Albanien 2019 - Roadtrip durch ein kaum bekanntes Fleckchen Europas

Albanien-Reisebericht  |  Reisezeit: Juli 2019  |  von Nick H.

Von Elbasan nach Durrës

Heute geht es über Kruja nach Durrës. Da die Straßen um Tirana ausnahmsweise die Möglichkeit bieten, etwas schneller zu fahren, entsteht folgende Situation...

Unser Fahrer (der sonst sehr vernünftig und gut gefahren ist): "Ich glaube, hier ist nur 60km/h oder so und ich hab grad 140 drauf."

...20sek später...
Polizei, Kelle, bitte rechts halten!
Kein Witz!

Oh je, Verkehrskontrolle durch die albanische Polizei! Was passiert jetzt? Müssen wir ein Bündel Geldscheine bereithalten? Ein paar Telefonate können wir schließlich nicht führen, wir kennen ja niemand wichtiges im Land!

Ein weniger bedrohlich als befürchtet aussehender Polizist mittleren Alters tritt von hinten an die Fahrertür. Er sieht, dass wir Touristen sind, zeigt uns einen Zettel, auf dem u.a. "90km/h" steht (ich glaube, so schnell hätte man fahren dürfen) und macht ein Zeichen, dass wir unsere Geschwindigkeit bitte um eeeiiiiniges reduzieren sollen. Er versichert sich, dass wir verstanden haben und...geht.

Okay... Wir haben im Vorfeld gelernt, dass man bei Parkvergehen in Albanien oft gar kein direktes Knöllchen bekommt, sondern dass man von der vorbeifahrenden Polizei notiert wird und später Post erhält. Läuft das nun auch hier so? Später am Tag recherchieren wir prophylaktisch schon einmal im Internet nach dem albanischen Straßenverkehrs-Strafkatalog. 50-60km/h drüber, heieiei! Wir finden natürlich nichts Brauchbares. In einem Forum heißt es aber, dass es angeblich eine inoffizielle Order an die Polizisten gäbe, bei Touristen nachsichtig und sehr kulant zu sein. Echt jetzt?! Man stelle sich vor, ein Albaner fährt bei uns 150 in einer 90er-Zone...der Lappen wäre erst mal weg! Tja, abwarten, ob noch etwas kommt. Aber ich bin guter Dinge! Zumal man bei solchen Strafen ansonsten wohl auch direkt zahlen kann und dann Rabatt erhält. Das wurde uns jedenfalls nicht angeboten, haha!

In Kruja, so finde ich, sollte jeder Autofahrer folgenden Tipp beherzigen: Verlasse nie - und ich meine NIE - die Hauptstraße! Sonst hast du mit einem großen Van ein Problem. Insbesondere da Google Maps in Albanien gerne mal eine Straße erfindet, eine andere weglässt und bei Einbahnstraßen des Öfteren vergisst, dass man dort von unserer Seite nicht hineinfahren darf. Im Großen und Ganzen gab es aber keine Irrfahrten.

Nachdem der Wagen schließlich doch noch in einem Stück an einem passenden Parkplatz ankommt, laufen wir zunächst durch den Basar. Optisch ist er fantastisch und teilweise werden auch interessante Stücke - z.B. aus der kommunistischen Zeit - angeboten. Jedoch gibt Kruja meines Erachtens einen Ausblick auf das Albanien, wie es in 10 Jahren aussehen könnte. Von allen Seiten hört man: "Come inside", "You can look in the shop", "Coffee, tea, beer!", "Where are you from?", usw. Sicher alles lieb gemeint, aber ein bisschen too much. Ich weiß schon selbst, ob ich irgendwo hineingehen möchte oder nicht, danke.

Weiter zur Festung von Kruja! Diese gilt den Albanern als Nationalheiligtum, da von hier aus der Widerstand gegen die übermächtigen Osmanen organisiert wurde. Womit wir auch "schon" beim Nationalhelden wären: Gjergj Kastrioti, genannt Skanderbeg/Skënderbeu!

Seine wohl größte Leistung war die wiederholte Verteidigung des Fürstentums Kastrioti gegen die Osmanen und er erhielt von Papst Calixtus III. sowohl den Titel Fidei defensor („Verteidiger des Glaubens“) als auch den Ehrentitel Athleta Christi („Kämpfer des Christentums“).

Im Rahmen dieser Verteidigungen zog u.a. 1450 ein 150.000 Mann starkes Heer unter Murad II. gegen Kruja und schließlich nochmals 1466 ein 200.000 - 300.000 Mann starkes osmanisches Heer zur zweiten Belagerung der damaligen Hauptstadt. Durch kluges Taktieren (Überfälle, Scheinangriffe und Scheinflucht) und ebenso viel Mut zwang er den Sultan, in die Winterquartiere nach Konstantinopel abzuziehen. Dieser ließ jedoch 80.000 Mann zurück, um Kruja auszuhungern. Auch dieser Plan schlug fehl und Skanderbeg konnte (mit Unterstützung aus Rom und Neapel) die Osmanen 1467 schlagen.

Nachdem Skanderbeg 1468 starb, soll der Sultan Mehmed II ausgerufen haben: "Endlich gehört mir Europa und Asien. Wehe der Christenheit, sie hat ihr Schwert und ihren Schild verloren!"

Dies alles und die weitere Entwicklung kann man aber an anderer Stelle sicherlich ausführlicher und historisch korrekter nachlesen...es soll nur kurz skizzieren, warum Skanderbeg ein solcher Held für die Albaner ist.

Blick auf die Festung von Kruja

Blick auf die Festung von Kruja

Gut, dass Katzen nicht nur ein Leben haben...

Gut, dass Katzen nicht nur ein Leben haben...

Festung von Kruja - Skanderbeg-Museum

Festung von Kruja - Skanderbeg-Museum

Festung von Kruja - Skanderbeg-Museum

Festung von Kruja - Skanderbeg-Museum

Festung von Kruja

Festung von Kruja

"Secret Tunnel" unter der Stadtmauer

"Secret Tunnel" unter der Stadtmauer

Nach einem Rundgang in der Festung besuchen wir dann auch noch das Skanderbeg-Museum. Um es vollständig schätzen zu können, müsste man Albanisch sprechen und sich noch viel ausgiebiger mit der Geschichte auseinandersetzen, aber auch so ist es definitiv lohnenswert.

Abfahrt nach Durrës! Bei der zweitgrößten Stadt, was die Einwohnerzahl betrifft, wurde ich im Vorfeld gewarnt, dass es sich um eine ziemliche Betonwüste handeln soll. Obwohl ich mit dem Industriehafen und diversen Gebäuden weiß, was gemeint war, finde ich sie für einen halben Tag gar nicht schlecht, haha!

Zu meinem Eindruck trägt die Tatsache bei, dass wir hier ein sehr schönes Hotel (Hotel Brais) haben, das über eine für alle Gäste zugängliche Dachterrasse mit Blick auf das Amphitheater, zwei Moscheen, die alte Stadtmauer und das Meer verfügt. Da alle nach den Tagen ein wenig platt sind, erheitert uns die Tatsache, fast alle Sehenswürdigkeiten betrachten zu können, ohne das Hotel verlassen zu müssen. Natürlich tun wir das später trotzdem noch.

Am Abend werden wir Zeuge davon, wie die zwei Muezzins der beiden Moscheen um die Wette zum Gebet rufen. Als in der Mitte wohnender Gläubiger wäre ich ganz verwirrt, da sich die Stimmen der beiden disharmonisch überlagern.

Blick von der Dachterrasse des Hotels

Blick von der Dachterrasse des Hotels

Venezianischer Turm

Venezianischer Turm

Neue Moschee

Neue Moschee

Amphitheater

Amphitheater

Römisches Forum

Römisches Forum

Wie in jeder albanischen Küstenstadt landet man früher oder später an der Promenade. Hier haben wir zunächst einen Heidenspaß beim Autoscooter fahren! Die Technik hinter den Wagen ist speziell, aber letztendlich tun sie das, was sie sollen. Wir rammen uns fleißig, verschonen die kleinen, ebenfalls fahrenden Mädchen weitestgehend und gehen gutgelaunt zur nächsten Attraktion: Zwei Minuten an einer Stange hängen und Geld gewinnen? Ein Kumpel von mir ist dabei! Wir durchschauen sogar den Trick, dass die Stange sich leicht dreht und wollen die Stange anstelle von im Ober- oder Untergriff per Kreuzgriff greifen...so würde man das Drehen verhindern. Tja, nicht erlaubt! Somit ist schon früh klar, dass es wohl nichts mit dem Gewinn wird.

Autoscooter

Autoscooter

Autoscooter - Detailaufnahme

Autoscooter - Detailaufnahme

Der Sonnenuntergang hätte zeitlich kaum passender einsetzen können und wir hocken uns - ganz romantisch unter sechs Männern - ans Meer. Zusammen mit vielen anderen Menschen werden wir Zeugen dieses Naturschauspiels.

© Nick H., 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Mit sechs Mann ging es per selbst organisiertem Roadtrip für neun Tage durch Zentral-, Süd- und Ostalbanien...
Details:
Aufbruch: 05.07.2019
Dauer: 10 Tage
Heimkehr: 14.07.2019
Reiseziele: Albanien
Der Autor
 
Nick H. berichtet seit 25 Monaten auf umdiewelt.