Beluga geht durchs Nadelöhr 2

Griechenland-Reisebericht  |  Reisezeit: Mai - Oktober 2004  |  von Doris Sutter

Ägäis

Das Ägäische Meer, früher Thrakisches Meer, ist ein Nebenmeer des Mittelmeeres zwischen der Türkei und Griechenland. Es ist 600 km lang und bis zu 300 km breit. Dieses Meer müssen wir durchqueren um ans griechische Festland zu kommen.
Der Name Ägäis soll zurückgehen auf Ägeus, den König von Athen und Vater des Theseus, oder auf Ägea, eine Amazonenkönigin, die im Meer ertrank oder auf eine alte griechische Stadt namens Ägä. So ganz einig sind sich die klugen Köpfe da wohl nicht. Die Küsten des Ägäischen Meeres sind zerklüftet, es gibt zahlreiche Buchten und viele Inseln.

ohne Worte

ohne Worte

18.7. Limnos

Der Wetterbericht verheißt für heute einigermaßen stabiles Wetter. Wir brechen um 5.30 auf. die Dardanellen sind verhältnismäßg ruhig, der Wind 4 Bft. Nach der Einfahrt in die Ägäis sind wir noch steuerbord und backbord von den kleinen türkischen Inseln Karayer Ad und Gokceada abgedeckt. Doch der Wind brist immer mehr auf und die Wellen entwicklen sich mal wieder zu Walzen von 3 m Höhe. Hera ist manchmal in den Wellentälern nicht mehr zu sehen. Der NE-Wind trifft uns seitlich von hinten, so dass die Bewegungen von Beluga zwar äußerst unangenehm aber nicht gefährlich sind.
Als wir in die tief eingeschnittene Bucht auf der Süd-West-Seite von Limnos einlaufen, hat der Wind aufgefrischt auf 6 Bft. in Böen 7 und mehr. Selbst in der geschützten Bucht lässt er die Boote vor Anker tanzen.
Am zweiten Tag verlegen wir abends in den Hafen von Myrina. Hier müssen wir einklarieren. Trotz EU auch hier viel Papierkrieg. Auch für den nächsten Tag sind durchgängig 6 Bft. gemeldet. Wellenhöhe 2 m, d.h. mit den Tälern 4 m, das ist einfach zu viel für uns.

Das hier wäre doch eher ein Land für die Hyperboeer, die sind Sturm und karge Landschaft gewöhnt, weniger für verzärtelte Flusspiraten deren Wind-Allergiequotient bei jedem weiteren Tag zu steigen beginnt.

Das hier wäre doch eher ein Land für die Hyperboeer, die sind Sturm und karge Landschaft gewöhnt, weniger für verzärtelte Flusspiraten deren Wind-Allergiequotient bei jedem weiteren Tag zu steigen beginnt.

In Limnos verabschieden wir uns von unserem Mitfahrer Hera. Sie können sich viel mehr Zeit lassen, wollen erst im Oktober in der Adria sein und dort überwintern.

Ich fühle ein bisschen Wehmut. Monatelang ist es uns gelungen die Eigenarten des anderen zu tolerieren und respektieren, keiner hat den Sicherheitskreis durchbrochen. Nach 10 Minuten hat sie der Dunst des aufsteigenden Morgens verschluckt. Jetzt sind wir endgültig alleine unterwegs.

23.7. Skiathos

Das lange Ausharren hat sich gelohnt. Das Meer liegt vor uns, so glatt wie wir es bis jetzt noch nicht erlebt haben. Eine graue Wasserwüste, darüber wie eine Käseglocke ein riesiger hellgrauer Himmel. Limnos verschwindet hinter uns im Dunst, nur die Sonne die über seinen Bergen aufsteigt, zeugt noch von seiner Existenz. Dann ist gar nichts mehr. Trau ihr niemals und keinen Augenblick, auch wenn die ruhige See ihr falsches, verlockendes Lächeln zeigt, das haben wir gelernt. Ich fühle mich ausgeliefert, diesem elektronischen Gerät, das uns schon einmal seine Grenzen gezeigt und uns im Stich gelassen hat, zwei Kursdreiecken, einer Karte groß wie ein Tischtuch und dem Können und Instinkt meines Kapitäns. Und nicht zuletzt dieser endlosen, dieser unbegrenzten Weite um uns herum.
Die See liegt vor uns wie ein glänzender Teppich. Wir passieren Alonissos, da frischt der Wind wieder auf. Doch es gelingt ihm nicht den Dunst von der Insel Skopelos zu vertreiben. Sie ist eingehüllt in dicken Nebel. Manfred muss das Radar starten um zu erkennen wo die Insel aufhört, wo wir ihr Ende passieren können. Wir schleichen uns an Skiarthos heran, die Sicht wird jetzt besser. Gottseidank, denn wir müssen eine Ankerbucht finden. Alle Buchten sind stark belagert, die Häfen knallvoll. Wir ankern auf 20 m Tiefe um den anderen Ankerliegern nicht in die Quere zu kommen. Ein- und ausrasende Sportboote und Wasserskiläufer machen liegen unruhig.

die Sporaden

die Sporaden

24.7. Chalkis

Die Fahrt durch die Meerenge und den Golf von Euböa ist völlig unproblematisch. Gigantische Fähren werfen Monsterwellen. Eine davon steigt auch bei uns ein, doch das ist eine Geschichte für sich. Ausführlich beschrieben in meinem Buch.
Den ganzen Tag ist es stark dunstig. Die Hügel und Felsen wachsen immer mehr zusammen, der Golf wird schmaler. So etwa ist die Aussicht, wenn man im Bodensee fährt, nur dass die Felsen kahl und die Hügel spärlich mit Olivenbäumen bewachsen sind. Die Hitze kocht uns fast gar und die Eintönigkeit der aus dem Dunst auftauchenden und wieder verschwindenden Felsen schläfert ein. Der Tag zieht sich genauso endlos wie die vielen Seemeilen, die immer noch vor uns liegen.

der Golf von Euböa

der Golf von Euböa

Um 17 Uhr legen wir am Kai von Chalkis an.
Manfred marschiert zur Kapitanerie um die Durchfahrt durch die Brücke anzumelden. Euböa ist hier nur wenige Meter vom Festland getrennt. Wir sollen spätestens um 21 Uhr an Bord sein, besser schon eine halbe Stunde früher, sagt man ihm. Wann die Brücke geöffnet wird, ist allerdings noch nicht bekannt. Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten promeniert und stolziert an uns vorbei, die Promenade ist der Treffpunkt für alle Reichen, Schönen, Hässlichen, Eleganten, Kleinen,Großen, Dürren, Dicken, Gottes kompletten Tiergarten eben.
Um 1.15 erscheint das Signal am Mast. Der Brückenmeister ruft über Funk noch einmal alle zum standby. Um 1.45 öffnet die Brücke. Alle schlüpfen durch das schmale Nadelöhr. Hinter der Brücke liegen auch Dutzende von Booten und warten bis sie dran sind.
In diesem Becken ohne Promenade ist es sacknacht. Wir tasten uns wie die blinden Hühner in den Jachthafen und lassen mittendrin unseren Anker fallen.

Chalkis und die Brücke zum  Festland

Chalkis und die Brücke zum Festland

25.7. Livradon

Nach einer ruhigen Fahrt durch leicht unsichtiges Wetter erreichen wir den Hafen, der laut Hafenhandbuch eine Möglichkeit zum Ankern hinter der Mole bieten soll. Das ist aber alles Schnee von gestern. Kräne stehen am Ufer, Berufsschifffahrt belegt die Molen. Landseitig liegen Yachten. Ein Frachter legt gerade ab, als wir in den Hafen einfahren und wir müssen uns mit eingezogenem Bauch an ihm vorbeischlängeln. Der Ausflugsdampfer vor uns entpuppt sich beim Näherkommen als Ägyptische Megayacht. Wieder einmal läßt uns der Schwell der vor dem Hafen vorbeifahrenden Schiffe Aufzug am Hafenkai fahren. Ein kleiner stämmiger Grieche kommt angerannt und will kassieren. 16 Euro für die Nacht, 20 Euro für Strom und 5 Euro für Wasser. Sie sind ja jetzt "olympic harbour" da kann man ja ordentlich hinlangen. Außer dem Liegeplatz lehnen wir alles dankend ab. Scheint ja wohl olimpisches Gold statt Strom aus ihren Leitungen zu fließen.

Am nächsten Morgen umrunden wir in aller Frühe und völlig windstill Kap Sounion. Winken dem Tempel des Poseidon zu, er hatte von hier oben bestimmt einen herrlichen Ausblick über sein Reich und peilen den Golf von Athen an.

Kap Sounion mit dem Tempel des Poseidon

Kap Sounion mit dem Tempel des Poseidon

© Doris Sutter, 2004
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Unsere Bootstour die Donau abwärts findet ihr im ersten Teil. Vom Donaudelta quer durchs Schwarze Meer führt uns unsere Heimreise durch den Bosporus, das Marmarameer, die Dardanellen, quer durch die Ägäis,rund Griechenland, die Straße von Korinth,wie auch die Straße von Messina, die italienische Westküste entlang, an der Cote d'Azur vorbei in die Rhone. Hier folgt der 2. Teil
Details:
Aufbruch: Mai 2004
Dauer: 5 Monate
Heimkehr: Oktober 2004
Reiseziele: Schwarzes Meer
Bulgarien
Türkei
Griechenland
Straße von Korinth
Ionisches Meer
Italien
Frankreich
Der Autor
 
Doris Sutter berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Doris sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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