Rheinradweg Andermatt bis nach Uttwil am Bodensee

Reisezeit: September 2025  |  von Julian H.

Ein Vater-Sohn-Abenteuer vom Beginn des Rheins durch die Schweiz, Liechtenstein und Österreich bis zum Bodensee

Anreise Zug Andermatt, Oberalppass und Abfahrt

Zugfahrt bis in die Schweiz

Bereits um 05:00 Uhr schieben wir die bepackten Fahrräder aus der Garage. Die Nacht ist noch dunkel, dafür klar, über uns zeigen sich der Mond und die Sterne. Zunächst geht es mit der S-Bahn bis zum Hauptbahnhof nach Stuttgart. Aufgrund der Baustelle um das Projekt Stuttgart 21 ist der Zugang zu den Gleisen der ein- und ausfahrenden Fernverkehrszüge und Regionalbahnen für die Reisenden eingeschränkt. Mit dem schwereren E-Bike meines Vaters inklusive der Satteltaschen sind wir darum bestrebt, einen barrierefreien Zugang zu finden. Schließlich gelingt es uns doch und wir steigen komfortabel in einen IC ohne Höhendifferenz im Eingangsbereich zu. Neben uns befindet sich noch ein anderer Radreisender im Zug, der ausgiebig und mit leuchtenden Augen von seinen Reisen erzählt und mir Empfehlungen zu weiteren Touren gibt. Langsam wird es draußen hell, die Landschaft rauscht vorbei und wir genehmigen uns ein ausgiebiges Frühstück mit dem mitgenommenen Proviant. Nach rund drei Stunden sind wir dann angelangt in der Schweiz, der Rheinfall rauscht außerhalb des Zugfensters, der Himmel ist strahlend blau.

Im IC nach Zürich vorbei am Rheinfall

Im IC nach Zürich vorbei am Rheinfall

In der Matterhorn Gotthard Bahn nach Andermatt

In der Matterhorn Gotthard Bahn nach Andermatt

Schließlich am Bahnhof in Zürich frage ich einen älteren Angestellten der SBB zu der Gültigkeit unserer Fahrradtickets in der Schweiz. Er ist ausgesprochen freundlich und nimmt sich die erforderliche Zeit, um die Beförderungsbedingungen des Sparpreis Ticket International der DB in aller Ausführlichkeit laut vorzulesen. Von Fahrrädern oder vielmehr Velos ist dort jedoch nichts Zufriedenstellendes aufzufinden. Kurzerhand nimmt er uns zu seinem deutlich erfahrenen Kollegen, der uns das Okay zur Mitnahme unserer Räder ohne zusätzliches separates Velo-Ticket in der Schweiz gibt. In der Südostbahn mit dem Ziel Locarno tauchen wir ein in das Panorama des Landes. Der Zürichsee funkelt im Sonnenlicht, die Berge werden höher. Auch der Vierwaldstättersee verzaubert uns. An diesem Tag scheinen die anderen Zugfahrenden sehr gesprächig. Immer wieder werden wir in Gespräche verwickelt, man unterhält sich über das geplante Abenteuer, über die Vorzüge und Nachteile der jeweiligen Heimatländer oder über Eigenarten im Dialekt. In Göschenen angekommen heißt es dann in vier Minuten Umsteigezeit in den letzten Zug zu wechseln. Wir befinden uns bereits in den Bergen, es ist merklich kühler. Beim Einstieg in die Matterhorn Gotthard Bahn hilft uns glücklicherweise ein anderer Radfahrender die recht schmale Türe mit den Trittstufen und den Rädern zu überwinden. Nun folgt der spektakulärste Teil der gesamten Zugfahrt: Immer wieder geht es durch Tunnel, die Schienen mussten über viele Jahre mühsam in den Fels entlang der markanten Schöllenenschlucht geschlagen werden. Ein besonderer Punkt ist die Teufelsbrücke, die für den motorisierten Verkehr diverse Male erneuert und ausgebaut wurde.

Am Bahnhof in Andermatt vor der Matterhorn Gotthard Bahn

Am Bahnhof in Andermatt vor der Matterhorn Gotthard Bahn

In Andermatt auf einer Höhe von 1.450 Metern strahlt die Sonne an diesem letzten Sonntag im September. Schnell geht es im ersten Kreisverkehr auf die Oberalpstrasse und von dort auf den Serpentinen hinaus aus der Stadt und den Berg hinauf. Weit erstreckt sich das Tal mit der Gotthardstrasse und der nationalen Route Nr. 3: Nord-Süd-Route auf der gegenüberliegenden Seite. Inmitten der Kulisse der um die 3.000 Meter hohen Berggipfel Piz Badus, Pizzo Centrale oder Piz Giuv gelangen wir dann endlich nach einer Passage entlang des Oberalpsees zum höchsten Punkt der Strecke auf dem gleichnamigen Pass auf 2.046 Metern. Ein Glacier-Express spiegelt sich im Wasser des Sees und bringt den Fahrgästen in den Panoramawägen das Paradies ein kleines Stückchen näher. Neben dem Infocenter Rheinquelle thront der höchstgelegene rot-weiße Leuchtturm der Welt. Zudem ein Miniaturmodell eines Frachtschiffs namens MS Alpu als Zeichen der Verbundenheit zu den Niederlanden.

Auf den ersten Metern auf unseren Velos mit perfekter Wegweisung

Auf den ersten Metern auf unseren Velos mit perfekter Wegweisung

Der Oberalpsee mit einem Glacier-Express

Der Oberalpsee mit einem Glacier-Express

Angelangt am Oberalppass vor dem Infocenter Rheinquelle

Angelangt am Oberalppass vor dem Infocenter Rheinquelle

An diesem Tag befinden sich nur ein paar Rad- und Motorradfahrer an diesem wichtigen Punkt. Bis hierhin und auch im weiteren Verlauf ist die Strecke durchgängig gut bis sehr gut mit dem Logo der nationalen Route Nr. 2 und einem kleinen EuroVelo 15 Piktogramm beschildert. Gerne würde ich noch einen Abstecher zur Quelle des Rheins am Tomasee machen. Doch statt dieser Wanderung, die noch einmal 300 Höhenmeter weiter ansteigen würde, entscheiden sich mein Vater und ich dafür, der Straße hinunter ins Tal zu folgen. Saftige Bergwiesen säumen die Wege und ziehen mit bis zu 60 km/h an uns vorbei. Schon bald begleitet uns der noch schmale Rhein, der zu unserem wichtigsten Begleiter auf dieser Tour werden wird. In dem Dörfchen Camischolas bewegen wir uns zwischen den charakteristischen für die Region typischen bäuerlich angehauchten Gebäuden mit Holzfassaden. Wir verlassen in Disentis/Mustér die Straße und legen auf ruhigen weitestgehend asphaltierten Wegen Strecke nach Carvardiras, Surrein und Trun zurück. In einem besonders imposanten Holzhaus, der „Pign Padua“ aus dem Jahr 1939, befindet sich nicht nur eine Unterkunft und Gastronomie, sondern auch die auf der Fassade in rätoromanischer Sprache angebrachte Inschrift: „Jn‘ ura stai / en quest albiert. / Quei dat per uras / dultsch confiert.“ Sie offenbart den Sprachschatz des Kantons Graubünden, in welchem je nach Dorf nochmals unterschiedliche Sprachen der Familie des Romanischen gesprochen werden. In dem Abschnitt, in dem wir uns bewegen, ist Surselvisch sehr verbreitet.

Der Rhein nur wenige Kilometer nach der Quelle

Der Rhein nur wenige Kilometer nach der Quelle

Es bereitet Freude durch die dünn besiedelte und im Tal schwerpunktmäßig von Landwirtschaft dominierte Landschaft zu rollen. Nach knapp 50 Kilometern beenden wir an diesem ereignisreichen Tag in Danis / Tavanasa im künstlerisch gestalteten Hostel with heART die Etappe. Mit dem Ziel mich im Wasser des nur wenige Meter entfernten Rheins zu erfrischen, gehe ich zu den Steinen an dem kleinen Fluss. Die Sonne strahlt noch in voller Kraft, die fließenden Wassertropfen funkeln in ihrem Licht und ich erinnere mich an den Moment, da ich von der Quelle aus im 1.233 Kilometer entfernten Hoek van Holland in den Niederlanden an der Mündung dieses beeindruckenden Gewässers in die Nordsee stand. Neben Lord Byron wurden auch William Turner oder Clarkson Stanfield in den magischen Bann des durch sechs Länder fließenden Gewässers gezogen.

Im gemütlichen Wohnzimmer der Unterkunft lassen wir uns von der ursprünglich aus Österreich stammenden Gastgeberin verköstigen. Ich bin fasziniert von den Buchrücken im Regal. Die Titel „Bilder aus dem Himalaya“, „Traumstrände“, „Edelsteine“, „Malediven Tauchführer“, „Brasilien“, „Perú“, „Mexiko“, „Trans Sibirien“ oder „British Columbia“ springen mich an und entführen mich in andere Welten. Mit einer Fotografie der Anden in Bolivien auf einer Postkarte verabschiede ich mich an diesem Abend inmitten der sternenklaren Nacht unter dem Band der Milchstraße ins Land der Träume.

© Julian H., 2026
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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 19.09.2025
Dauer: 4 Tage
Heimkehr: 22.09.2025
Reiseziele: Schweiz
Österreich
Deutschland
Der Autor
 
Julian H. berichtet seit 8 Jahren auf umdiewelt.
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