London calling or no Sam today!
Following the Seagull
Die Rufe der Seven Sisters
16. August 2022
Bei Regen geht es mit dem Bus von Brighton aus bis nach Seaford. 19,7 Kilometer warten darauf, von uns Schritt für Schritt begangen zu werden. Seaford ist ein kleines verschlafenes Nest an der englischen Südküste. Nachdem wir in einem sehr guten Imbiss namens Sub-Station unsere Energien auffüllen geht es los gen Küste. Auf den Boden aufgebrachte weiß-blaue runde Piktogramme mit Möwen führen uns.
Die Seven Sisters rufen uns!
"A Perpetual Timeline"
Ein Gefühl von Freiheit hat uns übermannt. Diese Steilküste strahlt eine besondere Energie aus und die kontinuierliche Bewegung beflügelt uns. Es ist eine ausgesprochen schöne Vorstellung zu wissen, dass alles, was wir benötigen, in der Tasche auf unseren Rücken getragen wird. Das Weiß des Kalks, die Blaunuancen des Himmels und des Wassers und das Braungrün der Gräser ergänzen sich perfekt. Wie hätte ein Gemälde ausgesehen, wenn William Turner an diesem Punkt mit seiner Leinwand und Farbpalette gestanden hätte?
Am Wegesrand laden immer wieder Verstorbenen gewidmete Holzbänke zu einer Rast ein und rufen ins Bewusstsein wie wichtig es doch ist, die Langsamkeit beizeiten als Maßstab des Seins und Handelns anzuerkennen. Am Horizont zeichnet sich langsam ein auf dem Land stehendes Gebäude ab. Es ist der Belle Tout Leuchtturm und mit einem jedem unserer Schritte zeichnen sich die Konturen klarer ab. Wir passieren den Brass Point, den Mittelpunkt der Seven Sisters. Auf dem insgesamt 160 Kilometer langen South Downs Way zwischen Winchester und Eastbourne sind wir aus dem All betrachtet nichts weiter als drei kleine Punkte. Doch wir werden angetrieben von einer nicht sichtbaren Kraft, uns eint die Gewissheit, für einen begrenzten Abschnitt den gemeinsamen Weg zurückzulegen. Der Wind berührt meine Haut und lässt mich erahnen was es bedeutet dieses Gefühl der Wildheit und des Abenteuers in sich zu tragen. Wäre diese Reise eine Playlist, welchen Titel würde ich ihr geben? "No Sam Today", "The Breezes of the Shoreline" oder "A Perpetual Timeline" ... Ich weiß es nicht und ich muss es auch nicht wissen. Jetzt, wo ich den Text im Nachgang mehr als drei Jahre nach dem tatsächlichen Geschehen der Tatsachen verfasse höre ich "Military Road" von Chequerboard. In mir trage ich ein Universum. Mein Herz pulsiert wild und weiß tief in sich gespeichert, welche weiteren Küsten dieser Länder der Kontinente der Erde es in Zukunft noch sehen oder vielmehr fühlen wird.
Irgendwann in 100 oder in 1.000 Jahren werden wir verblasst sein, vermutlich wird nur noch wenig darauf hindeuten, dass wir einst existiert haben. Aber in diesen Momenten an der südenglischen Küste war jede philosophische Überlegung nichts weiter als ein temporärer Windhauch. Wir waren zwischen der Erde und dem Himmel verbunden mit allem was existierte. Und das war es was zählte.
Im Birling Gap Visitor Centre erfahren wir mehr über die Geschichte der Gegend, die Weltkriegsvergangenheit, die Schiffbrüche und den South Downs National Park.
Von Robben und dem ockerfarbenen Gras
Vor Eastbourne setzen wir uns in das ockerfarbene Gras. Von Oben wärmt uns die Sonne, von der Seite kühlt uns der Wind und von Unten rufen die Robben. England kann ausgesprochen schön sein.
| Aufbruch: | 12.08.2022 |
| Dauer: | 5 Wochen |
| Heimkehr: | 17.09.2022 |