Bolivien-Reisebericht :Von Mexiko bis Argentinien

Abschied von Hilando Sueños

Hilando Sueños, Abschied nach 7 Wochen.

Weihnachtsfeier und Abschied, fast wie in Deutschland und doch ganz anders. Seit Tagen schon laufen die Vorbereitungen für den letzten Tag vor der Weihnachtspause. Die Tore von Hilando Sueños schließen vom 21. Dezember bis zum 15. Januar, zuvor soll es eine Weihnachtsfeier geben. Doch die Bedingungen, unter denen sie vorbereitet wird und die Bedeutung, die diese Feier für die Kinder und ihre Familien hat, sind doch ganz anders. Wie schon beim Ausflug in das Schwimmbad in der letzten Woche, ist bei dieser Feier die Versorgung ein wichtiger wenn nicht gar der wichtigste Bestandteil. Geht es bei uns bei weihnachtlichen Veranstaltungen in Schule oder Kindergarten allenfalls um Plätzchen oder Kuchen, Tee oder Saft für die Kinder, wird in Hilando Sueños gekocht und zwar für die Kinder und die Eltern gleichermaßen. Entsprechend umfangreich sind dann auch die Vorbereitungen. Für ca. 100 Personen müssen Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln und Tomaten gekauft, geschält, geschnitten und ggf. gekocht werden. Dies alles geschieht im Hof unter freiem Himmel. Gleichzeitig werden Hühnerteile für 100 Personen gewaschen, geviertelt und gewürzt, sodann in einem großen Ofen, ebenfalls im Hof, zubereitet. Das alles geschieht am Morgen vor der eigentlichen Feier, d.h., eigentlich bis 9 Uhr, denn dann sollten die Gäste kommen. Zum Glück sind noch weitere Helfer zugegen, so dass wir glücklich um 10 Uhr, (alle Gäste kommen, wie auf Verabredung, eine Stunde später) alles erledigt haben.

Noch etwas zögerlich kommen die ersten Gäste zur Weihnachtsfeier

Noch etwas zögerlich kommen die ersten Gäste zur Weihnachtsfeier

Langsam füllt sich der Innenhof unter der Zeltplane

Langsam füllt sich der Innenhof unter der Zeltplane

Alles, bedeutet: auch Stühle für (fast) alle Gäste sind aufgestellt, die Geschenktische sind aufgebaut (alle Kinder bekommen Geschenke, diese werden von Spendern aus Spanien und Deutschland finanziert und wurden in den vergangen Tagen mühsam eingekauft), Lautsprecherbox und Mikrofon sind installiert; schließlich ist auch die Bühne für das Theaterspiel aufgebaut, die Kinder sind verkleidet und nervös. Die Feier beginnt, wir sind ein einem katholischen Land, mit der Misa. Der Padre wendet sich auf witzige Weise den Kindern zu und gestaltet die halbstündige Messe recht kurzweilig.

der Padre bereitet die Misa (Messe) vor, dabei erklärt er den Kindern, warum er nun seine Schirmmütze abnimmt und sich umzieht.

der Padre bereitet die Misa (Messe) vor, dabei erklärt er den Kindern, warum er nun seine Schirmmütze abnimmt und sich umzieht.

Nach der Misa und kleineren Umbauarbeiten beginnt nun das Theaterspiel, eigentlich das klassische Krippenspiel, jedoch mit erweitertem Ensemble. Es waren, nach anfänglichem Zögern, zuletzt unzählige Schauspielerinnen und Schauspieler, die noch schnell eine Rolle ausfüllen wollen, zu versorgen. So gesellten sich zu den Erzählerinnen (los narradores), Maria, Josef, den drei Königen und den Hirten noch eine ansehnlich große Zahl von ángeles in teilweise sehr kurzfristig erstellten Kostümen.

Die Aufregung vor dem großen Auftritt erfordert einiges an Regieanweisungen

Die Aufregung vor dem großen Auftritt erfordert einiges an Regieanweisungen

Nach diesem Stück, das von den wenigen nicht beteiligten Kindern und den zahlreich erschienenen Erwachsenen aufmerksam verfolgt wird, könnte, nach unserem Zeitempfinden, endlich die Bescherung oder doch wenigstens das gemeinsame Essen beginnen. Jedoch nun tritt Bruder Walter vom Franziskaner Orden auf die Bühne und beginnt bereits, während er noch seine Mönchskutte überzieht, die Kinder mit seinen Erzählungen in den Bann zu ziehen. Auf Bitten unserer Chefin verlängert er seine "Vorstellung", eine Mischung aus Weihnachtsgeschichte, Liedern, Fragespiel und gemeinsamen Aktionen fast um das Doppelte der Zeit.

Derweil werden rund 100 Portionen Mittagessen vorbereitet und anschließend verteilt. Dass etwas essen können, gar etwas Gutes zu Essen zu bekommen keine Selbstverständlichkeit für die Kinder und ihre Eltern ist, wird deutlich, wenn man nun die Gesichter betrachtet. Trotz des erkennbaren Bedürfnisses etwas in den Magen zu bekommen, verläuft die „Speisung der Hundert“ freundlich und entspannt, im Gegenteil, die älteren Geschwister achten sorgfältig darauf, dass alle etwas bekommen, die Kleinsten werden gefüttert. Auch die Erwachsenen essen mit großem Appetit, alles was noch übrig bleibt, wird abschließend in kleinen Plastiktütchen nach Hause getragen. Ganz merkwürdig erscheint mir hier nun die Vorstellung der Völlerei bei unseren Weihnachtsfesten, schlimmer noch, die Achtlosigkeit, mit der überzähliges Essen oft entsorgt wird.

Weihnachtsessen mit viel Genuss.

Weihnachtsessen mit viel Genuss.

Nach dem Festschmaus werden endlich die Geschenke verteilt, hier sind schon mehr Parallelen zu Deutschland erkennbar. Die Mädchen haben auf ihren Wunschzetteln, jedes Kind darf etwas im Gegenwert von 80 Bolivanos [~ 10 Euro] wünschen, meist Puppen im „Barbie Style“ oder schwarze Schuhe für die Schule, die Jungen wünschten große Trucks aber auch Sportschuhe natürlich mit NIKE Aufdruck (alles natürlich Ware aus Asien).

Schließlich halten alle Kinder ihre Geschenke in Händen

Schließlich halten alle Kinder ihre Geschenke in Händen

Irgendwann gilt es dann doch, Abschied zu nehmen. Es ist nun aber nicht so, dass die Kinder es eilig haben nach Hause zu kommen um mit ihren Geschenken zu spielen, ganz im Gegenteil, Lidia und Delina müssen den Festttag für alle beenden, natürlich verbunden mit Grüßen und Wünschen für alle Gäste und der Mitteliung, dass nun auch für uns, Prof'e Angela und Prof'e Robert Zeit für den Abschied sei. Nachdem wir uns mit ein paar Worten (z.T. mit wegbrechender Stimme) von den Kinden verabschiedet haben, kommen alle auf uns zugerannt, umamen uns, drücken uns, sagen Danke dafür, dass wir bei Ihnen waren, wünschen uns Glück, fragen uns, ob wir einmal wieder kommen werden. Es ist einfach unglaublich. Wir verlassen Hilando Sueños mit dem Gefühl, hier etwas zu beenden, etwas zurück zu lassen, was viel mehr war als das, was wir uns anfangs auch nur hätten vorstellen können.

Was bleibt?
Sergio erklärt "sein" Bild, ein gemeinsames Kunstwerk vieler Kinder, einer skeptischen Besucherin. "So sieht es in Deutschland am Meer aus". Das Bild ist nun als dauerhafte murales in einem der Lernräume verewigt.

Was bleibt?
Sergio erklärt "sein" Bild, ein gemeinsames Kunstwerk vieler Kinder, einer skeptischen Besucherin. "So sieht es in Deutschland am Meer aus". Das Bild ist nun als dauerhafte murales in einem der Lernräume verewigt.

Auch Coca, der "coolste" der Gruppe, ist stolz auf das Bild, an dem er mit gemalt hat. Es ist nun im Lernraum der Kleinsten zu bestaunen.

Auch Coca, der "coolste" der Gruppe, ist stolz auf das Bild, an dem er mit gemalt hat. Es ist nun im Lernraum der Kleinsten zu bestaunen.

Abschließend noch einige Gedanken zu den Kindern in Bolivien.
Wir haben in den vergangenen Wochen viele Kinder gesehen (und 30 von ihnen besser kennen gelernt) die zu den ärmsten in Bolivien zählen. Wir kennen Armut in Deutschland auch aus anderen Ländern ist uns Armut nicht unbekannt. Dennoch gibt es Momente und Bilder hier, die wirklich unter die Haut gehen. Zur Illustration noch zwei Beispiele:

Auf unserer täglichen Fahrt vom wohlhabenderen Stadtteil Cochabambas im Norden, im dem unser Hostal lag, zu Hilando Sueños im ärmsten Stadtteil Santa Vera Cruz im Süden, konnte ich Marktfrauen beobachten, die ihre wenigen Güter, oft nur ein paar Kartoffeln, oder Bonbons oder Papiertaschentücher, am Straßenrand sitzend, zum Verkauf anboten. Neben ihnen lagen ein oder mehrere Kinder auf dem Rücken, schlafend. Dies in Höhe der unerträglichen Autoabgase. Schlimmer noch, wenn wir mittags auf eben diesem Weg zurück fuhren, schliefen eben diese Kinder noch oder schon wieder. Auf meine Frage, wie man sich erklären könne, dass Kinder, die doch einen natürlichen großen Bewegungsdrang haben, so lange in so unerträglichem Lärm und Gestank schlafen können, sagte ein Arzt, den wir privat kennen lernten, dass diese Kinder derart unterernährt (desnutrido) seien, dass sie tatsächlich fast den ganzen Tag schliefen.

Ein anderes Beispiel von der Fahrt von La Paz nach Copacabana am Titicacasee. Nachdem man in Tiquina die schmalste Stelle des Lago Titicaca mit der Fähre überquert hat, wird auf einer steil ansteigenden Straße die Halbinsel überquert. Entlang dieser Straße sitzen unzählige Kinder in Zweier- Dreiergruppen und springen auf, um den vorbeifahrenden Autos bettelnd die Hände entgegen zu strecken. Es regnet und auf dieser Höhe sind es knapp 5 Grad. Die Kinder tragen zerschlissene Hemdchen und zerrissene Hosen sowie Plastiksandalen und eine Plastiktüte als Regenschutz. Auf unsere Frage, was die Kinder hier tun, erklärt unsere Reisebegleiterin, scheinbar völlig ungerührt, dies sei eine Tradition, die Kinder würden hier z.T. mit ihren Eltern, meist aber auch alleine die Weihnachtstage an dieser Straße verbringen!! und die vorbeifahrenden Autofahrer um regalos (Geschenke) anbetteln. Die Nacht verbringen die Kinder dann am Straßenrand unter einem aus Plastiktüten zusammengesteckten Zelt. Eine Tradition nennt man das hier!!! Ich weiß nicht, ob mich der Anblick dieser Kinder oder die sachlich kühle Erklärung der Reisebegleiterin mehr aufgeregt hat. Ein kaum fassbare Gleichgültigkeit und Kälte gegenüber Kindern sieht man in Beidem.

Desnutrición (Unterernährng), Müdigkeit den ganzen Tag.

Desnutrición (Unterernährng), Müdigkeit den ganzen Tag.

Das ist eine Tradition hier??? Kinder verbringen die Weihnachtstage und -nächte!! am Straßenrand.

Das ist eine Tradition hier??? Kinder verbringen die Weihnachtstage und -nächte!! am Straßenrand.

© Robert B, 2018
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Ein Reisebericht mit Eindrücken und Bildern von Roberts und Angelas Reise - für uns selbst und alle, die es sonst noch interessieren könnte.
Details:
Aufbruch: 27.09.2017
Dauer: 5 Monate
Heimkehr: 11.02.2018
Reiseziele: Kanada
Mexiko
Costa Rica
Bolivien
Argentinien
Uruguay
Der Autor
 
Robert B berichtet seit 8 Monaten auf umdiewelt.
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Robert über sich:
Eine Reise über mehrere Monate, davon zu träumen ist eine Sache, sie zu planen eine andere, sie zu beginnen, das Beste.