Südamerikareise von Martina und Tobias

Reisezeit: Juli 2006 - Juli 2007  |  von martina und tobias

Nicaragua

Die Fahrt nach Nicaragua ist distanzmässig nicht lang. Weil es aber keine direkten Busse gibt, nehmen wir viele verschiedene. Auf 160 km steigen wir fünfmal um...

Die Grenze passieren wir ohne Schwierigkeiten, bezahlen brav die 12 Dollar Einreisegebühr, wechseln etwas Ticageld in Nicageld und steigen in einen umfunktionierten, amerikanischen Schulbus, der uns nach Rivas bringen soll. Kaum losgefahren, ertönt plötzlich ein lauter Knall und nicht nur das alte Mütterchen, das bisher seelenruhig neben uns geschlafen hat, erschrickt. Ein Reifen ist geplatzt! Der Buschauffeur bremst das Vehikel langsam ab und steigt aus, und nach kurzer Betrachtung der Lage fährt er einfach wieder weiter - fast so rasant wie bisher...
In Rivas beziehen wir das wohl kurioseste Hotel auf der ganzen Reise. Bei unserer Ankunft scheint es, als wären wir die einzigen Gäste. Als wir dann aber vom Abendessen zurückkommen, gleicht das Hotel einem Ameisennest. Draussen sitzen etwa zwanzig Leute, lachen, trinken, diskutieren. Im Innenhof spielen Kinder Fangis, Frauen waschen und eine musikalisch eher unbegabte Jugendliche macht einem scheppernden Radio lauthals Konkurrenz , Ventilatoren surren... Wir sind zu müde, um uns daran zu stören. Schmunzelnd denken wir an die geordnete Schweiz und schlafen ganz schnell ein. Die Nacht ist kurz, denn um 5Uhr morgens beginnt das Ganze von Neuem. Wir beschliessen auch aufzustehen, es ist sowieso viel zu heiss, um weiter zu schlafen.

Ein kleines Frachtschiff bringt uns zur Insel Ometepe im Lago Nicaragua. Es ist die grösste Süsswasserinsel der Welt und besteht aus mehreren kleinen Dörfchen, zwei Vulkanen , vielen Kirchen und einer Strasse, die ringsum die Insel führt.Wir werden das Gefühl nicht los, auf Lummerland zu sein und halten dauernd Ausschau nach Jim Knopf. 
Für die nächsten drei Tage bietet uns die wunderschöne Finca Magdalena Unterkunft. 24 Familien wohnen hier in dieser Kooperative und bewirtschaften gemeinsam das Land. Kaffee, Kakao, Bananen und Mais werden angepflanzt und verarbeitet. Der Tourismus wird ein immer wichtigeres Standbein.

Lummerland bei Sonnenuntergang

Lummerland bei Sonnenuntergang

Beeindruckt vom System, ausgeruht und zufrieden verlassen wir dieses paradiesische Fleckchen Erde.
In Granada, einem wunderschönen Städtchen im Kolonialstil, treffen wir Hannibal. Er ist Schuhputzer und natürlich enttäuscht, als er sieht, dass wir beide Tevas tragen. Trotzdem setzt er sich ein bisschen zu uns auf die Parkbank, die selbstgezimmerte Schuhputzkiste auf dem Schoss. Er ist ungefähr acht jahre alt, seine Hände sind schwarz von der Schuhwichse, die Kleidung hingegen sieht recht ordentlich aus. Die Zähne strahlen weiss und in den Augen blitzt Schalk. Er habe neun Geschwister, deshalb müsse er eben neben der Schule auch noch arbeiten, erzählt er. Nach einer kurzen Pause fragt er uns schüchtern, ob wir ihm vielleicht einige Córdobas schenken könnten. Er habe eine lange Liste mit Schulmaterial, das er bis nächsten Montag, wenn die Schule wieder beginne, haben müsse. Wir schlagen ihm vor, doch gleich mit uns in die Papeterie zu kommen, damit wir gemeinsam einkaufen können, was er brauche. Es erscheint uns schläuer, ihm nicht einfach das Geld zugeben. Wer weiss, ob es dann auch wirklich für die Schule gebraucht würde.
Hannibal verabschiedet sich von uns und kehrt bald darauf strahlend zurück. Er hat die Erlaubnis vom Grossvater bekommen und schwenkt die fast unendlich lange, feinsäuberlich geschriebene Materialliste. Vamos! Auf dem Weg zur libreria erzählt er munter alles Mögliche, pfeift und hüpft. Wir erstehen zehn Hefte mit verschiedener Lineaturen, einen Zeichnungsblock, drei farbige Stift und einen Spitzer für gerademal sechs Franken.- Für einen Nicaraguaner mit 150 Franken Monatslohn ein sehr grosser Betrag!

Als wir aus dem Laden kommen, werden wir sofort von einer Gruppe schmutziger Strassenjungs umringt. School, School, Mister, Dollar! -ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Situation beelendet uns. Wir fühlen uns machtlos dieser unerhörten Ungerechtigkeit gegenüber.
Nicaragua ist mausarm, das Leben ist hart in einem Land, das von Diktaturen geknechtet und von den USA boykottiert wurde und immer und immer wieder von Erdbeben und Wirbelstürmen heimgesucht wird...

Wir haben traumhaft schöne Bilder von Corn Island gesehen, zwei kleine Inselchen im karibischen Meer, etwa 90 Kilometer von der nordöstlichen Küste entfernt. Weisser Strand, Kokospalmen, perfekt zum Schnorcheln und Ausruhen. Dummerweise (oder glücklicherweise?) haben wir auch Bilder von der Landepiste gesehen und den Flugzeugen, die auf die Insel fliegen. Die Entscheidung, den komplizierten Land- und Wasserweg zu nehmen, ist deshalb schnell gefällt! Wie sich dann aber herausstelt, ist dieser nicht weniger abenteuerlich.
Die siebenstündige Busreise von Managua nach Rama wird alle zehn Minuten unterbrochen, um Leute, die mit Sack und Pack am Strassenrand stehen, einsteigen zu lassen. Hunderte von Händlern steigen ein und preisen ihre Ware an, Getränke werden verkauft. Mittags kommen wir in Rama an und kaufen die Billette für das Panga, ein Schnellboot nach Bluefields. Abfahrtszeit wird uns keine genannt, es fährt, wenn es voll ist. So warten wir am kleinen Hafen und getrauen uns fast nicht, weg zu gehen, sicher würde das Panga gerade in unserer Abwesenheit losfahren. Militärs patroullieren mit Spürhunden, dieser Fluss sei ein beliebter Weg für Drogenschmuggler.

Irgendwann fragt mich eine Frau, wie viele von uns denn reisen wollen. Ich verstehe beim besten Willen nicht, was sie damit meint. Wir werden ungeduldig, möchten wissen, wann es los geht. Langsam dämmert es. Plötzlich kommt ein Mann auf uns zu und will uns eine günstige, aber gute Unterkunft anbieten. "Nein, danke!" winken wir ab-"wir gehen heute noch nach Bluefields." Er schaut uns belustigt an und meint: "Heute kommt ihr nicht mehr dorthin!
Es seien nicht genug Plätze verkauft worden, so lohne es sich nicht zu fahren. Wir schauen uns sprachlos an. Das hätten sie uns auch schon früher sagen dürfen. Nun begreifen wir auch, was die Frau mit "wie viele von euch wollen reisen?" gemeint hat und warum sämtliche der Wartenden plötzlich Hängematten und Wasser eingekauft haben. In einigen Stunden soll ein kleines Frachtschiff ablegen; es habe dort Platz zum Schlafen. Wir tauschen das teure Billet (12 Franken) gegen eines für die billigere (2 Franken), wenn auch längere Fahrt ein und Martina eilt zum Markt und kauft für 4 Franken zwei Hängematten inklusive Seile, um sie aufzuhängen. Allerdings sind die Hängematten aus gewobenem Plastik, ähnlich der farbigen Reissäcke. Alle wartenden Leute haben solche, auch wir werden darin schlafen können. Wir füllen unsere Tupperdose mit Gallo Pinto auf, Reis mit Bohnen, Nicaraguas Grundmahlzeit, Rührei mit Zwiebeln und gebratenen Bananen, kaufen Wasser und Mangos. Wir sind bereit für die lange Reise...
Bald darauf hören wir ein Horn, die Leute rufen aufgeregt durcheinander und rennen hinunter zur Anlegestelle. Das Schiff ist da. Es ist klein und bietet auf Deck gerade mal für etwa fünfzehn Hängematten Platz, wenn sie geschickt neben und übereinander, kreuz und quer aufgehängt werden. Staunend sehen wir, wie dieses Schiffchen zwei riesige Flosse hinter sich herzieht, vollgepackt mit Fässern und Körben, Kisten und Behältern. Kühe werden darauf transportiert, Autos und Lastwagen. Doch zum Staunen bleibt keine Zeit, wenn wir uns noch einen Schlafplatz ergattern wollen.

Farbiges Hängemattendurcheinander auf Deck der altersschwachen Fähre

Farbiges Hängemattendurcheinander auf Deck der altersschwachen Fähre

Minuten später ist unser Gepäck verstaut und wir baumeln in unseren Hängematten inmitten eines farbigen Durcheinanders.
Der Lärm des Motors ist ohrenbetäuend, es stinkt nach altem Öl und ab und zu schwappt schmutziges Kühlwasser über Deck. Es ist schwül. Wir tuckern zu langsam, als dass der Fahrtwind uns kühlen könnte. Wir probieren zu schlafen.
Gegen 5 Uhr Morgens kommen wir in Bluefields an. Das ganze Städtchen scheint schon auf den Beinen zu sein. Dutzende von Arbeitern warten im Hafen, um das angekommene Schiff abzuladen. Befehle werden geschrien, es wird gelacht, gescherzt und hart gearbeitet. In Bluefields, wie auch auf den Corn Islands wohnen überwiegend Schwarze, die offizielle Sprache ist English. Die Meisten von ihnen aber sprechen Miskito oder Kreolisch. Viele sind Nachfahren von Familien, die versklavt worden sind.

Hier ist wieder das Gleiche, niemand weiss, wann die grosse Fähre ablegt und wir getrauen uns deshalb nicht uns zu weit vom Hafen zu entfernen.
So sitzen wir einen langen Morgen auf unseren Rucksäcken und verfolgen das Treiben im Hafen. Irgendwann werden wir aufgefordert, jetzt sofort an Bord zu gehen, die Fähre lege in einigen Minuten ab. Wir gehorchen, installieren erneut unsere Hängematten auf Deck und warten. Aus den wenigen Minuten werden dann wenige Stunden, doch Abends kommen wir in Big Corn, der grösseren der zwei Inseln an. Wir sind müde, trotz der vielen Stunden, die wir in der letzen Zeit mit Nichtstun, Warten und Schlafen verbracht haben. Für die ganze Reise, für die man mit dem Flugzeug gerade mal eine Stunde benötigt, haben wir mehr als 36 gebraucht!
Grillengezirpe empfängt uns, eine angenehme Brise weht über die Insel, die Sterne funkeln. Im Dunkel ahnen wir aber noch nichts von der Schönheit dieses Fleckchens Erde.
Nachdem wir ausgeschlafen haben rasen wir mit dem Schnellboot nach Litte Corn. Hier leben 700 Leute und noch hat es nicht so viele Touristen. Wir trauen unseren Augen nicht, als wir mit dem Boot über türkisblaues Wasser flitzen. Problemlos sehen wir bs zum Grund, Tausende von Fischen schwimmen in Schwärmen durch das 30° C warme Wasser, weisse Korallenstrände, Kokospalmen, Schilfhütten und farbige Hängematten-da lässts sichs verweilen!
Wenn wir nicht gerade am Schnorcheln oder faul im Sand liegen sind, machen wir Spaziergänge um die Insel, pflücken Mangos und Kokosnüsse von den Bäumen, schlendern durch Bananenplantagen, treffen hie und da auf kleine Bauernhöfe und scheuchen Hühner auf, staunen über riesige Schmetterlinge und freuen uns ab den Annanasstauden, die den Weg säumen. NEIDISCH?

immer noch nicht?

immer noch nicht?

Kokosnussjäger an der Arbeit

Kokosnussjäger an der Arbeit

Kaum ist die Sonne untergegangen, krabbeln Krebse aus ihren Löchern hervor und erschrecken uns mit ihrem Geraschel, wenn sie vor uns in die Büsche fliehen.
Jeden Tag kaufen wir im Dörfchen traumhaftes Kokosbrot und trinken frischen Orangensaft. Wir geniessen die Wärme, das Rauschen des Meeres, das Nichstun...

Achtung! (Wir möchten tatsächlich nicht in der Dunkelheit mit so einem Biest Körperkontakt haben)

Achtung! (Wir möchten tatsächlich nicht in der Dunkelheit mit so einem Biest Körperkontakt haben)

Zehn Tage später verlassen wir das Paradies und nehmen den selben Weg in die Hauptstadt wieder auf uns. Morgen früh fährt unser Bus nach San Salvador, von dort aus, nach einer Übernachtung nach Guatemala. Wir freuen uns auf Mayaskulpturen, farbige Märkte und die omnipräsenten Vulkane.

...und ausserdem:

  • gibt es auf den Inseln ab und zu ein sehr ausgelassenens Fest. Nämlich immer dann, wenn jemand ein angeschwemmtes Päckchen Kokain am Strand findet, das vorbeifahrende kolumbianische Drogenschmuggler verloren haben.

  • erkennt man die Behausung des glücklichen Finders sofort. Die eleganten Bauten amerikanischen Vorbildes stechen markant aus den einfachen Blechhütten heraus.

  • hat Little Corn sogar ein Internetcafé. Allerdings hat es pro Tag nur 3 Stunden geöffnet und fünf Minuten kosten 1 Dollar!

  • ist obenstehendes ein Grund, weshalb wir das Paradies nicht nur mit weinenden Augen verlassen werden.

  • die tägliche Huhn-Reis-Diät ein weiterer.

  • staunen wir täglich, wie Kleinkinder mit Flipflops umher rennen können.

  • scheinen Lockenwickler, in der Öffentlichkeit getragen, grosse Mode zu sein.

  • sind wir froh, noch keine Boa constrictor getroffen zu haben.

  • müssen manchmal Socken her, wenn die verfügbaren Flossen alle zu gross sind.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
In Kürze geht ein grosser Traum in Erfüllung: Wir starten gemeinsam unsere Reise durch Südamerika...
Details:
Aufbruch: 16.07.2006
Dauer: 12 Monate
Heimkehr: 06.07.2007
Reiseziele: Ecuador
Peru
Südamerika
Chile
Argentinien
Costa Rica
Nicaragua
Guatemala
Der Autor
 
martina und tobias berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
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