Frankreich - Im wilden Vercors

Reisezeit: September 2013  |  von Ralf Beelitz

Im wilden Vercors

Der Gebirgsstock des Vercors, im äußersten Westen der französischen Alpen, wirkt wie eine überdimensionale Trutzburg. Eine Landschaft mit tiefen, schroffen Schluchten und wilden Felsabstürzen, weit verzweigten Höhlensystemen und verträumten kleinen Örtchen. Dieses schwer zugängliche Gebirge mit Gipfeln bis zu 2.350m Höhe kann man auch heute noch nur über schmale und kühne Straßen erkunden. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Gegend unter Zuhilfenahme von ausreichend Dynamit erschlossen. In senkrechte Felswände wurden Galerien gesprengt und es entstanden einige der spektakulärsten Gebirgsstraßen wie z.B. die "Gorges de la Bourne" und die "Combe Laval".

Dunkle, triste Wolkenbänke hängen über den Bergen, als wir auf der D106 den Aufstieg in den Vercors angehen. Kurze Waldabschnitte wechseln mit freien Ausblicken auf die unter uns liegenden Pont-en-RoyansAlpenstadt Grenoble, das Tal der Isère und die mächtigen Kalkfelsen der Chartreuse. Über uns erhebt sich der 1.900 m hohe Kalksteinklotz Le Moucherotte. Noch hoffen wir auf Wetterbesserung - doch das sollte ein frommer Wunsch bleiben.
Nach einigen unspektakulären Serpentinen erreichen wir Les Guillets und die erste Gedenkstätte der Résistance. Wir durchqueren den Ortskern von St-Nizier-du Moucherotte. Beim Verlassen des Ortes öffnet sich uns der Blick über die Gorges d'Engins hinweg auf die gegenüberliegende Bergkette. Wir haben den höchsten Punkt (1.052m) erreicht. Als Ersatz für das fehlende Passschild muss die Ortstafel herhalten. In Villard-de-Lans wird erst einmal aufgetankt - man weiß in dieser Gegend ja nie, wann die nächste Tanke kommt.

Gute, wenig befahrene Straßen führen uns durch den "Parc Naturel Régional du Vercors", das größte Naturschutzgebiet Frankreichs. Wir haben mittlerweile unsere Gummipellen übergezogen. Der Himmel weint und die Temperatur fällt. Die Straße liegt im Dunst, als wir uns dem eigentlichen Ziel des heutigen Tages, der "Combe Laval" nähern. Der zwischen dem Col de la Machine (1.011 m) und dem Col Gaudissart (840 m) liegende Streckenabschnitt gehört zu den wildesten Bergstraßen der Welt. Die Straße windet sich 600m über dem Talboden durch Bergüberhänge und Felsentore. Der Regen wird stärker und stärker; Nebel kommt auf. Eine Befahrung der Combe Laval - 2 m breit mit 40cm hohen "Schutzmauern" - ist bei diesen Bedingungen nicht zu denken. Schweren Herzens drehen wir ab und erreichen das Schmuckkästchen des Vercors, Pont-en-Royans, malerisch am Anfang der Gorges de la Bourne gelegen. Diese kleine Ortschaft mit ihren engen Gassen hat einen unwiderstehlichen Charme, der durch die wagemutige Architektur der hohen, schiefen Häuser welche direkt über dem Fluss Bourne und der Schlucht an die Felsen geklebt sind, noch betont wird. Natürlich hat jetzt - zu spät - der Regen aufgehört.
An der Pont Picard finden wir ein nettes Bistro für die letzte Kaffeepause des Tages, dann startet die Fahrt durch die Gorges de la Bourne, eine der landschaftlichen Highlights des Vercors. Die ersten Kilometer bis Choranche ist die Schlucht noch breit, und die D531 steigt kaum an. Dann verengt sich die Schlucht und es geht aufwärts. Wir sind beidseitig umgeben von hoch aufragenden Felswänden. Der Talboden liegt mittlerweile recht tief unter uns. Immer wieder geht es unter Felsgalerien hindurch und enge Felsentore sind zu durchfahren. Bei La Balme en Rencurel legt die Schlucht eine Verschnaufpause ein und wir tauchen aus der Unterwelt wieder auf. Wenig später ist die Straße gesperrt - Baustelle. Ein kurze Wartezeit, dann lässt uns ein Bauarbeiter durchfahren. Die Felswände sind jetzt nicht mehr ganz so hoch, dafür wird es jetzt deutlich enger. Die nächsten Kilometer folgen wir willig den Anweisungen unseres Navis und stehen 20 Minuten später wieder vor derselben Baustelle. Diesmal wird uns jedoch die Weiterfahrt verwehrt. Feierabend; Merde! Über Umwege und nach zahlreichen ungeplanten Kilometern kommen wir schließlich doch noch nach Vaujany zurück. Im gemütlichen Gewölbekeller des Chalets Solneige lassen wir den Abend dann bei netten Gesprächen, Quiche Champignon, Creme brulee und einem Gläschen französischem Rotwein ausklingen; schließlich sind wir in Frankreich. Übrigens: es regnet wieder!!

© Ralf Beelitz, 2014
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Der Gebirgsstock des Vercors, im äußersten Westen der französischen Alpen, wirkt wie eine überdimensionale Trutzburg. Eine Landschaft mit tiefen, schroffen Schluchten und wilden Felsabstürzen, weit verzweigten Höhlensystemen und verträumten kleinen Örtchen. Dieses schwer zugängliche Gebirge mit Gipfeln bis zu 2.350m Höhe kann man auch heute noch nur über schmale und kühne Straßen erkunden.
Details:
Aufbruch: 16.09.2013
Dauer: 7 Tage
Heimkehr: 22.09.2013
Reiseziele: Frankreich
Der Autor
 
Ralf Beelitz berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt.
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