London calling or no Sam today!
Walking in Progress
Sonntagfrüh Victoria Station
14. August 2022
Sonntagfrüh 08:34:33 Uhr befanden wir uns schließlich an der Victoria Station, fuhren weder nach Dartford, Ramsgate, Epsom oder Sevenoaks sondern bis nach Seaford. Dort sitzen wir zu Dritt auf dem Bahnsteig, trinken Kaffee und erzählen uns Geschichten aus dem Gestern und Fantasien aus dem Morgen.
In Southease schließlich verliere ich die Frau aus dem Zug aus den Augen (nicht jedoch aus dem Sinn). Nun sind wir auf uns alleine gestellt. Ein kräftezehrender, beinahe unmenschlicher Marsch steht uns bevor. Auf unseren Rücken befinden sich die Rucksäcke, die Hektoliter an Proviant für die nächsten ein bis zwei Stunden verstaut haben.
Bei brachialen Temperaturen von gefühlt deutlich über 30 Grad Celsius kämpfen wir uns durch zentimeterhohes Dickicht. Ich wünsche mir die Machete aus Kolumbien zurück, um mich im Fall einer nicht vorhersehbaren Tatsache galant aus der Bredouille ziehen zu können.
Ursprünglich überlegten wir Wales zu durchdringen, aber aus nicht näher bekannten Gründen stapfen wir nun in der Walachei durch verdorrtes Gras anstatt uns in Snowdonia dem sanften Grün hingeben zu können. Vermutlich hätte ich dann ein zehntklassiges Buch mit dem Titel "Vintage" mit mir getragen und die Wahrscheinlichkeit, dass wir Dylan Thomas in Laugharne auf dem St Martin's Churchyard, David Lloyd George in Llanystumdwy, Robert Owen in Newtown auf dem St Mary's Churchyard oder Laura Ashley in Powys auf dem Carno Churchyard ausgraben hätten können wäre vermutlich deutlich höher gewesen, da in irgendeiner meiner zig Listen die genannten Städte oder Käffer mit Wales in Klammern aufgeführt wurden.
"It's good to talk - especially now."
15. August 2022
In einer besonderen Gegend - es wird gegen Mittag gewesen sein - habe ich ein größeres Déjà-Vu. Im Prinzip weiß ich, dass ich schon einmal an diesem Ort war. Es ist ein wenig wie an den Cliffs of Moher zwischen Limerick und Galway an der irischen Küste nur anders und bedeutsamer. Im Traum stand ich bereits des Öfteren an einer ewiglich hohen Klippe vor dem Abgrund und dem Ozean, nahm Anlauf, rannte immer schneller und schneller auf den Point of no return zu, spürte meine Flügel aus meinem Rücken wachsen und sich entfalten, begab mich in die Tiefe, fiel und taumelte und öffnete dann wie durch ein Wunder meine gesamte Spannweite, wurde vom Aufwind in die Höhe gezogen, drehte Kreise und der Vollständig halber ein paar Pirouetten und sah unter mir all die noch lebenden und bereits im Jenseits sich befindlichen Menschen mir winkend, da mit großen Augen stehen und nicht begreifen könnend, dass diese Tatsache Realität wäre.
Der Pfad irgendwo nördlich des Ärmelkanals inspiriert mich zu einer weiteren rießigen Fantasie, der Hauptcharakter in einem Buch rennt diese Lehmbahn hinauf, hat sich eine spezielle Flugkonstruktion auf den Rücken gespannt und wird bei alledem auf seiner magischen Reise von Kameras und Technikern begleitet. Drohnen und Hubschrauber in der Luft, Boote und Taucher im Wasser, waghalsige Kletterer an den Steinhängen, Linsen auf diesen einen Menschen gerichtet, denn von ihm wird es abhängen, ob sich die Erde weiterdreht. Zumindest im Kleinen in der Umlaufbahn eines Werdenden.
Wir sitzen am Tisch Nr. 1 im Außenbereich einer gastronomischen Einrichtung, die an der Fassade aufgebracht folgende Buchstaben in Reihe dem Besuchenden offenbart: "It's good to talk - especially now." Selbtverständlich ist ihnen ein epochaler Fehler unterlaufen, denn in Wahrheit müsste es heißen: "It's good to write - especially if you life in the year of 2022."
"Days of the Ring"
Am Wegesrand steht ein Spitfire, ich stelle mir wie ich wieder zuhause bin vor, dass Sam und ich mit diesem Fahrzeug die gesamte Südküste Englands entlangfahren und in all den Hotelanlagen ein- und wieder auschecken. Die Dinge fügen sich und das Unbegreifliche wird wahr. Freilich ist dieses Fahrzeug kein DeLorean mit einem McFly oder Brown.
Immer wieder gehe ich einzelne Passagen mit den Over-Ear-Kopfhörern, spiele eine meiner Lieblingsplaylisten ab, höre ein wenig Windrauschen und zu einem Großteil die künstliche Akkustik. Auf einer besonderen Passage erklingt "Days of the Ring" mit Annie Lennox von Howard Shore. Ich drehe die Lautstärke bis zum Anschlag, mein Smartphonedisplay zeigt eine in Besançon aufgenommene Fotografie eines in den Asphalt eingelassenen Pfeilwegweisers mit Kompassnadeln. Es ist 11:25 Uhr und Lennox singt: "You're only sleeping / What can you see / On the horizon?", der Wind streicht über die Grashalme, meine beiden Kompagnons laufen ein paar Meter vor mir, unterhalten sich, gestikulieren und gehen Schritt für Schritt. Ich lasse mir zeit, verschmelze mit Lennox, mit der Musik und mit der atemberaubenden Landschaft. Eine Träne rinnt über meine rechte Wange hinunter, ich stelle mir vor, ich sei J. R. R. Tolkien, in der Ferne zeichnen sich die Konturen eines Gehöfts in der Pyecombe Street ab, Hobbits kommen uns entgegen und entführen uns in eine andere Welt.
Ein traumhafter Abschnitt am zweiten Tag am Ufer der Adur Richtung Shoreham-by-Sea. Im Hintergrund erstreckt sich bereits das imposante sakrale Bauwerk: Die Lancing College Chapel.
"Die Reise zum Mond"
Von Shoreham-by-Sea bringt uns der Zug bis nach Brighton. Der Bahnhof wurde im Rahmen des Railtrack - Station Regeneration Programms saniert.
Brighton selbst ist ein äußerst merkwürdiges Nest und exakt deswegen liebe ich es. Wir queren eine fünf Minuten Fußzone, bewundern die Abenddämmerung und stellen fest, dass am Ufer eine in Gänze verlorene Säule steht, weder Kommentar noch Hinweis warum sie nicht der Bequemlichkeit halber liegt.
Am Abend erkunden wir die Nachbarschaft, uns verschlägt es in ein Restaurant. Im Rücken meines Freundes ist ein Bild mit einem Mond, der eine Flasche oder Dose (tatsächlich eine Rakete) in einem Auge hat. Es stellt sich heraus, dass es sich dabei um einen Auszug aus dem Film „Die Reise zum Mond“ handelt. Dieser wurde vom französischen Regisseur Georges Méliès realisiert, der auch als erster Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1902 gilt. "Hugo Cabret" aus dem Jahr 2011 greift das Leben des Regisseurs auf.
| Aufbruch: | 12.08.2022 |
| Dauer: | 5 Wochen |
| Heimkehr: | 17.09.2022 |