Albanien 2019 - Roadtrip durch ein kaum bekanntes Fleckchen Europas

Albanien-Reisebericht  |  Reisezeit: Juli 2019  |  von Nick H.

Von Berat nach Vlora

Während des leckeren Frühstücks in unserer Unterkunft erzählen wir ein wenig mit dem Besitzer. Er spricht "Deutsch", jedoch ergeben 2/3 seiner Sätze für mich keinen erkennbaren Sinn. Dennoch ist er so herzlich und hilfsbereit, dass man ihn einfach gerne haben muss! Und besser als mein Albanisch ist sein Deutsch allemal! Zudem spricht er noch Englisch, Italienisch und Französisch...über die Qualität der anderen Sprachen kann ich aber nichts sagen.

Wir wählen heute nicht den direkten Weg nach Vlora, sondern fahren zunächst zum Nationalpark Divjaka-Karavasta. Hierbei handelt es sich um eine Lagunenlandschaft mit Pinienhainen, Auenwäldern und Sanddünen. Am Strand angekommen wollen wir zunächst zu Fuß durch das flache Wasser auf eine Nehrung laufen. Etliche, circa handgroße Krabben im Wasser wissen dies aber zu verhindern und empfehlen uns freundlich, lieber den langen Holzsteg zu benutzen, was wir dann auch machen.

Auf der Nehrung angekommen, gibt es eine große Strandbar sowie viele Sonnenschirme und -liegen. Nach Naturschutzgebiet sieht es für mich hier eher nicht aus! Die nächste Überraschung ist akustischer Natur: Aus den Boxen höre ich doch deutsche Musik...? Tatsächlich, der "King of Albania" Mozzik zusammen mit Loredana! Sehr skurril irgendwie, aber ihr "Bonnie & Clyde" wird in den kommenden Tagen ein wenig zum Song der Reise!

Demnächst soll im Naturschutzgebiet angeblich noch ein Ferienkomplex für mehrere tausende Gäste entstehen. Was in Deutschland undenkbar wäre, lässt sich hier durch Kontakte, Geld oder wie auch immer offenbar regeln. HIER findet man ein paar spärliche Infos dazu.

Nationalpark Divjaka-Karavasta

Nationalpark Divjaka-Karavasta

Nationalpark Divjaka-Karavasta

Nationalpark Divjaka-Karavasta

Nationalpark Divjaka-Karavasta

Nationalpark Divjaka-Karavasta

Wir besichtigen noch einen 30 Meter hohen Aussichtsturm, der uns die schöne Lagunenlandschaft von oben zeigt. Hoffentlich bleibt ein Großteil der Flora und Fauna noch eine ganze Weile bestehen!

Pelikan

Pelikan

Aussichtsturm

Aussichtsturm

Blick über den Nationalpark Divjaka-Karavasta

Blick über den Nationalpark Divjaka-Karavasta

In der Region fällt auf, dass offenbar jeder von Wassermelonen lebt. Man kann keine zehn Meter fahren, ohne dass ein Straßenstand oder ein Lastwagen mit den Früchten zu sehen ist. Wir sind uns ziemlich sicher, dass hier im Falle eines Brandes einfach Wassermelonen aufs Feuer geworfen werden, da es von ihnen mehr gäbe und sie günstiger seien als das Feuer mit Wasser zu löschen. Aber sie schmecken auch verdammt gut!

Als nächstes steht ein kurzer Abstecher zum Kloster Ardenica an, da es sowieso mehr oder weniger auf dem Weg liegt. Dies soll eines der ganz, ganz wenigen eher negativen Erlebnisse werden...

Nachdem wir den Van am Parkplatz abstellen, werden wir direkt sehr unangenehm von 2-3 Bettlern angesprochen. Ich weiß, dass es in Albanien kein Sozialsystem wie in Deutschland gibt und einige Menschen daher auf das Betteln angewiesen sind. Aber die Art ist so penetrant und aggressiv, dass keiner von uns Lust hat, etwas zu geben. Der "Stumme" kann auf einmal, nachdem wir 30 Meter weitergegangen sind, wieder reden - ein Wunder, preiset den Herrn! Ein anderer beschimpft uns bereits in mehreren Sprachen. Wir laufen schließlich zur Pforte des Klosters und diese ist...verschlossen. Laut "Öffnungszeiten" hätten wir das Kloster jetzt besichtigen können. Wir klopfen mehrfach. Ein Straßenverkäufer rät uns, weiter zu warten und zu klopfen, aber nachdem ein Bettler ohne Beine dann mit seinen Händen eine Schrotflinte imitiert und uns damit "erschießt", beschließen wir, dass wir genug andere spannende Punkte auf unserem Plan haben. Nicht, dass es irgendwie bedrohlich gewesen wäre, aber jeder von uns empfindet die Situation als unangenehm. Vielleicht soll man sich ja à la "Gang nach Canossa" durch das Warten als würdig erweisen, aber dafür reicht unser Glaube wohl leider nicht aus. Also kein Kloster Ardenica für uns!

Kurz ist die Stimmung im Bus etwas gedrückt...einerseits tun einem die Bettler leid, andererseits möchte ich niemandem helfen, der so mit uns umgeht. Da wir keine spontane Lösung für dieses Problem haben, tun wir das naheliegendste und trinken jeder (bis auf den Fahrer) ein Bier. Ja, das liest sich jetzt schlimm und ignorant, aber wir möchten unsere Tage schließlich genießen.

Kurz darauf ist die Stimmung tatsächlich besser und wir fahren den kurzen Weg nach Apollonia. Hierbei handelt es sich um römisch-griechische Ruinen sowie ein mittelalterliches Kloster inkl. Museum. Auch mit dieser Stätte könnte man wieder mehrere Seiten füllen, aber jede(r) Interessierte weiß ja, wo ausführliche Infos zu finden wären. Wenn ich mich recht erinnere, hat sogar Julius Caesars Enkel hier studiert.

Odeon

Odeon

Buleuterion

Buleuterion

Buleuterion

Buleuterion

Auf dem Gelände von Apollonia befinden sich zusätzlich mehrere Bunkeranlagen. In den engen Gängen dieser Bunker nisten offenbar unzählige Fledermäuse. Als wir uns in der Nähe einer der Eingänge befinden, kommen direkt ohne Vorwarnung etliche Exemplare hinausgeflogen. Haha, was ein unerwarteter Schock! Unten sieht man ein Exemplar...leider recht unscharf, es stammt aus einem Video. Aus Rücksichtnahme auf die Tiere haben wir sie nicht weiter belästigt.

Fledermaus

Fledermaus

Auf den Straßen Albaniens bekommt man es ebenfalls immer mal wieder mit der lokalen Fauna in Form von Schafs- und Ziegenherden oder vereinzelten Kühen und Eseln zu tun. Auf dem zweiten Bild ab hier versucht der Schäfer gerade, seine Herde über eine vielbefahrene Schnellstraße zu lotsen.

Apropos Straßen: Diese sind außerorts insgesamt in einem besseren Zustand als ich es erwartet hatte. Gerade die Hauptverbindungsstraßen zwischen den größeren Orten sind meist ziemlich gut befahrbar. Zwar nicht so, dass man mit 180 km/h rasen könnte (oder dürfte), aber allzu viele Schlaglöcher gibt es auch nicht. Ausnahmen kommen jedoch definitiv vor, so ist z.B. die Hauptverbindung(!) zwischen Gjirokastra und Korça gefühlt ein besserer Waldweg...trotzdem wunderschön, wenn man nicht selbst fahren muss, haha!

Verkehrsregeln sind in Albanien maximal Richtlinien, Straßenschilder eher gut gemeinte Empfehlungen und es kommt auch schon einmal vor, dass man auf einer Autobahnauffahrt quer über den von links kommenden Verkehr hinüberfahren muss, um sich auf die Gegenspur einzuordnen! Ach ja, einen Führerschein hat laut Aussage einer Albanerin bei weitem nicht jeder, der sich hinter dem Lenkrad befindet. In der Regel lässt sich dieses Problem bei einer Verkehrskontrolle aber mit 2-3 Anrufen aus der Welt schaffen. Dass es nicht mehr Unfälle gibt, muss an der guten Intuition der Albaner liegen, die hier beim Fahren ganz offensichtlich wichtiger ist, als stur irgendwelchen Regeln zu folgen. Mit den Tagen passen wir unsere Fahrweise immer weiter der einheimischen an...

Eine weitere Sache kann man nicht übersehen, wenn man durch die albanische Landschaft fährt. Zwar findet man in vielen Ländern deutlich mehr Bauruinen oder unfertige Gebäude als in Deutschland, jedoch habe ich es in dem Ausmaß, wie es in Albanien der Fall ist, noch nirgendwo erlebt. Es gibt Streckenabschnitte, auf denen fast jedes zweite Gebäude unvollendet ist. Teilweise sind die halbfertigen Häuser bewohnt, teilweise stehen sie leer...doch gebaut wird fast nirgendwo mehr.

Zunächst dachten wir, es gäbe irgendein Gesetz, laut dem man mit einem unfertigen Gebäude keine Grundsteuer zahlen muss. Dies ist jedoch wohl nicht der Fall. Die Erklärung, dass alle einfach angefangen haben und dann das Geld ausging, konnte das Ausmaß ebenfalls nicht zufriedenstellend erklären. Schließlich haben wir die Ursache doch noch gefunden:
Nach dem Ende des Kommunismus im Jahr 1991 gab es in vielen Bereichen kaum staatliche Regulierung, was gerade bei neu aufkommenden Themen wie "Privatbesitz" für chaotische Zustände sorgte. Es kam zu "Pyramid Schemes"/Schneeballsystemen im Immobilienbereich, bei denen der Bevölkerung enorme Renditen versprochen wurden. Viele Menschen verkauften Haus und Hof, um zu investieren und die einmalige Chance auf plötzlichen Reichtum nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Auf dem Höhepunkt, ca. 1996/97, betrug der Nominalwert der Verbindlichkeiten in diesem Sektor rund 50% des gesamten Bruttoinlandprodukts! Es kam, wie es kommen musste...die Seifenblase platzte, viele Menschen verloren ihr gesamtes Vermögen und es kam zu größeren Unruhen, bei denen knapp 2.000 Menschen starben.

HIER findet sich ein interessanter Bericht über das Thema.

Von einer Albanerin haben wir noch erfahren, dass bei einem Haus oft die Großeltern ganz oben wohnen, darunter die Kinder und ganz unten im Erdgeschoss findet man den Laden/Shop.

Bitte nicht falsch verstehen, die Landschaft Albaniens ist dennoch ein Traum!

Kurz vor Vlora möchten wir heute noch die Klosterinsel Zvernec besuchen - als Ausgleich für das verpasste Kloster Ardenica!

An der Klosterinsel angekommen, bietet sich uns ein fantastischer Ausblick! Ein langer, geschwungener Steg führt über das flache Wasser.

Steg zur Klosterinsel Zvernec

Steg zur Klosterinsel Zvernec

Steg zur Klosterinsel Zvernec

Steg zur Klosterinsel Zvernec

Kloster Zvernec

Kloster Zvernec

Diese malerische Aussicht ist offensichtlich nicht nur uns aufgefallen, denn es werden hier gerade Hochzeitsbilder von einem frisch vermählten Paar geschossen. Mit einem der anwesenden Gäste (Leonard) kommen wir ins Gespräch und er erzählt uns, dass so eine Hochzeit eine ganze Woche dauern kann! Jedenfalls werden wir von allen nett begrüßt und stören die Gesellschaft dann auch nicht weiter.

Wir drehen noch eine Runde über die Insel zu einer weiteren Kapelle im Nordwesten, bevor es endgültig nach Vlora geht.

Von der Innenstadt Vloras bekommen wir kaum etwas zu sehen, da unser Hotel an der Promenade liegt und es so scheint, als würde sich auch ein guter Teil des Nachtlebens hier abspielen.

In Vlora, Saranda oder Pogradec habe ich bei den Promenaden (oder in Elbasan auf dem Boulevard Qemal Stafa) den Eindruck, dass es hier primär um Sehen und Gesehen werden geht! Gerade die Frauen brezeln sich teilweise extrem auf. Die meisten der anwesenden Personen dürften aus Familien stammen, deren Einkommen deutlich über dem rund 300€ hohen Durchschnitts-Monatslohn liegt. Es erstaunt, wie offen und tolerant ein doch mehrheitlich muslimisches Land mit der Freizügigkeit bei der Klamottenwahl umgeht. Auch unsere Gruppe zeigt sich hier eher von der toleranten Seite. Mir fällt jedoch auf, dass es kaum jemanden gibt, der von der "Norm" abweicht. So sehe ich zum Beispiel fast nie Männer mit längeren Haaren oder Frauen mit kurzen Haaren. Ob hier die Grenze der Toleranz erreicht wäre oder tatsächlich jeder so herumlaufen möchte, kann ich natürlich nicht beurteilen. Daher soll es einfach als wertfreie Beobachtung verstanden werden.

Aber um nochmals auf das Thema der Religion und der Toleranz zurückzukommen... Tatsächlich findet man hier immer wieder Kirchen und Moscheen direkt gegenüber stehen. Niemand scheint ein Problem mit dem Glauben des Anderen zu haben. Wenn es doch nur überall so friedlich vonstatten gehen könnte! Vielleicht zeigt in diesem Fall noch der vorangegangene Kommunismus, bei dem die Religion ja eine untergeordnete Rolle spielte, seine Auswirkungen. Viele Menschen nehmen es nicht ganz so genau mit den religiösen Vorschriften, sodass u.a. auch mal das ein oder andere Glas Alkohol getrunken wird. Insgesamt wirkt der Umgang bei diesem Thema jedenfalls sehr entspannt!

Nach einem ausgiebigen Abendessen schlendern wir noch über die Promenade und beobachten schließlich biertrinkend und direkt am Wasser sitzend das Treiben. Bis zuletzt sind wir uns nicht ganz sicher, ob man nur in Restaurants/Bars oder auch sonst in der Öffentlichkeit Alkohol trinken darf. Es scheint aber kein Problem zu sein, allzu schräg werden wir jedenfalls nicht angesehen.

Promenade von Vlora

Promenade von Vlora

© Nick H., 2019
Du bist hier : Startseite Europa Albanien Albanien-Reisebericht
Die Reise
 
Worum geht's?:
Mit sechs Mann ging es per selbst organisiertem Roadtrip für neun Tage durch Zentral-, Süd- und Ostalbanien...
Details:
Aufbruch: 05.07.2019
Dauer: 10 Tage
Heimkehr: 14.07.2019
Reiseziele: Albanien
Der Autor
 
Nick H. berichtet seit 25 Monaten auf umdiewelt.