China / Tibet - Lhasa

Reisezeit: Juni 2005  |  von Wolfgang Baum

600 Km nach Lindje

An diesem Tag soll es auf eine lange Reise von ca. 600 Kilometern in östliche Richtung nach "Lindje" gehen. Diese Region wird von den Einheimischen auch "Die Schweiz Tibets" genannt. Der Ort liegt nur 2.900 Meter hoch und deshalb unterhalb der Baumgrenze. Eine wirklich passende Bezeichnung, wie sich später rausstellen sollte, denn es geht über Pass-Strassen, vorbei an rauschenden Bächen mit kristallklarem Gebirgswasser, grünen Wiesen, Rapsfeldern und geschwungenen Bergketten, die teilweise felsig oder aber auch bewaldet sind. Eine Brücke über den Tibet-Fluss führt hinaus in das sich weit öffnende Tal und das Bett ist etwa 3 bis 4 Mal so breit wie der Fluss selbst. Ganz gefüllt ist es nur zur Regenzeit, wenn sich durch die Schneeschmelze ungeahnte Wassermassen von ausbreiten. Der Blick führt weit hinüber zu den braunen, baumlosen Hängen der 4.000-er, die das weite Tal um Lhasa herum formen und der Bus steigt schon hier fast unmerklich an in Richtung eines Passes von 5.013 Metern Höhe, der heute zu überwinden ist. Ausgestattet hat er sich mit 2 Sauerstoff-Flaschen, die ähnlich einer Spraydose für umgerechnet 2,-- Euro in Lhasa an jeder Straßenecke verkauft werden. Angesichts seiner Erfahrung mit der Höhenkrankheit hatte er in der ersten Nacht gedanklich schon mit dieser Fahrt abgeschlossen. Pure Angst überkommt ihn bei dem Gedanken an diese Höhe, aber die Flaschen und auch beschwichtigende Worte der einheimischen Begleiterin geben ihm Zuversicht. Er hatte auch gelesen, dass die Höhenkrankheit meist erst nach etwa 8 Stunden in der Höhe richtig ausbricht. Da dies nur eine Passüberquerung mit anschließendem Abstieg ist, faßt er doch wieder Mut. Eine leicht geschwungene Serpentinenstrasse führt endlos lang in Richtung Himmel.

Es geht vorbei an kargen Almwiesen, auf denen die Yaks und Schafe grasen. Alles gleicht sehr stark einer normalen Alpenszenerie. Nur verschieben sich hier die Höhen für Europäer in schwer nachvollziehbare Dimensionen. Die letzten Kilometer zwischen 4.700 Metern und der Passhöhe von 5.013 Metern, wenn der Druck im Körper spürbar zunimmt, sind auch für den Motor eine Strapaze. Auch das Auto zeigt Symptome der Höhenkrankheit, denn der akute Sauerstoffmangel verändert auf dramatische Weise den Verbrennungsprozess und raubt der Maschine viele der normal vorhandenen PS. Nur mit Mühe frisst sich der Wagen durch die dünne Luft dem Zenith des Passes entgegen. Auf dieser Höhe sind die optischen Eindrücke eigentlich gar nicht so erdrückend, da man auch hier zwischen seinem Standpunkt und den umliegenden Bergen nur eine Höhendifferenz von 1.500 bis 2.500 Metern wahrnimmt mit dem kleinen Unterschied jedoch, dass man von ungezählten 6.000-ern und sogar einem 7.000-er umgeben ist. Die harmlos erscheinende schneefreie Passhöhe liegt knapp 200 Meter über dem imaginären Gipfel des Mont Blanc, der höchsten Erhebung Europas. Die wenigen Schritte, die er hier oben macht, um gerade mal die nächste Position für einen Schnappschuss zu erreichen, machen ihm physisch deutlich, dass er sich in einer Extremsituation befindet. Nach jeder geringfügigen Belastung erhöht sich der Puls schlagartig und das gierige Atmen reicht nicht aus, um dem Blut genügend Sauerstoff zuzuführen und die Muskeln mit Energie zu versorgen. Es ist und bleibt ein Leben im Defizit. Nach etwa 15 Minuten geht es weiter. Der Bus fährt die steil abfallende Pass-Straße hinunter und folgt den Serpentinen mit ihren scharfen Kehren, während die vielen 6.000-er-Gipfel um ihn herum wegen der sich dynamisch verändernden Perspektive scheinbar rasterhaft höher werden und sich nach jeder Kurve mit einer anderen Silhouette präsentieren. Auf etwa 4.700 Metern stoppt der Bus an einer weitläufigen, ebenen Almwiese mit Yaks und Ziegen, auf der einige Zelte tibetischer Nomaden stehen. Oma, Opa, Vater, Mutter und viele Kinder kommen ihm entgegen und sind offen für ein "Gespräch" mit Händen und Füßen. Natürlich das obligatorische "Money" auf den Lippen, gruppieren sie sich für ein Foto und laden ihn dann auch zu einer Besichtigung des Zelt-Inneren ein. 3 Generationen leben hier auf engstem Raum zusammen. Schon der Gedanke löst bei ihm Beklemmungen und ein Gefühl der Unfreiheit aus. Wie können die Leute nur so leben? Vielleicht ist es die unglaubliche Schönheit der Natur, die ihnen das entsprechende Gegengewicht verleiht und sie so entspannt, zufrieden, selbstsicher und glücklich erscheinen lässt. In weiteren 5 Stunden fährt der Bus bis zum Ziel LINDJE, auf einer Höhe von nur 2.900 M. - noch mal 1.800 Höhenmeter hinunter. Vorbei an Schluchten und rauschenden, kristallklaren Bächen, in denen die Yaks Wasser fassen, nachdem sie zuvor regungslos mitten auf der Strasse gestanden hatten und die Autos sich einen Weg um sie herum suchen mussten. Hier "unten" sind die Berghänge bewaldet und das sich weit öffnende Tal von Lindje erinnert ihn ein wenig an Davos in der Schweiz. Zu Recht also die Begriffsprägung: "Die Schweiz Tibets". Leider bleibt heute Abend nicht mehr viel Zeit übrig. Zuerst das obligatorische Gruppen-Abendessen an diesen chinesischen Rund-Tischen. Grotesk dabei, dass man sich eigentlich wenig zu sagen hat in der zusammengewürfelten Truppe und krampfhaft blickt jeder in seinen Teller. Besonders für ihn ist diese Situation immer wieder eine unliebsame Belastung, da er als "Langnase" kaum mit den Chinesen kommunizieren kann. Anschließend Belegung des Hotelzimmers und noch gerade Zeit für einen kleinen Abendspaziergang in den betriebsamen Strassen. Dort Standardatmosphäre mit Souvenirshops, Kleingeschäften und Supermärkten. China "von der Stange" sozusagen ! Grotesk zuvor die Situation des Busfahrers und der Reiseleiterin Li. Hatten sie sich doch noch vor knapp einer Stunde im Bus vor den Augen und Ohren der Touristen heftigst gestritten, mit dem abrupten Ende, dass der Busfahrer vor Wut in die Bremsen stampfte und dieser quietschend und rumpelnd auf der Straßenmitte zum Stehen kam. Der Fahrer, ein schon seit vielen Jahren in Lhasa lebender Chinese behauptete, dass die Tibeter den Chinesen doch durch die "Befreiung" den gesamten Aufbau der Infrastruktur zu verdanken hätten und dass dieses Land ohne chinesische Unterstützung nicht existieren könnte. Dagegen sträubte sich Li, die junge Tibeterin heftigst. Ihrer Meinung nach sind die Tibeter natürlich in der Lage, auch ohne chinesische finanzielle Hilfe existieren zu können. Ungeachtet der Wahrheit musste sie sich gegen diese Behauptungen wehren, insbesondere vor all den Touristen im Bus, die natürlich außer ihm alles verstehen konnten. Seine Vorbereitung auf die Reise und die bisherigen Beobachtungen hier im Land runden sein Bild allmählich ab. Die historischen Realitäten, speziell im Zusammenhang mit der sog. "Befreiung Tibets" sprechen eine deutliche Sprache politischer Dominanz und kultureller Unterdrückung. Andererseits wären der Aufbau und die Modernisierung Tibets ohne die Unterstützung aus Peking in der Tat nicht in der jetzigen Form möglich gewesen. Dies sei dann hier genug an kritischer Betrachtung, da es nicht so ganz ungefährlich ist, sich als Tourist ohne Lobby zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Aus der vorbereitenden Lektüre und den vielseitigen Info-Quellen weiß er, dass man sein unter schwierigen Bedingungen erworbenes Tibet-Visum nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollte. Es ist ihm jedoch eine Genugtuung zu sehen, mit welchem Selbstbewusstsein die Tibeter ihre freie Religionsausübung durchsetzen, erhalten und in den Straßen Lhasas praktizieren - ungeachtet der Tatsache, dass ihr religiöses Oberhaupt im indischen Exil leben muss. Die historischen Hintergründe sollen an dieser Stelle noch mal verdeutlicht werden:

Das traditionelle Tibet vor der chinesischen Besetzung war weder ein demokratisches Land noch ein sozialer Rechtsstaat im heutigen Sinne. Seine soziale Ordnung lässt sich umschreiben als eine hierarchisch gegliederte Nomaden- und Bauerngesellschaft mit feudalen Strukturmerkmalen, die zweifellos reformbedürftig war. Eine Minderheit herrschte über die Mehrheit, und die Oligarchie aus Klerus und Adel verfügte über die entscheidenden Machtmittel. Von 1912 bis zur gewaltsamen Einverleibung Tibets in die Volksrepublik China im Jahre 1949/50 war Tibet unabhängig. Gleich nach der Gründung der Volksrepublik China unter der Führung von Mao Tsetung im Jahr 1949 wurde Tibet durch Truppen der Volksbefreiungsarmee gewaltsam besetzt. Tibet protestierte vergeblich bei den Vereinten Nationen gegen die chinesische Besetzung. Die völkerrechtswidrige Invasion und Annexion Tibets durch die Volksrepublik China fiel in die Regierungszeit des gegenwärtigen 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso. Im November 1950 übertrug die tibetische Nationalver-sammlung die religiöse und politische Regierungsgewalt auf den erst 15 Jahre alten 14. Dalai Lama. Der junge Dalai Lama, von liberaler Gesinnung und allem Neuen gegenüber aufgeschlossen, versuchte, den Modernisierungsprozess, den sein Vorgänger begonnen hatte, fortzusetzen. Nachdem er sein Amt als Staatsoberhaupt Tibets angetreten hatte, tat er sein Möglichstes, um längst fällige Reformen durchzuführen. Die chinesische Besatzungsmacht sabotierte jedoch die Beschlüsse und Vorschläge der Reformkommission und verurteilte diese damit bald zur Handlungsunfähigkeit. Um ein Blutbad zu vermeiden, bemühte sich der Dalai Lama vergeblich um eine friedliche Beilegung der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen seinem Volk und den eindringenden chinesischen Truppen. Ohne Rücksprache mit dem Dalai Lama und der tibetischen Regierung in Lhasa nehmen zu dürfen, musste 1951 die tibetische Delegation in Peking unter chinesischem Diktat das sogenannte "17-Punkte-Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets" unterzeichnen. Die tibetische Delegation weigerte sich, auch die Siegel der tibetischen Regierung anzubringen, ohne die das Abkommen ungültig war. Aber die Chinesen fälschten in Peking tibetische Siegel und zwangen die Delegation, mit diesen das Dokument zu beglaubigen. Dieser ungleiche Vertrag ging von der Voraussetzung aus, dass Tibet ein Teil von China sei. Damit wurde Tibet offiziell in die Volksrepublik China annektiert. Schließlich erreichte die tibetische Widerstandsbewegung im offenen Volksaufstand am 10. März 1959 in Lhasa ihren tragischen Höhepunkt. Dabei fanden nach offizieller chinesischer Angabe rund 87.000 Tibeter den Tod. Am 28. März 1959 wurde die tibetische Regierung aufgelöst und das "Vorbereitungskomitee des Autonomen Gebietes Tibet" wurde bevollmächtigt, Funktionen und Befugnisse der tibetischen Regierung zu übernehmen. Gleichzeitig wurde die tibetische Währung ab sofort für ungültig erklärt. Auf Drängen der Tibeter musste der Dalai Lama - als einfacher Soldat verkleidet - am 17. März 1959 Lhasa unter größter Geheimhaltung verlassen und nach Indien flüchten. Über 85.000 Tibeter folgten ihrem Oberhaupt, dem Dalai Lama ins Exil. Aus dem Exil in Indien richtete der Dalai Lama mehrmals Hilferufe an die Weltöffentlichkeit und an die Vereinten Nationen. Der Rest ist Politik der Gegenwart.

Eine Bodenwelle auf der gelegentlich unebenen Fahrbahn reißt ihn aus seinem Tagtraum, als sein Blick sich gerade in der Endlosigkeit der Bergwelt und des Hochtals verliert. Dörfer ziehen an ihm vorbei und scheinen kurze Zeit später wieder aufzutauchen, da sie sich in Architektur und Infrastruktur nur wenig unterscheiden und als der Bus in der Spätnachmittags-Sonne nach Lhasa hineinfährt hat er ein bisschen das Gefühl, dass es schon "sein" Lhasa geworden ist. Er erkennt Straßenzüge und Häuserfronten und den gewohnten Strom von Tibetern, die auch zu dieser Zeit noch mit ihren Gebetsmühlen durch die Straßen ziehen. Seine Gedanken gehen dabei noch mal zurück zu den Ausführungen der Reiseleiterin Li, als sie Traditionen und Rituale der Tibeter erläutert. Besonders die reale, aber schaurig anmutende Darstellung der Himmelsbestattung. Bestandteil der buddhistischen Philosophie ist es, dass der Mensch zurück gehen soll in die Natur, aus der er gekommen ist. Überhaupt stehen die Natur und der Respekt vor ihr im Vordergrund der Lebensphilosophie und lässt so manche verzwickte und verdrehte Reglementierung der westlichen Welt unverständlich erscheinen. In der Natur erklärt sich eigentlich alles von selbst und erscheint zugleich logisch, wie auch der Tod. Bedingt durch die vielen Berge und den dadurch relativ knappen Boden zur Bewirtschaftung, gilt dieser als kostbares Gut und sollte nicht unnötig durch Gräber und Friedhöfe "verschwendet" werden. Vor der Beisetzung wird der Leichnam zuerst sitzend aufgebahrt und ein Lama liest aus dem "Tibetischen Buch des Todes" vor, um die Seele des Verstorbenen auf die Reise zwischen Tod und Wiedergeburt zu schicken und seinen Geist zu beschwören, nicht mehr auf die Erde zurückzukehren um die Lebenden heimzusuchen. Anschließend wird die Leiche regelrecht zusammengeklappt und von einem Angehörigen zum Bestattungsplatz gebracht. Der jetzt seelenlose Korpus wird vom "Knochenbrecher" für die Verfütterung an die Geier aufbereitet. Er filetiert die Leiche und zerstückelt das Skelett. Jetzt werden die Geier mit einem Feuer aus gemahlener Gerste und einem Sandgemisch angelockt um sich an den "gedeckten Tisch" zu begeben. Die Knochen werden pulverisiert und zusammen mit dem Gerste-Sand-Gemisch zu Kugeln als weitere Zugabe serviert. Den Schädel des Toten spaltet man zuvor noch mit einer Axt, damit auch der letzte Rest von Seele bis zur Wiedergeburt aus dem Körper entweichen kann. Ein naher Verwandter muss bei diesem Ritual anwesend sein, um die ordnungsgemäße Abwicklung des Zeremoniells zu bezeugen. Er sieht, wie die Gesichter der Mitreisenden einzufrieren beginnen als Frau Li erläutert, dass dies nicht ein Ritual aus längst vergangenen Zeiten ist, sondern auch heute noch praktiziert wird und Bestandteil der Kultur ist.

© Wolfgang Baum, 2005
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Die Reise
 
Worum geht's?:
6 Tage Tibetrundreise Autor: Wolfgang Baum
Details:
Aufbruch: 04.06.2005
Dauer: 6 Tage
Heimkehr: 09.06.2005
Reiseziele: Tibet
Der Autor
 
Wolfgang Baum berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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