Belgien-Reisebericht :Drei lohnende Ziele in den belgischen Ardennen

Ein Baugeschichtsseminar brachte diese Ziele zu Tage - wir machten daraus einen wunderschönen Wochenendausflug.

Gärten von Annevoie

Die Gärten von Annevoie liegen etwa 20 km südlich von Namur.
Sie wurden in den Jahren 1758 bis 1776 von Charles-Alexis de Montpellier geplant und nach seinen Vorstellungen angelegt. Sein Sohn, Nicolas-Charles, setzte das künstlerische Werk seines Vaters fort und bewahrte dabei den ursprünglichen Grundriß.
Auch heute noch lebt die 16. Generation der Familie Montpellier und bewohnt seit 10 Generationen Annevoie.

Die Region war bekannt für seine Schmieden. Charles-Alexis war Besitzer solcher Schmieden und zudem Obermeister der Schmiedezunft.

Ihm ist die Entstehung und Gestaltung der Gärten sowie die Schloßanlage zu verdanken, da er einen großen Teil der Erträge aus der seinerzeit in Blüte befindlichen Industrie hierzu einsetzt.

Blumenallee zum Schloß

Blumenallee zum Schloß

Angelegt als Garten im französichen Stil wurden im Laufe der Zeit italienische und englische Stilelemente von Gartenarchitektur eingesetzt. Daher spricht man heute von Gärten im 'europäischen Stil'.
War die Auffassung des ersten Gartenbauarchitekten Le Nôtre noch das Motto: Die Kunst korrigiert die Natur. Damit ist gemeint, dass Geländebedingungen durchaus verändert werden, um durch Symmetrie, Einebnungen für den Betrachter beste Perspektiven zu schaffen.
Danach wurden völlig andere Gedanken in die Gartenarchitektur getragen: die Überraschungseffekte aus der englischen Landschaftsarchitektur und das tragende Gestaltungselement Wasser.
Das absolut einmalige an den Gärten von Annevoie ist die Tatsache, dass die unzähligen Wasserspiele kontinuierlich 'in Betrieb' sind und nicht durch Pumpen zeitweise in Betrieb gehalten werden, wie dies in anderen bekannten Schlossgärten der Fall ist. Das Wasser fließt aus einem 400 m langen, oberhalb der Schloßgärten liegenden Kanal, der von vier Quellen gespeist wird.

Doch beginnen wir einen Rundgang. Vom Eingang folgt man dem Weg nach rechts zum Schloß und passiert zunächst den grossen Speier, eine Fontäne von mehr als sieben Meter Höhe, die vom großen Kanal gespeist wird und in der Mitte eines achteckigen Beckens angelegt ist.
Dann erreicht man den ältesten Teil der Gärten von Annevoie. Man passiert den sogenannten 'englischen Wasserfall' und erreicht den französischen. Zum Überaschungsprinzip der Gärten gehört, dass man nie beide Wasserfälle gleichzeitig sehen kann. Beim 'jüngeren' englischen Wasserfall wurde bereits jede Symmetrie aufgegeben, beim französichen herrscht sie noch gemäß dem französsichen Klassizismus.

'französischer' Wasserfall

'französischer' Wasserfall

Direkt danach erreicht man den großen Teich am dem das Schloß liegt. An der dem Garten zugewandten Fassade lassen sich die verschiedenen Epochen der Konstruktion gut ablesen.
Rechts entdeckt man ein kleines 'Herrenhaus' mit drei Fensterachsen und einem Eckturm aus dem Jahre 1627. Dieses Gebäude eines Vorbesitzers ging Ende des 17.Jh. in den Besitz von MONTPELLIER über. In den Folgejahren erweiterte dieser den Bau um den zentralen Teil des Schlosses. Dieser wurde später dann noch unter der Leitung von Charles Alexis um den linken Schloßflügel erweitert.

Gartenfassade

Gartenfassade

Direkt gegenüber der Schloßfassade geht es steil den berg hinauf und von dort herab fliessen die Wässer des 'Wasserbuffets'. Heutzutage findet man fast nirgendwo ein Wasserbuffet, da die Versorgung mit Wasser so überaus schwierig war, wenn sie denn über Pumpen erfolgen mußte. Da dies hier nicht nötig ist, kann das wasser kontinuierlich vom großen Kanal fliessen.

Die Fassade der dem Garten abgewandte Seite ist vollständig im klassischem Stil gehalten.

Die Ihnen gegenüber liegenden ursprünglichen Pferdeställe, die derzeit als Garage dienen, sind in einer Galerie von elf Torbogen angeordnet. Im 18. Jahrhundert wurde der Hof von zwei solchen Galerien im italienischen Stil mit Säulenhallen eingerahmt.

Geht man vom Schloß weiter durch den Park französicher Strenge, gelangt man zu einem Minerva-Tempel von dem man über einen langen schmalen Kanal einen schönnen Blick auf das Schloß genießt.

'die glatten Wasserflächen'

'die glatten Wasserflächen'

Einige Fotos von Skulpturen sollen weitere Eindrücke vermitteln. Das gesamte Ensemble der Gärten kann man aber wirklich nur persönlich in sich aufnehmen.

Auf eine weitere Besonderheit soll noch hingewiesen werden: Zahlreiche gußeiserne Trompe-l'oeil-Werke schmücken die Gärten von Annevois, die alle in den Werkstätten der Familie Montpellier gegossen wurden. Auch wenn die Originale durch Kopien ersetzt wurden, erfüllen sie doch den Zweck der angestrebten Vortäuschung eines Reliefs in der Mal- und Bildhauerkunst. Diese Arbeiten waren seit der Renaissance in Italien sehr beliebt und verbreiteten sich im 18. Jahrhundert in Frankreich.

© Herbert S., 2007
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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 27.05.2006
Dauer: 2 Tage
Heimkehr: 28.05.2006
Reiseziele: Belgien
Der Autor
 
Herbert S. berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
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Herbert über sich:
Bin begeisterter Reisender - teils mit Leihwagen in Mexiko, USA, Indonesien, Thailand, Arabien, Namibia, Südafrika, Türkei,... teils mit kleinem Wohnmobil in ganz Europa, aber besonders in Großbritannien und Skandinavien. Es gibt also noch viel zu berichten. Aber es kommt soviel hinzu.