Italien-Reisebericht :Apulien mit dem Motorrad entdecken

Apuliens Norden

Toru 4: Apuliens Norden - Gargano, Castel del Monte und Matera

Toru 4: Apuliens Norden - Gargano, Castel del Monte und Matera

Diesmal geht es hoch in den Norden Apuliens, in den Parco Nazionale del Gargano. So wie Apulien den Absatz des italienischen Stiefels darstellt, so ist der Gargano der Sporn des Absatzes. Im Gargano, dieser bergigen Halbinsel, wollen wir eine Nacht bleiben, um anschließend über das von dem Staufer Friedrich II. erbaute Castel del Monte einen Abstecher nach Matera zu machen, um dort die unter dem Schutz der UNESCO stehenden Felsenwohnungen zu besuchen.

Wir fahren auf der superstrada No. 16 gen Norden. Bei Barletta wechseln wir auf die kleine Küstenstraße, um über das Thermalbad Margeritha di Savoia zwischen Küste und Salinen hindurch weiter nach Manfredonia zu fahren. Die Salinen sind die ältesten, wichtigsten und größten Italiens mit mehr als 500 Becken zur Salzgewinnung. Eine reiche Vogelwelt hat hier ihre Heimat, auch rosa Flamingos stehen auf Nahrungssuche einfüßig im seichten Wasser.

Von Manfredonia aus folgen wir der Küstenstraße rund um die Gargano-Halbinsel über Testa del Gargano und Vieste bis Peschici. Eine einmalig schöne Fahrt entlang der bergig-kurvigen Panoramastraße mit grßartigen Ausblicken auf das Meer, aus dem grandiose Felsformationen ragen. Dass der Gargano auch ein Surfer-Paradies ist, bezeugen die vielen Surfer, die mit ihren Brettern hier gekonnt auf Wellen reiten. Natürlich können wir nicht umhin, die Fahrt für eine kurze Abkühlung in der einladend azurblauen Adria zu unterbrechen.

Gargano: Küste

Gargano: Küste

Nachdem wir uns im Hafen von Peschici in einer kleinen Trattoria gestärkt haben, fahren wir weiter nach Valazzo, um hier die Küstenstraße zu verlassen und über Vico in die Foresta Umbra zu gelangen. Herrlich kühl ist es hier in den schattigen Wäldern mit ihren hohen Bäumen. Man muss nur aufpassen, dass man keine der Kühe übersieht, die sich hier gemächlich wiederkäuend auf den Straßen fortbewegen.

Endlich erreichen wir Monte Sant'Angelo. Wir bekommen ein einfaches Zimmer in dem von Nonnen geführten Pilgerhospiz und können dort auch unser Motorrad sicher unterstellen. Dann machen wir uns auf den Weg zum ältesten christlichen Wallfahrtsort des Abendlandes, die Michaelsgrotte, die sich unter der Kirche San Michele Arcangelo befindet. Der Hl. Michael soll einst hier den Gargano von der großen Schlange befreit haben. Im centro storico des Ortes werden wir auf der Suche nach einem urigen ristorante schnell fündig und lassen den Abend gemütlich ausklingen.

Am nächsten Morgen nehmen wir die Straße nach San Giovanni Rotondo. Hier wirkte der in ganz Italien hoch verehrte, wundertätige und heilig gesprochene Padre Pio. Über seiner von Millionen Pilgern jährlich besuchten Krypta wurde eine von dem berühmten Architekten Renzo Piano entworfene Wallfahrtskirche im Jahre 2004 eingeweiht. Sie bietet 7500 Gläubigen Platz und der Vorplatz fasst noch einmal 30.000 Menschen. Der Plan, noch mehr Gläubige anzuziehen, indem man den armen Kapuzinermönch im Jahre 2008 exhumierte, einbalsamierte und als Mumie ausstellte, ging auf. Da bleibt uns angesichts der langen Besucherschlangen, die sich zwischen den Devotionalienständen hindurch drängeln, nur noch die Möglichkeit, schnellstmöglich die Flucht zu ergreifen...

Wir folgen der Straße nach San Marco, um dann Richtung Süden nach Foggia abzubiegen. Von dort geht es über Cerignola nach Canosa, weiter Richtung Andria, um aber schon bei S. Domenico auf die reizvollen Route über M. Maccarone bis zum Castel del Monte abzubiegen. Schon von weitem wirkt die achteckige Stauferburg, als "Krone Apuliens" bezeichnet, sehr imposant. Noch heute ranken sich Legenden und Vermutungen um diesen im Jahre 1234 begonnen Bau Friedrich II., den dieser nie bewohnt hat. Sollte er der Verteidigung, als Wohnort oder nur als Schmuckstück dienen? Das Motorrad lassen wir am Parkplatz, dann bringt uns ein Shuttlebus hinauf zur Burg. Obwohl das Kastell innen nur spärlich ausgestattet ist, kann man sich der Faszination der neu restaurierten Burg mit seinem Prunktor und dem ebenfalls achteckigen Innenhof, von dem aus man in die Räume gelangt, nur schwer entziehen.

Castel del Monte

Castel del Monte

Doch allzu lange können wir uns nicht aufhalten, denn wir wollen heute noch weiter zur Felsenstadt Matera, die nicht mehr in Apulien, sondern bereits in der Basilicata liegt. Wir fahren Richtung Ruvo, um bei C.Lovino nach Süden abzubiegen. Zuerst besuchen wir Gravina di Puglia. Nachdem wir das wunderbare Kirchen-Ensemble der Piazza mit dem Dom aus dem Jahre 1092 - von hier stammt ebenfalls ein Papst namens Benedikt (der XIII.) - besichtigt haben, suchen wir die etwas außerhalb der Stadt gelegene Schlucht mit ihren Felswohnungen. Gravina dürfte vielen Kinobesuchern bekannt sein, wurde doch hier die Filmkomödie "Maria, ihm schmeckt's nicht!" gedreht.

Doch dann geht es weiter nach Matera, wo wir der Ausschilderung "Sassi" folgen. Sassi heißen die Viertel mit den Höhlenwohnungen. Hier soll Carlo Levi zu Wort kommen, der in seinem Roman "Christus kam nur bis Eboli" die einstigen Wohnzustände folgendermaßen beschreibt: "Die Türen der Behausungen standen wegen der Hitze offen und ich sah in das Innere der Höhlen, die Licht und Luft nur durch die Türen empfangen. Einige besitzen nicht einmal solche; man steigt von oben durch Falltüren und über Treppchen hinein. In diesen schwarzen Löchern mit Wänden aus Erde sah ich Betten, elenden Hausrat und hingeworfene Lumpen. Auf dem Boden lagen Hunde, Schafe, Ziegen und Schweine. Im Allgemeinen verfügt jede Familie nur über eine solche Höhle, und darin schlafen alle zusammen, Männer, Frauen, Kinder und Tiere." Heute wohnt kaum noch jemand in den sassi, sondern es sind dort Souvenirläden, Restaurants, Hotels und ein kleines Museum untergebracht. Wir mieten uns für eine Nacht in einem Höhlenhotel ein! Komfortabel ausgebaut und schaurig-schön zugleich.

Während wir in Gravina die Einsamkeit der Schlucht genießen konnten, sind in Matera natürlich Unmengen von Touristen unterwegs, die den immer noch vorhandenen Zauber der alten Stadtviertel genießen und die aus verschiedenen Jahrhunderten stammenden Grottenkirchen - die ältesten stammen aus dem 9. Jahrhundert - besuchen.

Gioia del Colle

Gioia del Colle

Über Santeramo und Gioia del Colle - hier gibt es noch ein wunderbares Staufer-Kastell, das von Friedrich II. tatsächlich bewohnt wurde - geht es über Nocci zurück nach Ostuni.

Leider, leider neigt sich unser Urlaub dem Ende zu. Schön waren die Motorradfahrten auf kleinen Landstraßen durch apulische Landschaften und entlang wilder Küsten. Und es gäbe noch so vieles zu besichtigen und zu bestaunen, zum Beispiel die Hauptstadt Bari, in deren Dom der Heilige Nikolaus seine letzte Ruhestätte fand, die Barockstadt Lecce oder Hafenstädte wie Trani mit dem malerischen Hafenrund. Motorradtouren könnten noch unternommen werden zu historischen Orten, weitläufigen Stränden, kunsthistorisch interessanten Kirchen, prähistorischen Dolmen, zu Masserien und Weingütern. Aber alles auf einmal geht halt nicht und es ist doch schön, wenn es sich lohnt, nochmals wiederzukommen!

Blick auf Ostuni

Blick auf Ostuni

Literatur:
"Apulien" DUMONT
"Apulien" DUMONT Kunst-RF, Ekkehart Rotter

Krimis aus Bari, der Hauptstadt Apuliens, von Gianrico Caroviglio: "Im freien Fall", "Reise in die Nacht", "Das Gesetz der Ehre" und der Roman "Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land"

Francesca Marciano "Casa Rossa"
"
Roberto Cotroneo "Otranto"

© Angelika Gutsche, 2009
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Apulien, das ist der Absatz des italienischen Stiefels, begrenzt von der Adria und dem Ionischen Meer. Entlang einsamer Landstraßen sind wir unterwegs im Land der Olivenbäume und Trulli, bewundern die Naturschönheiten und die kulturellen Sehenswürdigkeiten wie das berühmte Castel del Monte von Friedrich II., besuchen mittelalterliche Städte und genießen die köstliche apulische Küche mit ihren berühmten Antipasti und wunderbaren Weinen.
Details:
Aufbruch: Juli 2009
Dauer: circa 5 Wochen
Heimkehr: August 2009
Reiseziele: Italien
Der Autor
 
Angelika Gutsche berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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