Martinique-Reisebericht :Starker Tobac in Tobago

Martinique

Es ist einer jener Tage, die es eigentlich gar nicht gibt. Azurblauer Himmel, stahlblaues Wasser. Kleine weiße Wölkchen hängen wie hingetupft dazwischen.
Wieder einmal erliegen wir dem Lockruf des Meeres.
Eine leichte Brise bläht die Segel, streichelt warm mein Gesicht. Eine Welle des Glücks packt mich, wühlt sich mir von hinten unters Zwerchfell. Das ist Leben. Das ist Bootfahren. Das ist die Karibik. Der siebte Himmel besteht aus strahlendem Licht. Dafür haben wir geschuftet, ein ganzes Leben lang.

Tortuga zieht eine weiße Schaumspur durchs Wasser. Carla lümmelt barbusig auf dem Vordeck. Leise klimpern die Rocks in ihrem Pina Colada. Güteklassemäßg ist dieser Tag nicht zu schlagen.

In Le Marin fällt unser Anker und wir müde in die Kojen.

Morgens lege ich vorsorglich einen zweiten Anker. Doch selbst mit 10 Ankern hätte ich keine Ruhe, wenn ich nicht an Bord bin. Doch es hilft nichts, wir müssen an Land. Wir müssen ja unsere Vorräte besorgen.

Der kleine Elefantenrollschuh, den ich besorge, nennt sich Mietwagen. Immerhin kann ich ihn sebst fahren, denn in Martinique der "französischen Kronkolonie" kann man auf der richtigen Seite Autofahren.

Carla und ich füllen den kleinen Wagen aus wie die Wutz den Trog. Wir reihen uns ein in eine zunehmend mit Lähmungserscheinungen geschlagene Blechlawine. Ein Pudding kriecht schneller voran. Was ist nur los auf dieser Insel? Ob der Anführer der Schlange vielleicht ein Ponywagen ist? Vielleicht ist auch irgendwo eine Eselskarre mit Apfelsinen umgefallen und blockiert die Straße? Doch die einzigen Esel auf dieser Straße scheinen zweibeinige zu sein. Der Verkehr ist unbeschreiblich, die Vehikel, die unterwegs sind auch. Schrottreife Pickups neben Minicars und amerikanischen Luxusschlitten, dazwischen Bussse in abenteuerlichem Zustand. Nach zwei Stunden und einem verkrampften Kupplungsfuß erreichen wir Fort de France. Sollte jetzt einer denken meine Liebste arbeitet ihren Einkaufszettel ab, der kennt weder die Frauen noch meine Carla.

Der Frau und dem Schiff mangelt es immer an etwas! Wirklich!!

Natürlich brauchen wir unbedingt etwas zum Anziehen, schließlich wollen wir uns ja den ganzen Tag nackt in der Sonne räkeln.
Ach ja, der Mixer.
Dem enormen technischen Talent meiner Liebsten ist es zu verdanken, dass er bei jedem zweiten Mixen von Aldis klebrigem Brotteig zu qualmen beginnt und durchbrennt. Also muss ein neuer her.
Dass sie einen neuen Ladyshave braucht, kann ich verstehen. Wie soll sie denn die Haare auf den Zähnen weg bekommen?

Ach für die Beine? Tschuldigung! Hatte mich doch schon so an Sandpapier im Bett gewöhnt.

20 Flaschen Rotwein suche ich mir aus, denn Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben. Die lächerlichen 80 Fläschchen Riesling blanc de blanc, die müssen sein. Soll ich vielleicht leben wie ein Hund??

Die Welt ist voller Mirakel! Es geschieht eines dieser Wunder für die Frankreich seit 1000 Jahren in aller Welt berühmt ist. Wir bringen alles in diesem winzig kleinen aufgestellten Mäusedreck von Auto unter. Dass es verdächtig in den Achsen knirscht, ist dabei nebensächlich. Mit fünf Zentimern Bodenfreiheit und X-Beinen rumpeln wir von Schlagloch zu Schlagloch.

Unheilvolle Wolken verdunkel heranrückend die Sonne. Werden sie diesen ganzen weiten Himmel füllen?

Als wir nach einer halben Stunde Holperfahrt zurück in Le Marin sind, ist auch das Gewitter da. Mit Donner und Doria fällt es über uns her.

Bei laufendem Motor und immer noch drehenden Rädern hechte ich aus dem kleinen Vehikel und direkt ins Dingi. Tortuga driftet im Hafen herum. Trotz Vorsorge mit zwei Ankern kann sie dem Gewittersturm nicht standhalten. Schnell knalle ich den Gang rein. Der Schalthebel meiner funkelnagelneuen, sündhaft teuren, besten Schaltung der Welt, dreht doll wie eine Kaffeemühle ohne Bohnen. Kein Gang, kein Schub. Tortuga treibt aufs Riff. Adrenalin schießt mir ins Gedärm. Meim Wortschatz enthält leider keinen Ausdruck der grob genug wäre diese Situation zu kommentieren.

Panisch reiße ich den Hörer von der Funke. "Mayday, mayday, mayday!"

Die Bürokratie greift: "Nennen sie uns ihre genaue Position! Your position??!! Your position??!!"

Zornig fliegt der Hörer durch die Luft und ich ins Beiboot. Nehme Tortuga längsseits und versuche sie mit allem was der kleine Außenmborder hergibt vom Riff wegzuschieben. Es gelingt mir nicht. Die Untiefe kommt immer näher.

Hilfe naht in Form von zwei Franzosen, die mit ihren Dingis auf mich zuschießen und helfen wollen das Schiff zu sichern. Sie übernehmen Tortugas längstes Tau und binden es an das Schwimmdock mitten im Hafen. Mit vereinten Kräften gelingt es uns Tortuga ans Dock zu ziehen und zu belegen. Das geht nicht ohne Blessuren ab, nicht an Boot und nicht an Kapitän. Irgendwas Scharfes reißt mir den Arm auf, Blut tropft mir über die Finger. Und wäre meine fruchtbarste Zeit nicht eh schon vorbei, ab sofort wär Sense.

Behindert von lebensbedrohenden Schwankungen verstauen wir auch den heutigen Einkauf.

Und als die Sonne endlich hinter die Insel purzelt um zu Hause die Kehlen auszudörren, ziehen wir das erste Fläschchen auf und warten bis die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit in die Unendlichkeit zerfließt.

© Doris Sutter, 2004
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Karibik, das ist Sonne pur und blaues Wasser! Das ändert sich schlagartig, wenn der Hurrikan kommt. Karibische Impressionen von Carla und Karl-Heinz mit ihrem Segler Tortuga und dem Treffen mit Hurrikan Ivan, erzählt von Doris Sutter
Details:
Aufbruch: August 2004
Dauer: circa 9 Wochen
Heimkehr: Oktober 2004
Reiseziele: Trinidad und Tobago
Martinique
St. Lucia
Grenada
Der Autor
 
Doris Sutter berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Doris sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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