China / Tibet - Lhasa

Reisezeit: Juni 2005  |  von Wolfgang Baum

Abschied u. Nachwirkungen

Am nächsten Morgen nimmt er beim Frühstück innerlich Abschied von dieser einst sagenumwobenen Stadt, da der 1½ stündige Transfer zum Flughafen für 9 Uhr angesetzt ist. Ein letztes Mal geht es vorbei am Potala und den bunten Häusern im tibetischen Baustil. Jetzt bei der Ausfahrt aus dem Stadtgebiet öffnet sich noch einmal das weite Tal vor ihm unter einem phantastisch blauen Himmel und ungewöhnlichen Lichtreflexen, die die umliegenden Berge wie ein seidener Schleier umgeben. Ein letztes Mal überquert der Bus den Lhasa Fluss mit seinem kilometerweiten Flussbett, bevor er sich in den geschwungenen Linien der Straßenführung am Fuße der 4000-er verliert. Weit auf der Gegenseite erkennt er die Berge wieder, über die er vor einer Woche ins Lhasa-Tal eingeschwebt war. Am Flughafen dann wieder die gewohnte Hektik, die so gar nicht zu den vorgegebenen Routinehandlungen eines Check-ins passen. Draußen hinter den Fenstern der Abfertigungshalle steht zu seiner Überraschung schon seine Maschine der AIR CHINA - ein riesiger Airbus A 340, der so gar nicht zu seinen Vorstellungen der einst verbotenen Stadt Lhasa passt. Auch hier hat also schon eine gewisse Form von Massentourismus eingesetzt. Der Start in gleißender Sonne und der wüstenähnlichen Landschaft lässt ihn stutzen, da die Maschine rollt und rollt, aber irgendwie nicht abheben will. Zum Glück wusste er ja, dass wegen der dünnen Luft nur ein längerer Anlauf mit einer höheren Startgeschwindigkeit den nötigen Auftrieb erzeugt. Fast unmerklich hebt der Airbus mit leicht gebogenen Tragflächen in das diffuse Licht über Tibet ab und die braunen Gebirgs-ketten beginnen langsam kleiner zu werden ehe sie ganz hinter den Wolken verschwinden. GOOD BYE TIBET !

Die Ankunft in Chengdu ist dann Routine bis auf die zerquetschte Mineralwasser Plastikflasche, die sich durch den Druckunterschied flunderartig verformt hatte.
Eine letzte Erinnerung an die Höhe Tibets und das Naturgesetz vom Druckausgleich.
Nach einer kurzen Nacht geht es frühmorgens weiter Richtung Shanghai zu einem Familienbesuch mit dem Highlight, dass er den Shanghai Formula 1 Grand Prix Circuit besucht. Shanghai ist Boomtown und das Geschäftszentrum PUDONG, das er vor wenigen Jahren noch im Bau gesehen hatte, ist inzwischen fertiggestellt und steht protzend da, so als solle es den ungebremsten Aufschwung der chinesischen Wirtschaft symbolisieren. Am folgenden Tag weiter mit "Shanghai Airways" nach Peking zu seiner Adresse am 3. Ring. Obwohl sich auch hier der Verkehr durch die Stadt quält, strahlt Peking jedoch etwas mehr Ruhe und Gelassenheit aus, besonders der nicht enden wollende Strom von Fahrrädern, der in 3-er, oder 4-er Reihen durch die Stadt fließt und durch seine Gleichförmigkeit und Konstanz etwas Entspannendes hat. Einen Tag hat er sich genommen für Tiananmen und Wangfujing Avenue um das Gefühl abzurufen, dass "Marius Müller Westernhagen" in einem Lied besingt: " Ich bin wieder hier, in meinem Revier .... " Nach all den Eindrücken fast schon etwas Gewohntes, vielleicht Heimatliches. Auf jeden Fall etwas, was den Schwung in seinem Kopf und seiner Gefühls-welt abbremsen kann. Nach der Flaggenzere-monie um 19:45 sitzt er mit seiner Frau abseits vom Haupteingang zur Verbotenen Stadt auf einem Grünstreifen neben der Hauptstrasse und lässt seine Seele nach dem Sonnenuntergang und der nun überall aufflackernden Beleuchtung baumeln. Jetzt sieht er China pur und versucht ein wenig den Spirit zu erahnen. China scheint die Spaßgesellschaft zu erlernen. Nur noch wenig von verordneter Disziplin bei den Jugendlichen. Studentische Ideale von Freiheit und Demokratie scheinen wie weggefegt. Kein Hauch mehr von verklärter Romantik sozialistischer Solidarität. Maos Konterfei am Eingang zur Verbotenen Stadt erscheint als überflüssiges Relikt aus der Vergangenheit, oder auch irgendwie nostalgisch und passt so gar nicht mehr zu der in Echtzeit ablaufenden Wirklichkeit des Rush-Hour-Verkehrs. Fragt man Chinesen nach dem Sinn, so bekommt man als Begründung zu hören: Mao war der Begründer dieser Republik im Jahre 1949 und wohl deshalb hängt er da noch. Das China von Gestern wird verdrängt vom konsumorientierten Selbstbewusstsein der jungen Generation. Sich "trendy kleiden und fühlen" scheint die Maxime der Teens und Twens zu sein. Patchwork Jeans, nabelfreies T-Shirt, Miniröckchen, Hairstyling, face-painting und "sich lässig geben" liegen im mainstream. Auf der Wangfujing Avenue wird man von der Neonwerbung für Lifestyle-Produkte, Elektronik und Sportartikel fast erdrückt. Nike und Adidas scheinen die Zeichen der Zeit schon erkannt zu haben. Es ist nicht mehr weit bis Olympia 2008. Peking putzt sich raus, Peking macht sich schick und sexy. Einigen hat er schon versprochen, in 3 Jahren zu kommen.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland der gewohnte Jetlag, aber da war irgendwie noch mehr in den ersten Tagen zu Hause. Er ist ungewohnt zerknirscht und unausgeglichen, eher so als hätte er gerade eine unangenehme Zeit hinter sich gebracht. Er kann seine Gedanken noch nicht richtig sortieren um Kraft aus ihnen zu schöpfen. Da sind Spuren auf seiner Seele die wohl die psychischen Nachwirkungen der Reise sind. Tibet hat ihn tiefer beeindruckt als er erwartet hatte. Es war nicht nur ein weiterer Trip als Eintrag in sein Reise-Portofoilo, sondern da hatte sich etwas ereignet, was er innerlich nacharbeiten musste. Es war keine Spaß-Reise, sondern eine Dimension, die er allenfalls nach seinem Alaska-Trip zum Mount McKinley in ähnlicher Form verspürte. Die überwältigende Natur mit der Ahnung von Gottesnähe, dazu noch die politische Dimension, die er bisher zu wenig reflektiert hatte. All das zog ihn hinein in einen depressionsähnlichen Zustand, der ihn für Tage lahm legte und er wusste, dass er da erst durch musste, ehe er die Eindrücke sortieren und in seine Lebenswirklichkeit einordnen konnte. Es war die Krankheit nach der Höhenkrankheit, eine Re-Integration in den Alltag. Der Yak muss sich hinlegen zum Wiederkäuen.

© Wolfgang Baum, 2005
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Die Reise
 
Worum geht's?:
6 Tage Tibetrundreise Autor: Wolfgang Baum
Details:
Aufbruch: 04.06.2005
Dauer: 6 Tage
Heimkehr: 09.06.2005
Reiseziele: Tibet
Der Autor
 
Wolfgang Baum berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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