Polen und Slowakei von Osten erkunden

Reisezeit: August / September 2006  |  von Manfred Sürig

Eigentlich eine Flucht vor schlechtem Wetter, die am Ende doch nicht gelang, aber dennoch eine begeisterte Rückkehr von einer Radtour in Gebiete, die hier kaum jemand kennt. Mit Durst auf mehr....

Przemysl: Start ganz im Südosten Polens

Zum siebten Male wollte ich auch 2006 wieder meine Radtour im Spätsommer in den mittleren Osten Europas machen. Um Mitfahrer hatte ich mich gar nicht erst bemüht, umso fester war mein Entschluß: am
Donnerstag, den 24.8.2006 geht es los. Das Ticket - Sommer Spezial der Bahn bis Forst Grenze für 29 € - war gekauft, das konnte ich ja nicht verfallen lassen, auch wenn das Wetter gar nicht gut aussah. So ließ ich mich zunächst einmal bis Kedzierzyn-Kozle zwischen Oppeln uind Gleiwitz rollen, um wieder bei Freund Krzczystof in Renska Wies Pause zu machen. Auch Krzczystof ließ sich für eine Radtour nicht begeistern, auch nicht, wenn das Ziel von ihm bestimmt werden dürfte, das Wetter schien einfach nicht mitspielen zu wollen. So bringt mich Krzczystof also am folgenden Morgen, am
Freitag, den 25.August 2006,
zur Bahn im strömenden Regen. Ich habe eine EURO-Domino-Netztageskarte für Polen, brauche mir also noch kein Reiseziel vorzunehmen, sondern hoffe, so lange im Zug Richtung Przemysl bleiben zu können, bis der Regen aufhört. Dann erst will ich entscheiden, ob ich über Zywiec/Zwardon die Tour im Westen der Slowakei beginne oder etwa in Krakau oder Lancut aussteige, um über Zakopane oder Krynica zu fahren. Oder eben noch weiter östlich. Hauptsache, erst einmal dem Regen entrinnen. Das gelingt mir dann auch, aber erst an der Endstation in Przemysl, 34 km vor der Grenze zur Ukraine. Inzwischen ist es Abend geworden, viel Zeit zur Quartiersuche bleibt nicht.
Doch da gibt es eine schlimme Entdeckung: Während ich mich im Abteil in netter Damengesellschaft unterhalten habe, haben sich andere wohl über mein Fahrrad im Gang des Wagens geärgert und sich entsprechend abreagiert: Luft abgelassen, Rücklicht ramponiert, Kettenschutz verbogen, Schalterzug gerissen und Schalthebel angebrochen. Das läßt sich Gott sei Dank bei einem geschickten Handwerker fast alles schnell reparieren, aber ein Ersatzteil für meinen Zug für die Fünfgangschaltung "Torpedo Pentasport" hat er natürlich nicht und schon gar nicht einen neuen Schalthebel. So muß ich erst einmal im vierten Gang durch die Stadt treten, an jeder kleinen Steigung absteigen und schieben - klar, dass ich das erste beste Hotel nehme und nur überlege, was ich nun noch tun kann: ein Bier trinken und den Fall überschlafen.

Sonnabend, den 26.August 2006

Ein flüchtiger Blick aus dem Hotelfenster zeigt mir Autos, die mit hoher Bugwelle duch große Pfützen fahren. Auch nach dem endlosen Frühstück ändert sich die Lage kaum; vom Hotelportier lasse ich mich über die möglichen Routen durchs Bieszczadygebirge beraten, darunter auch eine über die Ukraine, aber die Karte, die er hat, ist dürftig und selbst die kann er mir nicht überlassen. Im Hotelzimmer entdecke ich dann eine Karte in einem abgegriffenen Telefonbuch, die ich heraustrenne und in Augenschein nehme: Mäßige Steigungen, aber es geht über zwei Wasserscheiden, eine von den Weichselzuflüssen weg zu Zuflüssen des Dnistr, der nördlich der Karpaten zum Schwarzen Meer fließt und eine weitere zu den Zuflüssen der Theiß. In Tälern an einem Bach aufwärts fahren, wird auch nicht gehen, weil die Grenze zur Ukraine im Wege ist. Bleibt also wohl nur der direkte Weg auf der Hauptstraße Nr. 28 Richtung Sanok nach Südwesten.
Ich kaufe noch eine Wanderkarte des Bieszczadygebirges, die aber erst weiter südlich zu gebrauchen sein wird, danach bleibt nur eins: Augen zu und durch.

Zum ersten Male in sieben Jahren kommt meine Regenausrüstung aus dem Gepäck, "hautsymphatisch und atmungsaktiv" steht drauf und in der Tat, das erste Wasser spüre ich nach 200 Metern am Knie und nach einigen Kilometern an der Schulter, am Ellenbogen und am Kragen. Bald ist es ziemlich egal, an welcher Stelle das Wasser durch das Zeug kommt, es klebt einfach alles. Was aber noch übler ist, sind die geringen Steigungen. Jedes Mal, wenn ich runterschalten muß, geht das nur durch Absteigen und kräftigem Ziehen am Zugseil der Schaltung, um den abgebrochenen Schalthebel umlegen zu können. Beim Neustart zeigt sich dann, dass ich gleich noch zwei weitere Gänge hätte herunterschalten müssen. Das nervt. Der Blick in die schöne Gebirgslandschaft ist ohnehin getrübt, die Sicht beträgt gerade einmal ein paar hundert Meter, das Herannahen von Autos mit großem Schwell von Nieselregen brauche ich also nur akustisch wahrzunehmen, ändern kann ich ohnehin nichts. So fresse ich mich verbissen von Kilometerstein zu Kilometerstein und freue mich, immerhin Tempo 12 halten zu und dabei an Gebirgshöhe gewinnen zu können. Nur: Wie weit werde ich damit heute kommen können ? In Kuzmina nach 42 gefahrenen Kilometern habe ich immerhin die erste Wasserscheide genommen und kann hier in einem breiten Tal nach Südosten vorankommen, weitere 26 km bis nach Kroscienko dicht an der ukainischen Grenze, ohne zu schalten im vierten Gang leicht bergauf, denn der Seilzug ist inzwischen vollends zerrissen und der Schalthebel ganz weg.

Bewegung hält warm, auch wenn man naß bis auf die Haut ist, und um weiter warm zu bleiben, mache ich keine Pause, sondern strampele weiter, jetzt wieder nach Südwesten Richtung Ustrzyki dolny und biege am Ortseingang rechts nach Nordwesten ab, weil dort ein so schönes Schild einer Gästepension hängt. Die originelle Holzkirche in Lodyna wäre zwar einen Besuch wert, aber wenn mir das Wasser aus den Schuhen rinnt, würde das doch keinen geeigneten Eindruck machen. Also suche ich die Pension, die noch schöner aussieht als das gemalte Schild, aber es parken schon zu viele Autos davor, als Radfahrer gibt man mir keine Chance. Das wiederholt sich zwei weitere Male und setzt mir nun doch sehr zu, zumal das dauernde Auf- und Absteigen mit Gepäck mich auch körperlich mitnimmt. Wie froh bin ich da, in Dzwiniacz im letzten Haus des Dorfes doch noch eine Unterkunft zu finden. Mehr noch: einen hilfbereiten Sohn des Hauses, der mir den Zug einer alten Schaltung seines Fahrrades schenkt und dessen Vater in stundenlanger Kleinarbeit diesen Zug mit den Resten meines Zuges verknotet, so dass ich vier von fünf Gängen wieder schalten kann. Zumindest, wenn das Rad steht und ich mit der Hand am Seilzug ziehe. Sogar der Bürgermeister interviewt mich noch, ob ich noch Wünsche hätte -außer Brot fehlt mir nichts, im übrigen will ich nach 75 Kilometern heute nur noch etwas trinken und - schlafen.

Die Kirche von Lodyna dient der Gemeinde noch heute als Gotteshaus und ist in tadellosem Zustand

Die Kirche von Lodyna dient der Gemeinde noch heute als Gotteshaus und ist in tadellosem Zustand

Eine ganze Dachwohnung für mich allein, nur zuwenige Haken zum Aufhängen der nassen Sachen...

Eine ganze Dachwohnung für mich allein, nur zuwenige Haken zum Aufhängen der nassen Sachen...

Überall findet man die rowerowy-Schilder des polnischen Radlerverbandes. Ein großes Radrevier, für das man eigentlich 3 Wochen zur Erkundung haben müßte

Überall findet man die rowerowy-Schilder des polnischen Radlerverbandes. Ein großes Radrevier, für das man eigentlich 3 Wochen zur Erkundung haben müßte

© Manfred Sürig, 2006
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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 24.08.2006
Dauer: 13 Tage
Heimkehr: 05.09.2006
Reiseziele: Polen
Slowakei
Der Autor
 
Manfred Sürig berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.