Fudi on tour - ueberland nach Suedostasien...

Reisezeit: Oktober 2011 - Juni 2012  |  von Daniel Fuderer

Shaolin Kung Fu Schule China

Zeitungsartikel vom April 2012

Hallo allerseits!
Da ich zz eine Woche gesundheitsbedingt im Bett rumliegen muss, habe ich mehr als genug Zeit, um euch mal wieder etwas über die Reise zu berichten. Nachfolgend mein Bericht, den ich vor kurzem an BT und ABB geschickt habe, mit ein paar wenigen der vielen Erlebnissen dort:

Zwei Monate Shaolin Kung Fu im Zuge von neunmonatiger Asienreise

Um 1 Uhr 30 nachts in der Schule angekommen, erwartet mich in meinem Zimmer gefühlt die gleiche Kälte wie draußen - minus 5 Grad. Aus Sibirien und der Mongolei eigentlich ganz andere Temperaturen gewohnt, fühlt es sich hier in Nordchina durch die extrem hohe Luftfeuchte jedoch so kalt an wie noch nie. 
Wie man die Klimaanlage im Winter für vier stunden je Tag als notdürftige Heizung nutzten kann, will mir mein "Shifu" (Lehrmeister) erst am nächsten Tag zeigen. Recht müde durch die 20-stündige Anreise von Beijing zur "yuntaishan international culture and martial arts school", will ich mich so schnell es geht bettfertig machen. Doch im Bad kommt nirgends Wasser (zugefroren?) und plötzlich geht das Licht aus. Und das Bett könnte man glatt als Wasserbett verkaufen, so feucht wie es ist. 
Den Fotos auf der Schul-Homepage zufolge, habe ich mir das alles etwas anders vorgestellt. Was hat mich nur hier her getrieben? 
Die Idee, falls es mich nach China verschlägt die Schule anzusteuern, kam mir schon vor der Reise. Wirklich Kontakt aufgenommen habe ich aber erst vor zwei Tagen. Ein Fehler? Was erwartet mich morgen?
In Erfahrungsberichten über einige Schulen liest man von Training bis zum Umfallen in Bewusstlosigkeit und Prügelstrafe. 
Da es hier in der Winterzeit (es ist der 27. Dezember) recht ruhig  ist, bin ich leider alleine im Zimmer. Niemand der mir erklärt was mich erwartet... 

Allmorgendliche Eisschicht auf der Fensterinnenseite.

Allmorgendliche Eisschicht auf der Fensterinnenseite.

Um 5 Uhr 40 ertönt eine Glocke aus dem Treppenhaus. Die Nacht war eindeutig zu kurz und zu kalt! Trotz Pullover, Jacke, Wollmütze und zwei Decken habe ich kaum ein Auge zu gemacht. 
Während die Schüler draußen trainieren, stehen für mich erst mal eine Reihe organisatorischer Dinge an - die aufmerksame Volksrepublik China muss schließlich immer genau wissen wo welcher Ausländer unterwegs ist und was er so macht. 

Danach gibts endlich Frühstück. Hier lerne ich einige der anderen Schüler kennen: Vom "Ausländertisch" springt Jonas, ein Schwede den ich in der Mongolei kennen gelernt habe, auf und eilt mir entgegen.  Ich habe ihm damals von der Schule hier erzählt und er war total begeistert von der Idee. Aber dass man sich hier wirklich wieder trifft?! Die Welt ist doch ein Dorf! 
Dann ist da noch Bharat aus Indien. Er trainiert hier ein Jahr lang Kung Fu, dann ein Jahr Muay Thai (thailändisches Kickboxen) in Bangkok, um danach in Bollywood als Stuntman zu arbeiten. 
Am meisten beeindruckt mich Remo, ein 64-jähriger Kanadier, der hier Taiji trainiert. Wie ich mit der Zeit sehe, scheint er von Tag zu Tag jünger und fitter zu werden. Der verrückteste von allen ist jedoch Dobi aus der Schweiz, er ist "Ultimate Fighter". Bei dieser Sportart, wo man sich im Ring fast gegenseitig umbringt, ist so gut wie alles erlaubt. Er ist hier um ein paar Elemente aus dem Shaolin Kung Fu in seinen Stil zu integrieren. 
Dann gibt es noch eine handvoll normale Ausländer wie mich und ca 50 Chinesenkinder im Alter zwischen fünf und 15 Jahren. 

Nun geht's aber endlich zu meinem ersten Training:
Statt gestellten Zweikampfszenen wie ich sie aus dem Wing Chun Kung Fu Training aus der Heimat kenne, läuft hier alles rein über sogenannte Formen ab: Fest definierte Abfolgen von Schlägen, Kicks, Abwehr- und Ausweichbewegungen, die mehr der Dehnung und Entwicklung von schneller Kraftentfaltung dienen, als dem Erlernen von Selbstverteidigung. 
(Der Begriff Kung Fu (bzw. chinesisch Gōngfū 功&#22827) bedeutet lediglich "etwas durch harte/geduldige Arbeit Erreichtes" und muss daher nicht zwangsläufig mit Kämpfen zu tun haben). 

Die erste Form, die sogenannte "xiao hong quan" (kleine rote Faust), hat ca 80 einzelne Schritte, bei jedem davon ändert sich die Position aller Körperteile in Sekundenbruchteilen. Nach weniger als einer Minute ist die all umgebende Kälte vergessen. Schwerpunkt liegt nicht auf schnellem Lernen, sondern auf Perfektion bei der Ausführung - bis hin zur Stellung der Fingerspitzen und Blickrichtung der Augen. 
Das Erlernen beansprucht dementsprechend den kompletten ersten Monat. 

Xiao hong quan Form 小红全

Xiao hong quan Form 小红全

Generell sieht der Tagesablauf folgendermaßen aus:
Nach dem Aufstehen beginnt der Tag mit dem ersten Antreten vor dem Gebäude (wie zu Wehrdienstzeiten), dort erfolgt ein kurzes Aufwärmen - einige Schüler nennen es Auftauen nach der nächtlichen Kälte.
Danach geht's 45 min joggen, mit integriertem Koordinationstraining, da es im Ort keine Straßenbeleuchtung gibt und dort allerlei Zeugs rum liegt. Anschließend  Dehnübungen, zum Abschluss des Frühtrainings wird auf Kraft trainiert:  Stop&go-Sprints, Kraftübungen mit Körpereigengewicht, Sprünge.

Danach kann man das anstehende Frühstück gut vertragen. Doch von der aus Restaurants in Deutschland bekannten guten chinesischen Küche, ist hier nichts zu finden:
Maissuppe, Tofuhaut (laut einigen Kritikern gibts die weil die billiger ist als normales Tofu) und Mantous, im Dampf gegarte statt gebackene Brötchen. Es gibt nichts was ich seit Beginn der Reise mehr vermisse als ein Stück deutsches Holzofenbrot... 

Die anschließende Pause von 30 min braucht der Körper. Wenn nicht Zimmerkontrolltag ist und man putzt und die Betten nach chinesischer Militärmanier machen muss, gönnen wir uns etwas Schlaf.

Das große Vormittagstraining beginnt wieder mit Antreten.
Dort wird jeden Tag ein einfacher Satz in Englisch auf eine Tafel geschrieben, z.B. "Am Montag gehe ich Einkaufen". Die Chinesenkinder nuscheln den dann im Chor vor sich hin, was sehr witzig klingt, denn sie verstehen überwiegend kein Wort davon. Danach erfolgt die gleiche Übung für uns Ausländer auf chinesisch, was sich garantiert nicht besser anhört. 
Dann wird Warmgelaufen, anschließend geht die Gruppe die sich viel Akrobatik vorgenommen hat in die Trainingshalle wo es zum Schutz vor Verletzungen  einen Teppich auf dem Boden gibt. Die andere Gruppe trainiert auf dem Betonboden vor der Schule.
Überwiegend werden dann waffenlose Formen trainiert, dazwischen immer wieder kurze Kraft- und Dehnübungen. Jenachdem wie der Shifu drauf ist gibts auch bei der "im freien Gruppe" noch Akrobatik. Da die Typen fast alle zwischen zehn und 15 Jahre lang im weltbekannten Shaolin-Tempel gelebt haben, stehen sie da irgendwie drauf. Ich - mangels guter Dehnung - jedoch weniger. 
Während dem Vormittagstraining Pause gemacht wird nur einmal und kurz. Da  man zu schnell auskühlt und permanent nass geschwitzt ist, ist das Erkältungs- und Verletzungsrisiko zu hoch. 

Um so mehr freut man sich dann um 12 aufs Mittag Essen, bzw. eher die damit verbundene Mittagspause. Denn leider hält sich der kulinarische Genuss wieder in Grenzen: Reis, Tofuhaut und ein bislang von noch keinem identifiziertes Gemüse. Wenn der Koch (der gleichzeitig auch noch Friseur und Hausmeister ist) gute Laune hat, gibts ab und zu eine wirklich sehr leckere Tomaten-Zwiebel-Rührei-Kombination, die regelmäßig Streit unter uns Ausländern auslöst. Manchmal gibt es aber Krautsuppe mit Hühnerknochen und -füssen. Das Objekt der Begierde bei den Chinesen. 
Das Tageshighlight ist die anschließende  einstündige Mittagspause, in der man  keine andere Wahl hat als verschwitzt  und stinkig ins Bett zu fallen und versucht unter der Bettdecke der Kälte zu entfliehen.

Vorführung unserer Schule im Zuge des chinesischen Neujahrs. 
Shifu macht einen Butterflykick und schwingt dabei ne Peitsche durch die Luft.

Vorführung unserer Schule im Zuge des chinesischen Neujahrs.
Shifu macht einen Butterflykick und schwingt dabei ne Peitsche durch die Luft.

Um 1330 trennt sich nach dem Antreten alles in zwei große Gruppen: Schüler deren Schwerpunkt rein auf Kung Fu liegt und die mindestens schon einen Monat hier sind gehen ins Nachmittagstraining. Hier steht viel Akrobatik auf dem Plan und die Waffen-Formen werden geübt. Zur Verfügung stehen der Stock (quasi ein Besenstil), 3-Sektion (der selbe Stock, jedoch dreigeteilt und mit kurzen Kettenstücken verbunden), der Speer und das Dao (Breitschwert). Der Ablauf ist grundlegend wie beim Vormittagstraining. 
Die zweite Gruppe geht zum Chinesischunterricht. Allen Schülern wird dies für den ersten Monat empfohlen, damit der Körper sich "langsam" auf das Training einstellen kann. Trotz zwei Jahren Kung Fu in Deutschland, generell viel Sport, sowie selbst zusammengestelltem Vorbereitungsprogramm für die Wochen vor der Schule, war die Umstellung für mich alles andere als langsam.
Ich war  also dankbar für diese Option und eine tolle Erfahrung war es auch: Im Klassenzimmer kommt man sich wieder vor wie in der Grundschule. Nur die Tische sind etwas geschrumpft. Und dank der Kälte (außer den umgepolten Klimaanlagen in den Schlafzimmern gibt es nirgends Heizung) bleibt man immer wach und konzentriert. Mit Jacke, Mütze und alten Wasserflaschen die wir in der Küche mit heißem Wasser füllen, lässt es sich überleben. Und das Erlernen der chinesischen Sprache trägt enorm dazu bei, die Kultur besser zu verstehen.

Grundlagentraining der "chi mei gun" Form ("Stock auf Augenbrauenhöhe") im Nachmittagstraining

Grundlagentraining der "chi mei gun" Form ("Stock auf Augenbrauenhöhe") im Nachmittagstraining

Ich versteh nur chinesisch!

Ich versteh nur chinesisch!

Vorraum der Küche mit dem heiligen Warmwasserbereiter.

Vorraum der Küche mit dem heiligen Warmwasserbereiter.

Chinesisches Abwassermanagement: Vom Wasserstein auf den Boden, was nicht gefriert läuft durch das Loch in der Wand raus und gefriert spätestens dort wo nachts viele der Chinesenkinder im dunklen auf dem Weg zum Klo vorbei laufen.

Chinesisches Abwassermanagement: Vom Wasserstein auf den Boden, was nicht gefriert läuft durch das Loch in der Wand raus und gefriert spätestens dort wo nachts viele der Chinesenkinder im dunklen auf dem Weg zum Klo vorbei laufen.

Gegen 17 Uhr ist die körperliche Erholung vorbei, der Körper muss wieder komische Nahrung aufnehmen. Das Abendessen ist die kulinarische Krönung eines jeden Tages: Es gibt sogenannte Reissuppe - nichts anderes als das übrig gebliebene Wasser vom Abkochen des Mittagsreis. Aber immerhin: Was Warmes! 

Direkt nach dem Essen wieder antreten und dann freies Training. Wer will macht Krafttraining, ansonsten wiederholt man die neu gelernten Schritte der Form. Generell macht hier jeder etwas ruhiger als tagsüber - bis einen die Kälte wieder motiviert.  Denn das Früh- und Abendtraining findet im Dunkeln statt, was sich schnell in fallenden Temperaturen bemerkbar macht. 

Um 19 Uhr 15 zum Trainingsende das letzte Antreten, bei dem unser Shifu immer ein paar interessante chinesische Weisheiten los wird. 
Sobald der letzte im Gebäude ist, verriegelt unser Security-Multitasking-Koch die Tür mit Kette und Vorhängeschloss, damit keiner auf die Idee kommt abends auszugehen. Denn es herrscht Alkohol-, Rauch- und Drogenverbot. Aber erstens sind wir dazu sowieso zu müde, andererseits was soll man hier schon machen?  Der ca 200 km von Shaolin entfernte Ort heißt übersetzt "Fünf-Familien-Dorf"... 

Auf den Zimmern werden dann Sportverletzungen und Frostbeulen an den Händen behandelt, Wäsche gewaschen, Mäuse von den selbst mitgebrachten Süßigkeiten vertrieben  und die illegal rein geschmuggelten Heizstrahler eingeschaltet. Bis die Sicherungen mal wieder raus fliegen, was dann mit ein bis zwei Tagen ganz ohne Strom bestraft wird. 
Wer ganz hart drauf ist nimmt noch eine kalte Dusche bevor es gegen 21 Uhr dann ins Bett geht.  

Aus einem geplanten Monat Aufenthalt wurden zwei, da so ein hartes und einfaches Leben doch einen großen Vorteil hat: Es gibt außer Kälte und Schmerz (der im Nachhinein betrachtet oft doch nur verdeckte Faulheit war) keinerlei Alltagssorgen. Alles ist weit weg und man hat keine Zeit über die üblichen Zivilisationsprobleme nachzudenken. 
Hätte sich nicht lange ersehnter Besuch aus der Heimat für ein Treffen in Thailand angekündigt, wäre ich wohl immer noch dort. 
Aber jetzt, bei 37 Grad in der Hängematte den Zeitungsartikel schreibend, wird mir  eines klar: Ein Lebenstraum hat sich erfüllt!

© Daniel Fuderer, 2011
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Mittlerweile hab ichs geschafft ein paar Infos online zu stellen, damit ihr wisst dass ich noch lebe ;-) Es ist wirklich eine absolut andere Welt, obwohl ich dank reinem Ueberland-Reisen den "Kulturschock" weniger spueren sollte als andere... Wenn ihr jetzt denkt, dass ihr taeglich einen detaillierten Reisebericht vorfindet, muss ich euch enttaeuschen. Ich werde nur alle paar Wochen einen Tagebucheintrag abtippen. Nach dem Motto: Eher selten was hoeren, dafuer "live dabei sein"!
Details:
Aufbruch: Oktober 2011
Dauer: 8 Monate
Heimkehr: Juni 2012
Reiseziele: Lettland
Mongolei
China
Der Autor
 
Daniel Fuderer berichtet seit 9 Jahren auf umdiewelt.