Grönland / Island - Wo Europa wild wird

Reisezeit: August 2005  |  von Markus Keune

11.08. unsere erste Bergbesteigung

Mitten in der Nacht wache ich auf. Durch zwei Zeitverschiebungen an zwei aufeinander folgende Tage hat die innere Uhr echt Probleme, die genaue Zeit zu schätzen. Der Helligkeit nach würde ich jetzt mal auf 7 Uhr in der Früh tippen. Schnell mal die Armbanduhr herausgekramt: 3 Uhr. Ok, kann noch etwas weiterschlafen, nachdem ich meinen Zeltberg wieder nach oben gekrabbelt bin.

Unser Zeltplatz am Fjord (man beachte die winzigen gelben Punkte unterhalb des braunen Felsen in der Nähe des Wassers).
Auf den Berg mit den braunen Ablagerungen sind wir heute gestiegen.

Unser Zeltplatz am Fjord (man beachte die winzigen gelben Punkte unterhalb des braunen Felsen in der Nähe des Wassers).

Auf den Berg mit den braunen Ablagerungen sind wir heute gestiegen.

Pünktlich zum Frühstück wache ich am unteren Ende des Zeltbergs wieder auf. Der erste Gang führt hinter den Hügel, von wo man auch gleich den neuesten Eisbericht bekommt: der riesige Klumpen, der gestern noch von den Zelten zu sehen war, ist nun in die nächste Bucht weiter gezogen. Unsere Bucht ist darüber hinaus durch kleinere Eisberge verstopft. Heute hätten wir hier wohl nicht anlegen können.
Das Frühstück wird wie auch schon das Abendessen am Vortag im Küchenzelt eingenommen. Ívar kocht gerade Heißwasser und die anderen sitzen auf Klappstühlen und Vorratskisten verteilt um den Tisch herum, auf dem eine für die Verhältnisse beachtliche Auswahl steht.
Es gibt verschiedene Brotsorten, Marmelade, Honig, Wurst, Käse, Streichkäse und Schokoladenaufstrich. An Getränken Kaffee, viele Teesorten und Kakao. Ab und an wird noch etwas zusätzlich aus den Kisten benötigt und das große Suchen beginnt. Jeder Kistensitzer erhebt sich und kramt in seiner Sitzgelegenheit bis von irgendwoher ein "Heureka, ich hab's gefunden" ertönt.

Wir legen los und begeben uns auf unsere erste große Tageswanderung. Wir wollen den Berg hinter unserem Zeltplatz besteigen. Als erstes steht eine kleine Bachüberquerung an. Verglichen mit späteren Überquerungen auf Island ist das hier noch eher ein Kinderspiel. Wolfgang ist voll in seinem Element und immer schon ein paar Schritte voraus. Wir anderen folgen ihn in respektvollem Abstand.
Nach einer Stunde die erste Pause. Ich setze mich auf einen größeren Stein und blicke nach unten. Wow, schon einiges geschafft. Das Küchenzelt ist schon verschwindend klein geworden. Ich blicke nach oben. Wow, noch nicht viel geschafft. Von unten sah der Berg so klein aus, aber man verschätzt sich hier so leicht mit den Entfernungen, weil es einfach keinen Baum gibt, an dem man irgendwelche Höhen abschätzen könnte. Es gibt keine Bezugspunkte. Nur braune, graue, grüne und weiße Berge.

Wir überqueren ein Schneefeld.

Wir überqueren ein Schneefeld.

Es geht weiter. Lange kann man keine Pause machen, da sonst die Mücken oder anderes Kleingetier einen Angriff starten. Bei den nächsten Schritten bergauf erinnere ich mich aber wieder daran, was der Grund für die Pause gewesen ist.
Wie die meisten anderen ziehe auch ich meine Jacke aus. Wenn man sich bewegt, ist es doch ganz schön warm. Ívar schießt natürlich den Vogel ab, als er mit kurzen Hosen und im T-Shirt gen Gipfel stürmt.

Unser Führer Ívar in kurzen Hosen.

Unser Führer Ívar in kurzen Hosen.

Unser Weg führt nun über ein Schneefeld und um einige sehr schöne Gletscherspalten herum. Das ist doch mal etwas ganz anderes als zum Beispiel das touristisch völlig überlaufene Columbia Icefield in Westkanada.
Wir erreichen eine Art Hochplateau, von wo man einen wunderschönen Blick ins Nachbartal hat. Die Fotographen und ich mit meiner neuen Digitalkamera mit Platz für insgesamt 2400 Fotos knipsen um die Wette. Ívar ist derweil schon weiter gegangen und wir fragen uns, warum er es jetzt noch so eilig hat. Wir wollen doch die Aussicht genießen! Schweren Herzens verlassen wir dieses Plateau und folgen ihm weiter bergauf. Zwei Minuten später großes Erstaunen: Ui, die Aussicht ist auf dem nächsten Plateau ja noch viel besser. Also die Fotos von vorhin gelöscht und das ganze noch mal von vorne. Ich liebe meine neue Digi.

Aussicht von oben

Aussicht von oben

Hier machen wir eine größere Pause, essen unser Lunchpaket, bekommen etwas Hintergrundwissen über Grönland und abschließend noch etwas Schokolade und Kekse. Das Panorama ist umwerfend. Bei wunderschönem Wetter gibt's hier eine Menge kleine Eisberge im Wasser treiben zu sehen, die umliegenden Berge und Täler, die vielen kleinen Eisfelder, die sich gerne zwischen zwei Berggipfeln befinden. Überall rauschen kleinere Bäche ins Tal, braune und gelbe Steinspuren, grüne Felsen, tiefblaues Wasser. Einzig über dem Atlantik ist es etwas diesig.
"Wie heißt der Berg überhaupt, auf dem wir hier sind?" Als Ívar darauf keine Antwort weiß, schlage ich vor, ihn "Markusberg" zu nennen, doch man meint, dafür müsste ich auch den Gipfel erklimmen. Sieht zwar eigentlich nicht sehr weit aus, aber das Thema Entfernungen hatten wir ja heute schon. So gebe ich mich halt mit "Markusebene" zufrieden. Soll doch jemand anderes den Gipfel stürmen.
Nach der Antarktis hat Grönland übrigens das zweitgrößte Inlandeisvorkommen der Welt. In der Mitte hat es eine dicke von etwa 3200m und ist etwa 119.000 Jahre alt. Wenn das alles einmal geschmolzen ist, wird sich der Meeresspiegel etwa 6-7 Meter erhöhen und auch Grönland selbst vom Gewicht des Eises befreit etwa 2000m höher liegen.

Aussicht von oben

Aussicht von oben

Wir machen uns an den Abstieg. Zurück geht es über einen anderen Weg, von wo man das Örtchen Kuummiit gut überblicken kann. Auf dem Schneefeld nach unten zu laufen ist gar nicht so einfach. Immer wieder kleine Schritte, einen Fuß vor dem anderen. Ich komme unglaublich langsam voran. Ab und an rutsche ich ein Stück und komme ein paar Meter weiter wieder zum Stehen. Einmal rutschen mir die Füße aber doch ein wenig zu schnell weg und ich lande auf dem Hosenboden. Nun geht es relativ schnell bergab. Zu schnell für meinen Geschmack und ich rufe nach Ívar, dass ich nicht mehr bremsen kann. Er versucht, mich aufzuhalten, doch ich reiße ihn gleich mit. Nun geht es gemeinsam bergab. Er kann sich selbst relativ schnell wieder abbremsen und greift nach meinem Rucksack, um auch mich aufzuhalten, wobei aber der Riemen reißt und ich mal wieder alleine weiterrutsche. Nun kommen meine Trekkingstöcke zum Einsatz. Ich schaffe es, sie vor mir in den Schnee zu rammen und komme nun endlich wieder zum Halten. Noch etwa 2 Meter weiter wäre der Hügel zu Ende. Außer dem gerissenen Riemen und leicht tauben Händen ist aber nichts passiert.

Auf dem weiteren Weg nach unten brauchen wir zum Glück keine Schneefelder mehr zu überqueren. Mein Bedarf an Schnee ist jetzt zuerst einmal gedeckt.
Da es hier keine Wege gibt, suchen wir an so ziemlich jedem Felsen auf's Neue eine Möglichkeit, ins Tal zu kommen. Ich komme mir vor wie unsere Kapitäne gestern, die zwischen den Eisbergen einen Weg suchen mussten.

Aussicht von oben

Aussicht von oben

Wolfgang ist natürlich schon wieder weit nach vorne gelaufen als sich herausstellt, dass sein gewählter Weg wohl nicht so einfach sein wird. Der Rest der Gruppe sucht sich einen anderen Weg und ratet mal: von da an haben wir niemanden mehr so weit voraus laufen sehen (außer unseren Führer Ívar).
Unterwegs sind auch wieder einige kleinere Bachläufe zu überqueren. Bei einem bin ich besonders vorsichtig vorgegangen. Mit den Trekkingstöcken abgestützt, trete ich von einem Stein zum nächsten. Einem Stein dauert es etwas zu lange und er kippt frecherweise um, so dass ich mit einem Fuß im Bach lande. Das Wasser schwappt von oben in den Stiefel, da hilft das beste Gore-Tex nichts mehr.
Natürlich werden auch auf dem Weg bergab zahlreiche Pausen gemacht, nicht zuletzt, um die vielen Beeren nicht verkommen zu lassen, die hier wachsen. Thomas ist mit seinem neuesten Spielzeug unterwegs, einem GPS-Empfänger, und informiert uns über die aktuelle Höhe und die bereits zurückgelegte Wegstrecke. Wir waren heute auf insgesamt 850 m Höhe gestiegen. Unsere Beine sind aber der Ansicht, es müssten 2000 gewesen sein.

Übernachtung: Zelten in der Nähe der Ortschaft Kuummiit
Bewertung der Lage: gut

© Markus Keune, 2006
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Viele sehen in Grönland nur Eis. Da muss es doch unglaublich kalt sein. Es stimmt zwar, dass der Sommer hier nicht ganz mit dem Mitteleuropäischen konkurrieren kann, aber dass man da außer Schnee nichts sehen könnte, mit dem Vorurteil wollte ich endlich aufräumen. In Grönland waren wir an verschiedenen Stellen Zelten und haben uns dazwischen per Boot durch die bizarre Welt der Eisberge gekämpft. Anschließend sind wir auf Island über diverse Lavafelder gekraxelt. Ein aufregendes Erlebnis!
Details:
Aufbruch: 09.08.2005
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 28.08.2005
Reiseziele: Grönland
Island
Der Autor
 
Markus Keune berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
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