Martinique-Reisebericht :Freude und Leid einer Segelreise in die Karibik

die Vorfreude war nicht zu überbieten: "Ich möchte mit niemand tauschen", so erfuhren es alle Bekannten vorab, aber kam dann vor dem Beginn schon das abrupte Ende ?

Vorfreude soll die schönste Freude sein.....

"Was, 5 Wochen willst du dich in der Karibik sonnen ?" Das waren die neidischen Reaktionen aller, denen ich von meinen Plänen erzählte und die ich zum Mitmachen gewinnen wollte.
Es sollte meine neunte winterliche Karibikreise werden nach dem Motto "den Winter zum Sommer machen". Hinfliegen mit Air France, sich unterwegs schon mit Rotwein und gutem französischen Essen verwöhnen lassen, auf irgendeiner Insel bei Sigi auf die AMBASSADOR an Bord gehen und alles weitere dem Skipper und seiner Frau überlassen!
Grobe Törnplanung dieses Mal: Von Guadeloupe bis Puerto Rico, knapp 400 Seemeilen in knapp 5 Wochen, unsere Mannschaft fast wie jedes Jahr, alles schon gute Gewohnheit.

Doch dieses Mal hakte es: Wolfgang fing sich drei Wochen vorher eine hartnäckige Erkältung ein, Jürgen fiel aus wegen einer Augenoperation im Februar, statt dessen bot Werner an, seine Freundin Moni mitzubringen, damit wir wieder vollzählig werden.

Eine Woche vor dem Abflug wache ich morgens mit Ischiasschmerzen auf, dank derer das Aufstehen 2 Stunden dauert - Bewegungsmöglichkeiten ohne Schmerzen: Null. Bandscheibenvorfall? Kann man nicht am Wochenende untersuchen lassen.
Also erst einmal Mails an alle Bekannten absetzen, die notfalls für mich einspringen könnten.
Die Antworten sind teilnahmsvoll, aber Zeit habe man leider so kurzfristig nicht.
Dem Arzt und dem Osteopathen schildere ich nicht nur mein Leiden, sondern auch meine Situation: Flug verfallen lassen, dem Skipper absagen zu müssen.
Zentrale Frage: Bin ich noch zu retten, wie immer man das verstehen mag. Ehefrau Gaby versteht es so, dass ich wegen meiner Schnapsideen nicht zu retten sei, der Arzt stellt im MRT fest, dass es kein Bandscheibenschaden ist, der Osteopath verspricht, sein Bestes zu versuchen, damit der Karibikaufenthalt zu einer Reha in tropischer Warmluft werden könne.

Obwohl ich erst wieder laufen lernen muß, habe ich die Hoffnung auch 4 Tage vorher noch nicht aufgegeben. Immerhin werde ich Sigi mein Mißgeschick schon mal zumailen, damit er weiß, dass er bestenfalls Patienten an Bord erwarten kann. Ich öffne die Mailbox, da reißt es mich fast vom Stuhl, Originaltext von Sigi:

"Liebe Segelfreunde,
auf dem Weg von St. Vincent nach St. Lucia hatten wir einen Mastbruch um 10,30 Uhr am 18.01.2013, ich versuche in St. Lucia - Rodney Bay, die erreichen wir um 16,00 Uhr, das Großsegel abzuschlagen und gehe auf die Werft um herauszufinden, ob die das reparieren können!!
Wahrscheinlich ist es besser, das in Martinique zu reparieren (Le Marin) die sind bestens ausgerüstet, dort werden wir morgen Nachmittag sein, aber dann kommt das Wochenende!!!.

Mit dem Segeltörn wird es zeitlich wahrscheinlich eng werden, werde Euch am Montag genaueres berichten können.
Vieleicht kann Manfred und Wolfgang nach Martinique kommen!!
Vielleicht brauchen auch Monika und Werner ein paar Tage Hotelurlaub in St. Martin!
Ich werde auf alle Fälle versuchen, den Segeltörn mit Euch zu segeln.
Die Crew ist OK. und uns ist nichts passiert.
Liebe Grüße
Sigi und Annmarie "

Auch das noch !
Und dann gleich ein weiteres Mail:
"Liebe Segelfreunde!
Situation vorab.
Wir haben um 8:30 den größten Rigger von Le Marin getroffen (machte einen guten Eindruck) und der wollte nachmittag kommen und den Schaden begutachten. Wir warteten bis 15:40 und niemand kam, nach einem Telefonat sagte er, er habe leider keine Zeit, aber wir könnten zu einem anderen Rigger gehen, der kann das eventuell auch machen.
Erste Ernüchterung von den Franzosen, ich bin gleich zu der Schiffsyard, wo er arbeitet, er war aber nicht anzutreffen, jemand sagte, er sei mit dem Auto weg, komme aber wieder. Im Office bekam ich seine Telefon Nr., aber er hatte sein Telefon abgeschaltet. Endlich um 17:00 hat er sein Telefon abgenommen und er sagte, in 10 Minuten sei er da, es wurden dann doch 20min, er ist dann gleich mit aufs Schiff, schaute sich den Schaden an und meinte, man kann den Mast nieten, eventuell wird er etwas kürzer, aber das stellt sich erst raus, wenn der Mast an Land ist. Wir haben nun morgen ein Treffen im Office und erfahren, wann der Mast gezogen wird, möglich (hoffentlich) noch am selben Tag, wir werden sehen!!
Jedenfalls macht der Rigger (Bernard) einen guten Eindruck ist freundlich ca. 50 Jahre und ist auch einmal um die Welt gesegelt.
Also am Dienstag wissen wir mehr.
Aber ich glaube nicht dass wir am 27. in Guadeloupe sein können!!

Wir haben schon alles vorbereitet zum Mast - ziehen.

Mehr Morgen, liebe Grüße
Sigi und Annmarie"

Was bleibt da noch an Vorfreude ? Ich fasse mich vorsichtig an den Hintern und frage mich, ob ich dann nicht doch besser hierbleiben sollte. "Bewegung" hatte der Osteopath gesagt, hilft Ihnen weiter. Noch 3 Tage bis zum Flugtermin........

Wolfgang ist fest entschlossen, hinzufliegen, nur dort könne sein Husten endgültig erledigt werden. Aber wohin genau ?

Da kommt schon das nächste Mail von Sigi:

"Heute Vormittag wurde der Mast gezogen, der Rigger meinte, er kann ihn reparieren, es kommt innen eine Manschette rein, dann wird er mit ca. 50 Schrauben verschraubt und zusätzlich noch verschweißt, es kann sein, dass er um 30 cm kürzer gemacht wird, die Segel müssen dementsprechend angepasst werden. Die neue Rollerfurling kostet ca. 3.500,- Euro. Den Mastfuß - Sockel brauche ich auch neu, wird aus ALU gefertigt 550,- und wird Dienstag fertig, die 2 Handläufe über den Windhutzen beim Mast sind aus der Ankerung gerissen und bekommen neue Halterungen angeschweißt.
Nur noch eins ist offen: wann der Mast wieder gesetzt wird???
14 Tage sind vorgeschlagen, aber es kann auch noch länger dauern, wir sind hier in der Karibik!!! "

Wenn überhaupt, können wir also nur nach Martinique fliegen und nicht nach Guadeloupe.
Ich schleiche indessen erst mal wieder zum Osteopathen, immerhin schon mal ohne Taxi, brauche aber eine Stunde hin.
Zurück schaffe ich den Weg in 20 Minuten!
Er hat mich nicht nur tadellos behandelt, er hat mich auch aufgebaut: "Jetzt könnte es gut gehen, und die warme Luft in der Karibik könnte den Rest erledigen, nur immer viel bewegen....."
Ja, wenn das so ist, dann muß ich ja fliegen !
Und tatsächlich, nach dem Motto: "Augen zu und durch" schleppe ich am Sonntag, 27.1.2013 sogar meine 23 kg Freigepäck in den Airport, treffe dort Wolfgang und wir fliegen los. Nicht in Vorfreude, sondern in neugieriger Erwartung.

© Manfred Sürig, 2013
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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 27.01.2013
Dauer: 5 Wochen
Heimkehr: 02.03.2013
Reiseziele: Martinique
Niederländische Antillen
Britische Jungferninseln
Vereinigte Staaten
Der Autor
 
Manfred Sürig berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt. Manfred über sich:
pensionierter Zentralbanker, der zwischen 65 und 80 noch Europa hautnah erleben will, besonders die nun zugänglichen Länder im östlichen Europa. Fahrradreisen 2000 in die Slowakei, 2001 Tschechien/Slowakei,2002 Slowakei und Ungarn, 2003 Rumänien, Bulgarien und Ukraine, 2004 Ukraine Rumänien und Moldawien und 2005 durch den ganzen Balkan, 2006 wieder in die Slowakei und 2007 mal in die Schweiz und nach Frankreich, 2009 und 2010 wieder nach Tschechien und in die Slowakei, ab 2011 mit Enkel Dominik jedes Mal auf einen anderen hohen Berg zu Fuß in der Tatra, den Waldkarpaten und in der Mala Fatra.
Zweites Hobby: Segeln, nach dem Eintritt in den Ruhestand wird auch mal im Winter Urlaub gemacht, da bietet sich die Karibik an. Seit 2007 nun immer mit demselben Vercharterer aus Trinidad