische Siedlung bereits 348 v.Chr. von dem Makedonierkönig Philipp II. zerstört und anschließend nicht mehr aufgebaut wurde, förderten die Ausgrabungen praktisch das originale Bild einer klassisch-griechischen Stadtanlage zu Tage. Bei den Ausgrabungen gibt es ein kleines Archäologisches Museum. In dem neuen Ort kann man sich abseits vom großen Touristenrummel in einem Hotel einmieten.

Die altgriechische Stadtanlage von Olynthos Die altgriechische Stadtanlage von Olynthos

Auch der mittlere Finger, Sithonia, bietet vor allem touristisches Neubaugebiet. Von dem antiken Torone finden sich noch Reste der Hafenbefestigung und der Akropolis.

Weiter geht es zum östlichen Finger, der Mönchsrepublik Athos. Kurvig schlängelt sich die Straße durch grünbewachsene Berge. Arnaia ist ein netter Ort mit hübschen osmanischen Häusern und in Stagira, dem Geburtsort von Aristoteles, besuchen wir das kleine naturwissenschaftliche Freilichtmuseum, das dem großen Philosophen gewidmet ist. Wir gönnen uns eine Rast in der idyllischen Bucht von Kolpos Jerissos, kommen vorbei an Ienissos mit seinem byzantinischen Wehrturm. Dann erreichen wir Ouranopoli. Von hier starten die Schiffe, mit denen man die Mönchsrepublik Athos umfahren kann. Besucher sind dort nicht willkommen, Frauen ist der Besuch ganz untersagt. Da das Schiff nur einmal täglich um 10.30 Uhr abfährt (die Fahrt dauert ca. drei Stunden) und wir zu spät dran sind, beschränken wir uns nach einem Kaffee auf die Besichtigung des byzantinischen Wehrturms. Dann fahren wir zum Grenzübergang zur Mönchsrepublik und werfen ein paar neugierige Blicke über den Maschendrahtzaun. Nahe des Grenzübergangs wird an den Ausgrabungen des Klosters Zygos (10. Jh.) gearbeitet.

Grenzstation zur Mönchsrepublik Athos Grenzstation zur Mönchsrepublik Athos

Auf der Rückfahrt biegen wir noch nach Petralona ab. Die dortigen Tropfsteinhöhlen sind 800 m weit begehbar und gut ausgeleuchtet. In einem Museum sind die Funde nachgestellt, unter anderem ein 600.000 Jahre alter Schädel.

Im Museum von Petralona Im Museum von Petralona

Wir halten bei einem Lidl. Mal schauen, was der hier in Griechenland so im Angebot hat. Ein süßer kleiner Hund irrt auf dem Parkplatz herum, den bestimmt jemand ausgesetzt hat. Als wir den Laden wieder verlassen, sehen wir, wie ein Mann das Hündchen hoch nimmt und zu Frau und ganz aufgeregtem Kind ins Auto setzt. Happy End für diesen kleinen Schatz! Das macht gute Laune.

Frühlingswiese auf der Chalkidike Frühlingswiese auf der Chalkidike

Wir verlassen die Chalkidiki in Richtung Thessaloniki, reihen uns dort in den Autobahn-Zubringerring ein und nehmen die neue südliche Autobahn, die neue Via Egnatia, die Egnatia Odos, nach Kavala. Die Strecke führt entlang des nördlichen Ufers des Konoria- und des Volvi-Sees. Beide Seen wirken naturbelassen, aus Inseln von Schilfbüscheln quaken Frösche, ertönt Vogelgezirpe, am östlichen Ufer des Konoria-Sees stehen Flamingos. In Megali Volvi lädt ein direkt am Seeufer gelegenes Kafenion zur Rast, in dessen Korbsesseln wir die warmen Sonnenstrahlen genießen. Wir befinden uns nun in Ostmakedonien.

Am Ufer des Volvi-Sees Am Ufer des Volvi-Sees

Die Fahrt führt durch ostmakedonische Landschaft, gekennzeichnet durch Laubwälder aus Pappeln und Eichen. Die Meeresbucht Kolpos Orfanou zeichnet sich durch schön Sandstrände aus, empfehlenswert für diejenigen, denen eher an einem ruhigen Badeurlaub gelegen ist.

Unser erstes Besichtigungsziel ist das am Strymonas-Fluss gelegene Amphipolis mit seinem berühmten über fünf Meter hohen Löwenmonument, das einst zu einem makedonischen Kammergrab (3. Jh.v.Chr.) gehörte. Während der römischen Zeit war Amphipolis wegen seiner Lage an der Via Egnatia von großer strategischer Bedeutung, in der Spätantike wurde es eine wichtige christliche Gemeinde. Wir entschließen uns zu einem kleinen Picknick am Flussufer, gleich neben dem Monument, bevor wir die am Berg gelegene Ausgrabungsstätte aufsuchen. Weil heute Montag ist, hat leider alles geschlossen, auch das kleine Museum. Doch auf unser Klingeln wird geöffnet und als die netten Museumsleute unsere Enttäuschung bemerken, lassen sie uns trotz Ruhetag ein. Die von hier stammenden Funde beeindrucken gebührend. Vom Museum aus fahren wir hinunter zum Fluss, auf dessen beiden Seiten sich Reste antiker Verteidigungsanlagen befinden, eingebettet in eine malerische Flusslandschaft, die zur Linken von den Bergen des Panagaion-Gebirges begrenzt wird.

Das Löwenmonument von Amphipolis Das Löwenmonument von Amphipolis

Weiter folgen wir der neuen Autobahn Egnatia Odos Richtung Kavala. Kurz vor dem Ort Eleftheroupoli biegen wir kurzentschlossen links auf eine kleine Betonstraße ab und fahren auf den Berg zum "Hotel-Café Pefkorama". Diese Entscheidung war goldrichtig! Die wenigen Gästezimmer sind geschmackvoll-rustikal eingerichtet und verfügen über große Terrassen, von denen der Blick auf die große Ebene von Philippi geht. In der Abenddämmerung genießen wir bei einem Glas Wein den Ausblick auf die Ebene, nun begrenzt von den hell aufscheinenden Lichtern der umliegenden Dörfer. In dieser Ebene fand im Herbst des Jahres 42 v.Chr. eine der größten Schlachten der Antike statt, in der die Verteidiger der Republik und Cäsarmörder Brutus und Gajus besiegt wurden von Marc Anton und Oktavian. Fast möchte man meinen, sich bewegende Schatten der Vergangenheit in der Ferne der Ebene wahrnehmen zu können.

Blick auf Eleftheroupoli und die Ebene von Philippi Blick auf Eleftheroupoli und die Ebene von Philippi

Der nächste Tag holt uns in die Gegenwart zurück. Gestärkt mit einem Frühstück unten im Ort, das aus Kaffee und mit Zimt und Zucker bestäubtem Blätterteiggebäck bestand, mischen wir uns im Ausgrabungsgelände von Philippi unter die heute reichlich vertretenen griechischen Schulklassen. Das Ausgrabungsareal ist gewaltig. Ursprünglich thrakisch, wurde die Stadt von dem Makedonierkönig Philipp II. im Jahre 356 v.Chr. erobert und nach ihm unbenannt. Doch ihre Bekanntheit verdankt sie vor allem dem Wirken des Apostels Paulus, der hier im Jahre 49 die erste christliche Gemeinde in Europa gründete. Im Mittelalter wurde Philippi Erzbistum. Neben Ausgrabungen aus antiken Zeiten finden sich so vor allem die Überreste des Bischofspalastes und großer Basiliken. Natürlich besuchen wir auch noch das Museum mit seinen Grabsteinen und Fußbodenmosaiken. Durch die Stadt verlief einst die antike Via Egnatia.

Frühchristliche Basilika B in Philippi Frühchristliche Basilika B in Philippi

Auf der Weiterfahrt Richtung Küste erreichen wir schon bald Kavala. Gleich bei der Ortseinfahrt befindet sich das vornehme Fünf-Sterne-Hotel "Egnatia" und nicht weit davon entfernt ein recht offiziell wirkendes Schild mit der befremdlichen Aufschrift "Türken raus aus Zypern".

Dabei kann die Stadt Kavala den türkischen Einfluss, der ihr zu ihrer Blüte verhalf, kaum abstreiten. Von ihm zeugen heute noch die alten Bürgerhäuser, das Aquädukt und andere osmanische Überbleibsel. Das Städtchen zieht sich vom malerischen Hafenrund, wo wir uns sogleich unter Plantanen in einem kleinen Kafenion niederlassen, den Hügel hinauf zu der von den Osmanen ausgebauten Burganlage.

Kavala - Blick auf das osmanische Aquädukt Kavala - Blick auf das osmanische Aquädukt

Weiter folgen wir der Egnatia Odos Richtung Komotini. Bald schon erreichen wir den Fluss Nestos, der die Grenze zwischen Makedonien und Thrakien markiert. Über Xanthi folgen wir der Straße Richtung Porto Lagos, biegen aber noch vor Erreichen des Ortes Richtung Abdera ab. Aus dieser altgriechischen Siedlung stammten so bedeutende griechische Denker wie Protagoras oder Demokrit. Heute liegt das Ausgrabungsareal von Abdera als verwunschener Ort an den Gestaden des Ägäischen Meeres. Wir fahren hinunter in den Küstenort Skala Alkyon und folgen von hier der Küstenstraße durch das landschaftlich sehr schöne Gebiet der Vistonias-Lagune - in der Reiher, Störche und Wildenten unseren Weg kreuzen - bis nach Porto Lagos.

Überreste von antiken  Gebäuden in Abdera Überreste von antiken Gebäuden in Abdera

Gleich am Ortseingang beziehen wir im "Hotel Porto Lagos" in einem geräumigen Appartement für 35 EUR die Nacht Quartier. Das Abendessen in der "Fischtaverna Psomotaverna" wird zum Erlebnis! Nicht nur, weil es hier frischen Fisch sagenhaft lecker mit Olivenöl und Zitrone zubereitet gibt, dazu hausgemachten Kartoffelsalat, sondern weil der Wirt Sotirios lange Jahre in Marktredwitz gewohnt hat, bestens deutsch spricht, München und den FC Bayern liebt und uns deshalb einen Krug Wein nach dem anderen spendiert. Das wird ein langer, lustiger Abend. Viele einheimische Gäste bevölkern die Taverne, eine Mieze hilft uns beim Fischessen und unser Hund Rex verschlingt gierig den Fischkopf - nur damit die Katze ihn nicht kriegt. Die Dorfhunde trotten immer wieder mal vorbei und schauen, was sich so tut, von Zeit zu Zeit fährt ein Fischkutter in den kleinen Hafen ein. Ja, hier ist es noch lebendig, das urige Griechenland, das wir in unseren Jugendtagen kennen und lieben gelernt haben.

Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug zum Vistonias-See und besuchen das in der Lagune malerisch gelegene und nur über einen Steg erreichbare Kloster Agios Nikolaos. Schon aus der Ferne hört man den Gesang der Priester.

Das Kloster Agios Nikolaos im Vistonias-See Das Kloster Agios Nikolaos im Vistonias-See

Weiter folgen wir der Route der antiken Via Egnatia über die Ortschaft Polyanthos zum Polyanthos-Fluss. Dort, wo die moderne Straße den Fluss überquert, fragen wir einen griechischen Autofahrer nach der alten osmanischen Brücke. Da bekommen wir aber etwas zu hören! Dies sei "the old Alexander Road", die später römisch wurde, aber mit den Türken nun überhaupt nichts zu tun hätte - ein rein griechisches Bauwerk sei das. Und in welchem Reiseführer so ein Blödsinn von türkischen Brücken stünde! Gleich zückt er sein Handy, um den Reiseführer zu fotografieren, damit er sich beschweren könne. Wir sind ganz erschrocken. Bestimmt hat er damit Recht, dass die Brücke auf die antiken Makedonier zurückgeht, dann Bestandteil der römischen Via Egnatia war, bevor sie von den Osmanen wieder instand gesetzt wurde. Und die Bauarbeiten führten vermutlich die griechischen Bewohner der Gegend aus. Vielleicht könnte man sich auf ein makedonisch-römisch-türkisch-griechisches Gesamtbauwerk einigen? Trotz allem freut sich der Mann über unser Interesse und begleitet uns gerne zur Brücke, die wirklich gut erhalten und imposant ist. Sie erfüllt auch noch einen Dienst: Ein Angler hält von ihr aus seine Schnüre ins Wasser.

Auf unserer Weiterfahrt machen wir Station in dem Städtchen Komotini, wo wir das wirklich interessante Archäologische Museum besuchen. Dann geht es weiter zur Ausgrabungsstätte von Maroneia, die sich oberhalb der Steilküste befindet. Unten am Meer liegt der kleine Ort Agios Charambalos mit einer netten Taverne, in der wir uns für die Weiterfahrt stärken.

Archäologisches Museum in Komotini: Keramiken aus dem 5. Jh. Archäologisches Museum in Komotini: Keramiken aus dem 5. Jh.

Nun geht es auf kleiner Landstraße durch eine weitgestreckte Ebene, vorbei an den Dörfern Ergani - ein Muselmanendorf - und den von orthodoxen Griechen bewohnten Dörfern Nea Petra und Venna, vorbei an Dioni und Krohili. In dieser wie gemalt wirkenden thrakischen Landschaft ziehen Schäfer mit ihren Herden über grüne Wiesen, grasen friedlich Kühe. Die Zeit scheint stehen geblieben.

Wir erreichen das Ausgrabungsgelände von Mesembria, die antike Keramikstadt, und fahren nach einem Rundgang weiter nach Makri, einem Badeort. Im netten "Hotel Klio" mieten wir uns für 35 EUR ein und gönnen uns ein ausgezeichnetes Fischessen in dem am Meer gelegenen Restaurant.

Am nächsten Tag geht es über Alexandropolis, wo wir in einem Internet-Café unsere E-Mails checken, nach Trajanopolis. Hier an der antiken Via Egnatia ließ einst Kaiser Trajan ein Militärlager errichten, dessen Reste man besichtigen kann. Heute ist Trajanopolis ein kleines Heilbad mit wenigen Hotels.

Entlang des Flusses Evros fahren wir von dessen Delta in nördlicher Richtung bis Ferres. Da der Fluss Evros, auf Türkisch Meriç, die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei bildet, ist das Delta militärisches Sperrgebiet. Ein Tierparadies konnte sich entwickeln, das aber nur mit Sondergenehmigung (erhältlich in Feres) zugänglich ist.

Antike Brückenreste in Feres Antike Brückenreste in Feres

Nun erreichen wir die Grenzstation. Es empfiehlt sich, die sehr günstige Duty-free-Tankstelle auf griechischer Seite zu nutzen.

Die neue Egnatia Odos an der griechisch-türkischen Grenze Die neue Egnatia Odos an der griechisch-türkischen Grenze
© Angelika Gutsche, 2011
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Die Reise

 
Worum geht's?:
Die Fahrt führt uns entlang der antiken Römerstraße Via Egnatia, die einst das Weströmische mit dem Oströmischen Reich verband, durch die vier Länder Albanien, Mazedonien, Griechenland und Türkei (europäischer Teil). Nach weit über tausend Kilometern wird unser Ziel das heutige Istanbul sein, das ehemalige Byzanz oder Konstantinopel. (Basierend auf dem historischen Reiseführer "Auf den Spuren der antiken Via Egnatia vom Weströmischen ins Oströmische Reich", Wiesenburg Verlag, Nov. 2010)
Details:
Aufbruch: April 2009
Dauer: circa 4 Wochen
Heimkehr: Mai 2009
Reiseziele:
Italien
Albanien
Mazedonien
Griechenland
Türkei

Der Autor

 
Angelika Gutsche berichtet seit 10 Jahren auf umdiewelt.
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Aus dem Gästebuch (3/4):
Elisabeth Stanggassinger 1399139314000
Euer Bericht ist wir­klich so, dass es einem Lust macht, die Via Egnatia zu er­kun­den. İch bin eine Hikerin und bin gerade zu Fuss durch Kap­pa­do­kien und Phrygien ge­gan­gen und werde jetzt nach Griechen­land über­set­zen; denn ich gehe mehr oder weniger die 2. Mis­sion­srei­se des A­pos­tels Paulus nach. İch hatte ge­hofft, dass man entlang der Via Egnatia wandern kann ... aber Euer Bericht hört sich nun doch so an, dass die alte Strasse in eine Au­to­bahn um­ge­wan­delt wurde. Schade ei­gent­lich ... aber ich werde schon einen Weg finden, der auch zu Fuss möglich ist. Danke je­den­falls für die vielen guten Tipps in Eurem Berich­t.
Lie­be Grüsse
­
E­li­sa­beth
Tiina 1333488154000
Da wir uns gerade mit der Via Egnatia besch­äfti­gen, um diese im nächsten Jahr ab­zu­fah­ren, war ich be­geis­tert, diesen wun­der­ba­ren Bericht zu lesen. Herz­lichen Glückwunsch da­zu!­

Vie­le Grüsse,­
Tii­na
Figline 1295954831000
Ein wun­der­vol­ler Bericht über eine wun­der­vol­le inte­res­sante Reise! LG Uschi