Nach Odessa durch Transnistrien

Reisezeit: August / September 2004  |  von Manfred Sürig

Sie sind hier nicht in Moldawien, sondern....

Zunächst betrübt uns das nicht allzusehr außer dem Verlust der schönen Autopiste, aber dann wird uns nicht ganz geheuer: Nach einer Bahnunterführung landen wir auf einem leeren Platz, der völlig von Industieruinen umgeben ist und an jeder Ausfahrt dieses Platzes stehen schwer bewaffnete Soldaten. Wir fragen nach dem Weg nach Odessa, und wortlos wird uns mit einem Fingerzeig der Weg gewiesen. Auf einem Feldweg voller Pfützen geht es durch ein chaotisches Gelände, soviel Industiebrache haben wir noch nie gesehen, und dazwischen keine Menschenseele zu sehen und auch keine menschlichen Behausungen, nicht einmal streunende Hunde. Plötzlich eine scharfe Kurve und ein Polizeikabuff hinter einem Stoppschild. Wir werden angehalten, man will Geld von uns, weil wir das Stoppschild überfahren hätten. Dann folgt Ausweiskontrolle, Dokument Maschin will man sehen, genau werden unsere Gesichter mit den Paßfotos und die Autonummer in den Papieren mit dem Nummernschild verglichen. Man belehrt uns, dass wir hier nicht mehr in Moldawien, sondern in der Republik Transnistrien seien, unsere Transitvisa für Moldawien interessierten sie nicht, für hier brauchen hier neue Transitvisa. An einem Wohncontainer mit einer grün-rot grünen Flagge werden wir 10 Euro los und bekommen dafür eine briefmarkengroße Quittung mit einem Siegel mit Hammer und Sichel. Großzügig erläßt man uns das eigentlich fällige Bußgeld für das Überfahren des Stoppschildes und wir dürfen weiter. In Tinghina ist überall Fotografierverbot, die Zufahrt zur Dnistrbrücke könnte komplizierter nicht sein, ermöglicht aber wohl eine genaue Kontrolle. Vor der Brücke sind martialisch mehrere Sowjetpanzer mit grün-rot-grünen Fahnen aufgebaut, die stolzen Spruchbänder in kyrillisch können wir nicht entziffern. Gibt es denn hier die UdSSR noch ? Ich kann mir einen Schnappschuß aus dem fahrenden Auto nicht verkneifen, mal sehen, was draus wird. Auf der anderen Seite des Dnistr sieht es nicht anders aus als in Moldawien, aber an den Tankstellen sind die Preise in US $ ausgeschildert und uns fallen andere moldawische Autoschilder auf. Und überall so viele grün-rot grüne Flaggen wie in Dänemark die Danebrogs. Hinter Tiraspol kommen wir auch wieder auf die schöne Betonstraße zurück, die hier nun schnurgeradeaus geht und völlig leer ist. So was verleitet zum Schnellfahren, und prompt werden wir auch mit mindestens 160 überholt. Nicht weit danach treffen wir den Überholer in Gesellschaft einer Polizeistreife wieder. Das kann teuer werden, aber nicht für uns! Frohgemuts rollen wir mit 70 weiter der ukrainischen Grenze zu, picknicken noch einmal am Wegesrand in der Steppe, nur noch 100 km bis Odessa. Ob zur Ukraine hin überhaupt Grenzkontrollen sind ? Vor einem sumpfigen Fluß, über den nur eine einzige Brücke führt, rollen wir der immigration control in die Arme. Die ersten fragen uns, ob wir bei der Einfahrt nach Transnistrien etwas bezahlen mußten, wenn ja, das hätten wir uns schenken können, denn das sei nicht erlaubt. Na schön denken wir, dann haben wir wenigstens mit der Quittung ein originelles Andenken. Dann geht's zum Zoll. Dort dassselbe Ritual: Abnahme der Pässe und des Dokument Maschin. Hier wird nach der briefmarkengroßen Quittung gefragt, die wir hier abgeben und nicht mehr wiedersehen. Die Pässe kriegen wir ohne Abstempelung und ohne Ausreisebestätigung aus Moldawien oder Transnistrien zurück, aber auf die Autopapiere läßt man uns warten. Wo denn unsere Einreisebestätigung nach Transnistrien wäre mit Angabe des Kilometerstands unseres Autos. Für das Auto müßten wir noch die Transitpauschale bezahlen. Ich zeige ihm die Quittung, die wir an der rumänisch-moldawischen Grenze für das Autovisum bekommen haben, aber die interessiert ihn nicht, wir seien hier in Transnistrien und nicht in Moldawien. In der Tat laufen die Beamten hier in piekfeinen Uniformen umher, die anders aussehen als die moldawischen. Ohne die Einreisebestätigung keine Autopapiere - fahren Sie zurück nach Tighina und holen sie sich ihre Einreisebestätigung. Er läßt uns stehen und fertigt inzwischen andere Autos ab. Aber um dorthin zu fahren, brauchte ich doch meine Autodokumente, entgegne ich. Das versteht der Mann nicht, mit dem ich mich eben noch tadellos auf englisch verständigen konnte. Da werde ich dann energisch und verlange nach seinem Vorgesetzten. Prompt macht er mir ein Angebot: man kann die Strecke ja schätzen, die wir durch Transnistrien gefahren sind, für, sagen wir 20 Euro könnte er mich durchlassen. Die zahlen wir dann zähneknirschend, aber ich verlange eine Quittung dafür. Die bekomme ich "selbstverständlich". Und wieder bekommen wir einen Wisch mit Hammer und Sichel, den Horst sofort seiner Andenkensammlung einverleibt. Doch am Schlagbaum holt uns die Realität ein: Dokument will man haben, nicht Dokument Maschin und auch nicht Passport, nur die Quittung. Die muß Horst nun herausrücken. Bevor wir ein Erinnerungsfoto davon gemacht haben, sind wir alle Beweismittel los, mit denen man uns bezahlte Schmiergelder bescheinigt hatte, ein ausgeklügeltes System. Aber wir dürfen raus! Erleichtert rollen wir im Schrittempo über den Grenzfluß und lassen uns in der Ukraine schon fast wie in einem zivilisierten Land empfangen. Passport ? Dokument Maschin bitte sehr ? Alles schnell und korrekt, dann zum Zoll. Man übergibt uns eine Zollinhaltserklärung zum Ausfüllen, die ich schon von der slowakisch-ukrainischen Grenze her kenne. Nur die hier hat nur kyrillische Buchstaben und soll auch kyrillisch-ukrainisch ausgefüllt werden. Damit habe ich natürlich Schwierigkeiten - doch kein Problem, der Zöllner würde für bare 20 Euro das Ausfüllen für uns übernehmen, nur blanko unterschreiben müßte ich. Ich lehne entrüstet ab und fülle alles in deutsch aus, auch damit ist man zufrieden und nickt freundlich. Ich bin so angetan, dass ich eine Flasche slowakisches Bier unter dem Autositz hervorkrame und es der Zollmannschaft mit der Mahnung überreiche, es nur gut gekühlt zu trinken. Was für eine herzliche Begeisterung habe ich damit ausgelöst! Gleich werde ich noch einmal ins Zollhaus gebeten und werde gefragt, ob wir einen Kollegen mit nach Odessa nehmen könnten, der letzte Bus dorthin sei weg. Da kann ich natürlich nicht nein sagen. Unser Passagier erweist sich anschließend als tüchtiger Lotse in die Stadt und lotst uns genau vor ein preiswertes Hotel Arkadia, das wir in keinem Reiseführer gefunden hätten. Hier logieren wir im grünen Stadtteil Arkadia tadellos für 345 Griwna im Doppelzimmer die nächsten drei Nächte. Das sind gerade einmal 9 Euro pro Nacht und Person, im Hotelführer fangen die Preise erst bei 40 Euro an!

Auf diesen Erfolg gehen wir heute groß essen. Wir landen in einer Kindergaststätte mit Rutschbahnen über zwei Stockwerke, wo eine kleine Geburtstagsgesellschaft, alles offenbar Kinder von Besserverdienenden, sich königlich amüsiert. Als die Kinder anschließend von ihren Muttis abgeholt werden haben wir den Eindruck, als wenn die jungen Mütter gerade von einer Modenschau oder Schönheitskonkurrenz zuurückgekommen wären. Die Väter haben inzwischen am Nachbartisch Aufsicht geführt, man sieht es an diversen leergetrunkenen Wodkaflaschen. Dann werden die eleganten Autos bestiegen und man fährt nach Hause. Wer fährt ? Wir sehen lieber nicht hin.

Leerer und gerader kann eine Straße nicht sein. Aber Vorsicht: Tempolimit 70 !

Leerer und gerader kann eine Straße nicht sein. Aber Vorsicht: Tempolimit 70 !

Picknickpause in der transnistrischen Steppe

Picknickpause in der transnistrischen Steppe

© Manfred Sürig, 2006
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eigentlich sollte das Auto hauptsächlich das Fahrradgepäck aufnehmen, damit wir uns fürs Radeln noch mehr vornehmen konnten. Doch so große Entfernungen verführen zum Autofahren, was dem Abenteuer aber nicht den geringsten Abbruch tat...
Details:
Aufbruch: 20.08.2004
Dauer: 5 Wochen
Heimkehr: 20.09.2004
Reiseziele: Polen
Slowakei
Ukraine
Rumänien
Moldau
Der Autor
 
Manfred Sürig berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.