Asien 2005: Der Weg BLEIBT das Ziel

Reisezeit: Januar - Juni 2005  |  von Armin und Petra Storek

NEPAL: Rama und Sita

14.Juni, Ko Tao, Suedthailand

[Die nackten Fakten: zu Fuss ueber die Grenze von Indien nach Nepal und ins Hotel in Kakarvitta, zu Fuss vom Hotel zum Busbahnhof in Kakarvitta, Bus von Kakarvitta nach Janakpur, Fahrradrikscha zum Hotel in Janakpur, Fahrradrikscha vom Hotel zum Busbahnhof in Janakpur, Bus von Janakpur nach Kathmandu, Taxi zum Guest House in Kathmandu.]

Kann, darf man nach Nepal reisen? Seit ungefaehr 10 Jahren wird dieses Land von blutigen Auseinandersetzungen zwischen Regierung und maoistischen Rebellen erschuettert, die bereits nicht geringe Teile des Landes kontrollieren, noch meist in schwer zugaenglichen Bergregionen im Nordosten und insbesondere im Nordwesten. Seit einiger Zeit verueben die Maoisten aber auch anderenorts Anschlaege, die zunehmend Tote und Verletzte in der Zivilbevoelkerung fordern. Die Reisesicherheitsseite des Auswaertigen Amtes im Internet warnt jedoch nicht ausdruecklich vor Reisen nach Nepal und die per Mail um eine Lageeinschaetzung ersuchte deutsche Botschaft in Kathmandu gibt blassgruenes Licht. Wir fahren.

Koenig Gyanendra nebst liebreizender Gattin

Koenig Gyanendra nebst liebreizender Gattin

Nepal, Land mit acht der insgesamt vierzehn Achttausender dieser Erde. Im krassen Gegensatz dazu die Geschicke des Landes ganz am Boden. Konstitutionelle Monarchie ("einziges Hindu-Koenigreich der Welt") mit demokratisch gewaehlten, aber schwachen Koalitionsregierungen, die bestaendig unterjaehrig wechseln, aber immer aus den selben, offensichtlich unfaehigen Personen in immer wieder anderen Positionen bestehen. Italienische Verhaeltnisse am Himalaya. Am Horizont nun ein leuchtend roter Hoffnungsschimmer: Maoisten, tapfer, human und selbstlos nicht fuer die eigenen Pfruende sondern nur fuer den kleinen Mann kaempfend, mit dem allen Kommunisten eigenen todsicheren Gespuer fuer das wirtschaftliche Wohlergehen eines Landes. Erfolgreich haben sie bereits den Tourismus im Lande fast niedergestreckt, nun muss nur noch der Rest ruiniert werden. Ueber aller Depression thront Koenig Gyanendra, eine Wiedergeburt von Dieter Krebs, dessen Talent zur Fuehrung eines Landes wohl gleich mit inkarniert ist. Sein ueberaus optimistischer Gesichtsausdruck spiegelt die Zukunft Nepals wieder. Aber genug. Dies ist kein politisches Dossier.

Szenen aus Janakpur;
Morgendliche Rasur am Strassenrand

Szenen aus Janakpur;
Morgendliche Rasur am Strassenrand

Schulbus

Schulbus

Lokale Transportmittel

Lokale Transportmittel

Die Konditorei

Die Konditorei

Im Armreifen-Center

Im Armreifen-Center

Kinoreklame

Kinoreklame

Nepal, Reiseland. Irgendwie wie Indien, irgendwie noch eine Prise schaerfer. Seit Urzeiten Schmelztiegel von Ethnien zentralasiatischem ("tibeto-burmesisch") und indo-europaeischem ("kaukasisch") Ursprungs. Hinduismus und (tibetischer) Buddhismus in einer auf dieser Welt einzigartigen Melange. Geologisch gesehen hat auch hier Gondwana kraeftigst eingeschlagen und eine in Nord-Sued-Richtung klar strukturierte Topographie hinterlassen. Im Sueden, angrenzend an Indien eine Fortsetzung der flachen Gangesebene, landschaftlich wie religioes-kulturell. Nordwaerts folgend zunaechst Bergzuege bis 2.700 Meter Hoehe, dann eine mittlere Zone (1.000 bis 2.000 Meter) aus fruchtbaren Taelern (u.a das Kathmandutal), die seit ewig intensivst landwirtschaftlich genutzt das Land ernaehren. Dann folgt, wofuer Nepal beruehmt ist, die Bergkette des Himalayas, mit Achttausendern und unzaeligen Sechs- und Siebentausendern, teilweise bereits die Grenze zu Tibet bildend. Stellenweise noch auf nepalesischem Territorium noerdlich anschliessend der Transhimalaya, Plateaus ab 2.500 Meter Hoehe, die im Regenschatten der Himalayakette von den Monsunniederschlaegen weitgehend abgeschirmt eine wuestenartige Hochgebirgslandschaft darstellen. Wir werden alle Regionen zu Gesicht bekommen, reisen aber, nicht zuletzt um einer grausamen Bustortur direkt von Kakarvitta nach Kathmandu zu entgehen, zunaechst in den flachen Teil Nepals -das "Terai"- nach Janakpur.

Der Janakitempel

Der Janakitempel

"Ich bin heilig, und mein Pipi auch!"

"Ich bin heilig, und mein Pipi auch!"

Glaeubige im Janakitempel

Glaeubige im Janakitempel

Blick auf das Allerheiligste: Der Sita-Altar

Blick auf das Allerheiligste: Der Sita-Altar

Janakpur? Selbst Asienkenner werden hier passen muessen, und auch uns war dieser Ort vor dem intensiven Lesen unseres Nepal-Reisefuehrers unbekannt. Dabei haben dort Rama und Sita, Helden des Ramayana-Epos, einander gefunden und geheiratet. ??? Okay, noch weiter ausholen: Das Ramayana ist eine Art Siegfried-Sage der Hindus, ca. 2.400 Jahre alt und von ungeheurer Popularitaet in der gesamten hinduistischen Welt bis Bali (besonders dort!). Der Siegfried des Ramayana heisst Rama (Ueberraschung!), eine Inkarnation des Hindu-Gottes Vishnu, und den Drachen gibt Ravana, der boese Koenig von Lanka. Weitere Beteiligte sind intrigante Buckelige und ein goldener Hirsch (in Bonn gab's mal eine Kneipe, die so hiess, der Wirt eventuell eine Reinkarnation von Ravana ...), Hanuman, der treue Affengott, Lakshmana, Ramas braver Bruder und natuerlich Sita, die Hingebungsvolle und Keusche. Rama heiratet Sita in ihrem Heimatort, der Stadt des Koenigs Janak (Janakpur ...) und Ravana, die Sau, raubt Sita, um ihr unsittliche Avancen zu machen. Rama, Hanuman und Laskshama befreien Sita und viele Verwicklungen spaeter nimmt das Ganze ein Romeo-und-Juliaeskes Ende und Sita wird von der Erde verschluckt. Soweit der Ausflug in mythische Vorzeiten.

Begegnungen in Janakpur;
Saddhus

Begegnungen in Janakpur;
Saddhus

Braut auf den Spuren Sitas

Braut auf den Spuren Sitas

Wegen des Ramayana ist Janakpur bis in die Jetztzeit ein wichtiger Pilgerort der Hinduisten und beheimatet zahlreiche Tempel und kleine Badeseen, in dem sich einst die Goetter wuschen und nun das glaeubige Volk. Wir wohnen im Hotel Welcome, wo wir tatsaechlich aufs waermste willkommen sind als die einzigen nichthinduistischen Touristen in der ganzen Stadt. Entsprechend werden wir ueberall bestaunt. Obwohl in Nepal fuehlt sich Janakpur an wie Indien, das nur wenige Kilometer suedlich beginnt. Quietschbunte Saris, Prozessionen, Saddhus (hinduistische Wanderasketen) allerorten. Sakrales Epizentrum der Stadt ist der Janaki-Tempel, der Ueberlieferung zufolge errichtet an eben der Stelle, wo Koenig Janak einst das Sitakind fand in den Furchen eines gepfluegten Feldes. Der Tempel, indisch-barock, ist von ueberraschender Groesse wenn er ploetzlich und unvermittelt auftaucht aus dem engen Gassengewirr Janakpurs. Zu verschiedenen Tageszeiten besuchen wir ihn und bestaunen andaechtig das inbruenstige Gebaren der Glaeubigen. Mukus sacralis (heilige Kuehe) umwandern stoisch den Tempel und weihen den heissen Marmorboden mit heiligem Pipi, ein kostbares Nass offensichtlich. Wir beobachten (leicht befremdet, zugegeben) eine festlich gekleidete Pilgerin, die entschlossen ihre rechte Hand in den einer Kuh rektal entstroemenden Schwall taucht und sich mit den empfangenen Tropfen Haupt und Habitus benetzt. Irritierendes Rindvieh-Ritual, schon. Aber von wildgewordenen Stieren durch die Gassen von Pamplona gejagt um sein Leben zu rennen ist rational auch nur schwer erklaerbar im aufgeklaerten Europa.

An den heiligen Badeteichen von Janakpur

An den heiligen Badeteichen von Janakpur

Eigentlich nur als erholsamer Zwischenstop auf dem langen Weg nach Kathmandu gedacht gefaellt uns Janakpur so gut, dass wir einen Tag laenger bleiben und die Badeteiche am Stadtrand per Fahrradrikscha erkunden. Zeitlose Szenerie auch hier. Wasserbueffel und Menschen planschen eintraechtig nebeneinander, aus zahlreichen kleinen Tempeln dringen religioese Sprechgesaenge, mal leise zurueckhaltend, mal grotesk uebersteuert, weil durch riesige Lautsprecher uebermaessig verstaerkt. Dann aber muessen wir sie hinter uns bringen, die angeblich nur vierzehn Stunden Busfahrt bis Kathmandu. Zunaechst kommen wir auch auf guter Strasse rasch voran, bis ein lautes Zischen eine Reifenpanne ankuendigt. Dann fahren wir statt des direkten Weges nach Norden einen riesigen Umweg westwaerts. Bessere Strasse, geht schneller, heisst es. Alles Luege. Bald kriechen wir auf unbefestigter Schotterpiste durch ein wahrscheinlich reizvolles Flusstal. Reizvoll, so man etwas saehe. Wir sehen nur Staub, der durch alle Ritzen und Fugen des Busses dringt, und davon gibt es viele. Jeden angeblichen Zeitgewinn reinvestieren wir in lange Staus aufgrund nur einspuriger Verkehrsfuehrung, schwitzen in der bruetenden Mittagshitze (Staub und Schweiss: schoene Panade) und verfluchen den verfehlten Schnelligkeitswahn. Irgendwann gegen Abend, mittlerweile in unser Schicksal ergeben, glauben wir uns dem Ziel bereits nahe, als ploetzlich jeder Fatalismus in uns entweicht. Vor uns steile Serpentinen, kilometerlang, Bus an Bus, LKW an LKW, der Superstau, und nirgendwo gelbe Engel vom ADAC, die kalte Erfrischungen reichen. Fast drei Stunden quaelen wir uns die Haenge hinauf ohne zu wissen warum. Dann die (Er)Loesung. Wieder eine der zahlreichen Militaerkontrollen, diesmal am Pass ins Kathmandutal. Alle Nepalis muessen aussteigen, jede Tasche wird durchsucht, kein Maoist gefunden. Nach dieser letzten Wehe aber erblicken wir das Licht: Kathmandu. Geschafft.

Reifenpanne

Reifenpanne

Der Superstau kurz vor Kathmandu

Der Superstau kurz vor Kathmandu

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Soll man nach der Tsunami-Katastrophe nach Asien reisen? Wir denken ja. Die Rückkehr zur Normalität ist die einzige Perspektive auch angesichts dieser apokalyptischen Tragödie. Wem ist geholfen, wenn Reisende nun Asien jenseits der unmittelbar betroffenen Regionen meiden würden? Wir beginnen nicht in Sri Lanka (...) sondern in Bangkok, um in den Süden von Laos weiterzureisen. Kambodscha und Vietnam könnten nächste Stationen sein, aber weiterhin entscheidet sich die Reiseroute spontan vor Ort.
Details:
Aufbruch: 01.01.2005
Dauer: 6 Monate
Heimkehr: 23.06.2005
Reiseziele: Indonesien
Bangkok
Laos
Kambodscha
Vietnam
Indien
Nepal
Der Autor
 
Armin und Petra Storek berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Armin und Petra sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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