Nach Odessa durch Transnistrien

Reisezeit: August / September 2004  |  von Manfred Sürig

Begegnung in Lemberg

Erst am Nachmittag erreichen wir L'viv. Wir fahren dort entlang, wo die Straße die wenigsten Löcher hat, das führt uns aber nicht in die City. Also bleibt nichts anderes übrig als als den Straßenbahnschienen zu folgen, die von der Endstation weg und abwärts in die Stadt führen. Da ist Czernowitz und Odessa ja noch ein Kurort dagegen! So etwas von Straßenzustand haben wir noch nicht erlebt, dazu Autoschlangen im Schritttempo, die jedes Loch und jede Grube vorsichtig durchfahren, mit dem Tempo halten auch die Straßenbahnen mit, die sich auch schon zu Schlangen aufreihen. Auf der Suche nach einem Hotel landen wir in einer Sackgasse an einem Hang vor dem ersten Haus am Platze, das uns für die erste Nacht ein DZ für 54 Euro anbietet. Das ist uns noch zu teuer. Wir suchen weiter und machen dabei unfreiwillig eine Rundfahrt durch die Außenbezirke, landen dort bei einem stinkvornehmen Hotel im Grünen, das noch teurer ist und wahren Luxus bietet - und sogar tadellose Verständigungsmöglichkeiten in Englisch. Dort bekomme ich Tipps für preiswertere Unterkünfte, und tatsächlich, beim vierten Versuch werden wir bei einer Tankstelle mit Motel fündig. Da es nicht regnet, stören die lecken Decken nicht, für 100 Griwna (€ 18,50) fürs Doppelzimmer kann man nicht mehr verlangen. Die Rotlichtatmosphäre des Restaurants gefällt uns nicht, also fahren wir noch einmal 14 km zurück in die Innenstadt, parken dort kostenlos direkt hinter der Oper und stürzen uns dann zwischen die flanierenden Bürger Lembergs. In dem Park vor dem prachtvollen Opernhaus fühlt man sich in südliche Gefilde versetzt, zumal die Außentemperaturen auch abends noch mitspielen: 23 Grad im Schatten! Alle Bänke sind besetzt mit Schachspielern, umgeben von Trauben von Menschen, die ihnen über die Schultern sehen. Die ganze Stadt scheint auf den Beinen zu sein, um sich hier zu zeigen. Die Häuserfronten rund um den Platz sind alt und ehrwürdig, teilweise recht verfallen, aber teilweise auch fein restauriert, es überwiegt schon der Eindruck des Neuen. Wir finden einen stimmungvollen Hinterhof, in dem man in stilvoller Umgebung sogar etwas essen kann. Nur die Verständigung in ukrainisch klappt nicht, aber man weiß sich zu helfen, man holt einen Studenten herbei, der uns in bestem Englisch nach unseren Wünschen fragt - und wir werden bestens bedient.

Mittwoch, 15.September 2004

Heute wollen wir Lemberg besichtigen. Mit dem Auto fahren wir zunächst zum Bahnhof, ein genauso prachtvoller Prunkbau der Jahrhundertwende wie in Czernovitz oder in Odessa, hier aber noch größer und vollständig restauriert. Und im inneren überall pieksauber. Wir dürfen das Auto für 12 Griwna den ganzen Tag direkt vor dem Bahnhof parken und können von hier aus per Straßenbahn in die Stadt fahren, das erspart uns die Parkplatzsuche und dem Auto die Qualen des Lemberger Straßenpflasters. Durch die Fenster der Straßenbahn sehen wir nun auch einmal die Häuserfronten, die nicht im Zentrum liegen. Hier sieht es schlimm aus. Dass viele Häuserwände nicht schon abgestützt werden, liegt wohl nur daran, dass sich niemand darum kümmert. Oder die Bausubstanz der k.u.k-Zeit ist so solide, dass sie auch dem Verfall trotzt. In der Altstadt in den Nebenstraßen sieht es nicht viel besser aus. Aber an jedem Haus, das in irgendeiner Hinsicht historische Bedeutung hat, sind bescheidene Erhaltungsarbeiten im Gange.
Auf der Suche nach der armenischen Kirche spricht uns ein Mann in deutsch an und führt uns durch einen Nebeneingang in die Kirche, in der gerade ein Gottesdienst stattfindet. Er ist Verleger, der sich mit Übersetzungen meist kirchlicher Texte und deren Vertrieb in den Kirchen durchschlägt. Von ihm erfahren wir viel, wie man hier versuchen muß zu überleben. Er stellt uns einen alten Mann in einem alten, abgetragenen Anzug vor, der eine leere Plastiktüte herumträgt. Er ist Professor für arabische Geschichte und arabische Sprachen, hat viele arabische Texte ins Ukrainische und Russische übersetzt und ist eine Kapazität in seinem Fach, bekannt in der ganzen Ukraine. Er hofft, über den Verleger zu Kontakten auf der Buchmesse in Frankfurt zu kommen, zu der der Verleger aber noch kein Einreisevisum nach Deutschland hat. Die Gespräche finden irgendwo auf der Straße, in Hauseingängen oder in Kirchen statt. Das Geschäft des Verlegers besteht darin, mit Hilfe seiner deutschen Sprachkenntnisse zu Kontakten zu verhelfen, mit denen man vielleicht weiterkommt. Bitter beklagt er sich über die Isolierung der Ukraine durch die EG: Wie könnt Ihr mit den Türken über einen Beitritt verhandeln, bevor erst andere europäische Länder im Osten einbezogen werden? Sehen Sie sich diese Stadt an, ist das denn nicht Europa ? Erst durften die Ukrainer nicht raus, weil der Eiserne Vorhang von Osten zugezogen war, jetzt macht Ihr im Westen für uns zu und sperrt uns aus! Wir erfahren, dass Visa nach Deutschland auf dem Schwarzen Markt bereits mit 20000 bis 40000 Griwna gehandelt werden und sich das nur die Mafia leisten kann, die die ukrainischen Mädchen nach Westeuropa verschiebt. Die Korruption sei überall verbreitet, man müsse nur wissen, wie man unauffällig schmieren kann, um nicht erwischt zu werden. Wir wollen erzählen, was wir in Czernovitz gesehen haben, doch das ist für ihn nichts neues, das sei überall verbreitet.

Als wir anschließend mit der Straßenbahn zum Auto zurückfahren, hebt die Schaffnerin nicht nur die abgefahrenen Fahrscheine wieder auf, sondern bittet mich beim Aussteigen, mir meine Fahrkarte zurückzugeben. Natürlich, um sie anderen Passagieren erneut zu verkaufen und den Erlös in die eigene Tasche zu stecken....... Ob wir beim Bezahlen unserer Parkgebühr nun geschmiert haben oder korrekt bezahlten, wissen wir schon nicht mehr genau, seltsamerweise haben wir nicht eine Quittung über 12 Griwna bekommen, sondern 6 Quittungen über 2 Griwna.

Donnerstag, 16.September 2004

Heute nacht hat es geregnet, und nun erweist sich, das wir ein privilegiertes Zimmer bekommen hatten, denn hier hat es nur im Flur durch die Decke geleckt und ist die Treppe hinuntergeflossen. Andere Hotelgäste sehe ich Wasser aus ihren Koffern gießen. Es wird Zeit, die Ukraine zu verlassen. Wir fahren eine Abkürzung zur Straße Richtung Grenzübergang und sehen noch einmal Landschaft vom schönsten, aber auch alle Nuancen möglichen Straßenzustandes, vor allem aber wird an Verkehrsschildern gespart. Hätte ich nicht inzwischen eine ukrainische Karte mit kyrillischen Buchstaben, würden wir Schwierigkeiten haben, die Grenze zu finden. Ein letztes Volltanken zum Sparpreis, dann rollen wir auf leerer Straße dem Grenzübergang entgegen. Leider ist hier die Straße alles andere als leer. In Vierrerreihen stehen die Autos, wir reihen uns in die kürzeste Schlange und sind auf der ukrainischen Seite schon nach 15 Minuten abgefertigt. Aber dann geht das Gedränge im Niemandsland los. Es herrschen absolute Wildwestsitten im Vordrängeln, und die Polizei mischt dabei mit. Da werden immer wieder Nachzügler über die Diplomatenspur gewunken, alle übrigen können warten. Wir staunen über die Geduld der wartenden Ukrainer, die doch genau verstehen, was hier abläuft. Aber niemand protestiert. Auf der polnischen Seite wird nur in zwei Spuren abgefertigt, aber hinten können wir nicht sehen, ob wir in einer toten oder in einer Spur stehen, die sich auch mal bewegt. Ein entgegenkommender Lastzug muß durch, und das ist unsere Chance, die Spur zu wechseln, ein Glücksfall, wie sich nach 3 Stunden zeigt. Nach fast 4 Stunden sind wir bei der polnischen Grenzkontrolle und staunen über die Abfertigung eines soeben vorgedrängelten Mercedes. Hat der doch den Kofferraum gestrichen voll mit vollgetankten Kanistern, aber beim Öffnen sieht der Zoll über alle Kanister hinweg in die letzte leere Lücke, dankt und läßt die Klappe wieder schließen. Das hätte man mal fotografieren sollen, aber wir wollen ja nur eins: Durchkommen. Die höfliche und großzügige Abfertigung der polnischen Beamten in Deutsch stimmt uns dann milde genug, um uns in Polen fast schon wie zuhause zu fühlen. Die Straße ist so glatt wie wir sie nach 14 Tagen nicht mehr kennen, wir stellen die Uhr eine Stunde zurück und nehmen uns noch Zamosc zur Besichtigung vor.

Eine Innenstadt mit einem Marktplatz mit reiner Renaissancefassade. Da sie zum Kulturerbe der Unesco gehört, ist sie auch ein Magnet für Touristen. Ein kurzer Stadtrundgang, dann müssen wir weiter. Nun geht es durch urpolnisches Gebiet nach Westen. Ortsnamen, die wir noch nie gehört haben, Industiestädte, in denen kräftig investiert wird, bis Sandomierz wollen wir es noch schaffen. Das gelingt uns auch noch, kurz vor der Weichselbrücke sehen wir ein Schild "Hotel" und eine Einfahrt, in die wir aus dem Stau gut ausscheren können. Für 70 Zloty bekommen wir ein Zimmer mit Selbstverpflegung, leider ist unsere Futterkiste leer und trotz Umherirrens in der Dunkelheit finden wir weder ein Restaurant noch einen Supermarkt. Nur pulsierender Verkehr, den wir so nicht mehr gewöhnt sind. In einem kleinen Kiosk bekommen wir das Nötigste und finden uns damit ab, die polnische Küche heute abend nicht mehr genießen zu können.

Der Bahnhof von Lemberg

Der Bahnhof von Lemberg

© Manfred Sürig, 2006
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eigentlich sollte das Auto hauptsächlich das Fahrradgepäck aufnehmen, damit wir uns fürs Radeln noch mehr vornehmen konnten. Doch so große Entfernungen verführen zum Autofahren, was dem Abenteuer aber nicht den geringsten Abbruch tat...
Details:
Aufbruch: 20.08.2004
Dauer: 5 Wochen
Heimkehr: 20.09.2004
Reiseziele: Polen
Slowakei
Ukraine
Rumänien
Moldau
Der Autor
 
Manfred Sürig berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.