Naturparks der Hochprovence

Reisezeit: September 2017  |  von Ralf Beelitz

Die Schluchten von Saint-May

Die ersten Sonnenstrahlen schieben sich langsam über die Gipfel der umliegenden Berge und kündigen den neuen Tag an. Ein frühherbstlicher, wolkenloser Tag in der Provence. 2 heiße Kaffee und ein Croissant später brechen wir auf. Zum Einfahren geht es durch scheinbar endlose Obstpantagen über Laragne-Montéglin nach Serres, einem pittoresken Städtchen am Ufer der Bruëch, das am Hang eines markanten Felssporns erbaut wurde. Hier schwenken wir auf die D994 westwärts ab, mitten hinein in den „Parc naturel régional des Baronnies Provençales“. Die Straße führt durch einen recht engen Felsdurchbruch, ehe sich das Tal weitet. Hinter dem Dorf L’Epine wedeln wir über den Col de la Saulce (877), der auf einem weiten Hochsattel zwischen der Montagne de Maraysse und der Montagne de Risou liegt. Wenige flache, wellenartige Kilometer weiter schnurrt die Siwi über den Col de Palluel (801), dem allerdings das Passschild fehlt.

(c) Urs Leuthäusser

(c) Urs Leuthäusser

Nach einer weitläufigen Hügellandschaft tauchen wir bei Rémuzat in das Tal der Eygues ein. Dieser kleine Ort ist berühmt für seine großen Geier-Kolonien. Mehr als 300 (!) Geier leben hier. Das großartige Schauspiel dieser riesigen Vögel, wie sie über den Klippen der Drôme majestätisch ihre Kreise ziehen, vergisst man nicht so leicht! Die anschließende Fahrt durch das Tal der Eygues bietet spektakuläre Ausblicke und die weiten Kurven der 8 km langen Gorges de Saint May entlang der Eygues reizen, meiner Silver Wing wieder einmal etwas „Zunder“ mit der Gashand zu geben. Ab und an kleine Dörfer mit Häusern aus groben Steinen. Dann beidseits steile Felsen, so nahe beieinander, dass die Strecke schon am frühen Nachmittag im Schatten liegt. Die Schlucht wird so eng, dass die Straße nun einspurig in einem 300m langen, in den Felsen gesprengten Tunnel verschwindet. Die Durchfahrt ist per Ampel geregelt und die steht - natürlich - auf Rot.
Ein kleines Schild weist auf den Ort hin, welcher der Schlucht den Namen gab - Saint-May; das hoch oben über der Schlucht auf einem Felsen klebt und nur auf einem schmalen Sträßchen zu erreichen ist. Lediglich eine kleine Steinmauer schützt symbolisch vor dem Abgrund. Da sind gute Motorroller- bzw. Motorradreifen (idealo) eine beruhigende Investition, schliesslich klebe ich nur mit der Fläche von zwei Handtellern am Vorder- und Hinterrad auf dem Asphalt (So ganz nebenbei: ich wechsle vor allen großen Touren grundsätzlich die Reifen, denn französische Straßen “fressen” bekanntlich Gummi!) Oben angekommen sinkt der Blutdruck schnell, denn der Aufstieg hat sich gelohnt. Wir haben einen weiten, atemberaubenden Blick über die Schlucht. Eine friedvolle Atmosphäre herrscht in diesem winzigen 41 Seelen Dorf, wo die Zeit zwischen alten Häusern, einer kleinen Kirche und schmalen Gassen stehen geblieben scheint. Ein Hund döst im Schatten einer uralten Platane. Die Gelegenheit, Baguette, Käse und Salami aus dem Seitenkoffer zu holen und einfach den Ausblick auf die Schluchten von Saint-May zu genießen. Doch nun genug geschwärmt und Kalorien getankt. Es geht weiter.

Col d’Ey

Col d’Ey

Kurve an Kurve windet sich der Asphalt zwischen Flussbett und aufstrebenden Felsenwänden entlang, vorbei an urigen Dörfern und endet in den silbern schimmernden Olivenhainen an den Hängen irgendwo zwischen Villeperdrix und Nyons. Wir wenden uns wieder ostwärts. Durch das weiträumige Vallée de Sainte Jalle nehmen wir die letzten schnellen Kurven des Tages unter die Räder. In Sainte Jalle geht es zum Col d’Ey (718) ab. Der Col d’Ey ist ein typischer Pass der Drôme Provençale, einer Voralpenlandschaft, nördlich des bekannten Mont Ventoux. Unter 1.000 m hoch, wenig Verkehr und umgeben von einer zwar wenig spektakulären, aber eben auch bilderbuchartigen provencalen Landschaft mit Olivenhainen und niedrigem Buschwerk. Der erste Kilometer verläuft flach, dann gewinnen wir über sanft ansteigende Wiesen auf kurviger Strecke langsam an Höhe. Die Passhöhe ist schnell erreicht. Hier oben haben wir, wie fast auf der ganzen Auffahrt, freien Blick über das weite Tal. Der folgende Col de Mévouillon (889 m) zwischen St.-Auban-sur-l’Ouvèze und Sèderon ist unspektakulär. Dafür hat die anschließende Gorges de la Méouge ihren ganz besonderen Spaßfaktor. In genussvollen Kurven schwingen wir uns im milden Licht der untergehenden Sonne durch die kleine, reizvolle Schlucht. Die „Gorges“ aus graubraunem Kalkgestein ist ein Naturschauspiel erster Güte. Unter uns die, zu dieser Jahreszeit zugegebenermaßen etwas wasserarme, Méouge; kleine Tunnel und steile Felsformationen und über allem ein blauer Himmel. Ein entspannter Abschluss einer interessanten Tour durch die Haute-Provence.

© Ralf Beelitz, 2018
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Im Norden der Provence, im Naturpark „Baronnies Provençales“ mit seinen Kalksteinfelsen, drängen sich malerische Dörfer an die Berghänge. Im Süden erstrecken sich die wilden Schluchten, kargen Gipfeln, aber auch üppigen Pinienwäldern des „Parc Naturel Régional du Luberon“. Dazwischen liegt eine Landschaft, wie geschaffen für interessante Motorrollertouren.
Details:
Aufbruch: 18.09.2017
Dauer: 8 Tage
Heimkehr: 25.09.2017
Reiseziele: Frankreich
Der Autor
 
Ralf Beelitz berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
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