Intern in Lusaka, Zambia

Reisezeit: März / April 2009  |  von Tim Schmidt

Lusaka City Markets

Lusaka City Markets

Es sind bereits zwei Tage im komfortablen Büro vergangen und an diesem Nachmittag packt mich die Lust ein wenig abseits der großen Einfallsstraßen in das mir bisher verborgene Innere vorzudringen. Mein Praktikantenkollege bietet sich als Guide an, da er ja aus meinem Blickwinkel ein "Einheimischer" Sambias ist.

Er ist meiner Idee gegenüber aufgeschlossen und schlägt vor, dass wir gemeinsam zu den City Markets fahren, da er dort eine Hose bei einer Schneiderin bestellt hat und diese nun abholen möchte. Nach Dienstschluss geht's los.

Zuerst fahren wir mit einen dieser Kleinbusse ins nächste Einkaufscenter, was für mich erst Sinn macht, nachdem mein Kollege geradewegs in eine rustikale Bar tritt, wo er nach einem Mädchen fragt. Glücklicherweise ist sie nicht auffindbar und so schnappen wir uns ein Taxi. Zu allen Dienstleistungen muss gesagt werden, dass die Einheimischen Weiße grundsätzlich über den Tisch ziehen. Selbst um die Busfahrt zum Büro muss ich jedes mal wieder neu verhandeln. Der Preis für jeweils dieselbe Strecke hängt also direkt von der Tagesform des Schaffners ab.

Endlich einigen wir uns und für umgerechnet 3 Euro pro Person sind wir an Bord. Nach einer viertel Stunde durch das alltägliche Verkehrschaos sehe ich, wie die ersten Stände links und rechts der Straße auftauchen. Hinter den Ständen der Händler stehen zweistöckige Gebäude, die aufgrund der bundbemalten Fassaden an eine Saloonstadt des mittleren Westens erinnern. Der Taxifahrer hält, da wir aufgrund der Menschenmassen nicht mehr weiter hineinkommen. Passanten und Händler haben die bleichen Gesichter im Taxi bereits ausgemacht und umringen den Wagen. Ich sichere meine Wertsachen, auch der Taxifahrer deutet noch mal auf die GefahrIch atme noch mal tief durch, eine gewisse Körperspannung baut sich auf und ich steige aus. Ich sollte in den nächsten 30 Minuten diese Körperspannung nicht mehr verlieren.

Mein Gefährte geht schnellen Schrittes los und bedeutet mir zu folgen: Von überall die Rufe: "My Friend, Here my Fiend" Ich folge so gut ich kann und die nächsten Minuten eilen wir mit Laufschritt durch die Massen. Ich drücke meine Umhängetasche noch fester gegen meine Brust und verspühre das unangenehme Gefühl, dass man empfindet, wenn dutzende Augen nur auf dich gerichtet sind. Um mich herum nehme ich ein unübersichtliches Gewusel von Ständen, Fliegenden Händlern und Passanten war. Einige bieten ihre Waren auf Holzständen feil, andere haben Lebensmittel auf Decken oder direkt auf dem Boden ausgebreitet. Es wird noch dichter und teilweiße klettern wir über die Leinensäcke der Händler, um voran zu kommen.

Nach einiger Zeit erreichen wir eine breitflächige Überdachung, eine luftige, vom Zahn der Zeit bereits angenagte Metallkonstruktion, unter denen sich hunderte von Ständen linear angeordnet haben. Es erinnert an einen orientalischen Basar, doch die rostende Metallhalle lässt einen Vergleich mit Tausend und Einer Nacht nicht wirklich zu. In diese Welt eingetreten, erkenne ich, dass die Waren der Stände bis an die Decke reichen und an Metallgittern befestigt sind. An direkter Verkaufsfläche hat ein jeder Stand nur 1 bis 2 Quadratmeter. Es handelt sich zum großen Teil um chinesische Ware, bunter Plastikkitsch, aber auch alltägliche Gebrauchsgegenstände.

Wir schlängeln uns durch die engen Gassen und machen vor einem Stand halt, der mit bunten Klamotten behängt ist. Hier hat mein Gefährte seine Badehose in Auftrag gegeben. Die Leute hier sind sehr freundlich und ich werde gleich der ganzen Familie vorgestellt. Darunter ist auch ein junger Student, Charles, den mein Kollege bereits vor einigen Jahren kennen gelernt hat und mit dem ich mich sofort anfreunde. Nachdem die Hose abgeholt ist, soll es noch tiefer in die City Markets reingehen. Ich bin erstaunt, hatte ich den Höhepunkt der Aufregung ja eigentlich schon als passiert erachtet.

Auf unserem Weg durch die engen Gassen der Halle, machen wir vor einem Stand voller Leinensäcke halt. Aus einem der Säcke schauen mich gläserne Augen getrockneter Fische an. Charles deutet auf einen Sack und empfiehlt mir diese Spezialität: Darin befinden sich geröstete Maden. Weiter geht es und wir erreichen die andere Seite der großen Markhalle und verlassen diese. Plötzlich wird mir klar, was mein Gefährte mit "tiefer" meinte.

Der Anblick war traurig und erschüttend. Vor meinen Augen machte sich der Abgrund unserer modernen Zivilisation breit. Notdürftig zusammen gezimmerte Holzbalken und verschlissene Plastikplanen dienen den Menschen als Halt. Der Boden ist aschgrau, überseht von einem faulenden Mix aus Plastikmüll, Pfützen und Essensresten. Fischgräten und abgeknabberte Maiskolben verfaulen und verbreiten einen modernden, fast schon beißenden Geruch. Viele der Leute hier sind in Lumpen gekleidet, viele schauen traurig, einige herausfordernd.

Ich möchte all das Elend mit meiner Kamera aufnehmen und die Szenerie wie ein Negativ in mein Gedächtnis einbrennen. Doch gleichzeitig möchte ich nur weg hier. Doch mein Gefährte stürmt voran und so folgen Charles und ich in einigen Abstand. Wieder geht es im Laufschritt voran. Ich habe die Orientierung verloren und merke, wie abhängig ich von meinen zwei Gefährten bin. Es fühlt sich gut an Charles, einen Schwarzen, an meiner Seite zu haben. Ich fühle mich sicherer.

Leute laufen mir hinterher, rufen nach mir. Ich drehe mich nicht um. Hände strecken sich nach mir aus. Wir werden kurz aufgehalten und ein Fremder ergreift meine Hand. Ich gehe weiter. Er folgt mir ohne die Hand loszulassen. Ich versuche Ihn zu ignorieren und er raunt mir zu: "Look at me, I'm not dirty!" Ich schaue ihn an, Mein Blick schweift von seinen nackten Füßen, über seine verschlissene Kleidung, auf sein zerfurchtes Gesicht. Seine Augen sind tief Rot und treten leicht hervor. Ich kann mich losreißen und lasse ihn hinter mir. Charles erklärt, dass viele hier noch nichts an diesem Tag gegessen haben. Der Hunger lässt einen zu vielen Dingen treiben. Einige nehmen auch Drogen.

Wir kommen kurz zur Ruhe und ich schieße einige Fotos. Die Leute werfen mit böse Blicke zu und rufen mit etwas zu. Charles erklärt, dass sich die Menschen für ihr Leid schämen. Sie glauben, dass ich die Fotos zu Haus rumreichen werde, um zu zeigen, wie schlecht es ihnen doch geht. Es geht um ihre Würde.

Ich möchte nur noch raus und bitte die beiden, mich zum nächsten Bus zu bringen. Wir kämpfen uns durch die engen Gassen, die von Autos und Menschen verstopft sind. Immer wieder schieben sich Autos aggressiv durch die Menschenmassen und Passanten springen im letzten Moment aus dem Weg. Plötzlich weicht ein auf uns zu kommender Kleinbus nach links aus und kommt direkt auf Charles und mich zu. Wir müssen zur Seite springen, um nicht mit seinem Frontspoiler zu kollidieren. Das Adrenalin wallt in meinen Adern auf. Charles schimpft laut auf den Fahrer ein; der lächelt. Der Angriff galt uns beiden, es gab keinen ersichtlichen Grund, warum der Fahrer sonst den Wagen auf uns gerichtet hätte. Kurz kommt mir der Geanke auf, meine Hautfarbe könnte eine Rolle gespielt haben, Das möchte ich aber nicht wahrhaben.

Nach einen Ewigkeit erreichen wir einen Bus und ich sinke erschöpft auf dem Sitz zusammen. Ich hatte in der letzten halben Stunde nicht einen anderen Touristen gesehen, ich hatte keinen anderen Weißen gesehen. Was mir deutlich wurde, ist, dass in diesem Land Parallelgesellschaften nebeneinander existieren. Wenige tausend Meter von einander entfernt leben Menschen, die täglich um ihre Existenz kämpfen und existieren Menschen, die einen westlichen Lebensstil perfekt imitieren.

© Tim Schmidt, 2009
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Fuer 7 Wochen bin ich Praktikant ein grossen deutschen Stiftung im suedlichen Afrika. Obwohl Sambia zu den aermsten Laendern der Welt gehoert, kann es im regionalen Vergleich als stabile Demokratie bezeichnet werden. Das Ziel des Engagement meiner Stiftung ist es, die politschen Institutionen auf dem Weg zu mehr Demokratie zu unterstuetzen. Ich moechte die Chance nutzen, um mein eigenes Bild von einer der "least developed countries" zu machen, abseits des "Crisesbroadcasting" von BBC und CNN.
Details:
Aufbruch: 01.03.2009
Dauer: 7 Wochen
Heimkehr: 20.04.2009
Reiseziele: Sambia
Der Autor
 
Tim Schmidt berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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