Maasromanik in Belgien und den Niederlanden

Belgien-Reisebericht  |  Reisezeit: Juni 2004  |  von Herbert S.

1.Exkursion - rund um Lüttich (Liège): romanische Kirchen in Lüttich

St. Denis

Die im Jahre 987 unter Notger von den drei Brüdern Jean, Godescalc und Nithard, dem Domherr von Saint-Lambert, gegründete Dionysiuskirche war bis zur Franz. Revolution eine Stiftskirche. Sie wurde von einer grossen Priesterschaft geleitet, dessen Mitglieder in den den Kreuzgängen zugewandten Gebäuden unterbracht waren. Die Kreuzgänge am heutigen Place Saint-Denis sind nicht mehr erhalten.

Erläuterungen vor der Kirche Saint-Denis

Erläuterungen vor der Kirche Saint-Denis

Die Vieleckapsis überragt das Hauptschiff

Die Vieleckapsis überragt das Hauptschiff

Vieleckapsis

Vieleckapsis

Das Bauwerk ist gegen Osten gerichtet. Die Vieleckapsis ist eine bemerkenswerte Konstruktion aus dem ausgehenden 14.Jh. aus lothringischem Stein. Sie wird durch hohe Fenster erhellt und ragt weit über das Hauptschiff aus Kohlensandstein hinaus, dessen hohe Dachtraufen gekrönte Seitenmauer von Fenstern durchbrochen sind, die sich in den Verstärkungsbögen befinden.

Westbau - dreiteilig

Westbau - dreiteilig

Der hohe dreiteilige Westbau wurde erst gegen Mitte des 12. Jhs. mit etwas nach Norden abweichender Achse angefügt. Das ungegliederte fast quadratische Mittelstück mit drei Geschossen überragt den First des Langhausdachs, begleitet von zwei schmäleren zurückgesetzten Flankentürmen gleicher Höhe. Der hölzerne Turmaufsatz des zunächst unvollendet gebliebenen Mittelteils ersetzte wohl wenig später den aus Stein geplanten.
Das Bruchsteinwerk aus Kohlensandstein, an Bögen und Kanten quaderhaft behauen, wurde im frühen 19. Jh. an der oberen Hälfte großenteils mit Backstein ausgeflickt, wobei man auch das einstige Kreisfenster durch ein kleineres rechteckiges ersetzte. Außerdem ist als einzige Gliederungsform im Südturm oben eine gekuppelte Doppelöffnung erhaltene schlanke Zwischensäule mit Eckblattbasis, Würfelknauf und gekehltem Kämpfer.

Ansonsten ist der Kirchenbau ein Stilkonglomerat - auch die Inneneinrichtung zeigt Elemente aus Rokoko, Renaissance, Gotik und Romanik.

Blick vom Hauptschiff nach Westen in den Unterbau des Westbaus - Orgelgehäuse mit reicher Reanissancedekoration (1589)

Blick vom Hauptschiff nach Westen in den Unterbau des Westbaus - Orgelgehäuse mit reicher Reanissancedekoration (1589)

Blick vom Hauptschiff nach Osten in die Vieleckapsis - Hochaltar (1747) aus Marmor und vergoldetem Holz

Blick vom Hauptschiff nach Osten in die Vieleckapsis - Hochaltar (1747) aus Marmor und vergoldetem Holz

St. Jacques gilt als schönstes Lütticher Gotteshaus. Die Kirche wurde 1015 gegründet und 1030 geweiht. Ihren Namen trägt sie nach Jakob von Compostela. 1056 erhielt sie die Gebeine dieses Heiligen.

Südansicht der gesamten Kirche - links der massive romanische Westbau

Südansicht der gesamten Kirche - links der massive romanische Westbau

Der älteste Teil der heutigen Kirche ist der romanische, 1168 geweihte Westbau. Er liegt wie bei St-Barthelemy (s.u.)gleich einem Riegel vor dem Langhaus. Von seinem mächtigen Drei-Türme-Abschluß blieb nur der kleine mittlere erhalten, den man überdies erst später einfügte. Die Kanten seines Oktogons werden durch Säulen akzentuiert, ihnen sitzen flache Giebel auf.

Westbau von Norden gesehen

Westbau von Norden gesehen

Von seinem mächtigen Drei-Türme-Abschluß blieb nur der kleine mittlere erhalten, den man überdies erst später einfügte. Die Kanten seines Oktogons werden durch Säulen akzentuiert, ihnen sitzen flache Giebel auf. Kann man die architektonischen Zierformen hier noch recht gut ausmachen, so muß man die Gliederung des kastenförmigen Unterteils großenteils erraten - es wirkt mit seinen Backsteinflicken wenig ansprechend

Von seinem mächtigen Drei-Türme-Abschluß blieb nur der kleine mittlere erhalten, den man überdies erst später einfügte. Die Kanten seines Oktogons werden durch Säulen akzentuiert, ihnen sitzen flache Giebel auf. Kann man die architektonischen Zierformen hier noch recht gut ausmachen, so muß man die Gliederung des kastenförmigen Unterteils großenteils erraten - es wirkt mit seinen Backsteinflicken wenig ansprechend

Portal auf der Südseite des Westbaus

Portal auf der Südseite des Westbaus

Im Inneren des Hauptschiffes überwiegen die gotischen Elemente

Im Inneren des Hauptschiffes überwiegen die gotischen Elemente

Die (kath.) Pfarrkirche Saint Jean l'Evangéliste wurde als Stiftskirche von Bischof Notker gegründet und nach dem Vorbild des Aachener Münsters als Zentralbau zwischen 977 und 997 errichtet. 1008 wurde der Stifter hier bestattet.

der interessante Westbau mit zwei flankierenden Türmen war leider (fast) komplett eingerüstet und abgehängt

der interessante Westbau mit zwei flankierenden Türmen war leider (fast) komplett eingerüstet und abgehängt

Für das hier behandelte Thema ist insbesondere der dreitürmige romanische Westbau interessant, der leicht aus der Achse verschoben ist und wohl im 11. Jh. erbaut wurde.

Eräuterungstafel an der Kirche

Eräuterungstafel an der Kirche

Teil des Kreuzganges

Teil des Kreuzganges

Die Obergeschosse wurden um 1200 erneuert, gleichzeitig auch der Chor erweitert und nochmals im 14. Jh. ein kleiner Kreuzgang westlich in der Achse vorgelagert.

Für einen Gesamteindruck mag bis zu einer erneuten Aufnahme ohne Gerüste ein Modell herhalten

Für einen Gesamteindruck mag bis zu einer erneuten Aufnahme ohne Gerüste ein Modell herhalten

In der heutigen Form ist die Kirche spätgotisch und barock, 1754 ein barocker Neubau der Kirche erfolgte, wobei Umfang, Grundriß und die Raumverhältnisse in den Hauptzügen beibehalten wurden.

Vom Altbau wurde aber nur die Turmgruppe bestehen gelassen.

Am Nordrand der Stadt - maasabwärts - liegt die ehem. Stiftskirche Saint Barthélemy (heute Pfarrkirche)

Leider war auch hier der Westbau und große Teile der Kirche eingerüstet - neue Bilder werden nach vollendeter Restaurierung eingestellt

Leider war auch hier der Westbau und große Teile der Kirche eingerüstet - neue Bilder werden nach vollendeter Restaurierung eingestellt

im Dezember 2006 ist es soweit: Die Gerüste sind verschwunden und die Kirche 'erstrahlt' in ihrer ursprünglichen Aufmachung - mir gefiel sie vorher besser!

im Dezember 2006 ist es soweit: Die Gerüste sind verschwunden und die Kirche 'erstrahlt' in ihrer ursprünglichen Aufmachung - mir gefiel sie vorher besser!

Der westliche Abschluß zeigte erschreckend deutlich, wie sehr die Außenmauern im ältesten Industrierevier Europas der Luftverschmutzung ausgesetzt sind. Daher wird die Kirche zur Zeit einer umfassenden Restaurierung unterzogen.

Dann wird seine Westchorhalle wieder eine durch Lisenen und Rundbögen klar gegliederte Fassade auszeichnen. Ob das klassizistische Portal von 1782 dabei erhalten bleibt, ist wohl noch offen, das seit seiner Gestaltung einen bizarren Gegenakzent zur Geschlossenheit der Westfasade bildete.

Vielleicht erhält dann gleichfalls das mittlere Geschoß seine ursprüngliche Form wieder zurück, also auch jene abgestuften, von Säulen getragenen Arkaden, welche einst die später vermauerten Fenster rahmten.

Im Langhaus erinnert zwar die basilikale Raumform an den romanischen Bau, aber Gewölbe und Stuckgliederung verändern dessen Charakter völlig. Fraglich ist, ob der im 18. Jh. auffällige Stützenwechsel auf die ursprüngliche Anordnung zurückgeht.
Die Abfolge (Säule, Pfeiler, zwei Säulen, Pfeiler, Säule - also ein Drillingsbogen zwischen zwei Bogenpaaren) ist aber auch in der romanischen Baukunst einzigartig

Im Langhaus erinnert zwar die basilikale Raumform an den romanischen Bau, aber Gewölbe und Stuckgliederung verändern dessen Charakter völlig. Fraglich ist, ob der im 18. Jh. auffällige Stützenwechsel auf die ursprüngliche Anordnung zurückgeht.
Die Abfolge (Säule, Pfeiler, zwei Säulen, Pfeiler, Säule - also ein Drillingsbogen zwischen zwei Bogenpaaren) ist aber auch in der romanischen Baukunst einzigartig

Die Wandung des 60 Zentimeter hohen, zylindrischen Gefäßes ziert eine Relieffolge, die seinen Ruhm begründet

Die Wandung des 60 Zentimeter hohen, zylindrischen Gefäßes ziert eine Relieffolge, die seinen Ruhm begründet

Besichtigen läßt sich z.Zt. weiterhin das bronzene Taufbecken von Reiner von Huy; es gilt als das überragende Meisterwerk maasländischer Gußkunst im Mittelalter. es wurde etwa 1115 für Notre-Dame-aux-Fonts geschaffen, fand nach deren Zerstörung anfangs des 19. Jh. dann hier seinen Platz.

© Herbert S., 2006
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Im Rahmen eines Hochschulseminars führten vier Exkursionen zu kleinen und großen romanischen Kirchen, die alle ihre Besonderheiten gegenüber herkömmlichen Bauten der Romanik zeigten. Ausgangspunkt für die Tagesexkusionen war jeweils Aachen als Hochschulstandort
Details:
Aufbruch: Juni 2004
Dauer: unbekannt
Heimkehr: Juni 2004
Reiseziele: Belgien
Niederlande
Der Autor
 
Herbert S. berichtet seit 14 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Herbert sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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