Polnische Wirtschaft privat

Reisezeit: Juli / August 2002  |  von Manfred Sürig

Mindestens 6000 Euro plus MWSt würde eine Reparatur des lecken Kiels des Bootes kosten, fast so viel wie das Boot noch wert sein mag. Da kann man auch mit dem Leck weiterfahren oder eine Bootseparatur mitten im Urlaub in Polen arrangieren. Vorausgesetzt, man ist unbedarft oder hat blindes Vertrauen und ist unbegrenzt leidensfähig mehr..

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Sonntag, 28.Juli 2002

Binky hat so lange Leichtwasserfahrten gemacht, dass sie fast ganz dicht zu sein scheint. Ich zögere, ob ich überhaupt noch mal in den Privathafen in Swinemünde zu dem Kran fahren soll, zumal ich bei dem heutigen Ostwind sehr schön zurück nach Usedom oder Rügen käme. Von Begrüßung kann in dem Privathafen dieses Mal auch nicht die geringste Rede sein, ein mürrischer Hafenmeister kassiert nur Hafengeld und kann mir ansonsten nicht weiterhelfen. An Hand der Beschreibung aus Kryztofs Zettel, den ich bei meiner Rückkehr in Stagnieß vorgefunden hatte, suche ich die Wohnung des Laminateurs Marek -vergeblich, nichts außer Hundegebell und Müllhalden. Auch die Telefonnummer endet bei einer polnischen Stimme, die nur etwas von Kontakt und Moment sagt, bis das Geld alle ist und ich einhängen muß. Bleibt mir nur ein Mittagsschläfchen an Bord bei 30 Grad.
Gegen 17 Uhr klopft es, Marek hat mich gefunden. Ab morgen 9 Uhr will er alles arrangieren, Kran, Böcke, Leute, die mit anpacken.
Wenn das mal nicht nur leere Versprechungen sein werden....

Montag, 29.Juli 2002

Natürlich rührt sich um 9 Uhr nichts. Der Hafenmeister zuckt nur die Achseln. Erst kurz nach 10 Uhr kommt Marek mit seinem Schwager. Wo der Kranfüher aufzutreiben ist, weiß weder der Hafenmeister noch ich - ich denke, das wollte Marek arrangieren. ? Ganz einfach, den Kranführer holt man von seinem Motorboot, auf dem er wohnt. Hingehen, klopfen und erst weggehen, wenn er mitkommt, wird mir noch auf den Weg gegeben. Tatsächlich, so geht es. Inzwischen hat sich viel Volk am Hafen angesammelt, ein großes Palaver beginnt, von dem ich kein Wort verstehe. Es geht wohl darum, wie man das Boot aufbocken muß, um den Kiel anschließend abmachen zu können. Marek und der Kranführer kriegen sich schon fast in die Wolle, bevor BINKY überhaupt in den Seilen hängt. Ich lege inzwischen den Mast, mit dem großen Kran eine leichte Sache.

Danach folgt das Boot. Aber der Bock passt nicht genau. 4 Mann werden gebraucht, die jeder eine Eckstütze schräg halten müssen, damit die Ecke sich nicht in BINKYs Außenhaut rammt. Jeder will alles besser wissen und dem Kranführer Anweisungen geben, der aber kann nicht sehen, wieviel Zentimeter er noch absenken muß. Außerdem kann er nicht sanft gleitend absenken, sondern nur ruckweise. Dabei passiert es dann, das Boot rauscht auf drei Stützen, die vierte bohrt sich knirschend und krachend an Steuerbord tief in die Außenhaut, weil der Mann, der das verhindern sollte, stinkbesoffen ist und die Stütze nicht schräggehalten hat. Nun gibt es für mich kein zurück mehr, ich muß mit Marek über die Reparatur verhandeln. Er besieht sich den Schaden - 200 Zloty extra. Ferner muß der Kiel ab, die alte Klebemasse abgestemmt und neue aufgebracht werden -1000 Zloty. Mit der Arbeit könne er sofort beginnen, morgen abend sei alles fertig. Ob er dann eine Prämie von 200 Zloty bekäme, wenn er den Termin einhalte. Die Prämie zahle ich ihm gern, damit ich auch auf jeden Fall wieder aufs Wasser und hier wegkomme.

Ich muß mich derweil auf BINKY, die auf 4 Stützen ohne Kiel etwas schräg aufgebockt ist und obendrein fest in den Seilen des Krans hängt, häuslich einrichten. Vor- und Achterschiff betrete ich lieber nicht, das Boot könne überkippen. Während ich oben Mittagessen koche, höre ich die beiden unten am Boot stemmen und schleifen. Es hört sich nach zügigem Arbeitsfortschritt an. Das Leck an der Stütze des Bocks ist in einer halben Stunde wieder zulaminiert und sauber versiegelt, in der Kiellinie tropft gelegentlich noch Wasser aus dem Boot, was den Arbeitseifer der beiden aber nicht im geringsten beeinflußt. Im Gegenteil, man will noch heute fertig werden, morgen könne ich wieder slippen. Tatsächlich schaffen sie es, die Kiellinie am Boot und den Kiel mit Sikaflex einzuschmieren, so dass das Boot schon nachmittags wieder auf den Kiel gesetzt werden kann. Das geht etwas ruckartig, weil der alte Kran nun mal nicht gleitend arbeiten kann. Der Kranführer verabschiedet sich bis zum kommenden Wochenende, denn vorher würde er ja nun nicht mehr gebraucht. Binky ist fertig und die beiden möchten ihren Lohn haben. Slippen ginge heute noch nicht, die Dichtungsmasse müsse ja erst aushärten. Wir gehen in die Stadt, ich ziehe 1000 Zloty aus dem Bankomaten und bei einem Bier reden wir über die gute Arbeit, die Marek so schnell geleistet hat.

© Manfred Sürig, 2006
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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 28.07.2002
Dauer: 9 Tage
Heimkehr: 05.08.2002
Reiseziele: Polen
Der Autor
 
Manfred Sürig berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.