Für 99 DM an das Schwarze Meer

Reisezeit: Juni 1973  |  von Günter Huppmann

Beobachtungen in der Stadt

Urlaub am Schwarzen Meer, 1973.

Urlaub am Schwarzen Meer, 1973.


1. Urlaubstag

Am nächsten Morgen sah ich mir das ganze Urlaubsumfeld etwas genauer an und ging anschließend zum Strand, der ungefähr 30 Gehminuten von der Hotelanlage entfernt lag.

Etwas eingeschüchtert wegen des Vorfalls am Flughafen am Vortag, überlegte ich mir, ob ich wohl mit kurzen Hosen hier zum Strand laufen könne. Ich machte mich schlau, indem ich erstmal guckte, was die anderen anhatten. Aber da gab's keine Schwierigkeiten.

Was mir auffiel: alle Obstläden hatten geschlossen, man konnte kein Obst kaufen.

Der Strand war sauber und gepflegt, und ein paar Kioske waren dort auch zu finden. Aber kaum hatte ich es mir gemütlich gemacht, da schaute ich auf die Uhr und stellte fest: ich muss ja schon wieder los, wegen der blöden Vollpension.
Dazu hatte ich überhaupt keine Lust, und ich sah etliche Freunde von der Fußballmannschaft mit einen Schaschlik in der Hand: an einem Kiosk verkaufte man Schaschlik für sage und schreibe 50 Pfennig - die waren gewürzt mit Trockengewürzen, Schaschliksoße kannten die nicht. Aber es war eine hervorragende Fleischqualität mit wenig Fett, sodass sie auch so schon hervorragend schmeckten.

Was mir noch auffiel in den ersten Stunden in Rumänien: da waren Männer unterwegs, mit Gebardinemantel und Hut bekleidet. "Das sind Polizisten in Zivil", klärte mich der Trainer auf.

Da kam ein junger Mann zu mir und sagte: "Du kannst deine DM zu einem sehr günstigen Wechselkurs tauschen". Er nannte mir auch den Gegenwert in rumänischen Lei, den er mir geben wollte.
Nur sah er verstohlen immer in alle Richtungen: "Das darf keiner sehen", meinte er, "das ist verboten". Besonders, wenn so ein Gebardine-Heini - so nannte ich die Geheimpolizei scherzhaft - vorbeiging, hatte er Angst. Das konnte man ihm richtig ansehen.
Aber er wollte meine DM und ich ließ mich auf den Handel ein: er nahm DM und gab mir Lei.
Dann kamen Einheimische - meist ältere Leute mit uralten Personenwaagen aus Holz - vorbei, die fragten jeden, ob er sich für einen Lei wiegen lassen wolle.

Gegen 15:00 Uhr verließ ich den Strand und begab mich in Richtung Hotelanlage.

Die Obst- und Gemüseläden hatten immer noch geschlossen. Auf einer Straße hinter dem Hotel sah man uralte Pferdefuhrwerke vorbeifahren, da meinte ich, jeden Augenblick müsse ein Rad davonfliegen. Auch LKWs mit Holzvergaser, die die Arbeiter wieder nach Hause fuhren, waren unterwegs.

Nach einem wirklich wohlschmeckenden Abendessen wollte ich der Bedienung ein Trinkgeld geben, eine DM. Doch die Bedienung winkte erschrocken ab, deutete verstohlen auf den Restaurantchef und wurde knallrot im Gesicht - für mich zu diesem Zeitpunkt ein Rätsel, wegen einer Mark so ein Theater.

Am Abend machte ich einen Spaziergang, und da sah ich doch noch einen Laden, der nannte sich "Dollar Shop". Die Schaufenster und das Geschäft waren überfüllt mit allen Artikeln, die man sich nur wünschen kann: Zigaretten, Wein, Schnaps, Schmuck, Seifen, Parfüm, Kleidung, Nylonstrümpfe, usw. - hier gab es alles zu kaufen. Naja, dachte ich mir, den Einheimischen geht es ja nicht gerade schlecht.
Da wollte es der Zufall das mir die Bedienung vom Restaurant über den Weg lief. "Entschuldigen Sie bitte" sagte Sie zu mir. "Sie wollten mir DM als Trinkgeld geben, aber ein Rumäne darf keine DM und keine Dollars annehmen. Wenn Sie mir im Lokal DM geben, dann werde ich bestraft. Wir dürfen keine ausländische Währung besitzen."
Da erzählte ich ihr von dem tollen Laden, wo man alles kaufen kann. "Die sind nur für Touristen. Dort kann man nur mit Dollar oder DM einkaufen. Da wir aber wie gesagt solche Währungen nicht besitzen dürfen, können wir dort auch nichts kaufen."
"Uns bleibt nur der Blick ins Schaufenster und die Sehnsucht, solches zu besitzen..."

Ooh, Gott im Himmel, dachte ich mir, du hast den Menschen erschaffen, aber der Mensch ... Da war ich sehr traurig.

Beim Nachhauseweg sprach mich plötzlich eine seriös aussehende Dame an: "Hallo, ich bin Maria aus Bukarest. Sie sind aus Deutschland, wie gefällt es Ihnen am Schwarzen Meer?"
Ich war erstaunt: "Wie wissen Sie denn, dass ich aus Deutschland komme?"
"Das sieht man an der Kleidung" sagte Sie, "rumänische Männer haben keine so teueren Sachen an".
Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile und ich kam auch auf das Thema Dollar Shop zu sprechen.
"Das stimmt" sagte sie, "wir können und dürfen da nicht rein. Aber wenn Sie rumänischen Frauen eine Freude machen wollen, dann kaufen Sie Seife, Parfüm oder Nylonstrümpfe, da haben die Frauen hier eine große Freude."
Spontan ging ich zurück ins Geschäft, kaufte Schokolade, teuere Luxusseife und wohlriechendes Parfüm, Zigaretten und einen ganzen Beutel voll Nylonstrümpfe.
Maria wartete draußen und als ich aus dem Geschäft kam, schenkte ich ihr von jedem etwas. Da strahlte sie über das ganze Gesicht und wir verabredeten uns für den nächsten Tag am Strand.

Im Parkgelände des Hotels fielen mir etliche Männer auf, die mit einer Art Lanze bewaffnet waren. Meine Freunde klärten mich auf: "Das sind Hundefänger. Hier leben so viele wilde Hunde und diese Herren fangen die Hunde ein."
Da kamen wir auf eine Idee: jeder von uns nahm den Aschenbecher von seinem Zimmer und diese Aschenbecher verteilten wir auf dem Gelände. Aber wir füllten sie nicht voll Wasser sondern mit Wein - damit die armen Tiere auch mal was Gescheites zum Trinken haben, so war unsere Meinung. Von diesem Zeitpunkt an sangen wir immer, wenn wir zusammen waren, das Lied: "Ein kleiner Hund - das kann dein allerbester Freund sein."
Abends und bis weit in die Nacht hinein, besonders nach Alkoholgenuss, besonders laut und immer wieder "Ein kleiner Hund..."


2. Urlaubstag

Am nächsten Morgen packte ich all die Sachen vom Dollar Shop ein und ging zum Strand. Die Obst- und Gemüseläden hatten immer noch nichts zu verkaufen.
Kaum war ich am Strand, kam auch schon der nette Mann daher, bei dem ich gestern DM gegen Lei gewechselt hatte. Aber er war nicht allein, er hatte noch ein paar Freunde bei sich. "Gestern", so eröffnete er das Gespräch, "gestern habe ich mich beim Umwechseln verrechnet, ich bekomme noch so und soviel DM von Ihnen."
Da war ich doch sehr erstaunt, als Erstes versuchte ich, das Ganze klarzustellen. Als dann aber seine Freunde immer näher kamen, da gab ich ihm die paar Mark.

Dann kam eine Frau vorbei mit einer Waage: "Wollen Sie sich wiegen lassen? Kostet nur einen Lei!" Ich stellte mich auf die uralte, klapprige Waage und dann gab ich ihr das Geld.
Anschließend sprühte ich sie mit Parfüm ein und gab ihr ein Stück Seife. Da warf sie sich in den Sand verbeugte sich mindestens 10 Mal vor mir und war überglücklich.
Das Ganze blieb natürlich nicht unbemerkt, und plötzlich war ich umringt von rumänischen Frauen, die ich alle mit Parfüm besprühte, und dann teilte ich Nylonstrümpfe aus.
Ich kam mir vor wie ein US-Soldat nach dem Krieg in Deutschland, als wir nichts zu essen hatten. Die versorgten uns auch mit allerlei Süßigkeiten und mit Zigaretten.
Da war ich also der Hahn im Korb.

Einem kleinen Jungen gab ich eine Tafel Schokolade - diese strahlenden Kinderaugen habe ich bis heute nicht vergessen.
Da kam Maria aus Bukarest und lachte über diese Show, die ich am Strand abzog. Sie erzählte mir, dass im Schaufenster vom Dollar Shop 2 Kleider hängen, die ihr sehr gut gefielen. Und eine Luftmatratze, die könnte sie auch gebrauchen.

"Dafür können Sie kommen zu mir ins Zimmer, und dann können Sie bewundern meinen Balkon!" Dabei zeigte sie mit der Hand auf ihren riesengroßen Busen.
"Aha - au zwick mi" dachte ich mir.
Aber nachdem ich ich ein gutmütiger Mensch bin, ging ich mit ihr zum Shop und kaufte all die Sachen, die sie haben wollte.
Sie musste draußen vor den Geschäft warten.

Auf dem Weg zum Strand standen tausende von Menschen am Strassenrand.
"Sag mal, Maria" sagte ich. "Was soll denn das?"
"Heute kommt der Staatschef Nicolae Ceausescu nach Eforia Nord, der hat hier sein Sommerquartier und alle sind gekommen, um ihn zu begrüßen."
Die sind alle bettelarm und trotzdem stehen die hier und wollen Nicolae Ceausescu begrüssen. "Ginter, nicht wollen, die MÜSSEN!"

Da standen sie also zu Tausenden, in ihren billigen Klamotten, mit ihren verhärmten, von der Sonne verbrannten Gesichtern, die sich nicht mal das kaufen konnten, was sie gerne mochten, denen nur der Blick in ein proppenvolles, mit Luxusartikeln bestücktes Schaufenster gestattet ist, die ausflippen und rot anlaufen, wenn man ihnen 1 DM geben will, die standen alle da und warteten auf den Staatschef, und das nicht mal freiwillig - nein sie MUSSTEN, und alle kamen.
Wahnsinn, ehrlich Wahnsinn, wenn man diese Armut als reicher Westtourist erlebt, wenn man Bürger des Landes mit alten, ausrangierten Personenwaagen am Strand sieht, die um 1 Lei betteln ...und dann kommen sie alle.
Ich brauchte einen Schnaps.

Maria wusste ein Tanzlokal, dort spielte eine Kapelle westliche Rhythmen.
Ich bestellte 2 x Hähnchen und was zu trinken.
Unser Nachbar am Tisch war ein DDR Bürger - nach etlichen Fragen zu Westdeutschland bestellte er sich ein Bier. Und er wartete und wartete ... Jeder bekam was, nur er nicht.
"Was soll denn das", wollte ich von ihm wissen. "Ja", sagte er sehr nachdenklich und traurig. "Wir als DDR-Bürger werden im gesamten Ostblock als die besonders fleißigen Leute dargestellt, das ist also ein Grund von vielen, warum der Ober mir kein Bier bringt."
Ich wartete noch eine ganze Zeit, bis mir das Ganze auf den Keks ging, dann bestellte ich ein Bier, das prompt kam, und dieses Bier gab ich dann dem DDR Bürger.
Er bekam übrigens sein bestelltes Bier garnicht!!!

Nach einem Tänzchen mit Maria verließen wir das Lokal und gingen zu ihr aufs Zimmer. Ich durfte wie versprochen ihren sehr großen Balkon bewundern, aber die Qualität des Balkons war auch nicht mehr die beste: die einzelnen Bauteile hingen schon ganz schön herab. Die Bausubstanz ließ zu Wünschen übrig.
Hauptsache, ich hatte mein Geld los, und sie besaß ihre Kleider.

© Günter Huppmann, 2003
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Mit einer Fußballmannschaft aus Fürth/Bayern flog ich im Juni 1973 nach Rumänien: zum Urlaub in ein bitterarmes Land, das schwer zu leiden hatte unter dem Diktator Ceausescu und seiner Geheimpolizei.
Details:
Aufbruch: Juni 1973
Dauer: unbekannt
Heimkehr: Juni 1973
Reiseziele: Rumänien
Der Autor
 
Günter Huppmann berichtet seit 21 Jahren auf umdiewelt.
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