Kempten - Feldolling auf dem Drahtesel im August 2025
1. Tag: Kempten - Reutte in Tirol am 19.8.2025
Und wieder ist es mal soweit, gegen 7 Uhr morgens postiert mein nicht
e-motorisiertes Tretgefährt mit der am Gepäckträger fixierten Tageszeitung am Bahnsteig meines heimatlichen Bahnhaltepunktes Feldolling und wartet auf den Zug aus Rosenheim in Richtung Holzkirchen, wo der erste Umstieg nach München Hbf ansteht. Von dort geht es dann direkt weiter nach Kempten, dem offiziellen Tourstartpunkt.
Bis München ging es ja recht reibungslos vorwärts und da ich genügend Umsteigezeit zum Regionalexpress nach Kempten hatte, bekam ich noch problemlos einen Stellplatz für's Rad.
Vor der Abfahrt von München Hbf wurde es allerdings fortschreitend ungemütlich:
Immer mehr Leute enterten den Zug, so daß "normale" Reisende schon "meinen" Mehrzweckraum, der auch schon mit anderen Radlern und Kinderwagen unangenehm ausgefüllt war, als Stehplatz nutzen mussten.
Gott sei Dank wurde keiner der Radler vom Zugpersonal der Sicherheit wegen aus dem Zug komplimentiert, obwohl es bei einer evtl. Notfallevakuierung durch den vollgepfropften Bereich in meiner Umgebung u.U. Probleme hätte geben können.
Recht gut in Erinnerung ist mir noch ein junges Studentenpärchen, das eigentlich mit dem Flixbus (Anm.: die grünen Fernreisebusse) von Frankfurt mit Umstieg in München nach Zürich weiterfahren wollte, um dann über die Alpen eine Transalptour nach Italien abzuleisten. Aber sie hatten nicht beachtet, daß im Flixbus eigentlich keine Radbeförderung zulässig ist.
Da von Frankfurt nach München im Stauraum noch Platz war, drückte der Busfahrer alle möglich verfügbaren Hühneraugen zu und nahm sie doch nach München mit.
Von dort nach Zürich blieb der folgende Busfahrer jedoch vorschriftskonform, so daß die beiden auf den Zug ausweichen mussten und die Platznot im Zug nochmal verschärften.
Während dieser Fahrt wie in einer Konservenbüchse hätte in Kempten ein großer Teil der Fahrgäste im Mehrzweckabteil kurz den Zug verlassen müssen, um mir den Ausstieg zu ermöglichen, aber ab Kaufbeuren entspannte sich die Lage soweit, daß der Ausstieg in Kempten ohne größere Komplikationen ablaufen konnte.
Soweit der Erinnerungsexkurs zum Vorgeplänkel bevor die eigentliche
Strampel-Tour erst richtig beginnen konnte,
In Kempten vom beengten Zug in die Freiheit entlassen, gab es erst einige lockernde gymnastische Übungen, verbunden mit tiefen Frischluft-Füllungen für die Lungenflügel und nach einer knappen Viertelstunde befinde ich mich auf dem Brückenteil der Bundesstraße 12 über die Iller mit einer kleinen grünen Insel, lt. Kartographie übrigens ohne Namen, die einzige im Kemptener Stadtgebiet, hier allerdings etwas abgeschnitten, um den großen Bogen der Eisenbahnbrücke, über die mein Zug kurz vorher noch aus Richtung München darüber rollte, besser abbilden zu können.
Wie bei meinen meisten Radreiseberichten so üblich, darf die Leserschaft wieder etwas Eisenbahnkunde "genießen" - hier in Form eines mittlerweile historischen Bildes.
Ich konnte nämlich noch den IC 2084 "Nebelhorn" von Oberstdorf nach Hamburg-Altona auf der Illerbrücke ablichten, der in Augsburg Hbf nach Abkopplung der Diesellok-Doppeltraktion, hier links vorne, in den IC 2082 "Königssee" von Berchtesgaden nach Hamburg-Altona eingegliedert wurde und auch als IC 2082 "Königssee" weiterlief.
Leider wurden diese beiden Verbindungen zum Oktober 2025 eingestellt.
Zur Lok-Doppeltraktion noch folgender Hinweis:
Leider geht ja die Bildqualität beim Hochladen auf die Website etwas in die Knie, aber wenn man im rechten oberen Bildeck den schrägen, gegenläufigen Doppelpfeil anklickt, werden die Breitformatfotos vergrößert und wenn man weiß, wo man hinsehen muß, bemerkt man bei der Diesellok der Baureihe 218 parallel angeordnete Abgashutzen. Diese stehen hier für einen 12-Zylinder-Dieselmotor mit einem Hubraum von 9,56 Liter pro Zylinder und einer Motorleistung von 2800 PS.
Bei versetzt angeordneten Hutzen wäre es ein 16-Zyl.-Motor, aber mit weniger Hubraum und etwas geringerer Leistung. Bei der führenden Lok, auch Baureihe 218, ist die Hutzenanordnung leider durch die große Straßen-Hinweistafel auf die Gewerbebetriebe verdeckt.
Zum Fortfahren im Bericht übrigens das Kreuz im rechten, oberen Bildeck anklicken.
Hier nochmal die grüne Iller-Insel ohne Sichteinschränkung, dafür der Brückenbogen etwas weniger komplett.
Der große Bergrücken im Hintergrund ist der Grünten, aufgrund seiner auffälligen Lage am Alpenrand auch "Wächter des Allgäus" genannt.
Der (Bergrücken) Grünten besteht aus dem Hauptgipfel "Übelhorn" (1738 m) und 6 weiteren Nebengipfeln. Des weiteren kann man bei Fotovergrößerung etwas rechts und etwas tiefer wirkend schemenhaft die große Sendeanlage des
Bayrischen Rundfunks wahrnehmen.
Während hier auf dem Foto ein letzter Teil der aus Richtung Oberstdorf zufließenden Iller erkennbar ist, der Hinweis, daß ich in 2022 die Iller von Oberstdorf bis zur Mündung in die Donau gleich westlich von Ulm und in 2021 die Wertach bis zur Mündung in den Lech im Norden Augsburgs beradelt habe, diese Touren allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt, aber dann hoffentlich doch noch vor der geplanten 2026er-Tour zur Veröffentlichung kommen.
Nach der großen Illerbrücke in Kempten ging es dann rechts weg und weiter zur Gemeinde Durach, wo ich an einem Anstieg rückblickend nochmals einen letzten Blickkontakt zu einem Teil Kemptens hatte.
Die eingleisige Bahnstrecke hier ist übrigens die Außerfern-Bahnstrecke von Kempten über Pfronten und Reutte in Tirol nach Garmisch-Partenkirchen.
In Reutte/Tirol hatte ich ja bereits einige Tage vor Tourbeginn meine erste Unterkunft gebucht. Allerdings radelte ein gewisser Hobby-Eisenbahner (wer wohl) an diesem Tag nur z.T. an der Schiene entlang nach Reutte.
Da hatte ich der tollen Umgebung geschuldet ab dem Bereich Pfronten einen reizvollen Umweg, noch dazu bei Top-Wetter, in Betracht gezogen.
Eisenbahnkunde:
Hier im Bild sieht man, daß sog. "Y-Schwellen" aus Stahl verbaut sind.
Über Sinn und Zweck kann sich die Leserschaft gerne im Netz selbst informieren, hier im Bericht würde es den Rahmen sprengen (und gewiß auch die wenigsten interessieren...)
Ein Relikt aus alten Zeiten. Das vergrößerte Hinweisschild vom obigen Schild stammt lt. dem unteren rechten Eck noch aus Zeiten der Deutschen Bundesbahn, die erst 1994 in die Deutsche Bahn AG überging. Also locker über 30 Jahre alt.
Es handelt sich um den Schwarzenberger Weiher, ein Moorsee zum Wandern und Baden, von dem man hier allerdings nur in etwa das letzte Drittel sieht.
Am Ortsende von Oy (als nächste Ortschaft wird auf dem Ortsschild Nesselwang nach 3,5 km angekündigt) ergibt sich ein interessanter Fernblick:
In Bildmitte, etwa einen Finger breit vom linken Rand sticht trotz des Dunstes in der Ferne ein recht freistehender, pyramidenartiger Berggipfel hervor. Es ist der
2341 m ü. A. ("über Adria", wird nur in Österreich verwendet) hohe Thaneller, der in seiner direkten Umgebung der höchste Berg ist und einen freien Rundblick in alle Richtungen u.a. zum Zugspitzmassiv, die Ammergauer und Allgäuer Alpen ermöglicht. Links davon, aber bereits außerhalb des linken Bildrands, liegt mein Tagesziel Reutte in Tirol, das auf direktem Weg, immer schön entlang der Straße über Pfronten, Vils, Pinswang und Pflach überaus vorzeitig zu erreichen gewesen wäre. Aber warum schön und direkt entlang steuern, wenn bei diesem schönen Wetter ein schöner Umweg (der Umweg ist das Ziel !) eingeplant war.
Für mich war also angesagt, hinter dem linken Fuße des dunklen Höhenzugs in Bildmitte nach rechts abzudrehen und das Tannheimer Tal anzusteuern.
Abseits der Hauptstraße ohne Lärm und Gestank tourt es sich voller Herrlichkeit, hier in Richtung Pfronten-Steinach.
Pfronten wird auch als "13-Dörfer-Gemeinde" bezeichnet, wobei alle diese Orte seit dem Spätmittelalter eine einzige Pfarrgemeinde bildeten.
In Pfronten-Steinach geht es dann rechts ab und man wechselt auf die Achtalstraße, die an der Steinacher Achen (Bild oben) entlang der Tannheimer Berge, die hier jedoch noch nicht einsehbar sind, bergauf führt.
Zum einen "schockierend", da bis kurz vor dem Ortseingang im tirolerischen Grän 11,5 km durchgehende Steigung zu bewältigen sind . Andererseits deeskalierend, da nur kurz etwas mehr als 5 % Steigung auftreten, die "normalisierte Durchschnittssteigung" lt. dem Pässe-Portal "Quäldich.de" beträgt ~ 3,7 %.
Mit zwei Packtaschen am Hinterrad und einem untrainierten Pedalquäler wie mich trotzdem herausfordernd.
Schattenspiele beim Fotohalt. Den Klicksandalen sollten am folgenden zweiten Tourtag noch eine entscheidende Bedeutung zukommen ...
Ein erstes gutes Stück Strecke kann man zum größten Teil auf einem gut ausgebauten, teils welligen Kiesweg auf der gegenüberliegenden Seite der Steinacher Achen abgekoppelt vom Straßenverkehr bewältigen, dann beginnt noch weit vor der Landesgrenze von Bayern nach Tirol ein sehr gut ausgebauter
Radler-Highway, gelegentlich muß man beim Überfahren von Weiderosten etwas Vorsicht walten lassen.
Nicht nur an diesem Tag, auch anhand vieler anderer Erfahrungsberichte über lange Zeit sollte noch angeführt werden, daß der Radweg aufgrund der recht niedrigen Verkehrsdichte und des praktisch nicht vorhandenen Schwerverkehrs eigentlich überflüssig ist. Trotzdem ist dessen Vorhandensein natürlich sehr lobenswert, um jeglichen direkten Kontakt zwischen Auto-Mafia und Radler-Camorra zu vermeiden (beide haben ja so ihre Negativerscheinungen im rollenden Miteinander ...)
Bei diesem Zwischenhalt war ich mit dem Kalibrieren des Smartphone-Kompasses beschäftigt, wobei man das Handy einige Zeit lang in großen Achter-Schleifen vor dem Körper bewegt. Da kommt doch ein frecher Motorradbiker, der auch eine kleine Pause einlegte, auf mich zu und fragte mich, ob ich denn Schmetterlinge mit dem Handy fangen würde.
So ein Scherzbold ...
Aber während der kurzen Pause haben wir uns bestens unterhalten.
Bergimpressionen - Je nach Blickwinkel geben die Berge ja schnell einen wechselnden Eindruck, aber von der Lage auf der Karte kann dies eigentlich nur der Aggenstein (1985 m) sein. Für konstruktive Korrekturen von kundiger Leserseite wäre ich sehr dankbar.
Der Gipfel des Aggenstein liegt noch im bayerischen Teil der Tannheimer Berge.
Hier im Bild nach rechts kommt man dann nach Tirol.
Unbekannt, die Spitze rechts im Hintergrund würde von der Geographie her recht gut zum früher schon erwähnten Thaneller (2341 m ü. A.) passen.
Wirklich beeindruckend diese steinernen Kunstwerke, keine schnöden Blechtafeln.
Umso mehr ist es verärgerlich, daß anscheinend irgendwelche "Vollpfosten" als sinnlos verblödete Vandalen auftreten und vielleicht auch noch darauf stolz sind, das große T aus der Steinsäule herausgeschlagen zu haben.
Ganz einfach schändlich !
Ab der Grenze wechselt der Straßenname von Achtalstraße zu Gräner Landesstraße und zu "Am Alten Zoll" und man wird eindrucksvoll im Tannheimer Tal begrüßt.
Das angelehnte Rad gehört übrigens nicht mir.
Kurz vor der Ortschaft Grän erhebt sich lt. einer Beschreibung rechts der imposante Rote Flüh mit 2108 m ü.A., in der Mitte der Gimpel mit 2173 m ü.A. und linkerhand ein nicht identifizierbarer Rücken.
Am Ortseingang von Grän (1153 m). Je nach Bezugspunkt in Pfronten-Steinach sind ca. 300 Höhenmeter nach oben hinzugewonnen worden.
Aus Richtung des Bergdurchlasses in Bildmitte am rechten Hütteneck des Parkplatzes kam ich angerollt.
In Richtung Bildmitte im Hintergrund befährt man das Tannheimer Tal über Tannheim und Schattwald und gelangt dann über den Oberjochpass hinunter nach
Bad Hindelang und Sonthofen im Allgäu.
Mein Rad steht in meine gewählte Fahrtrichtung zum Gaichtpass.
Einen knappen km nach Grän, nachdem dazwischen die Ortschaft Haldensee passiert war, erreicht man den Haldensee.
Der Haldensee liegt 1124 m hoch, hat eine Fläche von 73 ha, ist 1,4 km lang, 800 m breit, Umfang 3,8 km, max. Tiefe 22 m und hat ein Volumen von 10,4 Mio. Kubikmeter. Hier gab es, da zeitlich gut im Plan, ca. 1/2 Stunde landschaftliche Genusspause.
Trotz minimalen Kfz-Verkehrs bin ich am Ende des Haldensees nicht auf die
B 199 nach rechts gewechselt, sondern auf einem etwas kurvigen und welligen Radl- und Wandererweg zum Gaichtpass vorgerollt.
Da das Tannheimer Tal ja ein Hochtal ist, gibt es von dort zum Gaichtpass keine oder nur eine minimale nicht auffallende Steigungsstrecke.
Hier würde es rechts den alten Gachtpaß abwärts gehen. Für die schmalen Reifen meines Trekkingrads weniger geeignet. Und da niemand in der Nähe war, der hätte sagen können, daß die Oberflächenbeschaffenheit sich für mein Gefährt nach kurzer Strecke entscheidend verbessern würde, wurde der geschmeidig glatten Bundesstraße der Vorzug gegeben.
Der Rennradler mit Rucksack, der am rechten Bildrand zu mir herüberwechselt, war in der Früh in Sterzing südlich des Brenners gestartet und wollte an diesem Tag noch über den Oberjochpass bis max. Kempten fahren. Das ist ein Langstrecken-Konditionsbolzer - Chapeau ! Dagegen bin ich nur eine billige Discount-Ausgabe...
Nach ein paar kurzen Sätzen ist er schon wieder bergaufwärts gestartet.
Da das Kennzeichen des BMW nur auf dem Original-Handyfoto erkennbar ist, hab ich das Foto im Bericht belassen...
Gleich ist Weißenbach im Lechtal erreicht. Hier und im folgenden Bild mit Blick lechaufwärts und verschiedenen Zooms.
Der bis kurz vor Reutte in Tirol noch so gut wie unverbaute, wilde Lech
im Naturpark Tiroler Lech mit seinen berühmten und geschützten Kiesbänken, von denen als einziges gleich bleibt, daß sich das Geflecht der Wasser-Verzweigungen zwischen den über weite Strecken vorhandenen Kiesbänken (hier einseitige Wasserführung) ständig verändert. Die Lebewesen auf diesen Kiesbänken sind angepasste Spezialisten, die trotz der Nähe zum Lechwasser zum einen Hochwassereinflüssen, zum anderen trockenheißem Milieu bei voller Sonneneinstrahlung der Kiesbänke ausgesetzt sind.
Ja, der Tiroler Lech, einer der wenigen und letzten Wildflüsse seiner Art in Europa.
Positive Gänsehaut-Erinnerung:
In 2018 bin ich von Landeck in Tirol startend und über den Arlberg- und Flexenpass anrollend bereits auf Lechradtour hier vorbeigekommen und war damals schon zu höchst über diese Region angetan.
Ab Reutte beginnen dann vermehrt Verbauungen und gleich nach der Grenze zu Bayern bald die vielen Staustufen mit den Flußkraftwerken bis zur Mündung in die Donau bei Marxheim.
So geht diese ausgiebige Erholungspause mit 13 folgenden Impressions-Bildern mit nur wenigen beschreibenden Worten zu Ende und mit nur noch wenigen km bis zur vorgebuchten Unterkunft in Reutte-Ehenbichl geht dieser erste Tourtag mit bester Reise- und Wetterstimmung seinem Finale entgegen.
Im Radl-Keller meines Hotels in Reutte / Tirol.
Normalerweise gebe ich meine täglichen Gesamt-Fahrleistungen nicht preis, da für mich die optischen Natureindrücke überwiegen und nicht das metrische Vorankommen.
Meine gemütliche Tourenfahrweise "gipfelt" üblicherweise in niedrigen Durchschnittsgeschwindigkeiten...
| Aufbruch: | 19.08.2025 |
| Dauer: | 2 Tage |
| Heimkehr: | 20.08.2025 |