MAL EBEN KURZ NACH ERITREA

Eritrea-Reisebericht  |  Reisezeit: April 2005  |  von Uwe Decker

Nachts unterwegs in Asmara

Wer Asmara in der Hoffnung auf ein quirliges Nachtleben aufsucht, dürfte schwer enttäuscht werden. Nach 22 Uhr ist in der Innenstadt nichts mehr los. Urplötzlich sind die Menschenmassen verschwunden, man geht früh schlafen.

Allerdings nicht jeder. Spätabends und nachts fällt eine andere Spezies Mensch auf, Militärposten mit Maschinengewehren, die die vorwiegend dunklen oder nur spärlich beleuchteten Straßen und Plätze beherrschen. Ob diese Präsenz wirklich notwendig ist vermag ich nicht zu beurteilen. Eritrea fühlt sich ständig bedroht, von außen, neuerdings auch von innen. Ich habe gelesen, dass nach dem 30-jährigen Bürgerkrieg und der Erlangung der Unabhängigkeit jeder voller Stolz mit anpackte, um einen neuen Staat aufzubauen. Nach dem neuerlichen Krieg mit Äthiopien 1996 bis 2000, den daraus resultierenden wirtschaftlichen Problemen und der Entwicklung der Regierung zu einem totalitären Regime, das sich jeglichen demokratischen Tendenzen verweigert, sind die Menschen desillusioniert. Das spürt man deutlich, wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt. Oft passiert das leider nicht. Ein Schwatz mit den Hotelangestellten oder Kellnerinnen, falls die gerade nicht so viel zu tun haben, oder mit den anderen Gästen im Cafe, Taxifahrern. Touristen sind zwar recht rar, aber nicht so exotisch, dass jeder mich sofort neugierig anspricht.

Einem Mann helfe ich bei der Formulierung seines Visumantrages für die Vereinigten Staaten. Ich hoffe, ich habe es nicht vermasselt. Er schimpft heftig auf den Westen, der Eritrea einfach nicht zur Kenntnis nimmt. Er hat kein strategisches Interesse an dem Land. Ich fürchte, das ist nur die halbe Wahrheit. Auch beklagt er, dass eine ganze Generation durch den Militärdienst gebunden ist und beim Aufbau des Landes doch so dringend gebraucht würde. Da hat er allerdings vollkommen recht.

Am zweiten Abend lasse ich mich, nachdem die Bürgersteige rund um mein Hotel, das gegenüber der Kathedrale absolut zentral gelegen ist, mal wieder frühzeitig hochgeklappt wurden, zum Warsa Club fahren. Es ist 22.30 Uhr, aber ich bin der erste Gast. Schnell springe ich wieder ins Taxi, zurück ins Hotel, dann gehe ich halt mal wieder früh schlafen.

Aus dem Fehler habe ich gelernt - denke ich. Am nächsten Abend trudele ich erst kurz vor Mitternacht dort ein. Es ist ein netter Platz, zwei Discos, eine mit internationaler Musik, eine mit einheimische Liveband, dazwischen ein Open Air Restaurant. Aber wieder bin ich einer der ersten, setze mich nach draußen, bestelle ein Bier und bete, dass es bald voller wird.

Der Kellner geht mit einer Riesenplatte an einen der anderen Tische, kommt dann zu mir und sagt, die Herrschaften dort bitten mich zum Essen an ihren Tisch.

Es ist eine illustre Runde, ein Sudanese, der nur arabisch spricht, vier junge Frauen, die unterschiedlicher nicht aussehen können und fast nur einheimisch, nämlich Tigrinya, sprechen und ich, ein sonnenverbrannter Touri, der beider Sprachen nicht mächtig ist. Wir essen Injera, die Nationalspeise, ein großer Fladen aus Hirse, Weizen oder Sorghum, von dem Stücke abgerissen und mit etwas Fleisch und Soße zu einer Kugel geformt mit der Hand in den Mund geschoben werden. Sonderlich lecker schmeckt es mir, ehrlich gesagt, nicht.

Dann wechseln wir zur Livemusik. Die Lautstärke ist ohrenbetäubend, die Musik etwas gewöhnungsbedürftig, nach einer Stunde und nachdem es mittlerweile endlich voll geworden ist, gefällt es mir richtig gut. Der Sudanese ist zwischenzeitig verschwunden, ich sitze mit den Damen allein am Tisch und erweise mich für die Einladung zum Essen mit einer Runde Getränke erkenntlich. Die Ladies bestellen Baileys, die Rechnung beläuft sich auf 180 Nakfa, fast 10 Euro, in diesem Land schon ein Vermögen. Irgendwann verschwinde auch ich unauffällig.

© Uwe Decker, 2005
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Die Reise
 
Worum geht's?:
10 Tage am Rande Afrikas
Details:
Aufbruch: 13.04.2005
Dauer: 11 Tage
Heimkehr: 23.04.2005
Reiseziele: Eritrea
Asmara
Der Autor
 
Uwe Decker berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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