Asien 2005: Der Weg BLEIBT das Ziel

Reisezeit: Januar - Juni 2005  |  von Armin und Petra Storek

INDIEN: Ich lebe: Gib mir!

06.Mai, Darjeeling, West Bengal, Nordindien

[Die nackten Fakten: Bus vom Flughafen Bangkok nach Banglamphu (Stadtteil von Bangkok), zu Fuss ins Villa Guest House, Taxi vom Villa Guest House zum Flughafen Bangkok, Flug von Bangkok nach Kalkutta/Indien, Taxi vom Flughafen Kalkutta zum Hotel in Chowringhee (Stadtteil von Kalkutta), Taxi von Chowringhee zum Howrah-Bahnhof]

Wieder in unserem zweiten Zuhause, Villa Guest House in Bangkok. Als wir am Gartentor Einlass begehren, oeffnet uns Sandra. Freudige Ueberraschung! Sandra und Arne hatten wir auf Ko Tao kennengelernt und ihnen unser geliebtes Villa Guest House als Quartier in Bangkok empfohlen. Wir verbringen mit ihnen in den naechsten Tagen viele schoene Stunden und fruehstuecken taeglich gemeinsam koestlichst in Ricky's Cafe. Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse in Bangkok und dass es unertraeglich heiss ist dort um diese Jahreszeit haben wir nun hinlaenglich und wiederholt erwaehnt ... Nicht ueberraschend daher unser Entschluss zwischen die heissen Ebenen Asiens und uns mindestens 1500 Hoehenmeter zu bringen und in die kuehleren Berge zu fluechten. Unsere Wahl faellt auf die Auslaeufer des indischen Himalayas in der Gegend um Darjeeling und in Sikkim, eingekeilt zwischen Nepal, Tibet und Bhutan. Der kuerzeste Weg von Bangkok nach da fuehrt ueber Kalkutta in Ostindien. Dorthin fliegen wir.

Ankunft in Indien. Indien: wie beschreiben? Indien ist zunaechst einmal nicht eigentlich ein Land sondern geographisch wie kulturell ein eigenstaendiger Kontinent mit 14 offiziellen und mehreren hundert weiteren Sprachen und Dialekten. Hinsichtlich seiner Ausdehung und der Anzahl der dort lebenden Menschen (ca. 1 Milliarde) stellt es Europa (weit) in den Schatten. Indien ist mittlerweile gefuerchteter Player im Global Outsourcing Market und auf dem Weg, mit den USA, China, Japan und der EU das Quintett der wirtschaftlichen Gravitationszentren dieser Erde zu bilden. Das Indien der Jetztzeit hat Atombomben, bringt eigenstaendig Satelitten ins Weltall und Nobelpreistraeger hervor. Das ewige Indien hat eine Jahrtausende alte Geschichte und ist Geburtsstaette zweier Weltreligionen (Buddhismus und Hinduismus) und hat auf allen Gebieten menschlicher Kulturleistungen Eigenes, Unverwechselbares, Grosses geschaffen: Musik (klassische wie populaere), Literatur, Kino (siehe Bollywood, groesste Filmfabrik der Erde), Architektur, Mode, Kueche. Vor allem aber ist Indien alles zugleich: in keinem Land dieser Erde sind unmittelbarste Gegenwart und tiefste Vergangenheit derart untrennbar miteinander verwoben, kann man Tausende Jahre Menschheitsgeschichte an einem einzigen Tag beobachten.

Blick auf den Stadtteil Chowringhee von Kalkutta

Blick auf den Stadtteil Chowringhee von Kalkutta

Koloniale Architektur praegt noch viele Strassenzuege

Koloniale Architektur praegt noch viele Strassenzuege

Wohngebaeude, in Ehren gealtert

Wohngebaeude, in Ehren gealtert

"Repraesentativer" Blick in eine Strasse Kalkuttas

"Repraesentativer" Blick in eine Strasse Kalkuttas

Lastentraeger mitten im Verkehr

Lastentraeger mitten im Verkehr

Blick in das Gassengewirr in Chowringhee

Blick in das Gassengewirr in Chowringhee

Detail einer Tempelfassade

Detail einer Tempelfassade

Soweit die rationale Betrachtung. Dann aber ist man selbst wieder dort und ist wieder aufs Neue ueberwaeltigt. Das ist er wieder, der unbeschreibliche Indiengeruch (ein angenehmer ...), die unverwechselbare Schlagermusik (maedchenhaft hohe, fast schrille Frauenstimmen), alles stroemt schon nach wenigen Kilometern stadteinwaerts durch das Taxifenster. Wir naehern uns vom Flughafen kommend dem ganz normalen Irrsinn einer indischen Megastadt. Kalkutta hat mindestens 13 Millionen Einwohner und traditionell (aber unverdient, denn es gibt Bombay!) den Ruf der schmutzigsten, der schrecklichsten, der elendsten Stadt Indiens. Als der Autor 1982 bereits einmal hier war, lebten eine halbe Million Menschen auf der Strasse, die Buergersteige waren nachts dicht an dicht mit Menschenleibern gepflastert. Auch wenn dies zumindestens in solchem Ausmass nicht mehr der Fall ist, ist Kalkutta dennoch weiterhin wie eine archaische Urgewalt: riesige Gebaeudekomplexe noch aus Zeiten der britischen Kolonialherrschaft, deren Substanz in einer Weise verwittert und von tropischer Vegetation durchdrungen sind, dass sie nicht von Menschenhand erbaut sondern von der Natur selbst erschaffen scheinen. Dazwischen menschliche Existenzformen, die kein Europaeer sich je ausdenken koennte: Menschen, die in Gebilden aus Sackleinen und Plastikplanen auf Verkehrsinseln leben (leben! immer!!), Rikschas, von Barfuessigen durch die Strassen gezogen und deren einzigen Besitz darstellend (sie schlafen unter der Rikscha am Strassenrand, sie essen dort, sie waschen sich dort), "Laeden", nicht viel groesser als Reisekoffer, aber dennoch gleichzeitig auch Behausung des Besitzers.

Kalkutta duerfte die letzte Stadt auf Erden sein, wo diese Variante der Rikscha noch im Einsatz ist

Kalkutta duerfte die letzte Stadt auf Erden sein, wo diese Variante der Rikscha noch im Einsatz ist

"Famous Egg Stall" im New Market in Chowringhee

"Famous Egg Stall" im New Market in Chowringhee

"Chai-Wallah" (Teeverkaeufer)

"Chai-Wallah" (Teeverkaeufer)

"Rajesh Tea Shop": Tee und kleine Snacks

"Rajesh Tea Shop": Tee und kleine Snacks

Zweigeschossiges Lokal-Lay Out: oben Speisen, unten Tee

Zweigeschossiges Lokal-Lay Out: oben Speisen, unten Tee

Wie man so etwas bereisenswert finden kann? Diese Frage laesst sich nicht wirklich (und keinesfalls allgemeingueltig) beantworten, aber Anhaltspunkte koennten sein: Indien, ein Rausch, grandios und grausam. Facetten menschlichen Lebens, bei uns seit Jahrhunderten ausgemerzt oder zumindest aus der Wahrnehmung weggefiltert, hier allgegenwaertig. Indien, eine Zeitreise, zutiefst authentisch, oft schmerzhaft. Undurchschaubar und raetselhaft. Grell, bunt, laut. Verfuehrerisch riechend, entsetzlich stinkend. Einzigartig, unvergleichlich, aufregend. Hoechst dramatisch und aeusserst liebenswuerdig, nicht immer, aber immer wieder. Indien ist ein nicht fassbarer Wahnsinn, und jeder, der es ueber sich bringt, ein zweites Mal hier hin zu kommen, ist ihm verfallen.
Das musste einmal gesagt werden!

Gesichter Kalkuttas

Gesichter Kalkuttas

Wir und der Wahnsinn. Materialisiert in und unter der Howrah-Bruecke, wahrscheinlich die belebteste Bruecke der Erde. Eine verwegene Stahlkonstruktion, die 450 Meter Fluss ("Hoogly") stuetzenfrei ueberspannt und von taeglich hunderttausenden Fahrzeugen und noch viel mehr Menschen frequentiert wird. Am jenseitigen Ende der Howrah-Bahnhof. Dorthin muessen wir, um unsere Zugfahrkarten Richtung Darjeeling zu erstehen. Gute Gelegenheit, das Erforderliche mit dem Aufregenden zu verbinden. Hinzu ueberqueren wir den Hoogly mit einer Faehre, aber rueckzu benutzen wir die Bruecke und tauchen am anderen Ende ein in einen dampfendheissen Zauber aus Blueten und Farben. Dort, unter der Bruecke, befindet sich der groesste Blumenmarkt Kalkuttas und alle Tempel der Stadt scheinen von hier mit Bluetenopfern versorgt zu werden. Das Gedraenge dort kann mit Worten nicht beschrieben werden, ebenso der suesslich-modrige Geruch der zerquetschen Blueten, offensichtlich bereits in Fermentierung uebergegangen. Schweiss explodiert aus allen Poren. Mit letzter Kraft erreichen wir die rettende Treppe zurueck auf die Bruecke. Aller Einsatz hat sich gelohnt.

Die Howrah-Bruecke vom Hoogli-Fluss aus gesehen

Die Howrah-Bruecke vom Hoogli-Fluss aus gesehen

Auf der Howrah-Bruecke

Auf der Howrah-Bruecke

Alte Dame Howrah erhaelt neue Farbe

Alte Dame Howrah erhaelt neue Farbe

Auf dem Blumenmarkt unter der Howrah-Bruecke

Auf dem Blumenmarkt unter der Howrah-Bruecke

Geschafft!

Geschafft!

Nach drei Tagen Kalkutta reisen wir weiter und muessen zu diesem Zwecke wieder zum Howrah-Bahnhof. Im fahrenden Zug sitzend reflektieren wir das Erlebte der letzten Tage und Stunden und ein zugegebenermassen leicht boeses Gedankenspiel nimmt von uns Besitz. Stell Dir vor, irgendein Mensch, Mitteleuropaeer, bisher aufregendstes Reiseziel deutsches Mittelgebirge, geht abends zu Bett, schlaeft ein und erwacht: in einem Taxi Marke "Ambassador" in Kalkutta. Vor ihm der Fahrer, dunkelbrauner Teint, pechschwarze geoelte Haare, Seitenscheitel. Sein Mund bis Oberkante Unterlippe voll mit Blut oder irgendeinem anderen roten Saft, den er staendig durchs Fenster nach draussen spuckt. Panik ergreift den soeben Erwachten. Auch die grellbunten Goetterbilder und die Kette aus orangenen Blueten am Armaturenbrett beruhigen ihn nicht. Er schaut aus dem Fenster und glaubt sich von bemoosten Felsschluchten umgeben bis er erkennt, es sind braunschwarze Wohnblocks, aus denen riesige Farne quillen. Dann ist er ploetzlich in diesem silbernfarbenen Monstrum, auf einer Bruecke, die alle automobilen Totalschaeden dieser Welt aufzusaugen scheint. Am Ende der Bruecke biegt das Taxi nach links und faehrt schnurstracks in eine gigantische quietschfarbene Menschenmenge vor einem Bahnhof. Sofort ist das Taxi umringt von Maennern in roten Gewaendern, die mit ihren riesigen dunklen Augen gierig durch die Wagenfenster glotzen, auch ihre Muender rot gefuellt. Bedrohlich. Sein menschlicher Instinkt stellt nur zwei Handlungsoptionen bereit: Kaempfen oder Fluechten: Der Erwachte entscheidet sich fuer letzteres, reisst die Wagentuer auf und hechtet davon. Fast waere er gestolpert. Vor ihm im Dreck eine Kreatur, eine menschliche Deformation, so schrecklich, dass er kaum hinschauen kann. Die Augen des Wesens starren ihn erbarmungslos an. Sie sagen "Ich lebe: Gib mir!" Die Leidensfaehigkeit des Erwachten ist nun endgueltig erschoepft. Er rennt in den Bahnhof hinein, auch dort beaengstigend viele Menschen, auch dort die rotgewandeten rotbezahnten Maenner. Einige von ihnen tragen riesige Pakete, mit elastischen und sehr schnellen Schritten hasten sie durch den Bahnhof, scheinbar dem Gewicht ihrer Traglast immer einen Schritt voraus. Beim Gedanken, was in den Paketen stecken mag, erschaudert der Erwachte. Er hastet auf einen Bahnsteig und springt ohne weiteres Nachdenken in einen dort wartenden Zug, den "Darjeeling Mail". Sofort ist er gefangen, denn von beiden Enden des Zuges draengen Menschen mit letzter Entschlossenheit und unsagbar grossen Koffern durch den unsagbar engen Gang als gaelte es, dem Tode zu entrinnen. Mit gewaltiger Energie kollidieren die gegenlaeufigen Massen aus Menschen und Material genau in der Wagenmitte. Der Erwachte wird seitlich auf einen Sitz geschleudert und sinkt apathisch in sich zusammen. Von irgendwo her dringt ein schrilles Pfeifen (oder ist es ein Klingeln?) in ihn ein und kuendet davon, dass der Zug nun abfaehrt. Da erwacht der bisher nur vermeintlich Erwachte tatsaechlich und identifiziert noch benommen das schrille Geraeusch als von seinem Wecker stammend. "Hab' ich wieder ein wirres Zeug getraeumt" denkt er sich streckend, "ich sollte nicht so viele Reiseberichte von diesem schraegen Paerchen aus Berlin lesen!"

Im Taxi zum Howrah-Bahnhof

Im Taxi zum Howrah-Bahnhof

Taxistand vor dem Howrah-Bahnhof

Taxistand vor dem Howrah-Bahnhof

Im Howrah-Bahnhof

Im Howrah-Bahnhof

Die roten Maenner: lizensierte Lastentraeger in allen Bahnhoefen Indiens

Die roten Maenner: lizensierte Lastentraeger in allen Bahnhoefen Indiens

Auf einem Bahnsteig

Auf einem Bahnsteig

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Soll man nach der Tsunami-Katastrophe nach Asien reisen? Wir denken ja. Die Rückkehr zur Normalität ist die einzige Perspektive auch angesichts dieser apokalyptischen Tragödie. Wem ist geholfen, wenn Reisende nun Asien jenseits der unmittelbar betroffenen Regionen meiden würden? Wir beginnen nicht in Sri Lanka (...) sondern in Bangkok, um in den Süden von Laos weiterzureisen. Kambodscha und Vietnam könnten nächste Stationen sein, aber weiterhin entscheidet sich die Reiseroute spontan vor Ort.
Details:
Aufbruch: 01.01.2005
Dauer: 6 Monate
Heimkehr: 23.06.2005
Reiseziele: Indonesien
Bangkok
Laos
Kambodscha
Vietnam
Indien
Nepal
Der Autor
 
Armin und Petra Storek berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Armin und Petra sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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