Auf der Spur Kolumbiens Schätze

Reisezeit: Februar / März 2020  |  von Julian H.

Medellin und Umland : Guatapé - Schönheit am Wasser

Doch der Ruf des Landes, der Ruf des Seins und der Natur zieht mich weiter. Eigentlich wollte ich das ganze Land durchqueren, ganz nebenbei eine Liste von mehreren Orten abhaken. Doch spüre ich schnell, dass in der näheren Umgebung etwas weit Wichtigeres auf mich wartet. So mache ich mich auf in das im Einzugsbereich Medellíns liegende Guatapé.
Mit mir reist Zid aus Amerika. Er reist mit leichtem Gepäck und trägt dafür umso mehr Spontanität und Hoffnungen mit sich. Träume haben sie alle, die Menschen die sich hier befinden. Sie alle sind inspiriert und getrieben von ihrem inneren Ruf, der trotz allen Lärms für sie hörbar ist und dem sie Beachtung schenken. Kolumbien hat wahrhaft Schätze zu bieten und wartet nur auf die Menschen, die ihren Ruf wahrnehmen und eine persönliche Reise unternehmen. Eine Mischung aus der Herzlichkeit der Menschen, der ursprünglichen Naturpracht, des magischen Landschaftspanoramas, dem reichhaltigen Kultur- und Traditionskultes, fast vergessener archäologischer Stätten werden dem aufmerksamen Betrachter wie ein erlesenes Menü präsentiert.

Das Hostel in Guatapé ist das ehemalige Haus des Bürgermeisters, der dort 35 Jahre gewohnt und gearbeitet hat. Für eine spirituelle Atmosphäre sorgen die über 1.000 Jesusfiguren sowie ein kleiner Schrein im Erdgeschoss, die als Relikte des christlichen Bürgermeisters dienten. Auf der Dachterrasse mache ich es mir oft in der Hängematte unter der Sonne bequem mit fantastischem Panorama auf die umliegende Landschaft.
Guatapé mag auf den ersten Blick verschlafen wirken, doch hat es sich mittlerweile zu einem geschäftigen Örtchen entwickelt, das es gelungen verstanden hat, die regionalen und lokalen Besonderheiten zu vermarkten. Inmitten der Gassen – farbenfrohe Hausfassaden, aufwendig restauriert und gestalte, kleine Geschäfte mit kulinarischen Köstlichkeiten oder handwerklich hergestellten Produkten. Trotz der Idylle ist mir das bei kolumbianischen und ausländischen Touristen beliebte Städtchen ein wenig zu viel Schein. Herausgeputzt wie aus dem Bilderbuch ist es schwierig, hinter die für die Besucher zurechtgelegten Fassaden zu blicken und den ursprünglichen Charme der Stadt und die Authentizität der Bewohner zu erfahren.

Um das Sein dieser Region zu entdecken erkunden Zid und ich die nahe gelegenen Wasserfälle. Zunächst ist dies nur ein vages Unterfangen und wir gehen, einzig unserer Neugierde folgend, die Hügel hinauf. Es stellt sich heraus, dass wir auf dem falschen Weg sind, dennoch hat uns dieser Umstand auf eine wunderhübsche Weide mit einem kleinen Bachlauf geführt. Um uns haben sich die Berghänge emporgestreckt und an einem besonders schönen Flecken steht eine weiße Madonnenfigur, die über dem Geschehen wacht und für eine besondere Atmosphäre sorgt.
Auf dem richtigen Weg queren wir eine Fischfarm, deren Wände mit farbenfrohen Gemälden und biblischen Sprüchen geschmückt sind. Ein fast schon verwunschener Bachlauf führt uns mit jedem Schritt tiefer in das Dickicht der Natur und weiter von der Zivilisation weg. Die allumfassende Blumen-, Blüten- und Tierpracht versetzt uns ins Staunen und wir kommen nicht umhin, immer wieder stehen zu bleiben, um dieses Naturschauspiel zu bewundern. Schmetterlinge in den unterschiedlichsten Farben und Größen, Kolibris und intensiv gefärbte Blütenkelche finden hier den ihnen zustehenden Raum. Die Pflanzen rücken immer näher an den Wegesrand und schon bald, so kommt es mir vor, befinden wir uns mitten im Dschungel. Immer wieder streifen uns die Lianen, begleitet von einer stetig auf uns herabtropfenden Flüssigkeit, und wir müssen uns an den Wurzeln und Stämmen festhalten, um nicht auszurutschen. Diese Atmosphäre kannte ich bislang nur aus dem Tropenhaus. Das ganze Geschehen wird einzig begleitet von der Melodie des Wasserplätscherns, dem Vogelgezwitscher und Zirpen der Heuschrecken. Auf den geschlängelten Wegen durch das Dickicht wird für mich jeder Schritt zu einer kleinen Mutprobe. Ich male mir immer wieder aus, wie es wäre direkt vor meinen Augen eine Vogelspinne oder Schlange zu sehen. Jetzt fange ich an zu begreifen, dass diese Natur hier ein in sich geschlossenes System ist und für die meisten Menschen nur als zeitlich begrenzter Aufenthaltsort gedacht ist. Jeder Versuch diese Gegend mehr den menschlichen Bedürfnissen anzupassen wäre ein Eingriff, der den Charakter verändern und somit den Ursprung beeinflussen würde.

Der aus dem Nichts erscheinende, im Sonnenschein glitzernde Wasserfall, erstrahlt vor unseren Augen und ich bin in der Gegenwart zurück. Gleichzeitig lädt die Stimmung zum Träumen ein.
Am Nachmittag essen wir im vegetarischen Restaurant Amazonas, wo wir uns am Tagesmenü bestehend aus Mango-Guanavana-Smoothie, Suppe und Nudeln mit Tofu, Kardamon und Gemüse stärken können. Die Wände sind mit Kolibris, Dschungelpflanzen und Fotografien der „hijas del agua“ geschmückt. Diese „Töchter des Wassers“ sind eine Fotoreihe über indigene Menschen, die das Wasser als lebenswichtiges Element und als Energie sehen, gesund und erfüllt leben zu können. Auf meine Frage ob die Inhaberin einen Bezug zum Amazonas habe bekomme ich die vollkommen selbstverständliche Antwort: „Nicht direkt, aber ist nicht in jedem von uns ein Stück Amazonas?“. Anfangs bin ich über diesen Ausspruch etwas verwundert, doch im Laufe dieser Reise sickert die eigentliche Bedeutung ihrer Worte immer tiefer in mein Bewusstsein.

Langsam denke ich die Menschen besser zu verstehen und hinter das „Nichts ist wie es scheint“ zu blicken. Vielleicht ist das mehr Hoffnung statt Realität, doch zumindest in Guatapé scheint es möglich, die Grundsätze des menschlichen Handelns und vom christlichen Glauben getragenen Kerns kennenzulernen. Das Tempo ist gemütlich und die Ansässigen geschäftig, sind sie doch ihrer Schätze gewahr. Abends sitzen Zid und ich noch im Gottesdienst und sinnen anschließend über unsere weiteren Reisepläne und künftigen Visionen nach.
Generell ist Kolumbien mit über 70 Prozent der Bevölkerung Katholiken ein sehr christlich geprägtes Land. Häufig sieht man am Straßenrand, in Gebäudenischen oder Vorsprüngen die Jungfrau Maria. Die Kirche von Guatapé besticht durch ihre Holzvertäfelungen, die Figuren und die Atmosphäre generell. Mir gefällt die Präsenz der religiösen Symbole, auch wenn ich mir immer gewahr bin, dass die wahre spirituelle Kraft des Landes in dem reichhaltigen Fundus der indigenen Völker liegt.

© Julian H., 2020
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Südamerika trachtet danach, sein reichhaltiges Repertoire an kulturellen, landschaftlichen und spirituellen Schätzen, dem aufmerksamen Besucher zu eröffnen. So ist die Reise durch Kolumbien auch eine persönliche, die neue Horizonte eröffnen kann.
Details:
Aufbruch: 27.02.2020
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 21.03.2020
Reiseziele: Kolumbien
Der Autor
 
Julian H. berichtet seit 4 Jahren auf umdiewelt.
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