Paris by bike

Reisezeit: März / April 1994  |  von Martin Gädeke

Tour-Impressionen: Mit Gegenwind zum Ziel

Kaum liegen die Vogesen hinter mir, tut sich ein strahlend blauer Himmel über mir auf. Aber, wie um das wieder gut machen zu wollen, herrscht plötzlich ein übler Gegenwind. Auch nicht gerade das angenehmste Reisewetter ...
Dank dieses Windes brauche ich für meine dritte Etappe geschlagene 3 Stunden länger als geplant und irre letztendlich planlos in einer stockdüsteren Gegend rum ohne die geringste Idee, wo zur Hölle ich schlafen soll. Natürlich (wie erfahrungsgemäß immer in solchen Situationen) treffe ich einen Einheimischen, der sich recht wundert, was ein Deutscher mitten in der Nacht in der Pampa macht - wo's ja nun wirklich nichts zu sehen gibt. Wie sich herausstellt ist dieser Mensch Bürgermeister im nächsten Kaff namens Lagarde und so ergibt es sich, dass ich meine Nacht in der Amtsstube des Rathauses verbringe, mit den Untertanen unter mir und einem wachenden Porträt Mitterand's über mir.

Das Schloss von Lunéville - durchaus zu empfehlen für Mittagspausen mit Baguette, Käse und Rotwein.

Das Schloss von Lunéville - durchaus zu empfehlen für Mittagspausen mit Baguette, Käse und Rotwein.

Trauriger Nachtrag (04. Januar 2003):
Das Schloss ist gestern abgebrannt.

Trauriger Nachtrag (04. Januar 2003):
Das Schloss ist gestern abgebrannt.

So schön die Gegend allerdings auch sein mag, so hat sie doch auch ihre Vergangenheit. In diesem Fall sind das vor allem zwei Weltkriege, die hier ihre Spuren hinterlassen haben.
Heute zeugen hiervon nur noch die unzähligen Denkmäler und Kriegsgräberfriedhöfe. So haben viele kleine Orte ihr eigenes Denkmal, dessen Inschrift auch inhaltlich an die Geschehnisse erinnert: nicht nur die Namen der Opfer sind hier verewigt, sondern mitunter auch der Hergang der Schlacht, der Verbrechen. Da ist zum Beispiel die Rede von roten Straßen, übersäht mit Leichen von Menschen und Pferden.
Die (oft anonymen) Grabsteine auf den Friedhöfen zeugen auch von der Herkunft der Toten: Im Ersten Weltkrieg haben offenbar tatsächlich viele französische Juden gegen die Deutschen gekämpft - so wie im zweiten Weltkrieg auf der Seite der Alliierten. Auch unzählige Moslems haben hier auf Seite der Franzosen den Tod gefunden - allerdings würde mich interessieren, ob sie "freiwillig" im Krieg waren oder auf Erlass ihrer Kolonialherren (?)

Relativ unspektakulär schlängelt sich die Straße unter meinen Reifen dahin: immer noch kein Platter, kein Unfall, keine Gefahren.
Die einzige Gefahr weit und breit sind die üblen französichen LKW-Fahrer, denen es ziemlich egal ist, dass es so einen kleinen Radlfahrer wie mich jedesmal in den Straßengraben drückt, wenn Sie mich überholen. Noch übler ist das Ganze natürlich mit Windböen von rechts, die immer dann kommen, wenn der LKW noch 10 Meter hinter mir ist.
Aber zum Glück habe ich meistens nur Gegenwind, der - by the way - bei mir für eine Durchschnittsgeschwindigkeit von knappen 15 km/h sorgt.

Die Franzosen sind wahre Straßenbaumeister. Jede mögliche Abwechslung wird einfach schnurgerade zubetoniert und so sind die interessantesten Dinge mit Sicherheit unter der Straßendecke und nicht daneben.
Hat den Vorteil, dass man in Ruhe über den Wind nachdenken kann ...

Die Franzosen sind wahre Straßenbaumeister. Jede mögliche Abwechslung wird einfach schnurgerade zubetoniert und so sind die interessantesten Dinge mit Sicherheit unter der Straßendecke und nicht daneben.
Hat den Vorteil, dass man in Ruhe über den Wind nachdenken kann ...

In Ligny in der Gegend von Tours trinke ich das beste Bier meines Lebens: "Trompe la mort" - "Täusche den Tod". Tja, frage ich mich nur, wie ich - verdammt nochmal - den Wind täuschen soll?!?

Bei ständigen 15 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit kann man es vielleicht als Abwechslung bezeichnen, wenn es zwischendurch einen Tag lang so stark weht, dass ich mit Mühe über die 10 km/h-Grenze komme. Da stellt man sich dann schon mal die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, ein bisschen zu schieben?

Bei Chalôns-Sur-Marne kann man so langsam schon den Champagner aus der Nachbarregion riechen. Nur sehen halt leider nicht - sorry.

Bei Chalôns-Sur-Marne kann man so langsam schon den Champagner aus der Nachbarregion riechen. Nur sehen halt leider nicht - sorry.

Dank dieser enormen Geschwindigkeit erreiche ich Chalôns-Sur-Marne erst nachts. Ist aber auch egal.

Die abwechslungsreichste und mit Sicherheit schönste Gegend der Reise (zumindest nach meinem Empfinden) ist die Champagne, die ich entlang der Marne durchquere. Über Kilometer ziehen sich hier die Weinberge am Fluss entlang, während unten im Tal die Schlösser der Champagner-Fürsten stehen. So haben sich in Épernay die Jungs von Moet & Chandon ein "kleines" Schlösschen hingebaut und bei der Gelegenheit auch noch die gesamte Stadt mit einem insgesamt rund 28 Kilometer langen Weinkeller-Stollen untergraben.

Dank des immer noch anhaltenden Gegenwindes bin ich mit meiner Zeitplanung nun schon ein ganzes Stück zurück und so entscheide ich mich, ausnahmsweise doch einmal eine etwas stressiger Etappe einzulegen. Die 120 Kilometer von Épernay ins kurz vor Paris gelegene Meaux erscheinen mir machbar - allerdings gilt nachwievor meine Durchschnittsgeschwindigkeit von knappen 15 km/h und so erreiche ich diese äußerst hässliche Stadt erst sehr spät abends, wodurch ich gezwungen bin, in einem Motel im Industriegebiet zu nächtigen. Immerhin mit Glotzkiste und so ziehe ich mir noch einen Indiana Jones und einen James Bond rein, bevor die Vernunft mich überwältigt.

© Martin Gädeke, 2002
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Aus einer Laune heraus ist diese Reise zustande gekommen. Eigentlich überraschend dass ich überhaupt angekommen bin, wo doch die Entscheidung erst 12 Stunden vor Abfahrt gefallen ist."
Details:
Aufbruch: 27.03.1994
Dauer: 13 Tage
Heimkehr: 08.04.1994
Reiseziele: Frankreich
Der Autor
 
Martin Gädeke hat www.umdiewelt.de vor über 21 Jahren gegründet, ist aber nur einer von tausenden Aut­oren - und bei Weitem nicht der Aktivste. Dafür ist er für alles andere auf der Seite zuständig und immer für Dich erreichbar!
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