Bolivien-Reisebericht :Von Mexiko bis Argentinien

Fundación Hilando Sueños

Mehrfach wurde ich in den vergangenen Wochen von den Freundinnen und Freunden in Deutschland gefragt, was denn genau unsere Aufgabe in der Fundación Hilando Sueños sei. Wenn ich antwortete, dass es um Hilfe bei den Hausaufgaben und um Lese- und Schreibförderung sowie Förderung in den Grundrechenarten geht, so ist das zwar völlig richtig, hilft jedoch nicht sonderlich, sich eine Vorstellung von unserem Vormittag zu machen. Deshalb hier ein paar Eindrücke.

Nur fünfzig Meter vom Eingang der Fundación steigen wir um ungefähr 09:00 morgens aus dem Trufi aus und sind sogleich von Kindern umringt. ‚Profe, profe’, rufen sie, laufen auf uns zu, fassen uns bei der Hand, gehen ein Stück mit uns, lassen wieder los, laufen vor und zurück, um uns herum, bis wir das große Metalltor der Fundación erreichen.
Kaum sind wir im Hof, kommen die angerannt, die schon vor uns da waren und zerren uns vorwärts ins Gebäude.
Wir haben nicht viel Zeit Rucksack und Regenjacken beiseite zu legen, denn die Jüngeren, die sechs- neunjährigen Kinder nehmen uns gleich wieder bei der Hand und ziehen uns mit sich fort. Am liebsten wollen sie sofort mit uns spielen, Würfelspiele, Memory, Domino, Schreib- und Lesespiele. Aber sie akzeptieren es mehr oder weniger bereitwillig, dass wir zuerst mit ihnen Hausaufgaben machen. Jede Aufmerksamkeit ist ihnen wichtig. Und wenn wir dann alle auf Kinderstühlen am Kindertisch sitzen, ist ihnen der Körperkontakt mindestens so wichtig wie die Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken, indem wir beim Rechnen oder Schreiben helfen.
Die Allerjüngsten setzen sich am liebsten auf den Schoß, die etwas Älteren fassen uns immer wieder zwischendurch am Unterarm, fassen uns ins Haar, oder umarmen uns. Jeder und jede will möglichst nah bei uns sitzen. Deshalb verknäulen sie sich manchmal regelrecht um uns herum. Einige genießen still diese gemeinsame Zeit, in der sie Aufmerksamkeit tanken. Andere sind mal ganz nahe, dann schnell wieder verschwunden, hibbelig und wirbelig.

Sitze ich so mit drei bis fünf Kindern eng bei der Arbeit zusammen, so nähert sich manchmal von hinten die 12jährige Yolantha und umarmt mich; sie schmiegt sich förmlich an mich. Sie ist so bedürftig und in ihrer Bedürftigkeit für ihr Alter merkwürdig distanzlos.
Einige Kinder benötigen dringend individuelle Förderung. Gleich in unserer ersten Woche haben uns die Sozialpädagoginnen auf mehrere ErstklässlerInnen aufmerksam gemacht, die kaum dem Unterrichtsstoff folgen können und uns gebeten, ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist natürlich nicht immer einfach, wenn gleich fünf Kinder auf einmal etwas von uns wollen.
Ich sitze mit Marisabel am Tisch, mit etwas Glück und einer Beschäftigung für die anderen habe ich einige Minuten Ruhe mit ihr; sie ist in der ersten Klasse und kann kaum ihren Namen schreiben; die Rechenaufgaben überfordern sie vollkommen, mit den Fingern zählt sie Additions- und Subtraktionsaufgaben im Bereich von Eins bis Zehn ab. Doch sie möchte täglich mit mir arbeiten und ist von Tag zu Tag ein wenig aufgeschlossener. Ein kleines Lob, wenn etwas geklappt hat, schon lächelt sie, die sich sonst so wenig zutraut. Kommen dann die anderen, die ihr überlegen sind, wieder angestürmt, verstummt sie erneut bis zur nächsten Gelegenheit der Zweisamkeit mit der ‚profe’.
Die anderen, die etwas weniger schulische Schwierigkeiten haben, nehmen natürlich wenig Rücksicht, sondern wollen zeigen, was sie können. Denn Lob und Zuwendung können sie ebenso gebrauchen.
Auffallend ist ganz besonders die Geschwistersolidarität. Viele Kinder kommen in Geschwistergruppen in die Fundación. Und immer kümmern sich die Älteren um die Jüngeren. So sorgt Deysie, die Drittklässlerin, dafür, dass ihre sechsjährige Schwester Alina pünktlich um 11:30 ihre Sachen zusammenpackt und mit ihr nach Hause geht. So packt die 12jährige Abigail regelmäßig alle Schulsachen für ihren Bruder Juan David in ihren Rucksack. In der ersten Zeit fällt mir auf, dass Abigail schaut, ob ihre drei jüngeren Geschwister in der Frühstückspause etwas zu essen bekommen. Dann bemerke ich, dass sie insbesondere die jüngste Schwester Sarah, die erst vier Jahre alt ist, unter ihre Fittiche nimmt. Als die Wunschzettel für Weihnachten geschrieben werden, verfasst Abi in aller Ruhe erst den Wunschzettel für Sarah, ehe sie ihren eigenen schreibt. Schließlich bemerke ich bei der Arbeit mit Juan David, dass sein Schreibheft gut gefüllt ist mit ordentlich geschriebenen Buchstaben, Silben, Wörtern, kurzen Sätzen. Und ich bemerke den Kontrast zu den schiefen Buchstaben, die er während unserer gemeinsamen Zeit zu Papier bringt. Als ich mit ihm übe, stelle ich fest, er kann kaum den Stift auf der Linie halten, die Buchstaben in seinem Namen rutschen immer weiter nach oben; als ich ihn bitte, die Namen seiner Geschwister aufzuschreiben, schaut er mich fragend an und schreibt nicht.

Da verstehe ich – alles in seinem Heft hat die große Schwester geschrieben. Es stellt sich heraus, dass Abi regelmäßig alle Hausaufgaben für den kleinen Bruder macht.
Und dann merke ich, dass Abigail nicht die Einzige ist, sondern dass viele der älteren Geschwister ihre Aufgabe darin sehen, die Hefte der Kleinen zu füllen.
Auch Daniela, die in die vierte Klasse geht, sorgt sich in dieser Weise um ihre Schwester Marisabel. Selbst als Marisabel an einem Morgen nicht kommt, weil es ihr wohl nicht gut geht, bringt Daniela ihr Heft mit und sagt zu mir, wir sollten Marisabels Aufgaben machen. Ob sie meine Erklärungen, warum ich das nicht für sinnvoll halte und deshalb nicht mit ihr mache, versteht, bleibt mir ein Rätsel.

Inzwischen haben die großen Ferien, die Sommerferien, begonnen. Bis Weihnachten ist die Fundación auch in den Ferien für die Kinder geöffnet. Ohne den Zwang, den Kindern bei zum Teil recht unsinnigen Hausaufgaben zu helfen, bleibt viel in diesem Dezemberwochen viel mehr Zeit für spielerisches Lernen, für Sport und Werken, für Weihnachtsbasteln und Theaterspielen. Über die Erfahrungen in diesen letzten Wochen unseres Aufenthaltes erzähle ich demnächst etwas.

© Robert B, 2018
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Ein Reisebericht mit Eindrücken und Bildern von Roberts und Angelas Reise - für uns selbst und alle, die es sonst noch interessieren könnte.
Details:
Aufbruch: 27.09.2017
Dauer: 5 Monate
Heimkehr: 11.02.2018
Reiseziele: Kanada
Mexiko
Costa Rica
Bolivien
Argentinien
Uruguay
Der Autor
 
Robert B berichtet seit 8 Monaten auf umdiewelt.
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Robert über sich:
Eine Reise über mehrere Monate, davon zu träumen ist eine Sache, sie zu planen eine andere, sie zu beginnen, das Beste.