Darmstadt - Jugendstilzentrale Deutschlands

Deutschland-Reisebericht  |  Reisezeit: August 2011  |  von Herbert S.

1. Rundweg zu den Häusern der Künstler

Hinweis:
Die Anmerkungen zu den Häusern entstammen weitgehend aus der Broschüre "Beiträge zum Denkmalschutz in Darmstadt Heft 7"

Haus Behrends

Wir beginnen den Rundweg unterhalb des Pavillons im Alexandraweg mit dem Haus Behrends.

errichtet 1900-1901 zur Ausstellung 1901 Ein Dokument Deutscher Kunst 
Architekt: Peter Behrens (1868-1940)

errichtet 1900-1901 zur Ausstellung 1901 Ein Dokument Deutscher Kunst
Architekt: Peter Behrens (1868-1940)

Im Gesamtplan der ersten Bebauung aus dem Jahr 1901 lag das Haus Behrens am westlichen Rand der Künstlerkolonie, während alle anderen Hauptgebäude sich axial auf das dominierende Ernst-Ludwig-Haus bezogen. Die deutliche räumliche Abgeschiedenheit des Hauses Behrens unterstrich seine Sonderstellung als einziges nicht von Olbrich geplantes Wohnhaus. Begünstigt durch die Randlage umgab das Grundstück Behrens ehemals ein parkähnliches Areal. In den großzugigen Baumgruppierungen, kleinen Wegen und Blumenparterren ließen sich Anklänge an den Charakter des Parks erkennen, der vordem die Mathildenhöhe gliederte. In zeitgenössischen Kritiken wird gerade diese Wirkung als "kleiner Herrensitz" oder die besondere "Einheit von Haus und Umgebung gelobt.

Das Haus Behrens wurde trotz starker Kriegszerstörungen weitgehend authentisch wiederaufgebaut.

Das Haus Behrens wurde trotz starker Kriegszerstörungen weitgehend authentisch wiederaufgebaut.

Rote Ziegelbänder und grünglasierte Klinker auf grauem Putz gliedern die Fassaden. Im Bereich der Risalite durchlaufen sie ohne Unterbrechung alle Geschosse und münden in einem Giebelfeld mit gotisierender Kielbogenform.

der Eingangsbereich wirkt fast schon sakral

der Eingangsbereich wirkt fast schon sakral

Große Haus Glückert.

Nur durch einen kleinen Weg - der Christiansenweg stellte zur Erbauungszeit eine der wenigen direkten Verbindungsachsen zur Mathildenhöhe dar - getrennt vom Haus Behrends liegt das Große Haus Glückert.
Es wurde zur ersten Kolonieausstellung 1901 von Joseph Maria Olbrich (1867-1908) für den Möbelfabrikanten Julius Glückert gebaut.

Wie bei den meisten seiner Häuser legte Olbrich auch beim Großen Haus Glückert den imposanten Eingang an die Seitenfront, erschlossen über einen schmalen, flach getreppten Fußweg.

Kleines Haus Glückert

Noch während der Bauphase kaufte der Möbelfabrikant Julius Glückert die ursprünglich für den Künstler Rudolf Bosselt geplante Villa.
Mit seinem direkten axialen Bezug zum Ernst-Ludwig-Haus, dem Zentrum der Ausstellung von 1901, gehörte das Kleine Glückerthaus zu den Kernbauten der Kolonie. Wie auch die benachbarten Gebäude wurde das Haus ehemals durch ein seitlich gelegenes Portal im Osten betreten.

errichtet 1901 zur Ausstellung 1901 Ein Dokument
Deutscher Kunst von Olbrich

errichtet 1901 zur Ausstellung 1901 Ein Dokument
Deutscher Kunst von Olbrich

In seiner Grundform ist das Kleine Glückerthaus kubusartig angelegt. Doch verleiht ihm die außergewöhnliche Dachlösung einen ganz spezifischen Charakter. Über einer auskragenden Plattform des Obergeschosses erheben sich im Osten und Westen zwei halbrunde Giebelflächen, die aus der Ferne ein Tonnendach suggerieren. Dahinter verbirgt sich eine Dachterrasse.

Für die nördliche Schmuckfassade zum Alexandraweg plante Olbrich einen bis in das Dach reichenden Erkerrisaliten, dessen Schnitzereien vom Bildhauer Rudolf Bosselt (1871-1938) entworfen wurden.

Haus Olbrich

Das Haus Olbrich war im Oktober 1901 bezugsfertig. Nach dem frühen Tod Olbrichs 1908 verwalteten noch Jahrzehnte die Hinterbliebenen das Anwesen. 1940 stark zerstört begann 1950/51 unter Leitung von Oberbaudirektor Peter Grund und dem Architekten Paul Mandel der Wiederaufbau mit einschneidenden Veränderungen. Das Obergeschoß und der Dachbereich hatten ehemals einen völlig anderen Formencharakter, wie historische Aufnahmen belegen. Erhalten geblieben sind lediglich an der Außenfassade der typische blau-weiße Kachelfries, das schmiedeeiserne Gartentor, einige Fenstergitter und die Begrenzungsmauer mit der Brunnenanlage. 1975 wurde das Haus Olbrich aus Privatbesitz der Stadt Darmstadt mit der Auflage gestiftet, das Anwesen einem wissenschaftlich-kulturellen und der Friedenssicherung dienenden Zweck zuzuführen. Seit seiner Restaurierung 1980 ist das Gebäude Sitz des Deutschen Polen-Instituts.

Das abfallende, terrassierte, dreieckige Grundstück wird durch eine starke Umfriedungsmauer begrenzt, deren Eckpunkt und zugleich Blickfang ein kunstvoller Wandbrunnen bildet.

Den marmornen Wandbrunnen mit der Figur des trinkenden Jünglings schuf Bildhauer Ludwig Habich

Den marmornen Wandbrunnen mit der Figur des trinkenden Jünglings schuf Bildhauer Ludwig Habich

Haus Habich

Errichtet 1900-1901 von Olbrich wurde das Haus Habich nach Kriegszerstörungen verändert wiederaufgebaut. Der Kubuscharakter und die ungefähren Geschoßproportionen wurden beibehalten. Original sind noch einige Fenstergitter im Souterrain, die Einfriedung mit dem blütenverzierten Gartentor.

Oberhessisches Haus

Das Oberhessische Haus war von einer Gesellschaft oberhessischer Gewerbetreibender 1907 in Auftrag gegeben worden, um die Leistungsfähigkeit des oberhessischen Kunstgewerbes zu demonstrieren. Später wurde es in ein privates Zweifamilienhaus umgewandelt; die markante Vorhalle und Halle sind nicht mehr erhalten, wie auch weitere Veränderungen im baulichen Detail zu erkennen sind. Das Gebäude beherbergt heute das Institut für Neue Musik und Musikerziehung e.V.

errichtet 1908 zur Hessischen Landesausstellung für freie und angewandte Kunst von Olbrich

errichtet 1908 zur Hessischen Landesausstellung für freie und angewandte Kunst von Olbrich

Haus Sutter

Das Haus Sutter war eine von drei nebeneinanderliegenden Villen, die als Verkaufsobjekte für die Hessische Landesausstellung 1908 von privaten Auftraggebern errichtet wurden. Der eigenwillige Entwurf Sutters weckte den Protest der Jury. Sie entschied, daß Sutter seinen Bau auf eigene künstlerische Verantwortung errichten müsse. Das Haus steht mit einigen baulichen Veränderungen noch heute.

errichtet 1908 zur Hessischen Landesausstellung für freie und angewandte Kunst von Architekt Conrad Sutter (1856-1927)

errichtet 1908 zur Hessischen Landesausstellung für freie und angewandte Kunst von Architekt Conrad Sutter (1856-1927)

Das Haus Wagner-Gewin, das als drittes Haus im Olbrichweg 1908 errichtet zur Hessischen Landesausstellung für freie und angewandte Kunst von Architekt: Johann Christoph Gewin errichtet wurde, ist heute durch einen Neubau ersetzt.

Haus Deiters

Haus Deiters wurde zur Ausstellung 1901 Ein Dokument
Deutscher Kunst von Olbrich errichtet und wurde im Krieg nicht zerstört. Zahlreiche An- und Umbauten hatten aber das Erscheinungsbild der Villa im Laufe der Zeit stark verändert. 1986-88 erwarb die Stadt Darmstadt das Gebäude und setzte es mit hohem finanziellen Aufwand unter Leitung von Christiane Geelhaar in den Originalzustand von 1901 zurück. Im November 1992 wurde im originalgetreu wiederhergestellten Haus Deiters die Darmstädter Galerie des 19. Jahrhunderts eröffnet, die 1996 wieder geschlossen wurde. Heute sind im Gebäude Büroräume des Poleninstituts und des Laboratoriums der Zivilisation Akademie Deutscher Werkbund untergebracht.

Mit einer Grundfläche von 8,86 x 9,5 Metern war Haus Deiters das kleinste Wohnhaus der Künstlerkolonie. Als städtebaulichen Akzent setzte Olbrich einen turmartigen Anbau an die Hausecke, den er mit einem aufwendig gestalteten Dach, flankiert von zwei runden Erkertürmen, zusätzlich eindrucksvoll betonte. Die Silhouette des Gebäudes gestaltete Olbrich außerordentlich lebendig. Das Mansarddach lockerte er mit Gaupen auf. Eine Gaupe führte als Fensterband gestaltet über Eck. Den Übergang zwischen Fassade und Dach verzierte Olbrich mit verbindenden, rein dekorativen Zierstäben.

Am parabelförmigen Eingang und an der aufwendig mit Glas und schmiedeisernem Gitterwerk geschmückten Haustür lassen sich typische Jugendstilformen und -farben ablesen. Ebenso zeigen die am Eingang aufgestellten Pflanztröge sowie der noch original erhaltene Umfassungszaun charakteristische Dekorationsformen des Jugendstils.

Damit ist der Rundweg zu Jugenstilhäusern der Arcjitekten aus dem Kreise der Künstlerkolonie Darmstadt abgeschlossen.

© Herbert S., 2013
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Aktuell ist auf der Mathildenhöhe neben der permanenten Ausstellung und den Jugendstilgebäuden noch eine Ausstellung 'Glanz einer Epoche - Jugendstil-Schmuck aus Europa' zu sehen. Da mußten wir hin.
Details:
Aufbruch: 27.08.2011
Dauer: 2 Tage
Heimkehr: 28.08.2011
Reiseziele: Deutschland
Der Autor
 
Herbert S. berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Herbert sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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